Die ägyptische Zeitung Al-Ahram weekly (Nr. 686) spricht mit dem südafrikanischen Dichter Breyten Breytenbach, der in Paris lebt:
Of all his epithets — poet, writer, painter and activist — he seems most comfortable with poet. In Africa even the Flies are Happy: Selected Poems (1964-1977) is a good introduction to South Africa’s most celebrated bard. Next in line, though different in spirit, is Lady Love: Of Love and other Poems. …
Breytenbach feels most comfortable reciting his poetry in Afrikaans even though he prefers to write his political prose in English. „Afrikaans is a bastard language. Afrikaans is not a European language,“ Breytenbach stresses, explaining that the language contains traces of French, English and German as well as antiquated 17th century Dutch. He describes his mother tongue as a „tainted language“ with „Creole roots“. It was the language spoken by sailors from diverse parts of the world — people who spoke Malay, the languages of Madagascar, South Africa’s indigenous Khoi and Bantu peoples, and even Arabic. They were the captives and bondsmen and women of the Portuguese, Dutch and English slavers and colonial settlers.
Außerdem: Wie der palästinensische Dichter Mahmud Darwisch und der ägyptische Künstler Gamil Shafik die Kreuzigung Christi sehen.
/ April 2004
Wann NS-Gauleiter Mutschmann die sächsische Mundart verbieten ließ, wie die Leipziger Mundartdichterin Lene Voigt aus Westfalen grüßen läßt und wie ein nach Siegen ausgewanderter Ex-Leipziger die Fachwelt verblüffte: Leipziger Volkszeitung 16.4.04
Text Lene Voigt: Dr ewiche Schlipfer
„Viel Sexuelles, das die reinen Seelen britischer Jungfrauen in vorgerücktem Alter arg irritierte“, schrieb eine Zeitgenossin. Doch auch seine Einsamkeit fasste Kramer in Verse. „Es blassen schon im Wasserglas nach einem Tag die Nelken. Das Laub des Baums, der aus dem Gras getan ist, muss verwelken. Schon dreimal fiel und schmolz der Schnee. Wie lang noch, dass ich nicht vergeh, verbannt aus Österreich.“ Der gleichnamige Gedichtband erschien 1943. Im selben Jahr kam seine Mutter im KZ Theresienstadt um. Die Schatten, über Kramer wurden länger. Als er am 3. April 1958 in Wien an einem Schlaganfall starb, folgten nur 30 Menschen seinem Sarg. / OZ 17.4.04 (–> 36, L&P 04/04)
Werner Sollors, professor of English and African-American studies at Harvard, hat eine Textsammlung zum Thema Interracial Literature [wie übersetzt man das?] herausgebracht, in dem der deutsche Autor Wolfram von Eschenbach mit den Halbbrüdern Parzival und Feirefis (ein Halbschwarzer) vertreten ist.
… the … anthology is the first in English devoted to work that Mr. Sollors says has typically been overlooked, an orphan literature belonging to no clear ethnic or national tradition. … The anthology also features half a dozen Renaissance poems celebrating interracial love, among them a translation of a lyric poem written by George Herbert in Latin. It begins: „What if my face be black? O Cestus, hear!/Such colour Night brings, which yet Love holds dear.“ / NYT 17.4.04
„An Anthology of Interracial Literature: Black-White Contacts in the Old World and the New.“ Published in February by New York University Press, $28
(Und muß man den russischen Nationaldichter Alexander Puschkin nicht in diesem Kontext nennen mit seinen afrikanischen Wurzeln? Von den Türken mitten in Afrika als Sklave nach Hause gebracht, nach Rußland verschenkt, in Rußland per Gesetz frei geworden (!), avancierte zum russischen General, heiratete erst eine Griechin, dann eine Deutsche oder Schwedin, aus welch letzterer Ehe Puschkins Großvater hervorging] (–> 49, L&P 04/04)
**) „an offspring of persons of different races“
Ancestral voices were strong in Pushkin. Perhaps that is why his foreign origins, so to speak, are important. Up to the end of the nineteenth century, a particular ancestor of Pushkin’s was considered first to be an African, and then an Abyssinian, that is, a native of the country now known as Ethiopia. It is presumed that he came from a noble family. Today it has been shown that the poet’s great-grandfather Ibrahim, nicknamed “the Blackamoor of Peter the Great,” was apparently born not far from Lake Chad, on the borders of contemporary Chad and Cameroon in Africa. Ibrahim had been a child at the outset of a war with Turkey. The Turks carried off trophies of valuables and slaves, among whom was the future poet’s ancestor. At that very time, black-skinned servants had become fashionable in Russia. At the end of the seventeenth century, the boy was given as a gift to Peter I, and christened Abram Hannibal. Curiously enough, though he had been a slave in Turkey, he became a free man in Russia–not at Peter’s whim, but by a law then promulgated. Later on he was made a general for his intelligence and devotion. Abram’s first marriage was to a Greek woman, and subsequently he married a German or Swede by the name of Christina Scherberg, with whom he had children. Abram and Christina’s son Iosif, later Osip, was Pushkin’s grandfather.
Yuri Druzhnikov, Prisoner of Russia – Mehr
/ April 2004
Ein Gedicht des Pulitzer-Preisträgers Franz Wright (–> 22, L&P 04/04), NYT 15.4.04 / Hier ein Artikel über das Verhältnis zu seinem Vater James Wright, ebenfalls ein Dichter, der den Pulitzer-Preis 1972 erhielt.
He grew up in a milieu of poets. John Berryman, another drunk, was a friend of his father’s when they taught at the University of Minnesota. „That didn’t help much with the alcoholism,“ Mr. Wright said. Theodore Roethke, a manic-depressive, jiggling his big belly, recited his children’s poems to young Franz: „There Once was a cow with a Double Udder/When I think of it now, I just have to Shudder!“
Mr. Wright observed, „I thought that all adults were insane drunks and chain smokers.“ The exception was his mother, Liberty.
And all grown-ups did was talk poetry. When Mr. Wright was 5, he recalled, he said to his parents: „Excuse me. Do you think, because it’s my birthday, we could not talk about poetry today?“
Vor 345 Jahren starb der Dichter Simon Dach in Königsberg:
Zum 1. August 1639 wird Simon Dach an der Universität zum „Professor Poëseos“ ernannt. Als die „Albertina“ 1644 einhundert Jahre alt wird, ist der Professor gehalten, das Fest mit Gedichten zu schmücken und verfasst ein Festspiel: „Die Jugend seh‘ ich als ein Heer / Getrieben durch der Zeit Beschwer / Nach Königsberg in Preussen ziehen, / Indem das Deutschland untergeht / Im Brand und seinem Blute steht, / Wird Fried‘ und Kunst in Preussen blühen.“ / BLZ 15.4.04
Der Schweizer Lyriker Raphael Urweider erhält den Clemens-Brentano-Förderpreis für Literatur der Stadt Heidelberg. Er bekomme die in diesem Jahr in der Sparte Lyrik vergebene und mit 10 000 Euro dotierte Auszeichnung für seinen Gedichtband „Das Gegenteil von Fleisch“ (DuMont Literatur und Kunst Verlag), teilte die Stadt am Freitagabend mit. / Basler Zeitung 16.4.04
In der Zeit Nr. 17/2004 stellen Vertreter der Neu-Europaländer ihr Land vor, so Olga Tokarczuk das über tausendjährige Polen. Einschlägiges Zitat:
Höchster Poetisierungs-Koeffizient pro Kopf der Bevölkerung. Etwa hunderttausend Menschen schreiben Gedichte, darunter zwei Nobelpreisträger, die beide in Krakau wohnen.
Die Literatur der Tschechischen Republik stellt Anne Hultsch in der nachbarlichen Sächsischen Zeitung vom 16.4.04 so vor (und wenn sie Recht hat, leiden die Tschechen nicht an den deutschen Einheitszwangsneurosen, halten also Unterschiede eher aus?):
Es wird viel gelesen in Tschechien. Und es gibt eine sehr differenzierte literarische Szene: „Der Steinbruch rumort“, wie es in einem Gedicht des tschechischen Klassikers Karel Siktanc heißt. … Bis heute lebendig und sehr fruchtbar ist in der Dichtung die surrealistische Strömung. In einer kürzlich erschienenen Anthologie sind Autoren der Jahrgänge 1922 bis 1978 vereint. Zahlreiche Dichter zeichnen sich durch ein starkes Formbewusstsein aus, das durch ihre Beschäftigung mit anderen Literaturen herausgebildet wird. Dazu gehören Autoren wie Petr Borkovec, Radek Maly und Radek Fridrich. Die Werke von lebenden Klassikern wie Karel Siktanc stehen in den Regalen neben der postmodernen Persiflage eines Viki Shock und den Provokationen von Lubor Kasal.
Im Zusammenhang mit der Lyrik wird noch deutlicher, was auch für die Prosa gilt: Das Nebeneinander verschiedener literarischer Generationen lässt die derzeitige Produktion als ein buntes ideelles und ästhetisches Mosaik erscheinen.
Im Neuen Deutschland vom 15.4.04 stellt Hans-Dieter Schütt Tagebücher des Lyrikers Hanns Cibulka vor. Vermutlich hat er zu viel in der Bibel gelesen; denn er schreibt:
… ein Vers zum Schluss. »Auf dem Nordpol/ kalben/ die Gletscher,// das Wasser steigt,// Böhmen/ liegt wieder am Meer …«
Hanns Cibulka: Späte Jahre. Tagebuchaufzeichnungen. Reclam Leipzig. 75 Seiten, Broschur, 6,90 EUR
Und die NZZ vom 15.4.04 läßt Muriel Spark die Geschwister Brontë vorstellen; Emily zum Beispiel:
Dieser hervorragend geschriebene biografische Abriss bildet das Herzstück von «In sturmzerzauster Welt»; weiter sind darin eine Auswahl von Gedichten sowie Sparks Momentaufnahme eines Besuchs am Grab Emily Brontës und ein abschliessender kurzer Beitrag über Heathcliff, den dämonischen Helden aus Emily Brontës einzigem Roman, versammelt.
Muriel Spark: In sturmzerzauster Welt. Die Brontës. Aus dem Englischen von Gottfried Röckelein. Diogenes-Verlag, Zürich 2003. 557 S., Fr. 51.90.
In meinem Lande/ Lieben die Menschen schwankendes Schilf … Da ist niemand, der nach/Dem Odem des Basilikums/ Und den Schmetterlingen der Kindheit fragt“. So schildert die 37 Jahre alte Lyrikerin Suheir Abu Aqsa in ihrem Gedicht Raum der Freiheit die nüchterne Stimmung in ihrer Heimat Palästina. „Bei uns / Werden die Wellen im Herzen des Landes geschlachtet/ Und der Schrei hüllt die Leichentücher der Gischt ein.“ Die Dichterin Abu Aqsa ist eine der zwei Lyrikerinnen, deren Stimmen sich mit denen von 30 palästinensischen Dichtern durchmischen und die wunderbar klangvollen Melodien der Anthologie Nach dem letzten Himmel erzeugen. … Was übrig bleibt, zeigt uns der 44-jährige Bassim An-Nabris: „Auch wenn Intifada ist/Auch wenn du nur einen einzigen Schekel /in der Tasche hast/Die Welt ist voller Poesie/Die Welt ist Poesie.“
Khalid al-Maaly (Hg.): Nach dem letzten Himmel. Neue palästinensische Lyrik (zweisprachig; arabisch-deutsch). Aus dem Arabischen von Khalid al-Maaly und Heribert Becker. Kirsten-Gutke-Verlag, Köln 2003, 397 S., 20 E/ Fahimeh Farsaie, Freitag Nr. 15
/ April 2004
KLK POETRY SLAM / 17.04.04
Es ist wieder Zeit. Mit einem neuen MC (Master of Ceremonies), besser gesagt, einer, nämlich Wiebke Hämmerling, die mit ihrer Eigenkategorisierung als MD [Master of Desaster] uns alle hoffen läßt. Wir glauben, das 2monatige Warten hat alle auftrittswilligen Dichter der Umgebung ausgehungert und die wieder ausliegende OFFENE LISTE wird sich mit alten und neuen Namen füllen. Als Preis winkt diesmal ein ganzer Kontinent, mitmachen lohnt sich.
ZEIT: 20Uhr SLAM / anschließend, ab 23Uhr PARTY
ORT: IKuWo, Greifswald, Goethestraße 1
Eintritt: ab 20Uhr 3Euro/ ab 23Uhr 2Euro
Für die Teilnehmer des Slams (jeder kann schließlich spontan mitmachen) ist der Eintritt natürlich frei.
Außerdem:
werden die drei Finalisten (zusammen mit den jeweils 3 der vergangenen 2 Slams) am Freitag, dem 14. Mai 04, im IKuWO Café, die Auswahl für das SlamTeam Greifswald stellen. Die fünf vom Publikum als Beste Erachteten werden bei der SLAMBATTLE [IM TEAM LESEN] am 19. Juni 2004 im IKuWO die Greifswalder Ehre gegen ein Hamburger Team verteidigen.
weitere Infos unter http://www.kunstleutekunst.org oder info@kunstleutekunst.org
[Nachbemerkung: Ich kann aus Zeitgründen keinen Veranstaltungsservice bieten; aber wenn Ihr/ Sie mir einschlägige Veranstaltungstips gebt/geben und die Zeit reicht, rück ich sie gerne ein]
Es geht ziemlich lautstark zu in diesen frühen Gedichten, der Dichter zeigt sich verknüpfungssüchtig und rauschbereit.
An Gerüchen und rauschhaften Augenblicken der Vergangenheit entzündet sich die Poesie: ich rieche die pferde in polen, in elblag ruinen / ich rieche das wasser, das blut, die riesigen bretter auf den gestellen / in der tatra verschwindet jürgen, mit fackeln und hunden haben sie / ihn herausgeholt als er schon nicht mehr atmete / fresken im campo santo, jeden tag lade ich acht tonnen ab / die straßen manhattans rieche ich, dampf spritzt, mit dem kopf / krache ich gegen taxidächer/… mimikry rieche ich, ich rieche monterey … So regiert in den frühen Gedichten ein Sturm-und-Drang-„Ich“, das vor Vitalität und Übermut zu bersten scheint. In langen Reihungen und Wiederholungen und mit langem Atem durchstreift der Dichter sein Terrain, und es entstehen schöne Rhapsodien, die einmal an Helmut Heissenbüttels listige „Textbücher“ und dann wieder an die großen Litaneien der Beat Poets erinnern. Bei jeder Gelegenheit suchen Salamuns frühe Verse die Verbindung von Schönheit und Schock, den rüden Zusammenprall von hohem Ton und schriller Dissonanz: ich rieche die concordance des temps, / ich schmuggle afghanistan / wettlauf zwischen kassierer und fatima, ich rieche die hure auf / den schultern der soldaten /… ich rieche schlauheit und verbrechen / ich rieche transgression, ich rieche, schlafe. / Michael Braun, Freitag Nr. 14
Aber das sind Ausnahmen. Gedichte. Aus dem Slovenischen von Peter Urban. Edition Korrespondenzen, Wien 2004, 96 S., 14 EUR
Tomasz Salamun
Vier Fragen der Melancholie
Gedichte. Aus dem Slovenischen von Peter Urban. Zweisprachige Ausgabe.
edition Korrespondenzen
184 Seiten
EUR 22,20
ISBN 3902113-25-1
Tomasz Salamun, geboren 1941 in Zagreb, aufgewachsen in Koper, lebt in Ljubljana. Sein Gedichtband Poker (1966), dem inzwischen mehr als 30 weitere Bände folgten, markiert einen Neubeginn in der slovenischen Lyrik. Seine Gedichte sind in fast alle europäischen Sprachen übersetzt. Auf Deutsch erschienen: Ein Stengel Petersilie im Smoking (S. Fischer Verlag 1972), Wal (Droschl Verlag 1990).
Neueste Kommentare