93. Das Buch der Niederlage

Rezension eines chinesischen Romans

(steht über der Rezension, obwohl es sich um einen Gedichtband handelt, seis drum):

„Bücher, die Trauer tagen, stehen stramm, auf den Wegen der Hermeneutik öffnen sich die Azaleen und ihre Schwestern, um des Todes willen“ Kann man das verstehen? Ist das ein gutes Gedicht? Das muss wohl jeder für sich selbst entscheiden.

In dem eigentlichen „Buch der Niederlagen“, einer Essay-Sammlung, deren Titel für die deutsche Gedichtausgabe „entliehen“ wurde, schreibt Bei Dao, der Autor dieses Gedichts, unter anderem über einen seiner Freunde: den Amerikaner Allen Ginsberg. Dieser berühmteste Dichter der „Beat Generation“ hat ihm einmal gesagt, er könne gar kein einziges seiner Gedichte verstehen. Eine von Bei Daos Niederlagen…

Laut Wolfgang Kubin, einem Professor für Sinologie und dem Übersetzer des „Buchs der Niederlagen“, gelingt es Bei Dao wie keinem anderen chinesischen Autor, an eine frühere Periode anzuknüpfen – bevor 30 Jahre kommunistischer Herrschaft und besonders zehn Jahre Kulturrevolution die chinesische Sprache zerstört hatten. Der Sinologe und Übersetzer erkennt in Bei Daos Gedichten Parallelen zu der Dichtung der Tang-Zeit (618 – 907). Damals gelang es den chinesischen Dichtern, ihre Gefühle und Landschaftsbeschreibungen untrennbar miteinander zu verweben – und auf diese Weise Geschichte und Geschichten neu zu erschaffen.

Ist das so? Schafft Bei Dao das auch? Diese Interpretation setzt voraus, dass zumindest Wolfgang Kubin dessen Gedichte richtig versteht – besser als Allen Ginsberg zumindest. Eine gewagte Behauptung. Im Chinesischen gibt es keinen Konjunktiv, die Verben sind immer ohne Zeitangabe, Nomen haben weder Pluralsuffix noch Demonstrativpronomen, es gibt keine bestimmten oder unbestimmten Artikel… So hätten das eingangs zitierten „Bücher“ auch „das Buch“, „ein Buch“ oder „die Bücher“ heißen können. Da musste Wolfgang Kubin vieles für sich selbst entscheiden.

/ Wolf Dieter Kantelhardt, ef-magazin 17.10.

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