110. Technische Zeit

Der Literaturhistoriker Uwe-K. Ketelsen, der bis vor einigen Jahren noch in Bochum lehrte, hat nun einen schmalen Sammelband vorgelegt, der im Jahr 1929 als Jahresgabe des „Essener Bibliophilen-Abends“ erschienen ist. Die noch im Reprint bewundernswürdige Ausstattung des Bandes von 1929 besorgte Max Buchartz, die Textauswahl stammt vom Essener Dramaturgen Hannes Küpper, der auch als Herausgeber der Zeitschrift der Essener Bühnen „Der Scheinwerfer“ bekannt geworden ist. „Der Scheinwerfer“, den Küpper zwischen 1927 und 1933 betreute, ist eines der renommiertesten und aufschlussreichsten Dokumente der Neuen Sachlichkeit und literarischen Modernisierung, die nicht im Oberzentrum der Moderne in Deutschland, Berlin, erschienen ist.

Dennoch sind die Verbindungen zu den Berliner Neuerern stark genug: Als Bertolt Brecht 1927 seinen Skandal um den Lyrikpreis der Zeitschrift „Die Literarische Welt“ entfachte, hielt er den bekenntnishaften Zeugnissen einer epigonalen und ausgebrannten Jung-Lyrik ein Gedicht eines gewissen Hannes Küpper vor, das einen Sechstagerennfahrer namens Reggie MacNamara pries. Ketelsen weist Küppers denn auch zurecht dem Brecht-Kreis zu. Und Küpper setzte das Brecht’sche Modernisierungsprogramm in seinen Publikationen aggressiv mit um. Burchartz nun, der Dozent der Essener Folkwang-Schule war, war von der modernen Bauhaus-Gestaltung beeinflusst und zudem – nebenbei – wohl der Mitgründer einer der ersten modernen Werbeagenturen in Deutschland.

Dominant ist unter den Texten dabei die faszinierte und sympathetische Annäherung an die Technik. Küpper selbst steuerte ein dreistrophiges Gedicht bei, das der Elektrizität huldigte. Franz Lüdtke, den Ketelsen als nationalistischen Autor kennzeichnet, schließt sich Küpper mit einem „Funkturm“-Gedicht ohne weiteres an. Eine politische Tendenz ist beiden Texten jedenfalls nicht anzusehen.

Aufschlussreich ist, dass Küpper nicht nur Gegenwartsautoren heranzieht, sondern auch tief in die Literaturgeschichte greift: Robert Müllers Ausschnitt aus „Tropen“ schließt an den Dschungel-Topos an, der bis heute mit der Großstadt verbunden wird. Ein idyllisierendes Gedicht von Justinus Kerner kontert Küpper – Hört! Hört! – mit einer direkten Kritik von Gottfried Keller, der den technischen Fortschritt mit starken Worten lobt. …

Stefan Zweig ist mit einem Fliegergedicht dabei, und Walt Whitman hat der Dampflokomotive ein Loblied gesungen. Dem schließt sich die „Fahrt über die Kölner Rheinbrücke bei Nacht“ von Ernst Stadler an, das bereits in Kurt Pinthus’ Sammlung expressionistischer Lyrik, „Menschheitsdämmerung“ von 1919, aufgenommen worden war. Bert Brecht darf naheliegend nicht fehlen, hier mit dem Gedicht „Kohlen für Mike“, das Küpper noch an die „Hauspostille“ verweist, wo es allerdings nicht erschienen ist. / Walter Delabar, literaturkritik.de

Uwe-K. Ketelsen (Hg.): Technische Zeit. Dichtungen.
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2007.
100 Seiten, 19,80 EUR.
ISBN-13: 9783895286582


Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: