116. Begnadetes Thüringen

Gute Nachricht aus Thüringen bringt die Ostthüringer Zeitung:

Mit Dieter Wolf aus Neunhofen und Uwe Lammla aus Neustadt traten zwei gestandene Autoren der Thüringer Vereinigung des Freien Deutschen Autorenverbandes bei. Während Uwe Lammla „ein begnadeter Lyriker“ sei, schreibe Dieter Wolf „sehr variiert und humorvoll“ Erzählungen über das Leben früher und heute in seiner Heimatregion.

Der Bericht läßt offen, ob ein begnadeter Lyriker mehr oder eben der erste. Haben sie seine Gedichte gelesen? Blieb ihnen der Mund offen vor Staunen, wenn er welche vorlas? Blind hineingegriffen:

Von diesem Holze sind die Weiserstäbe
Zu Hoheit und Gericht in deutschen Hainen,
Daß wer sich Müh für echten Frieden gäbe,
Zeigt, daß er wußt, mit Hasel zu erscheinen.
Auch bannen sie die Hexen und die Schlangen,
Johannistriebe stecken ab die Kreise,
Wo Groll und Rachsucht fern sind und vergangen,
Weil hier das Urteil einzig fällt der Weise.

Aus »Trichterwinde«. Gedichte (in Arbeit), Vers 30347 bis 30410

Die Reime sind rein, das Metrum einwandfrei, der Wortschatz tümlich, die Grammatik verdreht und der Sinn … je nach Geschmack kann man sagen: kraus oder ff (feierlich-feucht). Wo immer man hingreift, es wird nicht anders:

Hinzelmann wird dir zum Bruder im Schloß Hudemühlen,
Er, der nur guttut, daß er der gemordete Knab,
Schamvoll verschweigt, muß die Häme der Schloßgäste fühlen,
Bis er den Drosten vertrimmt mit dem Haselnußstab.

Hat einer was verstanden? Wenn nicht, muß es Poesie sein: begnadete wohl. Wortschatz, Bilder und Grammatik scheinen gezielt eingesetzt, den Sinn zu verdunkeln. Weiß er ihn selber nicht? Oder will er ihn verdunkeln? Manchmal allerdings findet er klarere Töne:

Bist du von Rasse, so fragt dich der Kamerad Peter,
Den du verdächtigst, ein ahnloser Mischling zu sein,
Mag auch die Zeit schon die Frage verdammen, kein Meter
Soll dich vom Kern ihres wuchtigen Ernstes befrein.

Die Wörter Rasse, Kamerad, Mischling, drei Hammerwörter in zwei Zeilen, weisen nicht mehr nur konnotativ, sondern denotativ auf Inhalt. Bitterernst, wuchtigernst geht es weiter. – Die Grammatik verdunkelt auch hier, oder soll ich sagen: mildert? Wer verdächtigt wen? Gegenseitig anscheinend verdächtigen sie sich in der Rassenfrage: Kamerad Peter fragt das lyrische Du, ob es „von Rasse“ sei (als wären sie Pferde), und das Du seinerseits verdächtigt ihn des gleichen Befunds: „ein ahnloser Mischling zu sein“. Ahnloser ist echt gut: zahnlos, ahnenlos und ahnungslos in ein Wort gepreßt. Mit den Ahnen gehts weiter, „Rasse“ ist offenbar eine Art Mischling, nämlich von Biologie (vererbt, angeboren) und Glauben:

Rasse ist Glaube der Ahnen, vererbt, angeboren,
Den du als Kind, das das Giftkraut des Zweifels nicht kennt,
Spürst, wenn du erstmals vom Reich hörst, und sich in die Horen
Einschleicht ein Sonnensymbol, das die Mutter verbrennt.

Höre, das bringt uns unendliche Leiden und Tränen,
Spricht sie, der Lehrer zählt bald die Verbrechen dir auf,
Die unsere Großväter, folgsam den teerschwarzen Schwänen,
Übten an Nahen und Fremden zumeist und zuhauf.

Im Klartext: das Kind, das dumpf in sich „Glaube der Ahnen“ spürt, hört vom „Reich“ und sieht das Sonnensymbol Hakenkreuz, die Mutter verbrennts schnell (in Klammern: hier wieder die verschwurbelte Grammatik: „unendliche Leiden und Tränen“ bringt, nicht „brachte“, uns das Zeichen, sagt die Mutter; „uns“. So gehts, wenn sich „Sonnensymbole“ in die „Horen“ einschleichen!), die Mutter verbrennt das Kreuz, der Lehrer zählt die Verbrechen der Großväter auf, die SS tritt in Gestalt teerschwarzer Schwäne auf, denen folgsam die Großväter Verbrechen „übten“ (!) „an Nahem und Fremden“, aha, doch, denkt man, aber:  „zumeist und zuhauf“: wo immer Klartexte aufzublitzen scheinen, tritt die begnadete Sprache dieser Art Poesie auf und verunklart wer, wem, was, worüber, weshalb und wodurch.
Etwas in der dumpf-erfüllten Kinderseele läßt sich nicht abschrecken:

Aber die Abschreckung kann dich nicht hindern zu forschen,
Ob nicht ein Gran dieses Lichtglanzes stark in dir west,
So wie wie Störche ihr Nest wiederfinden auf morschen
Türmen, so stehst du am Born deiner Herkunft und flehst:

Möge das Dunkel, die Schmach und die Scham von ihm weichen,
Gab es nicht Widerstand, Partisan, Deserteur?
Aber in all dieser Antiwelt wehrt sich ein Zeichen
Und es bleibt seltsam verstockt bei dem innren Verhör.

Am Ende kommt sie, kommt das lyrische Du doch zur Erkenntnis, ich sags erst in meinem profanen Klartext, bevor Sie die Poesie in sich sacken lassen können: irgendwann wurde ihm klar, daß die Leiden und Verbrechen, von denen Mutter und Lehrer sprechen, vom Feind erdachte Mären waren:

Irgendwann wird dir bewußt, daß der Feind jene Mären
Aussann, die hindern, du selbst und ein Enkel zu sein,
Ließest du ihn und die käuflichen Diener gewähren,
Wärst du von Rasse nicht, fällt dir zum Herkommen ein.

Rasse, lautet das Fazit, ist nicht Biologie, sondern innere Haltung. Wer für solch begnadete Poesie empfänglich ist, ist der auf dem richtigen Wege? Thüringen, ist da noch was?

Letzter Eintrag im Gästebuch seiner „Heimseite“:

D.K., Stuttgart, Offizier, schrieb am 07.09.2008:

Ich bin auf Ihre Werke leider erst jetzt aufmerksam geworden.
Ein Artikel in der Jungen Freiheit führte mich an Ihr Schaffen heran.
Ich möchte Ihnen Lob und Anerkennung ausprechen und verbleibe in der Hoffnung, dass Ihr Wort noch viele erreichen wird.
Die kulturelle, untere Mittelmäßigkeit der medial verdummten Republik braucht in diesen dunklen Zeiten solche Leuchtfeuer, wie Sie und Ihre Werke eines darstellen.

Mit freundlichen Grüßen
ein neuer Anhänger

2 Comments on “116. Begnadetes Thüringen

  1. Uwe Lammla schrieb am 29.9.:

    Gesendet am 29.09.2009 um 17:08

    Es ist nicht meine Art, auf jede Polemik zu reagieren. Wenn allerdings das Bild von einer „braunen Wolke“ imaginiert wird, die sich über Thüringen zusammenballe, sind doch einige Verzerrungen richtigzustellen. Mein Vorredner hat sich offenbar an dem Wort „begnadet“ gestoßen. Für mich als gläubigen Christen verdankt sich alles Seiende der Gnade Gottes, ist also begnadet. Wenn jemand meiner Literatur dieses Attribut zusprach, dann offenbar, um seine Meinung auszudrücken, Leute mit 30.000 Gedichtversen, 10 Versdramen und 20 literarischen Essays ließen sich nicht an jeder Straßenecke finden.

    Mein Vorredner hat meine Netzseite aufgerufen, die stets das neueste Gedicht anzeigt. Aus diesem zitiert er eine Strophe und stellt fest, der Wortschatz sei „tümlich“, die Grammatik sei verdreht und der Sinn sei kraus oder feierlich-feucht. Überhaupt herrsche die Absicht zur Sinnverdunklung vor. Dem ist zunächst zu entgegnen, daß der Sinn dieser Literatur gewiß nicht drin besteht, einem Übelwollenden irgendetwas mitzuteilen. Wie alle Kunst verfolgt das Gedicht die Absicht, denen Freude zu breiten, die Spaß an diesen Dingen finden. Zweifellos gehört mein Verredner nicht dazu. Eine Absicht zur Sinnverdunklung sehe ich eher in dem Worte „tümlich“. Es gibt wohl „eigentümlich“ oder „volkstümlich“, gewiß aber nicht „tümlich“. Das macht aber nichts, denn eine Aussage ist nicht gewollt. Der Denunziant begnügt sich mit unheilsschwangeren Andeutungen.

    Daß die Weiserstäbe zu Gerichtsplätzen früher aus Haselholz gefertigt wurden, mag ein Brauchtum sein, um das man denken kann, wie man will. Sicher ist jedoch, daß die Strophe eine Preisung des Rechts und des Rechtssinnes darstellt. Wer dies verteufelt, muß sich fragen lassen, ob ihm der Rechtsstaat ein Ärgernis darstellt und er „Begnadete“ lieber von Arbeiter- und Soldatenräten erschießen lassen will.

    Wenn man die Deutschen Sagen der Brüder Grimm nicht kennt, bleiben freilich Hinzelmann und Hudemühlen ohne Sinn und man weiß auch nicht, was der Drost in dem ganzen zu suchen hat. Bildungsferne ist eben nicht unbedingt die richtige Basis, um Gedichte zu beurteilen. Aber solche kleinlichen Einwände können meinen Vorredner nicht beirren. Er hat es in Windeseile geschafft, aus 30.000 Versen genau das Gedicht herauszufinden, wo ich angeblich den Klartext rede, den ich ansonsten vermissen lasse. Dabei konnte er auf Vorarbeit zurückgreifen, denn einige Beflissene waren bereits dem Wink der „Jungen Freiheit“ nachgegangen, ich schreckte vor Tabu-Themen nicht zurück, und hatten das Gedicht „Quisqualis“ aus seinem Zusammenhang herausgelöst und zum Credo des Dichters erhoben.

    Auch wenn einzig die denunziatorische Absicht dafür spricht, an diesem einzelnen Gedicht die Gestimmtheit meines umfangreichen Werkes festzumachen, will ich dennoch auf den Inhalt dieser Verse eingehen. Seit Jahrtausenden haben die Menschen mit dem Begriff der Rasse opperiert, durchaus nicht nur für Pferde oder Hunde, sondern für Menschen. Auch wenn, wie ausdrücklich im Gedicht eingeräumt wird, unsere Zeit nichts von diesem Begriff wissen will, besteht er im kollektiven Unbewußtsein weiter und ist damit ein Thema des Dichters. Das Gedicht wendet sich gegen einen biologistischen Ansatz, der gerade modern und nicht tradiert ist, und interpretiert Rasse als Erbe des Glaubens. Dies hat keinerlei Überlegenheitsgeste oder irgendeinen Herrschaftsanspruch, sondern ist einfach eine Suche nach Selbsterkenntnis. Daß im Nationalsozialismus tief verwurzelte Symbole politisch eingesetzt wurden, ändert nichts daran, daß diese Symbole mit verborgenen Wünschen und Sehnsüchten korrespondieren. Wenn es gewisse Leute nun verbieten wollen, diese Wünsche und Sehnsüchte zu kennen oder anzuerkennen, ist dies ein ganz unerträglicher Dogmatismus und geradezu das Gegenteil von Freiheit und Selbstbestimmung.

    Das Fazit des Entlarvers, Rasse sei bei mir nicht Biologie, sondern innere Haltung, ist gar nicht so falsch. Ich bekenne durchaus, daß ich Leute mit „Haltung“ gegenüber solchen bevorzuge, die Unverstandenes nachplappern.

    Meine Antwort lesen Sie hier:
    159. Lammla und andere Dichter https://lyrikzeitung.wordpress.com/2009/09/30/159-lammla-und-andere-dichter/

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  2. Pingback: 159. Lammla und andere Dichter « Lyrikzeitung & Poetry News

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