144. „Es ist schwierig“

Der Rezensent hatte das Glück, dass ihm eine arabische Bekannte zu verstehen half, was es mit dem Buch des palästinensischen Lyrikers Mahmoud Darwish, der voriges Jahr starb, auf sich hat. Sie zeigte sich unzufrieden bereits mit dem deutschen Titel „Der Würfelspieler“. Das ruft bei uns Landsknechtsassoziationen hervor: „Drum frisch auf, Kameraden, die Becher zur Hand, zwei Sechsen auf den Tisch!“ Dem Original fehlt das „frisch auf“ durchaus, hier steht das persische Wort „Nard“, welches das Backgammonspiel bezeichnet. Zwar werden auch hier Würfel benutzt; aber nicht der plötzliche Wurf entscheidet, sondern es baut sich langsam während des müßigen Nachmittags im Kaffeehaus ein Spiel auf. Ton und Tempo sind ganz anders. Sie tragen die Grundstimmung eines versöhnlichen Fatalismus, der aus der Einsicht, dass alles im Leben auch ganz anders hätte kommen können, melancholischen Trost gewinnt. Ein Gedicht beginnt „Zufällig wurde ich als Mann geboren“, ein anderes „Zufällig blieb ich am Leben beim Unfall im Bus‘, ein drittes „Zufällig nur bin ich gerettet / Als militärisches Ziel war ich zu klein“, und schon mündet die private Lebensgeschichte in den historischen Schmerz: 1948, als Darwish noch ein Kind war, wurde die Familie aus dem neuen Staat Israel vertrieben, das Dorf mit Bulldozern zerstört und auf den Trümmern ein Kibbuz gegründet. Der Titel aber schwört dem Zorn ab. Hätte der Übersetzer Adel Karasholi den Band also „Backgammon“ nennen sollen? Das hätte keiner begriffen. Es ist schwierig. …

Das größte Missverständnis aber droht aus der unterschiedlichen Stellung, die in der arabischen und der deutschen Gesellschaft die Lyrik überhaupt innehat. Bei uns nimmt sie einen zuweilen geschätzten, doch immer marginalen Platz ein. In der arabischen Tradition dagegen war sie stets die zentrale Gattung der Literatur; und sie kann, auch wo sie für unsere Ohren gar nicht so klingt, unmittelbare politische Resonanzen haben. Nach der Katastrophe von 1967 führte Darwish seine Landsleute aus der stummen Demütigung und gab ihnen eine Stimme. Mit nach so vielen Jahren immer noch erkennbarer Bewegtheit zitiert der Übersetzer in seinem Vorwort ein Schlüsselgedicht jener Zeit: „Schreib“s auf, ich bin Araber! / Nur diesen Vornamen besitze ich / Und keinen Nachnamen sonst (…).“ Seither galt Darwish als „Gewissen des palästinensischen Volkes“, als „leuchtendes Symbol des palästinensischen Widerstandes“, allerdings auch (diese Information verdanke ich wiederum meiner Gewährsfrau) als „Schnürsenkel Arafats“.

Dieser Titel scheint inzwischen einigermaßen unfair. Darwish, der mit vierzehn Jahren zum ersten Mal in ein israelisches Gefängnis kam und die letzten vier Jahrzehnte seines Lebens sich ruhelos in der ganzen Welt herumtrieb, hat sich seit den Neunzigern von der PLO distanziert und für den Frieden zwischen Palästinensern und Israelis ausgesprochen. Wie viel Überwindung ihn diese Sinnesänderung gekostet haben mag, lassen die Gedichte eher ahnen, als dass sie es laut sagen. „Ich ging gen Norden gen Osten und Westen / Nur der Süden blieb mir verschlossen / Denn der Süden ist mein Land.“ / BURKHARD MÜLLER, SZ 14.12.

MAHMOUD DARWISH: Der Würfelspieler. Gedicht. Aus dem Arabischen übersetzt und mit einem Vorwort von Adel Karasholi. A1 Verlag, München 2009. 55 + 37 Seiten, 23 Euro.

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