62. Leipziger Temperamente

Eine Position des Außerhalb, des kunstvollen, aber randständigen Schrei­bens nehmen oft auch die Autoren der nach wie vor besten deutschsprachigen Lyrik-Zeitschrift „Zwischen den Zeilen“ ein. In der aktuellen Nummer 31 von „Zwischen den Zeilen“ präsentieren sich einige Autorinnen und Autoren, die ihre literarische Sozialisation am Literaturinstitut in Leipzig durchlaufen haben. Aber welch unterschiedliche Temperamente sind da anzuzeigen! Der aus Völklingen stammende Konstantin Ames favorisiert ein sprachexperimentelles Schreiben, das auf die „Ironiefähigkeit“ und semantische Biegsamkeit des lyrischen Sprechens vertraut. Die in Mecklenburg aufgewachsene Kerstin Preiwuß entwickelt eine aus alptraum­haften Visionen und Schreckensmythen sich speisende „Rede“, in die sich existenzielle Elementarerfahrungen eingeschrieben haben. Der literatur­historisch versierte Bertram Reinecke schließlich schreibt lyrische Texte nach Quelltexten unterschiedlichster Art, als könne Dichtung nur noch entstehen durch die Anverwandlung und Überschreibung älterer Sprach­schichten. So wird von Reinecke eine Übersetzung des walisischen Dichters Dylan Thomas in vier verschiedenen, höchst kunstvollen Versionen durchgespielt oder ein altes Andreas Gryphius-Sonett auf das aktuelle Thema Finanzspekulation hin transformiert. …

Eine weitere eigensinnige Stimme aus Leipzig wird im neuen Heft, der Nummer 57 der Dresdner Zeitschrift „Ostragehege“ vorgestellt: die Dich­terin Mara Genschel, die in ihren Texten die musikalische Verwandtschaft der Poesie mit dem Gesang zu zelebrieren versteht. In einem Porträt Mara Genschels bescheinigt ihr Anja Utler eine „(volksliedverwandte) Direktheit“ und „Klangverläufe körperlichen Hierseins“ – wobei in den abgedruckten Texten Mara Genschels nicht recht deutlich wird, ob sich ihr Sprechen wirklich einer musikalischen Inspiration oder eher einer sprachgestischen Willkür verdankt.

/ Michael Braun    13.04. Saarländischer Rundfunk | Zeitschriftenlese April 2010, Poetenladen

Zwischen den Zeilen: H. 31, 2010
Urs Engeler, Postfach, CH-4718 Holderbank SO. 190 S., 10

Ostragehege: H. 57, 2010
c/o Axel Helbig, Birkenstr. 16, 01328 Dresden. 78 S., 4,90 €

poet: No 8, 2010
Poetenladen, Blumenstr. 25, 04155 Leipzig. 256 S., 8.80 €

Krachkultur: H. 13, 2010
Bunte Raben Verlag, Martin Brinkmann, Hollerallee 6, 28209 Bremen, 180 S., 10 €

Sinn und Form: H. 2/2010
Redaktion: Postfach 210250, 10502 Berlin. 140 S., 9 €

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