46. Konya, das ist Mewlana

(Woche der türkischen Poesie)

Nicht nur anatolische Mütterchen schwärmen für Mewlana Dschelal-ad-din Rumi, den wir Westler kurz Rumi nennen, weil es sich leichter merkt, und spricht.

Jeder Rock ein Derwischrock,
jede Zeile eine Sure,
jedes Wort von Bedeutung,
Konya, das ist Mewlana.

Asien, von Türken
wurde es erobert,
und Konya von Mawlawis,
Konya, das ist Mewlana.

So heißt es in einem Gedicht von Arif Nihat Asya (1904-1975). (Mawlawis sind Angehörige des von Rumi geleiteten Derwischordens.) Und sogar der kommunistische Dichter Nazim Hikmet ist affiziert: „Mewlana, hier bin auch ich dein Schüler“.

Goethe bemüht sich um Verständnis und geht doch auf Distanz. Hafis war ihm gemäßer – Rumi schien ihm maßlos, gar abstrus: „Nach obiger Darstellung wird man diesem großen Geiste nicht verargen, wenn er sich ins Abstruse gewendet. Seine Werke sehen etwas bunt aus: Geschichtchen, Märchen, Parabeln, Legenden, Anekdoten, Beispiele, Probleme behandelt er, um eine geheimnisvolle Lehre eingängig zu machen, von der er selbst keine deutliche Rechenschaft zu geben weiß. Unterricht und Erhebung ist sein Zweck, im ganzen aber sucht er durch die Einheitslehre alle Sehnsucht wo nicht zu erfüllen, doch aufzulösen und anzudeuten, dass im göttlichen Wesen zuletzt alles untertauche und sich verkläre.“

Maßlos? Abstrus? Ich zitiere aus den reimlosen, aber eleganten Nachdichtungen des deutschen Dichters persischer Herkunft Cyrus Atabay:

Aus: 100 Vierzeiler

20

Mich hat ein seltsamer Taumel erfaßt,
mein Herz flattert ruhelos in der Luft;
jedes Atom von mir hat sich aufgelöst,
mit der Geliebten kreisend allerorten.

34

Eine Zeitlang verbrachte ich andere kopierend,
in mir selbst fand ich nicht die angemessene Regel;
da hörte ich mich beim Namen gerufen:
Als ich mich verließ und hinaustrat, erkannte ich mich.

92

Du warst ein Frömmler, ich lehrte dich singen,
verstummt warst du, jetzt ist dir willfährig das Zauberwort;
du warst ohne Namen und Zeichen in der Welt,
ich entdeckte dich, jetzt erklärst du die Zeichen.

93

Am Rande des Wahnsinns lebte ich bis jetzt,
nach Ursachen und Gründen suchend; ein Leben lang
klopfte ich an eine Tür, sie öffnend, erkannte ich:
Von innen hatte ich gepocht.

99

Gestern nacht sah ich dich in der Zusammenkunft
und wollte dich in meine Arme schließen;
unter dem Vorwand, dir eine Auslegung mitzuteilen,
neigte ich mich zu dir, mit den Lippen deine Wangen berührend.

Aus: Hafis, Rumi, Omar Chajjam. Die schönsten Gedichte aus dem klassischen Persien. Übertragen von Cyrus Atabay. Hrsg. u. m.e. Nachwort versehen von Kurt Scharf. München: Beck 1998 (Neue Orientalische Bibliothek)

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