Schlagwort: Gegenwartslyrik

Was hast du vor mit deinem wilden, kostbaren Leben?

Ich weiß, wie man Aufmerksamkeit schenkt, wie man
ins Gras fällt, wie man sich ins Gras kniet,
wie man müßig und gesegnet ist, wie man durch die Felder streunt,
denn das ist es, was ich den ganzen Tag machte.
Sag, was hätte ich sonst machen sollen?
Stirbt nicht alles am Ende und viel zu schnell?
Sag mir, was hast du vor
mit deinem wilden, kostbaren Leben?

Die Zunge wird uns verraten

Dass du wunderlich bist und ich wunderlich bin,
trifft sich fabelhaft, gemeinsam verwundern wir
die Welt. Spaziernde Familien werden mit
dem Finger auf uns zeigen, wir werden berühmt

werden und geheimnisvoll sein, sie werden auch Filme
über uns drehen, alles unwahres Zeug.

Mit ’nem bißchen guten Willen geht’s schon

Der Mann trägt das Kind aus
und später noch zwei
Mit ’nem bißchen guten Willen
 geht’s schon

warum sollte ich denn originell sein wollen?

warum sollte ich denn originell
sein wollen? alles gezeigt alles
gedacht alles gesagt nur mein
gesicht birgt eine gewisse un
verwechselbarkeit in draufsicht

Zwei Gedichte

Ich glaube nicht mehr ans Gedicht.
Ich glaube an Geld und Gericht,
Anwälte, Juristen, an die Macht,
abstrakte Institutionen, aber an dich,
Gedicht, glaube ich nicht.

Dieses eine lange Gedicht

Wenn von der Bahnlinie hinter dem Forst die Züge zu hören waren,
gab es am nächsten Morgen Regen.
Die Birken neben dem Bahndamm
hörten auf die Geburtsnamen schlesischer Mädchen.

Geburt

während sie den Bauch öffneten und einen
kurzen Moment tasteten nach dem Kind das
erschreckt aufwachte nehme ich an vorher
hatte es noch geschlafen ganz deutlich
der Kopf lag geborgen knapp unter den Rippen

Der Sommer bäumt sich

Geduldig reckt der Mais
die Blütenköpfe dem September zu
samt seiner süßen Kolbenfrucht
noch hat August die Stabsgewalt
doch bald steht hier ein Stoppelfeld
der Abend dämmert schon

ratschlag

ein gutes gedicht braucht heut
zutage einfach einen mord damit
die quote stimmt sie nicht zum
pinkeln gehn wenn du um ihre
herzen wirbst musst du sie brechen

ich bin es / Dinçer

ich bin es / der Falschgeborene / der verstohlene Bastard Heras / entführt und transportiert ins 20. Jahrhundert in einem Gastarbeiterkoffer zwischen Leerraum und Angsten, transportiert hier nach Deutschland / ich bin es / Dinçer / die Schwester des Berges

meine freundin Julia

wollt ihr wissen, wer zu den top 5 coolste menschen auf der welt gehört:
Julia Grinberg
spoiler, ihr seid nicht dabei, ich auch nicht

Über Hosen

Immer schreibst du über Hosen
sagst du. Hosen, die herunterfallen
Hosen, die auf dem Boden um
die Knöchel liegen, Khakis über
der Stuhllehne, aufgeknöpfte
Jeans, die einem Mädchen
ohne BH in deinem Zimmer
die Beine entlang zu Boden sinken.

Ihr Irren

Ihr, Lieben, Trunkenbolde, Zeterer, lausige Schimpfer,
Maulhelden, Knallköpfe, Süßschnaufende, Zyniker, Zweifler,
ihr Melancholiker jenseits des Mondes

Lassen Sie das Kontinuum frei

Bitte versuchen Sie,
mich nicht in Begrifflichkeiten zu fassen.
Lassen Sie das Kontinuum frei.
Die Ranunkeln sind Handelsklasse A.
Kann der Wasserhahn nicht stehen bleiben?
Pathos tropft!
Ich schwöre.
Mein Parfum heißt L’INTERDIT.
Es ist so wunderbar, ein „R“ über die
Zunge rollen zu lassen.
Mache ich aber nicht.
Contenance!

Österreichisches Gedicht

8 Die Sonne macht untergehend eine Bergkante sichtbar
und hinter den Lärchen erscheint der Mond:
Eins gibt das andre
und man freut sich

9 Eins gibt das andre
und man freut sich:
und die Freude gibt wieder ein andres