53. Überraschungssieger

Alle zwei Jahre werden in Meran die neuen Standards für zeitgenössische Lyrik festgelegt.

meint Anton Thuswaldner in der heutigen NZZ und schreibt:

Andre Rudolph? Es gehört zu den Überraschungen in Meran, dass Autoren entdeckt werden, die den Sprung in die grössere Öffentlichkeit bisher nicht geschafft haben – bisher lag von Rudolph, kaum bemerkt, der Band «Fluglärm über den Palästen unserer Restinnerlichkeit» (Luxbooks, 2009) vor. Geboren 1975 in Warschau, aufgewachsen in Leipzig, hat er jetzt jede Chance, als ein Lyriker für die Zukunft gehandelt zu werden. Er erfüllte am genauesten jene Kriterien, die im Verlauf der Diskussionen als unmittelbare Forderungen an die Autoren laut wurden. «Bilder von Konkretheit und Anschaulichkeit» wurde Christoph Buchwald nicht müde zu fordern. «Nirgends ein Etikett, kein Kommentar, wie etwas zu lesen ist», durfte er bei Rudolph erleichtert feststellen. Tödlich erwies sich für Lyriker, wenn sie einen doppelten und dreifachen Boden vermissen liessen.

Nichts da bei Rudolph: Für «Gedichte, die auf vielen Ebenen funktionieren», machte sich nämlich Ilma Rakusa stark, der überdies die Musikalität von Rudolphs Lyrik gefiel. «Ganz hohes Sprachbewusstsein» attestierte Ulla Hahn, die Wortklauberin, dem Autor. Der Innsbrucker Germanist Wolfgang Wiesmüller wurde immer hellhörig, wenn er unsere Gegenwart kritisch durchleuchtet sah: «Skeptizismus und Kulturpessimismus sind herauszuhören.» Hans Jürgen Balmes, zuständig für eigenwillige Deutungen, die ebenso auf den Vorsokratikern wie den Texten der Rockband Nirvana basierten, bewunderte die schnellen Schnitte, die ihn an filmische Verfahren erinnerten.

Angesichts solcher Wucht von Zustimmung ist auch von den Verlierern zu berichten. Sünje Lewejohann wurde zwar mit dem Alfred-Gruber-Preis (3500 Euro) ausgezeichnet, aber ihre besondere Leistung droht vergessen zu werden. Dabei riskierte sie viel. Es kommt nicht oft vor, dass sich Juroren «gerührt und berührt» (Buchwald) fühlen, es nicht schaffen, Gedichte auf rein theoretischer Ebene zu diskutieren. Lewejohann brachte Gefühle ins Gedicht, sprach von Sehnsucht, Liebe und Geborgenheit und führte den Zweifel als beständiges Korrektiv stets mit in ihrem Gepäck.

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