109. Meine Anthologie 78: Li Bai, Selbstvergessen

 

(Originaleintrag von 2001. Nachträge 2011 vielleicht später)

Selbstvergessenheit

Der Strom – floss, 
Der Mond vergoss, 
Der Mond vergaß sein Licht – und ich vergaß
Mich selbst, als ich so saß 
Beim Weine. 
Die Vögel waren weit, 
das Leid war weit, 
und Menschen gab es keine.


Li Bai (Li Tai Bo), deutsche Fassung von Klabund , in: Klabund. Chinesische Gedichte. Nachdichtungen. Stuttgart Zürich Salzburg: Europäischer Buchklub, ca., 1958 (S. 53) (ursprünglich Phaidon Verlag Zürich).


(Eigentlich ein Gedicht von Klabund nach einem Motiv von Li Bai.)







Selbstvergessenheit

Ich saß und trank und gab nicht acht auf das Dunkeln,
Bis Blütenblätter sich häuften in meines Gewandes Falten.
Trunken ging ich zum Strom und sah in des Mondlichts Funkeln –
Kein Vogel regte sich mehr, und am Ufer glitten nur wenig Gestalten.

(Franziska Meister aus dem Englischen des Arthur Waley)


Ist das dasselbe Gedicht? Man muß schon ein wenig grübeln und schauen.

Self-Abandonment

I sat drinking and did not notice the dusk,
Till falling petals filled the folds of my dress.
Drunken I rose and walked to the moonlit stream;
The birds were gone, and men also few.

(Englisch von Arthur Waley)


Nach einem Kommentar hier
http://www.cs.rice.edu/~ssiyer/minstrels/poems/826.html 

dürfte Waleys Fassung dem Original am nächsten kommen – offenbar auch dem „Geist“ der chinesischen Sprache und Dichtung, die mehr ausspart (während Klabund süß spricht, unserem verwöhnten Ohr schmeichelt):

there are occasions on which Waley gets things exactly right; this is one of them. „Self-Abandonment“ captures the beauty that lies on the other side of perception, the beauty of the unspoken, the unseen, the unknown. It’s almost Zen-like in its rejection of character and plot, and yet, in a mysterious, moonlit sort of way, it works – and it’s absolutely wonderful.

Selbstvergessen

Vor mir der Wein. Ich spürte kaum
  das Nahn der Dunkelheit.
Von niederfallendem Blütenflaum
  war mein Gewand beschneit.

Das stand ich auf und stieg den Bach
  entlang in Trunkenheit.
Der Mond… – kein Vogel war mehr wach;
  die Menschen waren weit.

(Günther Debon)
Verlassenheit

Trinkend saß ich und achtete nicht,
Wie das Dunkel der Nacht mich umhüllte.
Blütenblätter rieselten dicht,
Daß des Mantels Falte sich füllte.

Ich erhob mich trunken und wanderte schwer,
Und der Mondstrahl wies mir die Straße. –
Die Felder dehnten sich menschenleer,
Die Vögel schliefen im Grase.

(Vincenz Hundhausen)
Gedichte von Li Bai kann man Chinesisch hören (und Chinesisch und Englisch lesen) auf dieser Seite:
http://www.chinapage.com/libai/libai2e.html  
– aber wohl nicht dieses.

2 Comments on “109. Meine Anthologie 78: Li Bai, Selbstvergessen

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