Schlagwort: Gegenwartslyrik

Dieter Wellershoff 1925-2018

Wie die Dinge abhanden kommen
als seien sie nicht zugelassen.
Dies Glas ist ausgetrunken
die eisernen Rüstungen in den Vitrinen
sind leer.
Nichts scheint einfacher als
diese Vorstellung zu verlassen.

Plastikmeer

Eine Fundgrube von Unrat und Müll
war ich. Der Magen quoll über von allem

was unvergänglich Ewigkeit besaß: just
plastic, so daß ich von Kopf bis Schwanz

schon flügelbreit ausgestopft war, bevor
ich aus eignem Gefieder fliegen konnte.

Wolken

Also fort-da mit der Sonne.
Dann sind endlich auch die Schatten weg.

Jetzt wollen wir

wozu noch länger warten
die stecken sind geschnitzt
die geier wollen starten
steht in beton geritzt

Was mir gehört ist meins

Was mir gehört ist meins
was dir gehört ist deins
meine Nägel gehören mir
wenn ich Lust habe sie blutig anzumalen
schau nicht finster
wir haben alle die Wahl

Martin Bernhardt (1961-2000)

Nur noch die Bäume
passen sich der Gedrücktheit
dieses Landes nicht an

Die Zeitung braust

Die Zeitung braust,
eine Verwandte ist gestorben,

hat die Überlieferung, die Daten
und liebevollen Geschichten mit sich gezogen
wie ein Tischtuch mitsamt dem Gedeck.

Zu was Poesie gut sei

Und ein gutes Gedicht? Eine Banane, die in einer Obstschale fault.
Und was bewegt dich? Eine Banane, die in einer Obstschale fault.
(Es geht hier kein bisschen um Metaphysik, die schwarzen
Flecken haben mich schon immer schwach gemacht.)

Es ändert nichts

und ist doch bloß in meiner Rippenkammer

die Seele oder was darin gefangen,
die an dem Riegel rüttelt, und
nun läuft sie sich im Kreise wund,
obwohl sie weiß, sie wird nie raus gelangen.

Nach den Revolutionen

Mit auf dem Rücken verschränkten
Händen wandern sie, die Dichter
Über die Dünen und durchs Gebirg.
Und bedenken alles Überkommene
mit Spott

deppat gscheit

sam ma a bisserl gonz deppat im hian
sam ma a bisserl gonz gscheit im hian

Was hast du vor mit deinem wilden, kostbaren Leben?

Ich weiß, wie man Aufmerksamkeit schenkt, wie man
ins Gras fällt, wie man sich ins Gras kniet,
wie man müßig und gesegnet ist, wie man durch die Felder streunt,
denn das ist es, was ich den ganzen Tag machte.
Sag, was hätte ich sonst machen sollen?
Stirbt nicht alles am Ende und viel zu schnell?
Sag mir, was hast du vor
mit deinem wilden, kostbaren Leben?

Die Zunge wird uns verraten

Dass du wunderlich bist und ich wunderlich bin,
trifft sich fabelhaft, gemeinsam verwundern wir
die Welt. Spaziernde Familien werden mit
dem Finger auf uns zeigen, wir werden berühmt

werden und geheimnisvoll sein, sie werden auch Filme
über uns drehen, alles unwahres Zeug.

Mit ’nem bißchen guten Willen geht’s schon

Der Mann trägt das Kind aus
und später noch zwei
Mit ’nem bißchen guten Willen
 geht’s schon

warum sollte ich denn originell sein wollen?

warum sollte ich denn originell
sein wollen? alles gezeigt alles
gedacht alles gesagt nur mein
gesicht birgt eine gewisse un
verwechselbarkeit in draufsicht