Kategorie: Kreolisch

49. Jerusalem frohlocke

Jetzt brachte Wolf den Text, der ihn nie losgelassen hatte. Weil in ihm mächtige Propaganda, Inbegriff befohlener Ordnung und von verordnetem Denken, von einem Ich selbst-bewusst hinterfragt wird. Es war ein Text von Albrecht von Johansdorf: “Die hinnen varen …” Ein Kreuzzugslied, so heißt die literaturgeschichtliche Schublade, in die man es gesteckt hat. Richtiger wäre: ein Liebeslied zur Zeit der Kreuzzüge, des Ost-West-Konflikts.

Wolf begann, seinen Kram zu erklären: “Die hinnen varen”, das sind diejenigen, die zum Kreuzzug aufbrechen, die zuvor das Zeichen des Kreuzes, einen Lappen aus Wolle, sich haben anheften lassen. Die Bezeichnung Kreuzzug ist im Deutschen erst seit Lessings Zeit bekannt, im Mittelalter spricht man von “hinnen varen”, von peregrinatio, Wallfahrt, von der Reise ins Heilige Land. In diesem Gedicht ist vom bevorstehenden Kreuzzug des Stauferkaisers Friedrichs I. die Rede, jenem Kreuzzug, von dem später Ludwig Uhland treu-teutsch dichten wird: “Als Kaiser Rotbart lobesam / ins heilige Land gezogen kam, /… / sah er zur Rechten und zur Linken / einen halben Türken heruntersinken.” 1187 war Jerusalem gefallen, diesmal in die Hände Salah ad-Dins; zuvor 1099, im ersten Kreuzzug, in die Hand der Christen. Bei den Vorbereitungen zur Operation Barbarossa heißt es wieder: Jerusalem laetare, frohlocke, Jerusalem.

Wie dieses “Frohlocken” aussah, die grausame Realität jener “Wallfahrt”, zeigt ein lateinisches Kreuzfahrer-Lied aus der Zeit des ersten Falls Jerusalems:

Von Blut viel Tränen fließen, indem wir ohn Verdrießen das Volk des Irrtums spießen – Jerusalem, frohlocke!
Des Tempels Plastersteine bedeckt sind vom Gebeine der Toten allgemeine – Jerusalem, frohlocke!
Stoßt sie in Feuersgluten! Oh, jauchzet auf, ihr Guten, dieweil die Bösen bluten – Jerusalem, frohlocke!

/ Rainer Nübel, Kontext:Wochenzeitung

Albrecht von Johansdorf, Kreuzlied III

48. Flaschenpost

Franketienne, durch das Erdbeben vom 12. Januar wurde ein großer Teil Haitis bis auf den Grund zerstört. Wie stark hat das Erdbeben auch das kulturelle Leben vernichtet?

Haiti steht zurzeit unter Vormundschaft. Es ist nicht souverän. Alle Entscheidungen werden von den Geldgeberländern getroffen. Die Pläne zum Wiederaufbau wurden von außen entwickelt, Autoritäten, die aus dem Innern Haitis kommen und scheinbar über Macht verfügen, haben komplizenhaft an diesem Vorgehen mitgewirkt. Der Erziehung, einer der wichtigsten Säulen der haitianischen Kultur, wurde in diesen internationalen Plänen ein allzu geringer Platz eingeräumt.

Welche Möglichkeiten sehen Sie für sich als Schriftsteller, der seit fünfzig Jahren das kulturelle Leben Haitis mitgeprägt hat, auf den Wiederaufbau Einfluss zu nehmen?

Jedes Kunstwerk, jeder literarische Text ist wie eine Flaschenpost, die man ins Meer geworfen hat. Es gibt keinerlei Gewissheit, dass die Botschaft eines Tages gehört wird. Wer das behauptet, ist eher ein politischer Aktivist, der die Feder gegen ein Gewehr einzutauschen sucht. Mit der Feder kann man jedoch niemanden zwingen, sein Verhalten zu ändern. Was kann der Satz eines Schriftstellers zum Beispiel gegen die Amerikaner ausrichten, wenn gleichzeitig das eigene Volk unter Zelten ausharrt und auf Trinkwasser wartet! Dieses Volk richtet heute seine Hilferufe nicht mehr an Legba (Vodou-Gott, Hüter des Weges) und Ogoun-Ferraille (Kriegsgott), sondern an Jesus. Es löst sich damit von den eigenen Wurzeln.

Der Französisch und Kreolisch schreibende haitianische Schriftsteller Franketienne im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau, 8.6.

Vgl. L&Poe 2005 Aug #86. Inselpreis

117. Vielstimmigkeit

Edouard Glissant ist Dichterphilosoph, Wissenschaftspoet und kosmopolitischer Akademiker in einem. Seit fast sechzig Jahren schreibt er Romane, Traktate, Gedichte und Essays über die Beziehungen zwischen den Kulturen. Auf Martinique, wo er 1928 als Sohn eines Plantagenverwalters geboren wurde, fand er diese Beziehungen in ihrer ganzen historischen Ambivalenz: Das gewaltsame Aufeinandertreffen weisser Kolonisatoren und der von ihnen dann ausgelöschten Kariben, die ausbeuterische Beziehung der französischen Herren zu ihren afrikanischen Sklaven und die weitere Verdichtung einer von Anfang an gemischten Kultur durch asiatische Kontraktarbeiter. Aus diesem ursprünglich gewaltgeprägten Milieu entstand das Kreolische, eine vitale Kunstsprache gemischter Herkunft. …

In Glissants Romanen führen die verschiedenen Sprachpraktiken zu komplexen, nicht immer und nicht für alle durchschaubaren Szenerien und Verständnisebenen. So entsteht eine Vielstimmigkeit mit wechselnden historischen Subjekten und Erkenntnishorizonten. Sie bildet den Kampf der Kulturen ab und vollzieht zugleich nach, wie eine weitgehend friedliche, komplexe Kultur entsteht und sich verständigt. / Martin Zähringer, NZZ 23.4.

136. Unserdeutsch

Harry Hoerler ist bei Berlin geboren. Bei Berlin auf Deutsch-Neuguinea, einem palmenumsäumten Hafennest in der ehemaligen deutschen Südseekolonie. Im roten Hawaiihemd unterm schwarzen Anzug, die grauen Locken dunkel gefärbt, erinnert Hoerler an einen Zirkusdirektor; und auch seine Sprache stiftet Verwirrung: “Ganse Welt is ferik”, sagt er und lächelt philosophisch. “Ferik” ist die Welt, “verrückt”, wenn man wie Hoerler zu den letzten 100 Sprechern der einzigen deutschbasierten Kreolsprache gehört und die übrigen Sprecher über verschiedene Inseln verstreut leben; “ferik”, wenn man sein Unserdeutsch nur noch mit Blumen und Schmetterlingen spricht. Auch die Erzählerin, Yvette Coetzee, führt auf der Bühne eigentlich einen Dauermonolog – wären da nicht die Audio- und Videoeinspielungen, Schatten und Objekte, Kreidegemälde und -animationen, mit denen sie sich die Abwesenden als Dialogpartner herbeiholt. Als Grundlage für ihr “dokumentarisches Südseemärchen” hat Regisseurin Unger im letzten Jahr zehn der letzten Unserdeutsch-Sprecher auf Papua-Neuguinea besucht und interviewt. / taz 21.9.

119. Das archipelische Denken

Ein Besuch bei dem Autor Édouard Glissant auf Martinique

Glissant wehrt sich gegen die Eingemeindungen des Diversen durch den westlichen Universalismus, die er als neue Form von Kolonialismus begreift. Er hat ein “Institut du tout-monde” gegründet und attackiert den Begriff der “frankophonen” Literatur. Mit Kollegen wie Tahar Ben Jelloun, Amin Maalouf und Jean Rouaud fordert er, die Bevormundung der Literatur aus der Pariser Administration als “Francophonie” zu beenden. Die jahrhundertealte Bindung zwischen französischer Sprache und französischer Nation müsse gesprengt werden.

Fünf seiner Romane sind auf Deutsch erschienen, bei dem kleinen Heidelberger Verlag Das Wunderhorn. Sie liegen wie Blei in den Regalen, Leser findet Glissant bei uns kaum. Das ist, trotz der nicht einfachen Übersetzungen, recht bizarr. Denn letztlich schafft Glissant mit der Kreolisierung erfrischende Denkanstöße, auch wenn er gelegentlich ein wenig rosarot malt. “Die Karibik ist, wenn Sie sich die Karte anschauen, eine weiße Zone auf der Karte der Massaker, der Völkermorde, die in der Welt ständig zunehmen. In der Karibik bringt kein Volk ein anderes um.” Es gebe zwar Kriminalität und politische Kämpfe, zum Beispiel auf Kuba, aber eben keine Völkermorde wie in Ruanda. “Es lohnt ja nicht, jemanden umzubringen, weil er anders ist, denn wir sind alle anders. Das hat man in der Karibik verstanden.”

Das klingt dann doch ein wenig blauäugig. Der karibische Raum ist keine rassismusfreie Zone und kein Paradies. In Havanna werden Afrokubaner rassistisch angefeindet, Haiti ist ein Desaster, bei dem die Kreolisierung versagt haben muss, was man nicht ohne weiteres dem Westen anlasten kann. Aber vielleicht ist das “archipelische Denken” einfach eine selten zuversichtliche Perspektive auf die Welt. Denn eigentlich sind wir alle Kreolen. / WERNER BLOCH, SZ 22.10.

Ein paar Gedichte von Glissant gibt es im Atlas der neuen Poesie (Rowohlt 1995) und in der Zeitschrift Lettre international.