Kategorie: Kuwait
36. “Dichten für Millionen”
Tausende fühlten sich berufen, aber nur 48 sind auserwählt: Diese 48 Dichter aus allen Teilen der arabischen Welt treten nun gegeneinander an, über 15 Wochen in einer Art künstlerischem KO-Verfahren, bis einer oder eine übrig bleibt. Der kuwaitische Dichter Seyad Ibin Nahit hat eine der früheren Runden von “Sha’ir al miliun” gewonnen – und ist seitdem ein gefeierter Lyriker. …
Neu an dem diesjährigen Wettbewerb: Bei den Kandidaten zählt fortan auch ihre Körpersprache. Denn auch die ist wichtiger Bestandteil ihrer Ausdrucksfähigkeit. Einer, darin so stark ist wie wenig andere, ist der palästinensische Dichter Tamim al Baruti. Auch er nahm an dem Wettbewerb, fiel aber durch – wegen eines winzigen Grammatikfehlers. Denn auch auf korrekte Grammatik kommt es an in diesem Wettbewerb, da sind die Veranstalter streng. Aber Baruti ist seit seinem Auftritt ein echter Lyrik-Star in der arabischen Welt. / Kersten Knipp, DLF
40. Rückblende März 2001: Zwischen Wunderland und Widerstand
Die isländische Schriftstellerin Steinunn Sigurdardottir erklärt Deutschland zum “Wunderland für Lyrik”: “das einzige Land, wo Lyrik verkaufbar ist”. Michael Braun schreibt über die “dunkleren Traditionen des Leonce-und-Lena-Wettbewerbs”, dazu gehöre “die Ignoranz der Vorjurys, die mit blamabler Beharrlichkeit die interessanten jungen Dichter dieser Jahre einfach übersahen”. Thomas Kling zum Beispiel.
scheinschlag hat Ansichten zu “Matthias” BAADER Holst, “Untergrundpoet, Punk, Anarchist, Vagant, Dadaist, radikaler Künstler, Rebell”, aber auch ein
performender Dichter mit asketischem Körper, ungezügeltem Intellekt und dem Machtapparat einer Sprache, die nicht leicht mit ihm zu teilen war. Den Kopf kahl rasiert wie einer, der das Äußere ganz von sich abschneiden will. Ein Nosferatu-Typ, auratisch, mit einer hohl klingenden, dunklen Orakelstimme. Eine wie der Dadaist Johannes Baader “charismatische Begnadung”.
Die englische Lyrik beginnt mit Runen, Rätseln und mit einem analphabetischen Schäfer, dem von einem Engel aufgetragen wird, Loblieder auf Gott zu singen: Caedmon.
Die Greifswalder Literaturzeitschrift “Wiecker Bote” stellt ihre Autoren Angelika Janz und Richard Anders während der Leipziger Frühjahrsmesse im Gohliser Schlößchen vor. Angelika Janz liest aus dem in Vorbereitung befindlichen Lyrikband “Unter Strom im Frühlicht”. Richard Anders liest Gedichte und poetologische Texte unter dem nicht zufällig an André Breton erinnernden Titel “Wolkenlesen”.
Ingrid Fichtners Gedichte wehen von irgendwo her. Und einen Schlusspunkt setzen sie selten. Kito Lorenc schreibt im Widerschein des Sorbischen und Karel Hynek Mácha ist der Heine der Tschechen.
Es starben der Petersburger Nonkonformist Viktor Kriwulin, der Amerikaner A.R. Ammons (schon am 25. Februar) und die kubanische Dichterin Rafaela Chacon Nardi.
Für Brinkmann ist es nie zu spät, meint die Berliner Volksbühne, und die Hamburger “Welt” weiß, daß Lyrik nicht “quälende Unverständlichkeit” heißt. Unter der Überschrift “Als wir alle Brandstifter waren” schreibt der serbisch-amerikanische Lyriker Charles Simic über seine Joschka-Jahre (und meint nicht “Joschkas” Tätigkeit für Atomkonzerne). Auch Volker Braun gedenkt des Straßenkämpfers und schreibt in der FAZ (!) die Geschichte um:
Man mußte sich nur vorstellen, daß er, der Lismus, in den Westen käme. Undenkbar war das nicht. — Zuerst die Währungsreform, das war der Köder, der Umtausch der DM in Mark. 1 : 5, zugleich wurden die Preise gesenkt, Wahnsinn, die Mieten. Ein ständiger Sommerregen aus dem Staatshaushalt. Die Konzerne (Kombinate) der Plankommission unterstellt, je genauer die Planung, desto härter trifft uns der Zufall. Die Arbeitsämter geschlossen, “keine Leute” hieß es auf einmal in Bochum. Die entbehrlichen Professoren ins Neuland geschickt, für die Buschzulage, gefestigte Gewi-Dozenten missionierten das Grundlagenstudium. Von Schnitzler, reaktiviert, übernahm es, das Bayerische Fernsehen auf Linie zu bringen. “Die Zukunft sitzt”, wie der Dichter Kunze sagt, “am Tische”.
Natürlich wurde uns Ost-Überheblichkeit nachgesagt, wenn wir drüben die Demokratie einführten. Dem Westler nützt ja nun, in dem fortgeschrittenen System, seine Erfahrung wenig, er mußte erst lernen, richtig zu denken, sich anzustellen und zu warten. Während wir, so ins Recht gesetzt, endgültig verblödeten und ihre Dienstjahre annullierten, weil wir neue Persönlichkeiten erzogen. … Und ich vergaß mal meine kritischen Ambitionen; wohingegen sie ihre linke Vergangenheit auftrugen, die Studienräte und Redakteure. Joschka Straßenkämpfer. … Und sie erlebten einmal eine Revolution.
Eines der grossen programmatischen Dichtwerke der klassischen Moderne wurde erneut zugänglich und lesbar gemacht mit «Eventail (für Stéphane Mallarmé)». Es gibt sie noch, die wagemutigen Verleger, zum Beispiel auch jene,
die Neues entdecken und jüngeren Talenten zum Durchbruch verhelfen, Verleger, denen Literatur und vor allem die anspruchsvolle Gattung Poetik persönlich noch etwas bedeuten. Urs Engeler ist einer von ihnen. Seit 1992 gibt er «Zwischen den Zeilen» heraus, eine «Zeitschrift für Gedichte und ihre Poetik», die sich in verhältnismässig kurzer Zeit durchsetzen konnte, weil sie es nicht allein beim Abdruck von Gedichten bewenden lässt, sondern die Autoren gleichzeitig auffordert, sich über ihr Geschaffenes essayistisch zu äussern.
Alle feiern die Dichterin Elisabeth Borchers zum 75. Geburtstag. Für die FAZ begann es mit einem Skandal, berichtet die FR:
Im Juli 1960 veröffentlichte die FAZ eia wasser regnet schlaf, ein Gedicht der zu diesem Zeitpunkt noch unbekannten Lyrikerin Elisabeth Borchers. Der Text, eine wunderbare, im Ton des Wiegenlieds gehaltene, zwischen Traum und Wirklichkeit oszillierende Imagination, die eine vermeintliche Begegnung mit einem “ertrunkenen Matrosen” tatsächlich nur auf einer rein assoziativ arbeitenden Ebene anklingen lässt, erregte die Gemüter der Leser. Von einer “schizophren Stammelnden” war die Rede, ja sogar einmal mehr von “entarteter Kunst”.
Ein junger Dichter, Jan Wagner, vermag es, den Alltag in Schönheit zu verwandeln, und der Tagesspiegel berichtet vom “Kuwaitischen Widerstand”, der klingt so:
“Ach, das Stöhnen dringt / aus dem tiefen Berg des Bewusstseins / und der verräterische Stich / enthüllt die Wut der Herzen.” Deutsche Romantik? Nein: arabische Postmoderne. Die Verse … stammen von Khazna Buresly und finden sich in einer Lyrik-Anthologie, die zugleich politische Streitschrift ist. “Das Echo kuwaitischer Kreativität”, heißt sie.
147. Arabisch-Deutscher Versschmuggel
Das Konzept hinter „VERSschmuggel“ verzichtete auf den üblichen Ablauf, nachdem die Dichter ihre Texte einreichen und von einem Übersetzer bearbeiten lassen. Stattdessen bildeten sich fünf Dichterpaare, die einander gegenseitig ins Deutsche bzw. Arabische übersetzten, ohne die jeweils andere Sprache zu beherrschen. In langen und tiefschürfenden Gesprächen tauschte man sich über die Bedeutung der eigenen Verse aus, um dem Gegenüber eine adäquate Nachdichtung zu ermöglichen – was bei zwei so unterschiedlichen Sprachen sicher nicht einfach ist. Neben Schulz und Al-Nabhan nahme Ron Winkler, Mohamad Al-Harthy, Nora Bossong, Nujoom Al-Ghanem, Sylvia Geist, Mohammad Al-Domaini, Gerhard Falkner und Ali Al-Sharqawi an dem literarischen Experiment teil. …
Überhaupt gibt es viel zu entdecken in diesem wundervoll bibliophil gestalteten Band – neben großartigen deutschen LyrikerInnen auch Einblicke in die moderne arabische Dichtung, aus der leider allzu wenig auf deutsch vorliegt. „Das Blau / (des Meeres) wirft meine Worte zurück / wenn es der Welt unter der Haut kribbelt“, heißt es bei Ali Al-Sharqawi; oder in Mohamad Al-Harthys beeindruckendem Gedicht „entschuldige dich beim frühlicht“: „doch immer wieder vergesse ich das frühlicht, / so wie ich vergesse, dass ich den fels des sisyphos zu bewältigen habe / (der stark ramponiert ist, weil man ihn ständig durch bücher wälzt)“.
… VERSschmuggel“ ist ein kleiner, höchst lesenswerter West-Östlicher Divan. / Gerrit Wustmann, cineastentreff 29.5.
VERSschmuggel – Eine Karawane der Poesie
Arabisch- und deutschsprachige Gedichte
Herausgeber: Aurélie Maurin, Douraid Rahhal
Mit 2 CDs
Verlag Das Wunderhorn
141 Seiten, Format: 13.5 x 21 cm, gebunden
Erscheinungsjahr: 2010 | ISBN: 978-3-88423-346-7
43. Millionen für Dichter
Die saudische Dichterin Hissa Hilal errang in der Endausscheidung des populären arabischen Lyrikwettbewerbs von «Abu Dhabi TV»«Dichter für Millionen» den dritten Platz. Dafür erhielt sie das Preisgeld von drei Millionen Dirham (rund 611 000 Euro).
Als sie in einer früheren Folge der Sendung ein Gedicht gegen fanatische Religionsgelehrte vortrug, die junge Männer zu Selbstmordattentaten anstacheln, tauchten in Islamistenforen im Internet Todesdrohungen auf. / MdZ 8.4.
Sieger wurde ein Dichter aus Kuwait, Nasser al-Ajami, Platz 2 ging an Falah al-Mowraqi, ebenfalls Kuwait.
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