9. Poetik der Übersetzung

Liane von Billerbeck: Es gibt den Roman, das Gedicht, das Drama – allesamt literarische Genres. Stefan Weidner fügt ein weiteres hinzu: die Übersetzung. Der Kölner Nachdichter und Übersetzer aus dem Arabischen hat als nunmehr Dritter die August-Wilhelm-von-Schlegel-Gastprofessur für Poetik der Übersetzung an der FU Berlin inne. Sinn der Professur ist es, ja klar, das Genre der Übersetzung zu erforschen. Stefan Weidner sitzt auch an einer neuen Übertragung des Koran ins Deutsche, und wie schwierig das ist, auch das wollen wir jetzt von ihm erfahren. …  Sie sind nun Übersetzer aus dem Arabischen, was ist daran die besondere Schwierigkeit?

Weidner: Ja, Sie haben einmal die kulturelle Differenz natürlich, also die ganzen Kontexte sind uns oder sind denjenigen, die mit der arabischen Welt nicht vertraut sind, erst mal fremd. Und das Ganze wird umso fremder, je weiter sie zurückgehen in die Geschichte. Die moderne arabische Literatur können Sie fast so übersetzen heutzutage wie englische oder lateinamerikanische Literatur, zumal die Prosa. Wie gesagt, mich interessieren eher die schwierigen Fälle, also sagen wir die Lyrik. Auch die moderne Lyrik hat einen so großen Vorlauf, hat eine so große Tradition, die sie mitschleppt. Und selbst wenn sie sich von dieser Tradition abgrenzt, ist zum Beispiel die Frage – sagen wir, ein moderner arabischer Dichter benutzt einen Reim, diesen Reim benutzt er aber so frei, dass es im Vergleich zur Tradition fast schon ein Tabubruch ist. Wenn ich den ins Deutsche mit Reimen übersetze, klingt das für uns schon wieder klassisch. Das heißt, was mache ich mit so einem Fall, wie übertrage ich diesen Kontext?

von Billerbeck: Sie lassen den Reim weg.

Weidner: Ich benutze freie Rhythmen oder benutze etwas wildere Reime oder Binnenreime oder ich muss mir etwas anderes ausdenken. Und das sind die spannenden Fragen. …

Der Übersetzer ist ja immer auch Literaturvermittler. Und ich habe sozusagen die arabische Welt kennengelernt, indem ich arabische Lyrik gesammelt habe, arabische Lyriker getroffen habe, und das war sozusagen für mich ich würde sagen ein Großteil dieser Arbeit, das Auswählen, das Treffen dieser Menschen, das Sichschenken-Lassen oder -geben-Lassen der Bücher, denn vieles kann man gar nicht kaufen. Das ist eine Tätigkeit mit intensivem menschlichem Austausch.

von Billerbeck: Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, die finanziert derzeit ein Langzeitprojekt, und zwar über die Entstehungsgeschichte des Koran. Und man hörte, dass dieses Projekt etwas so Revolutionäres sei, dass es, Zitat „FAZ“, „Herrscher stürzen und Reiche wenden könne“. Sie sind nun dabei, den Koran neu zu übersetzen. Haben wir da ein ähnlich revolutionäres Werk zu erwarten?

Weidner: Na ja, das ist, glaube ich, ein Satz von Frank Schirrmacher, der das Ganze etwas überinterpretiert, weil es sich gut anhört.

/ DLR Kultur

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