Lesung mit Lars-Arvid Brischke & Rainer Stolz
am Freitag, den 25. September 2009 um 20:00 Uhr
Schwartzsche Villa, Kleiner Salon
Grunewaldstr. 55, 12165 Berlin-Steglitz
(U + S Rathaus Steglitz)
Eintritt: 5 / 3 €
Als erprobtes lyrisches Doppel – gespeist aus textlichen Resonanzen einerseits, aus freundschaftlicher Verbundenheit andererseits – möchten wir Sie / Dich zu einem speziellen Programm einladen:
Intro: In zwei kurzen Soli stellt sich jeder von uns mit einer Auswahl neuer Gedichte vor.
Impro: Danach lesen wir in spontaner Reaktion abwechselnd Gedichte aus unseren Büchern und Manuskripten, wobei jeder jeweils eines seiner Gedichte wählt, das ihm als passender Anschluss an das vorherige des anderen erscheint.
Combo: Im dritten Teil schließlich präsentieren wir erstmals eine Auswahl aus unserem gemeinsamen, noch unveröffentlichten Manuskript „Flügelzeug. Klang-, Tüftel- und Raubgedichte“. Hierin sind die Texte, die an verschiedene Traditionen sprachspielerischer und lautmalerischer Poesie anknüpfen, wiederum im Wechsel nach inhaltlichen und formalen Bezügen oder Korrespondenzen komponiert und zum Teil auch in gegenseitiger Inspiration entstanden.
Wenn zum 50. Jahrestag der Erstveröffentlichung nun die deutsche Übersetzung der originalen Fassung erscheint, wird damit ein wichtiges Dokument der Underground-Literatur abermals erschlossen. Die Übersetzung von Michael Kellner ist oft etwas präziser als die alte, bei Zweitausendeins erschienene Übersetzung von Carl Weissner, löst aber auch gelegentlich manche harte, bissige Fügung in allzu betuliche Syntax auf, die den typischen beat vermissen lässt. Was jedenfalls heute noch an «Naked Lunch» beeindruckt, sind die Textform, die Protokoll, Erzählung und Traktat schroff nebeneinanderstellt, und die Radikalität, mit der Burroughs‘ Stil von sachlicher Sprache unvermittelt in einen obszönen Slang wechselt. Als literarisches Kunstwerk kommt es allerdings stellenweise allzu zeitgebunden daher, die gewaltsamen Tabubrüche können kaum mehr schockieren, vielleicht, weil der Mythos der wilden Sechziger inzwischen nostalgisch verklärt wurde. / Jürgen Brôcan, NZZ 19.9.
William S. Burroughs: Naked Lunch. Die ursprüngliche Fassung. Aus dem Englischen von Michael Kellner. Nagel & Kimche im Carl-Hanser-Verlag, München 2009. 378 S., Fr. 42.90. Jürgen Brôcan lebt als Lyriker, Übersetzer und Publizist in Dortmund.
Ach, zeig mir den Punkt, wo sich alles trifft
wer denn kann sagen: Ich besitze, ich habe gehabt!
Eine Klause hast du dir geschaffen, eine Zelle für dich,
deinen Rückzug
In der Stube steht auch ein Lager,
eine Möglichkeit, zehn Minuten zu verweilen,
still zu sein
den Druck der Waden zu spüren auf kühlem Laken
Du hebst den Tüll beiseite, dieses schräge Stück Gardine
und blickst in die Landschaft
auf den Feldern stehen die Raben
in Furchen, die leer sind, die Helle der Sonne
schräg aus dem Weltall täuscht dich über die Zeit
Nebelmonat November, wenn alles verschwebt,
die Gedanken, das Gedächtnis der Toten
höchsten ein Schrillen weckt dich,
ein Ruf von Ferne, jemand am Telefon
der dich erreicht, der dich einbezieht
Es gibt dir ein Dasein und ein Erinnern
eine Woche bedenken, atemlos drüben
zwischen Wupper und Duisburg
An welches Haus, an welchen Hügel gelehnt
richtet sich dein Gedanke auf
der so klar, der so lupengenau ist
als wäre ein Dichter dabeigewesen
Reporter der nackten Dinge
Einmal so außer sich sein – dann weiterleben
wie unerkannt
Nun trägst du Blumen in die Stube
Astern so knirschend kühl und herb wie du selbst
wenn du dich nicht traust, die Wimpern zu öffnen
die Lider ganz hochzuschlagen, mit deinen Augen zu sehen
deine Kraft, dein Eigenstes
dich, im Spiegel oder im blinkenden Fensterglas
der Stube oder im Echo des Freundes
der dich sieht und hört, wie du wirklich bist
dann hast du alles Störende beiseite geschoben,
den Stuhl von der Tenne, die schwere Schabracke
die dem Zimmer das Licht nimmt,
dann leuchtest du, du bist du selbst
deine Stube bist du
Ich lege meine Hand in deine Seele
fühle mich gut dabei
Wir machen beide eine Ausnahme
sie gefällt uns gut
Einmal
den Schwarm hochfliegen lassen der nistenden Vögel
die alle ihr Heim hatten ihr Nest und ihre Beköstigung
ihr zieht fort, Vögel und Schwärmer
und mir fällt das Aufsegeln zu
wo von Küsten weg alles ins Blau, ins stürmische Meer
in die Weite strebt
Zu deinem Traum fährst du
zum Nordkap
Annäherung und Ferne, wer denn weiß, wann wir treulos
frank und frei uns hingeben, alles fahren lassen
was uns bindet, uns hält
mit geschlossenen Augen
das Schönste sehen
darüber still zu sein
wenn dich Unheimliches berührt
wie ein Mund, der nicht da ist
(Wilhelm Fink)
Der Leser der Gedichte des Iain Crichton Smith (1928-1998) findet sich unversehens in einem Brueghel-Bild wieder: das knochige Pferd, das einen Karren voller Schädel zieht, senkt den Kopf. Was bewegt einen schottischen Autor des 20. Jahrhunderts, der in seinem Land als einer der wichtigsten Dichter seiner Generation gilt, mit den Bildern der Renaissance zu korrespondieren? Der Sturz des Engels, die tanzenden Bauern, der Tod in Kapuzen findet sich wieder in Gedichten, die Motive aus der jüngeren Geschichte der gälisch sprechenden Minderheit der Hochlandbewohner aufgreifen. Deren Exodus begann Ende des 18. Jahrhunderts. Den Vertriebenen und Auswanderern und den gebliebenen Alten, die die gälische Sprache und ihre Kultur zu bewahren suchen, hat der Schotte seine Gedichte gewidmet. In ihnen beschwört er die Schönheit und den Glanz des Alten. Den Exilanten aber halten Hoffnung und Erinnerung am Leben. Smith umreißt dessen Elend in Hunger und Alkohol. Seine Verse spüren den Veränderungen nach, die Vertreibung und Emigration bei Menschen bewirken. Die Metaphern und Vergleiche, die an der Bildoberfläche als Schiffe, Segel und Meer aufblitzen, bewegen sich zwischen Hoffnung und Trauer. Obwohl die lyrischen Figuren der Gedichte als Individuen einer aussterbenden Kultur definiert sind, scheinen die Verse allen Heimatlosen, Verbannten und Ausgestoßenen gewidmet zu sein. Heimkehrer aber kommen in eine Welt zurück, die sich gewandelt hat. Sie sind Fremde geworden. Die sogenannten Kleinen Leute kommen in Monologen zu Wort. Das lyrische Ich ergänzt ihre Rollenreden mit Imaginationen und Symbole von schmerzlich schöner Klarheit. Es sympathisiert mit Außenseitern, die die gälische Sprache und die Traditionen zu bewahren suchen. / Dorothea von Törne, Die Welt 19.9.
Segel aus Salz.
Von Iain Crichton Smith. A. d. Engl. v. Elmar Schenkel.
Edition Rugerup, Hörby. 160 S., 19,90 Euro.
Über den dritten Gedichtband des Göttinger Literaturprofessors Heinrich Detering schreibt die Autorin:
Nie kommen die Verse moralisierend oder belehrend daher. Das unterscheidet sie wohltuend von anderen zur Poetenzunft wechselnden Dozenten. Dieser denkt auf heitere Weise nach über das kulturelle Klima oder „famous last words“
Wrist.
Von Heinrich Detering. Wallstein, Göttingen. 80 S., 15,40 Euro.
Außerdem in der Sammelrezension über
Bernsteinherz.
Von Christoph Klimke. Mit Zeichnungen von Johann Kresnik. Eremiten, Düsseldorf. 67 S., 17 Euro.
Sämtliche Gedichte.
Von Hilde Domin. Hrsg. von Nikola Herweg und Melanie Reinhold. S. Fischer, Frankfurt/M. 351 S., 16 Euro.
Gerrit Wustmann über das aktuelle „Poetenladen-Debättchen“:
Stefan Mesch streift durch die Lyrik im Onlinezeitalter, die eben dieses Gemisch aus Dichtung und Diskussion präsentiert, das vielleicht manchen Leser abschreckt. Da mosert Mesch, zugegeben nicht zu Unrecht, darüber, dass die Benutzerführung des Poetenladens suboptimal ist. Ja, und was bringt uns das? Richtig, schon wieder nichts. Und der durchschnittliche Zeitleser hat noch weniger davon, denn anstatt zum lyrischen Stöbern und Entdecken wird er eher dazu angeregt, angesichts des Gemäkels Abstand zu wahren. Iris Radisch hat das Publikum im Sommer 2007 schon mit einem selten unnkenntnisgeladenen Artikel davon abgehalten, Zugang zur Lyrik zu finden. Man hätte meinen sollen, dass einer, der aus der Szene kommt, es besser macht. Er hätte ja stattdessen über Lyrik schreiben und ein paar der wirklich herausragenden jungen Talente vorstellen können. Aber der Schall der Debatte scheint ihm wichtiger zu sein.
Und über „Bella triste“:
Damals hatte diese kleine aber beachtliche Redaktion erstmals in den überregionalen Feuilletons auf sich aufmerksam gemacht, als sie eine wirklich hervorragende Ausgabe mit Schwerpunkt Lyrik und Lyrikdebatte herausgab. Was so hoffnungsvoll begann wurde zu eben jenem lahmen Tanz um die eigene Achse. Selbst das wäre verzeihbar, würde der Truppe nicht inzwischen etwas Elitäres anhaften (ich lasse meinen Eindruck, sollte ich mich irren, gerne korrigieren). Das spürt man daran, dass es in der „Community“ inzwischen zwei Debattenlager gibt: Das „offene“ und das „Bellalager“, das sich weitestgehend auf Autoren aus dem Dunstkreis der Hildesheimer beschränkt. Dieses Lager debattiert nicht „mit den Anderen“, sondern allerhöchstens über sie, eine Haltung, die auch in Meschs heutigen Einwurf spürbar ist. Man kann sich nichtmal drüber ärgern – nur wundern. Bis heute lese ich die Bella gerne, aber sie ist im Vergleich mit anderen „jungen“ Literaturzeitschriften nichts Besonderes. Man kann darin großartige Entdeckungen machen (bezogen auf Lyrik und Prosa), man findet aber auch vieles, das mit Wasser gekocht ist.
/ Neue Rheinische Zeitung 19.9.
Zur Debatte siehe die Leserkommentare bei der Zeit und hier
Beim Poetenladen lese ich:
Der urspüngliche Zeit-Text von Stefan Mesch wurde aufgrund der Kritik geändert: Die Wendung „blöd versteckt“ musste Stefan Mesch streichen.
Stellen Sie sich vor, es gäbe ein Land, in dem jede überregionale Zeitung, die etwas auf sich hält, jede Woche eine ganze Seite voller Gedichte publiziert. Gedichte, die von einer Expertenjury aus 3.000 bis 4.000 Einsendungen ausgewählt wurden, die Leserinnen und Leser jeden Alters, aus allen sozialen Schichten stammend, eingesandt haben.
Malen Sie sich dazu eine tausendjährige Tradition des Gedichteschreibens aus, eine Tradition, die dieses Land so durchdrungen hat, dass alle in der Schule das Gedichteschreiben lernen, dabei einen Sinn für jedes einzelne Wort, einen Zugang zur Welt und eine Ausdrucksmöglichkeit für ihre Gedanken und Gefühle gewinnen. Stellen Sie sich jetzt noch Gedicht-Gesellschaften vor, mit zehntausenden von Mitgliedern, die regelmäßig Gedichtwettbewerbe abhalten. Wenn das Ihre Vorstellungskraft übersteigt, fahren sie einfach mal nach Japan. Da gibt es das alles. Nachzulesen in dem im Reclam Verlag erschienen Band „Gäbe es keine Kirschblüten… Tanka aus 1300 Jahren“. / Deutsche Welle 17.9.
Die 50er Jahre waren voller Hoffnung, selbst für einen Dichter wie Reiner Kunze, und man vergisst immer, dass eine Reihe von Autoren vom Westen nach dem Osten gewechselt sind – Stephan Hermlin, Wolf Biermann, Peter Hacks, Adolf Endler, um nur einige zu nennen. Ihre Hoffnungen galten einem Staat, in dem jedes Kuhkaff ein Klubhaus und jede Kleinstadt ein eigenes Theater hatte, in dem jeder größere Betrieb und jede Kaserne über eine Bibliothek verfügte und in dem es sogar ein Literaturinstitut gab. Und es gab – das war mein besonderer Neid – das „Poesiealbum“.
Ein monatliches Lyrikheft, das man für 90 Pfennige an jedem Kiosk kaufen konnte.
Das war natürlich ein Traum für mich! Jetzt haben wir dieses ganze Erbe am Hals, jetzt sind wir die Erben. Ob wir es wollen oder nicht, das ist deutsche Literatur … Kurz und gut, wir haben gewartet, und es kam nichts. Und diese DDR-Anthologie, die wir jetzt gemacht haben, war ein Lieblingsprojekt von mir. Ich hatte doch angefangen mit DDR-Literatur, 1960, als ich noch Lektor beim S.Fischer-Verlag war. Damals habe ich Peter Huchel zum ersten Mal gedruckt, Hermlin, das erste Buch von Christa Reinig. Also, das Gelände war mir vertraut. Es ging uns, wie wir es auf der Rückseite des Schutzumschlags zum Ausdruck bringen, darum, die schönsten, charakteristischen, vergessenen oder verbotenen Gedichte in Erinnerung zu bringen. Zum Beispiel „Schwarze Bohnen“ von Sarah Kirsch. Ein wunderbares Gedicht, ganz bescheiden, ganz einfach, ganz unpolitisch – und trotzdem tobende Reaktionen! Es erschien damals bei mir im „Tintenfisch“, dem Jahrbuch für Literatur, und hat in der DDR furchtbare Reaktionen ausgelöst.
Weil es „dekadent“ war?
Nein, weil die Kulturpolitiker entsetzlich dumm waren. Ich nenne nur Alfred Kurella und die Kafka-Konferenz 1963 in Liblice. Er hat es nicht verstanden. Und sie haben auch bei Sarah Kirsch nur gesehen, da beschreibt eine Autorin, wie sie Kaffeebohnen kleinmacht und hinterher die Bohnen wieder zusammensetzt. Ein sehr merkwürdiger, schöner Vorgang. Es war dieses Unverständnis, was dann ganz klar in dem berüchtigten Plenum im Dezember 1965 zutage trat, wo Ulbricht wörtlich gesagt hat, die DDR ist ein sauberer Staat. Sauberer Staat – da habe ich mir immer vorgestellt, wie einer an dem Staat rumschrubbt. Und dann fiel der fatale Ausdruck, wir dulden keine Anarchisten. Wenn das Wort „Anarchist“ fällt, sage ich als Verleger, sind die Lyriker immer vorgewarnt. Denn Dichter sind geborene Anarchisten, denen fällt, wenn der Tag lang ist, viel ein und sehr viel Divergierendes. …
Manche sagen, aus der DDR würden höchstens zehn, zwölf Dichter bleiben.
Zehn, zwölf? Das ist viel! Da muss ich auch im Westen ganz ordentlich zählen, bis ich zwölf zusammenkriege.
(…)
Hilbig ist ein klassischer Fall. Der wäre im Westen wahrscheinlich kein Lyriker geworden. Der ist in der ganzen Ambivalenz ein echtes DDR-Produkt. Eddie Endler auch. Die haben sich zu Tode gesoffen – eine Art stiller Freitod.
/ Frank Quilitzsch, Thüringische Landeszeitung 18.9.
100 Gedichte aus der DDR. Hrsg. v. Christoph Buchwald und Klaus Wagenbach, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin, 160 S., 16,90 Euro
Daniela Danz, gefeiert als die „neue Stimme der deutschen Lyrik“, liest Prosaminiaturen aus ihrem Gedichtband „Pontus“. Bei ihr ist die antike Mythologie nicht nur Referenz, sondern Grundlage der Poetik. In „Helles Meer“ etwa beschreibt die Dichterin den Ritt der Helle und des Phrixos über den späteren Hellespont, es ist eine Grenzüberschreitung zwischen Europa und Asien. Gleichsam überschreitet Danz in ihren Gedichten die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Mythos und Realität, denn immer wieder kollidieren in den Zeilen antike Motive und Formen mit Verweisen auf aktuellste Thematiken.
Anders als Daniela Danz hat sich der gefeierte Nico Bleutge ganz vom lyrischen Subjekt verabschiedet. Die vorgestellten Gedichte seines Bandes „Fallstreifen“ sind mehr Kollektor von Wahrnehmungen als Reflexion von Gelebtem oder Phantasiertem. Sein Thema ist das visuelle Abtasten der Welt und ihrer Beschaffenheit, die er mit klirrend klaren Worten beschreibt. …
Volker Sielaff unterdessen liebt die große Geste nicht. Er habe Schwierigkeiten mit Mythen, sagt der Dichter bei „New German Poetry“. Stattdessen besinnt er sich in seinen Poemen auf oftmals ganz alltägliche Momente, die in präzisen Beobachtungen zu erstaunlicher Prägnanz gebracht werden. / Frauke Fentloh, Berliner Morgenpost
9. Internationales Literaturfestival Berlin , Haus der Berliner Festspiele, Schaperstr. 24, Wilmersdorf, Tel. 25 48 90 sowie an weiteren Spielorten. Das Festival geht am Sonntag um 20 Uhr mit dem HipHop-Musical „Die vergessenen Befreier“ im Haus der Festspiele zu Ende.
Der Schweizer Schriftsteller Alain Claude Sulzer wird mit dem von der Stiftung Hermann Hesse Literaturpreis Karlsruhe, die von der Literarischen Gesellschaft Karlsruhe betreut wird, vergebenen Hermann Hesse Literaturpreis 2009 ausgezeichnet. Der 1953 in Basel geborene Autor erhält den mit 15.000 Euro dotierten Preis für seinen Roman „Privatstunden“, der gerade bei Suhrkamp als Taschenbuch erschienen ist.
Der mit 5.000 Euro dotierte Förderpreis geht in diesem Jahr an den 1978 in Wiesbaden geborenen Autor Christophe Fricker für „Das schöne Auge des Betrachters“. Der Lyriker zähle mit seinem Gedichtband zu den großen Hoffnungen der zeitgenössischen Dichtung, begründete die Jury: „In bewusster Anknüpfung an die Gedankenlyrik Stefan Georges“ sprächen Frickers Texte „von Freundschaft und Liebe, kurzum von den Erschütterungen des Herzens in einer Zeit, in der für schöne Seelen wenig Platz ist“. Die Jury lobte Fricker als „hellen Beobachter“, der in „kontrastreichen Denkbildern in musikalischem Duktus und von bilderreicher Wucht die Gefühlskultur stets im Widerstreit mit dem schnöden Materialismus der Epoche“ zeige. Die Preisverleihung findet am 26. November um 17 Uhr im Karlsruher Rathaus statt. / hermann-hesse-preis.de
Das war das sowohl absurdeste als auch unvergesslichste Symposion, an dem ich je teilgenommen habe. Willkommen zurück im Kalten Krieg – ähnlich bizarr und unberechenbar ging es hier zu. Bis zuletzt, als ich in letzter Minute mein Flugzeug nach Frankfurt bestieg, hatte ich keine genaue Vorstellung davon, was mich dort erwarten würde. Ich war auf alles gefasst, auf Demütigungen, selbst darauf, möglicherweise gar nicht eingelassen zu werden. …
Beim letzten Panel des Symposions, als endlich die Rolle der Literatur auf der Tagesordnung stand, versuchte ich also als Verleger, auf Paul Celan zu sprechen zu kommen. Ich habe in meinem Verlag „Tendenzen“ eine chinesische Biographie mit ausgewählten Werken von Paul Celan herausgebracht, ein Band, der für mich persönlich zum wichtigsten Werk während der Zeit meines schriftstellerischen Exils in den vergangenen Jahren geworden ist. Was ich auf der Konferenz nur kurz ansprechen konnte und den Gästen aus meinem eigenen Heimatland klarmachen wollte, war, dass Celan sein Leben lang, als Dichter in einer schwierigen Zeit, keinen Moment lang aufgehört hat, das auch nach dem Krieg noch in seinem Vaterland – Deutschland – fortbestehende faschistische Denken bloßzustellen und zu kritisieren. Zu jeder Lesung, die er bei seinen Besuchen in Deutschland hielt, brachte er sein ganz persönliches Leid mit und spürte das kleinste Detail auf, mit dem dieses Land seine eigene finstere Geschichte zu kaschieren versuchte.
Doch, was mich immer zutiefst berührt hat, ist, dass dieses Deutschland, das Land seiner Muttersprache (und der Sprache seiner Mutter, die von Deutschen getötet wurde), Celan empfangen hat. Und nicht nur empfangen hat, sondern ihn auch als einen der großen Dichter der eigenen Literatur geehrt hat. Nicht nur, dass er mit dem Büchner-Preis ausgezeichnet wurde; die Deutschen zollten ihm aufrichtigen Respekt. Und was mich noch tiefer beeindruckt ist, dass seine deutschen Schriftstellerkollegen ihn stets als ihresgleichen betrachtet und empfangen haben.
In China wird das, was nach offizieller Vorstellung als chinesische Literatur gilt, in die geographischen wie ideologischen Grenzen der Volksrepublik gezwängt. Jede chinesischsprachige Literatur, die sich außerhalb dieser Grenzen bewegt, wird ignoriert, der in Frankreich lebende Nobelpreisträger Gao Xingjian wird gar als „französischer Schriftsteller“ bezeichnet. Nestbeschmutzer wirft man eben aus dem Nest. Dabei haben gerade diese in der chinesischen Literatur Tradition: Kaum ein klassischer chinesischer Dichter, von Qu Yuan bis Du Fu, der nicht vom einem Landesherrn verstoßen worden wäre. Die heute im Exil lebenden Schriftsteller zu ignorieren heißt, einen wichtigen Teil der zeitgenössischen chinesischen Literatur zu verleugnen.
Nein sagen zu können gehört zu den wichtigsten Traditionen chinesischer Schriftsteller. Aber das gehörte zu den vielen Dingen, über in diesem Symposion zu kulturellen Fragen nicht gesprochen wurde. / Bei Ling, FAZ 19.9.
Kommentar von Axel Kutsch
Wir Älteren erinnern uns noch gerne an die Selbsttore von Franz Beckenbauer. So elegant hat vor und nach ihm kein anderer Fußballspieler den eigenen Keeper überlistet. Für uns Zuschauer war es die reine Augenweide, ein ästhetisches Vergnügen, ein Fest der Sinne.
Beim großen Franz hatte das Selbsttor Kultur. Bei Stefan Mesch, einem Mann der Kultur, der nun auch in der ZEIT ein Spielfeld gefunden hat, verkommt es zur bloßen Lachnummer – wie bei kuriosen Eigentoren auf holprigen dörflichen Sportplätzen.
In einem oberflächlichen Erguß über Lyrik im Netz (und anderswo), den er unter dem Titel „Wo Poeten laut werden“ in jener nicht vor Poesiekenntnissen strotzenden Wochenzeitung absondern durfte, holt er an einer Stelle kräftig zum Tritt gegen den Poetenladen aus, dessen professionelle Website vor allem in der Lyrikszene hohen Stellenwert genießt. Der „unübersichtliche und egalitäre Poetenladen“ verstecke Perlen blöd zwischen krauser Literaturkritik und Amateurtexten, konstatiert unser Dorfkicker voller Elan.
Allerdings geht dieser Tritt nach hinten los, hatte er sich doch vor vier Jahren vergeblich um eine Aufnahme in diesen nun von ihm geschmähten Poetenladen bemüht, die damals von der Redaktion aus qualitativen Gründen abgelehnt wurde.
War es Frust? War’s gekränkte Eitelkeit? Jedenfalls ist selten ein plumperes Selbsttor geschossen worden – nicht einmal auf holprigen Dorfplätzen, aber dafür in einer Zeitung, deren Ansehen trotz gewisser Defizite im Bereich der Poesie nach wie vor beträchtlich ist.
Was Franz Beckenbauer wohl dazu sagen würde? Aber fragen wir ihn lieber nicht.
Ein kaum bekannter Dichter der Bukowina soll dem Versinken entrissen werden – der Rimbaud Verlag fügte den in Czernowitz geborenen Georg Drozdowski (1899 – 1987) zu einer größeren Reihe deutsch schreibender Autoren aus diesem Raum. Herausgeberin des jüngst erschienenen Lyrikbandes ist Helga Abret, die bis zum Jahr 2005 als „Professorin für Neuere deutsche Literatur“ an der Universität Metz in Frankreich tätig war. …
Die Erfahrung der unbeschwerten Jugendjahre im Völkergemisch des Balkans samt dem nachfolgenden Grauen – dieses Wechselbad von geistiger Weite und fanatischer Verblendung ließen den Katholiken Drozdowski bis ins hohe Alter nicht zur Ruhe kommen: „Ich spähe nach dir, allein dein Schein überblendet […] Mein Ruf ist verschwendet […] Tu dich doch auf! Oder soll ich genesen, suchend aus mir?“ Er mag auch nicht unterscheiden zwischen (Juden-)Stern und Kreuz, da doch beide schmerzen. So ist in Lehrhaftem der Suchende zu finden, und die Mahnung ist sich des eigenen möglichen Irrtums bewusst.
Drozdowski, ein Unzeitiger, bezeugt in seinen Gedichten nicht nur eigenwilliges Beharren in der Form, er verteidigt seinen Anspruch auf Freiheit gegenüber sich nicht selten überschätzenden Strömungen. / Christa Hagmeyer, literaturkritik.de
Georg Drozdowski: Mit versiegelter Order. Ausgewählte Gedichte 1934 – 1981. Herausgegeben von Helga Abret. Rimbaud Verlagsgesellschaft, Aachen 2009. 227 Seiten, 25,00 EUR. ISBN-13: 9783890865256
In dem Roman „Tal der Issa“ des polnischen Nobelpreisträgers Czesław Miłosz lese ich:
Die Besonderheit des Issatals liegt in der Zahl seiner Teufel. Sie ist dort größer als sonstwo. (…) Es ist wahrscheinlich, daß die Teufel, da sie die abergläubische Bewunderung des Volkes für die Deutschen kennen – Menschen des Handels, der Erfindung und der Wissenschaft –, sich mehr Ansehen zu geben versuchen, indem sie sich wie Immanuel Kant von Königsberg kleiden. Nicht umsonst ist an der Issa der andere Name für unheimliche Macht Niemczyk* – der bedeuten soll, daß der Teufel auf der Seite des Fortschritts ist.
Czesław Miłosz: Tal der Issa. Leipzig u. Weimar 1988, S. 8
*) Diminutiv von „Deutscher“
Liebe Leute von textenet.de,
ich bitte Euch und Sie noch einmal dringend, die Lyrikzeitung aus dem Minifenster zu befreien oder, wenn das nicht möglich oder gewünscht ist, ganz rauszunehmen. Ein Fenster, in dem man nicht einmal eine Nachricht ganz lesen kann, ohne zu scrollen, und in dem man die Werkzeuge, wie die „Textwolke“ (aus der man beiläufig sieht, daß Leipzig nach Berlin die am häufigsten mit Nachrichten bedachte Stadt ist – klickt doch mal dort auf „Leipzig“), nicht sieht, ist eine Zumutung für Benutzer und nicht in meinem Sinne.
– Daß die Lyrik nicht fehle, füge ich ein Gedicht von Elke Erb bei, das mir, ich weiß nicht warum, gerade einfällt:
Hoch in den Jahren
Du? – sprichst zu schnell.
Und dann ins tote Ohr.
September 1976
Aus: Der Faden der Geduld, Berlin u. Weimar 1978, S. 102
Neueste Kommentare