5. Meine Anthologie 1: Otfrid

Was líuto filu in flíze,     in managemo ágaleize

   sie thaz in scríp gicleiptin,      thaz sie iro námon breittin;
Es haben schon viele Leute Fleiß
und manches Bemühen ernst und heiß
auf allerlei Aufzeichnungen gewandt,
damit ihr Name werde bekannt.
wörtlich etwa so: Was viele Leute mit Fleiße, mit mancher beharrlichen Bemühung in Schrift(form) brachten (klebten), auf daß sie ihr Namen ausbreiteten

So beginnt das Werk des ersten Dichters in deutscher (bzw. fränkischer) Sprache, dessen Namen wir kennen. Otfrid von Weißenburg  lebte etwa von 800 bis 870. Er war ein Mönch im Kloster Weißenburg (Elsaß). Seine Prophezeiung hat sich erfüllt. Aber ist das a) Lyrik? Jedenfalls beginnt die Nummer 13/14 der (hervorragenden!) Schweizer Lyrikzeitschrift „Zwischen den Zeilen “ (September 1999) mit eben diesen Zeilen Otfrids. Der Schweizer Dichter Anton Bruhin stellte sie seinen eigenen Gedichten als eine Art Motto voran. Otfrid lebt (nicht nur in germanistischen Seminaren).

An dieser Stelle steht er nicht nur als erster deutscher Dichter. Zwei weitere Neuerungen, Erfindungen knüpfen sich an diesen Text. Otfrids „Evangelienbuch“, zwischen 863 und 871 vollendet, ist der nachweislich erste Text deutscher Sprache, der den Endreim an die Stelle des bis dahin verwendeten Stabreim-(Lang-)Verses setzt. Und eine weitere Neuerung. Otfrid tut es nicht nur, sondern spricht auch darüber. (Schließlich muß er die neue Form rechtfertigen). Das „Evangelienbuch“ enthält auch die ältesten deutschen Notate zur Poetik. Ein bedeutender Erfinder.

Die Textprobe ist kurz genug zum Auswendiglernen. Ein Zeugnis der Frühjahre, Seltenzeit. Althochdeutsch klingt gut!
Man stelle sich das vor: der erste Mensch, der den Reim „Herz/ Schmerz“ hört. Es muß gewaltig gewesen sein:

thaz min líaba herza,        bi thiu rúarit mih thiu smérza.

etwa: [sie haben es mir genommen] dies mein liebes Herz,    darum rühret mich der Schmerz.


Arno Holz:

 

Wozu noch der Reim?  Der Erste, der – vor Jahrhunderten*! – auf Sonne Wonne reimte, auf Herz Schmerz und auf Brust Lust, war ein Genie; der Tausendste, vorausgesetzt, daß ihn diese Folge nicht bereits genierte, ein Kretin.  Brauche ich den selben Reim, den vor mir schon ein Anderer gebraucht hat, so streife ich in neun Fällen von zehn denselben Gedanken.  Oder, um dies bescheidener auszudrücken, doch wenigstens einen ähnlichen.  Und man soll mir die Reime nennen, die in unsrer Sprache noch nicht gebraucht sind!  Grade die unentbehrlichsten sind es in einer Weise, daß die Bezeichnung «abgegriffen» auf sie wie auf die kostbarsten Seltenheiten klänge.  Es gehört wirklich kaum «Übung» dazu: hört man heute ein erstes Reimwort, so weiß man in den weitaus meisten Fällen mit tödlicher Sicherheit auch bereits das zweite.  Wir vom Publikum haben dann schon immer antizipiert, womit, um mit Liliencron zu reden, der «Tichter» nun erst hinterdreinhinkt.  Wir hören Witzen zu, wissen leider aber immer schon die Pointen!  Das wäre drollig und schade, daß es aussterbe, wenn es auf die Dauer nicht so langweilig wäre.  So arm ist unsre Sprache an gleichauslautenden Worten, so wenig liegt dies «Mittel,> in ihr ursprünglich, daß man sicher nicht allzu sehr übertreibt, wenn man blind behauptet, fünfundsiebzig Prozent ihrer sämtlichen Vokabeln waren für diese Technik von vorn herein unverwendbar, existirten für sie gar nicht.

Aus: Arno Holz, Revolution der Lyrik, Berlin 1899

*) Stücker 11. Hier haben Sie seinen Namen: Otfrid. (In Weißenburg/ Elsaß ist eine Schule nach ihm benannt)

© (Für Auswahl und Kommentar) Michael Gratz 2000.

Meine Anthologie: Poetologisch

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