42. Darstellung von Einzelheiten

In der Leipziger Volkszeitung vom 12.6. erinnert sich der Lyriker Heinz Czechowski an seine Zeit am Leipziger Literaturinstitut:

1955 wurde ich von der Arbeitsgemeinschaft junger Autoren zum Studium an das Literaturinstitut empfohlen. Obwohl ich mich mit Gedichten beworben hatte, versteifte ich mich während eines Aufnahmegesprächs zu der Ansicht, Lyriker hätten als Schriftsteller keine Daseinsberechtigung. Ein heftig Zigarre rauchender Herr im Affenhautpullover war amüsiert. Ich berief mich auf Brechts Theorie vom Gebrauchswert des Gedichts. Ich weiß nicht mehr, wie die Sache ausging, jedenfalls wurde meine Bewerbung akzeptiert und ich zur eigenen Überraschung Student am Institut für Literatur auf der Tauchnitzstraße. Unterschlupf fand ich bei Mutter Selle auf der Eutritzscher Straße. Mutter Selle hatte vor mir schon Karl-Heinz Jakobs beherbergt. Von den Veranstaltungen des Literaturinstitutes sind heute nur noch die Lyrikseminare Georg Maurers, des Herrn im Affenhautpullover, erwähnenswert.

Maurer war es auch, der uns den Zugang zur Moderne öffnete. Seine vergleichende Methode überzeugte nicht durch Überredung, sondern durch die Darstellung von Einzelheiten, welche die Literaturgeschichte von der Sappho bis zu Kurt Schwitters überliefert hatte. Während wir Adepten uns noch in Sicherheit wiegten und mit Diskussionen die Kneipen frequentierten, zog sich über unseren Köpfen ein Gewitter zusammen, dessen Folgen vor allem den begabten, jedoch unglücklichen Werner Bräunig erreichten. Er wurde zum Alkoholiker und starb jung in Halle-Neustadt. In der ausgezeichneten Bibliothek des Institutes, eingerichtet von einem sachkundigen Bibliothekar, der die DDR gerade verlassen hatte, lasen wir viel von dem, was in der DDR unerwünscht war: Joyce, Karl Kraus‘ „Fackel“, Ezra Pound, Broch. Gedichtbände von Enzensberger oder der Bachmann, illegal eingeschmuggelt, machten die Runde. Im berühmten Hörsaal 40 der Uni versammelte Hans Mayer westdeutsche Berühmtheiten. Ernst Bloch sah man im Haus der DSF, wo frühe Filme aufgeführt wurden. Man wurde das Gefühl nicht los, dass es noch ein anderes Leipzig gab.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: