75. Neuer Sonetten-Krieg


Das Wort „Sonettenkrieg“ tauchte im April diesen Jahres auf. Thomas Kunst hatte mir ein Gedicht geschickt, einen polemischen Rundumschlag nach einem Debattenbeitrag von Alexander Nitzberg, Kunsts Kommentar: „die sollen endlich alle die fresse halten und anständige gedichte schreiben“. Einer tats, stan lafleur. „Ich bin noch nie in Montpellier gewesen“, hieß es in Kunsts Sonett. lafleur parierte: „Ich bin dereinst in Montpellier gewesen“. Sein Gedicht war indes keine Gegenpolemik, sondern ein, ich sag mal, anständiges Gedicht. Ich denke gern an die schöne Geschichte, die es erzählte.

Allerdings gab es dann einen bösen Leserbrief von P.E.:

Könnte man bitte diese peinliche Sonett-Schlacht hier stoppen?  Ob Kunst oder nicht, das entscheidet im Endeffekt der Leser. Im mehrfachen Sinne. Bisher hatte ich diese Site eigentlich immer gerne als Informationsbasis genutzt. Seit einige Autoren dies als Selbstdarstellungsmedium verunstalten, bin ich in der glücklichen Lage, einfach abzuschalten.

Nun, ich fand den Vorgang weder peinlich noch überhaupt einen „Krieg“, aber die Meinungen sind ja frei.

Nun scheint sich der Vorgang zu wiederholen. Am 17. August schickte mir Thomas Kunst ein Liebesgedicht, das so begann:

HILDE IST BESTIMMT GAR NICHT NACH BONN GEFAHREN,
Nach Koblenz, Andernach, nach Kiel…

Da waren Hilde und Andernach ins Spiel gebracht. Zu dem Gedicht kamen Kommentare von 2 Autoren, die das Gedicht mochten, wie ich auch. Am 4. September kehrten Orts- und Personenname wieder:

DU WÄHLTEST LAUBSÄGEN ALS NEIGUNGSFACH,
Ich wünschte mir von dir ein Cello, Hilde,
Ein dünnes, rotes, wo liegt Andernach…

Noch in der Nacht kam ein Antwort-Sonett von Andreas Noga, wie im April mit einer Referenz zum Ortsnamen:

andernach liegt zwischen fluss und bach
ich hoffe du bist jetzt im bilde…

Da ich zu Kunsts Gedicht die Überschrift „Gedicht“ gewählt hatte, stellte ich Nogas Gedicht unter die vielleicht zu flapsige Überschrift „Noch’n Gedicht“. Ich wollte einfach die Referenz zwischen #27 und #30 herstellen, ohne sie direkt auszusprechen, im Vertrauen, der Leser werde die Korrespondenz zB in den Reimen bemerken. Andreas Noga schrieb mir zu seinem Gedicht:

Lyrik bedeutet für mich auch Kommunikation. Es reizt mich, wenn sich ein Ansatz ergibt, in diesem Sinne selbst kreativ zu sein, oder anderen Lyrik nahe (näher) zu bringen. Andernach liegt etwa 25 km von meiner Geburtsstadt Koblenz und meinem Wohnort Alsbach entfernt. Daher der Impuls, auf das Gedicht eine Antwort zu verfassen.

Thomas Kunst schickte einige Tage später ein polemisches Antwortsonett mit der Bemerkung: „nur für dich“. Am 11. September trug Jörn Hühnerbein ein polemisches Gedicht als Kommentar zu Nogas Gedicht ein (die neue Bloglösung der Lyrikzeitung hat ja diese erfreuliche Funktion). Da  mir nicht daran liegt, eine Debatte „abzuwürgen“, habe ich den Kommentar selbstverständlich freigeschaltet (wie bisher noch jeden, abgesehen von den dankenswerterweise von WordPress abgewehrten Spameinträgen). Da der Vorgang jetzt schon eine Weile zurückliegt, hier alle bisherigen Beiträge in der Reihenfolge des Eintreffens bei mir – mit Thomas Kunsts Erlaubnis auch sein ursprünglich privat eingesandter Text.

Thomas Kunst, 4.9.:

DU WÄHLTEST LAUBSÄGEN ALS NEIGUNGSFACH,
Ich wünschte mir von dir ein Cello, Hilde,
Ein dünnes, rotes, wo liegt Andernach,
Nimm lieber Sperrholz, Schleifpapier und wilde

Empfindsamkeit, im Leimholz folgt die Säge
Nur blind und aufgebracht den Maserungen,
Die hellen Schnitte nehme ich in Pflege,
Du hast mir lange nichts mehr vorgesungen,

In deinem Zimmer stapeln sich die Bretter,
Ich müsste dich nach Helsinki verschleppen,
Nach Stockholm, wegen des Syndroms, wir nicken,

Du singst zu oft nobody does it better,
Die Wolken über den Konditortreppen,
Die dünnen Instrumente sind die dicken.

Andreas Noga, 5.9.:

andernach liegt zwischen fluss und bach
ich hoffe du bist jetzt im bilde
ergreifst mein cello und hältst mich wach
ich führe dich heut nacht im schilde

empfindsamkeit ist nichts für holz
sie gilt den verborgenen stellen
deiner haut die ich noch immer stolz
entdecke unter baumwollfellen

in deinem zimmer liegen dicke
kissen im bett du wünschst benommen
dass ich den höhepunkt verschleppe

sagst nicht wohin doch ich nicke
beinah angekommen
auf der letzten stufe der kirchturmtreppe

Thomas Kunst, 8.9.:

IM SÜDEN DEUTSCHLANDS GIBT ES PARODISTEN,
Die meine Texte lieben, ohne Zweifel,
Sie stehen gut sortiert auf meinen Listen
Und wohnen zwischen Alsbach und der Eifel.

Sie kennen Heidelberg und all die Nester,
Es kann nur Liebe sein, so wie sie dichten,
Nach mir ihr kleines Tagwerk auszurichten,
Bedeutet, die Bewunderung wird fester.

Sie kennen sich mit Frauen aus, mit Kissen,
Mit Leibern und Sonetten, die noch bleiben,
Es geht in Ordnung, dass sie sich verneigen,

Das können Parodisten ja nicht wissen,
Dass sie nur jene Texte übertreiben,
Die ihnen deutlich ihre Grenzen zeigen.

Jörn Hühnerbein, 11.9.:

das dicke-eier-nicht-sonett
(für andreas noga)

was intressiert mich andernach
dein cello deine kuchen
ich lieg die halbe nacht schon wach
mal bisschen fleisch versuchen?

nein, nein, ich hör schon wieder zu
sag weiter: sperrholz säge
(die puppe nervt schon seit elf uhr
benimmt sie sich so schäge)

dann summt sie noch so
`n schlagerdings
mein englisch ist erbärmlich
ob sie versteht was sie da singt
ich lächle lieber wärmlich

mensch, sieht so aus: sie will
noch nicht
ich seh schon weiße schleier
na, danke für den unterricht
mich drücken meine eier

Die „Sonettendebatte“ vom April d.J.:

2009    Apr #13.    Mehr Polemik
2009    Apr #17.    Montpellier
2009    Apr #22.    Leserbrief

(In seiner von mir überaus verehrten „lecture on nothing“ schrieb der amerikanische Komponist John Cage zum Thema „discussion“, bzw. sprachs: „shall we have one later?“)

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: