60. Semiotik in Erlangen

Seit der Romantik hadert die Literatur mit einem besonders anspruchsvollen Wahrnehmungsmodell: einer Ästhetik, die auf Andacht, Ergriffenheit, hohe Töne, große Gefühle zielt und dem Betrachter so lange Geduld abverlangt, bis er sich erweckt fühlt. Wilhelm Heinrich Wackenroders „Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders“ (1796) mit ihren frommen Geschichten über Kunst, Malerei und Literatur verkörperten diese Ästhetik eindrücklich, und prompt zog Goethe gegen das „klosterbrudisierende Unwesen“ ins Feld. Heinz Schlaffer brachte das Problem einmal auf den Punkt. Seit den Desillusionierungen der Moderne gelte die Andachtsästhetik als Kitsch. Er setzt stattdessen auf Flüchtigkeit, auf eine Schönheit, die sich nur zufällig einstellt und schnell wieder vergeht.

Dabei könnte man es belassen, wäre nicht gerade ein Gedichtband erschienen, dem die Kritik an der Andachtsästhetik zugleich sympathisch und unbefriedigend erscheint. Heinrich Detering, Dichter, Kritiker und Literaturwissenschaftler, weiß um die sentimentalen Schlagseiten der Andachtsästhetik. Wiederverzauberung der Welt durch poetische Askese lautet deshalb Deterings poetologisches Programm. Es ist ein Programm für eine Welt, der mit dem Religiösen auch ihre Ausdrucksformen, das Pathos, der hohe Ton, abhandengekommen sind. Sie kann sich ihren Mysterien nur auf umgekehrtem Weg, durch Ironie und nüchternes Silbenzählen nähern.

Mit kurzen Texten und heiterem Trotz reibt sich der Dichter Detering an einer prosaischen Welt ohne Gott und Teufel, einer Welt, die sich mit dem materiellen Hier und Jetzt zufriedengibt. Die Texte sind lose thematisch miteinander verbunden und in vier Gruppen gegliedert: Eine erste Gruppe („Semiotik in Erlangen“) handelt von Reisen, Legenden, eigentümlichen Ereignissen, eine zweite von Vergangenheit und Tod („Leichenschatten“), eine dritte über Historisches („unter den Pappeln“) und eine vierte über die letzten Dinge. / Sandra Richter, FAZ

Heinrich Detering: „Wrist“. Gedichte. Wallstein Verlag, Göttingen 2009. 77 S., geb., 14,90 €.

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