90. Heidelberger Ästhetik in Leipziger Verlag

Ein wichtiges Buch ist anzuzeigen, eine Anthologie von 100 Gedichten der Gegenwart, jeweils mit einem etwa zweiseitigen Kommentar versehen. Die Kommentatoren sind verbürgte Fachleute, Michael Braun und Michael Buselmeier, ihre Kommentare sind nützlich und ärgerlich, wie es zu gehn pflegt. Denn wenn man sich über die eine und andere Aussage ärgert und gaaanz anderer Meinung ist, war es doch der Kommentar, der einen drauf gebracht hat. Also ein Buch, das Profis ebenso wie interessierten Laien etwas bringt: anschaffen! lesen! Eine Quelle meines Dissents mache ich im Vorwort der Herausgeber aus: das häuft schon im zweiten Satz mit „chiffriert“, „vieldeutig“ und „verstehen lernen“ recht kopflastige Begriffe auf die mehr oder weniger zarten Gedichtpflänzchen. „Das Verstehen in der Lyrik hat der Teufel gesehen“, meint Stolterfoht: Michael B + Michael B, seid ihr des Teufels?
Indes bietet das Vorwort einen weiteren Stolperstein. Am Ende der ersten Seite lese ich, schon im Sprung beifällig nickend: „So stehen neben den Texten prominenter Dichter der Gegenwart vorzügliche Gedichte (Bravo!) von oft ganz unbekannt gebliebenen (Bravissimo!) oder schnell vergessenen Autoren, wortmächtigen Außenseitern (Toll!), und man kann daraus folgern, wie ungerecht die selektierende (sehr gut!) Literaturkritik häufig (ich hätt es nicht besser sagen können!) –
an dieser Stelle muß man umblättern und liest weiter: „verfährt.“ Sehr richtig, denkt der Leser, und selbstkritisch ja auch! Aber der nächste Satz bleibt, jetzt sage ich mir und nicht einem: bleibt mir im Halse stecken: „Gedichte zum Beispiel von Friederike Mayröcker, Marcel Beyer oder Monika Rinck, die nach ungewohnten, offenen Formen für ihre ästhetischen Erfahrungen suchen…“ (der Satz geht weiter mit Namen wie Wulf Kirsten, Christoph Meckel oder Gregor Laschen). Friederike Mayröcker, nach Form suchend? Marcel Beyer, unbekannt geblieben? Monika Rinck, schnell vergessen? Wo leben die denn, bzw. ich?  Welcher Teufel (da ist er wieder) hat die erfahrenen Leser und Kritiker geritten, diese Namen mit diesen Adjektiven zu koppeln? Hat man das in Wien schon bemerkt? Typisch deutsch, wird man dort denken, wenn man liest, wie Mayröcker zur Außenseiterin stilisiert wird. Eingedenkend, daß Suhrkamp in Frankfurt seit langem Friederike Mayröckers Hausverlag ist, borge ich mir lieber ein Wort von Thomas Kunst und mutmaße, hier spricht wohl die Heidelberger Ästhetik. Wenn das zutrifft, wird es Zeit, ihr eine Leipziger Ästhetik entgegenzusetzen.
/ Michael G

Michael Braun / Michael Buselmeier: Der gelbe Akrobat. 100 deutsche Gedichte der Gegenwart, kommentiert
Gebundene Ausgabe 360 S. | 19,95 €
Poetenladen 2009

89. Sunne


«Wenn man ans Gute in der Welt glauben will, vielleicht Gott, aber nicht die Dichter für tot erklärt und der Populärkultur einen Funken Interesse entgegenbringt – dann kann man nicht anders: Man muss ‹Sunne› lieben.»
(Aargauer Zeitung)

«Ein Werk, vor dem man sich verneigen darf: Das neue Album ‹Sunne› von Kutti MC.»
(Der Bund)

«Er zeigt sich dabei so vielseitig und experimentierfreudig wie nie zuvor, sprachlich hingegen so virtuos und pointiert wie eh und je.»
(St. Galler Tagblatt)

«Morgen geht die ‹Sunne› auf: Das grossartige neue Album von Kutti MC erscheint endlich.»
(Tages-Anzeiger)

«Dieser Rapper, der irgendwie gar keiner ist und doch der Interessanteste seiner Zunft bleibt.»
(Neue Luzerner Zeitung)

«Die Berner Songwriter-Tradition erfährt durch Jürg Halter eine Frischzellenkur. Kutti MC hat seine eigene Form von Mundartmusik geschaffen.»
(78s.ch)

«Die Sonne als Hiebe austeilende, verstrahlende Institution, aber doch gütig, wegweisend, wärmend noch die letzte Sünderin. Ist es Rap, Soul, Pop? Songwriting 3000.»
(Weltwoche)

Über die Schweizer Szene schrieb die NZZ vor einiger Zeit:

Als viersprachiges Land multipler Mundarten bietet die Schweiz ein pralles poppoetisches Potenzial – und mit dem «Menschenversand» ein engagiertes Label, welches seit einem Jahrzehnt die Originalität solcher oralen Offenbarungen dokumentiert. Die Doppel-CD «Mund auf, Wort raus» kann als Kompendium von nicht weniger als 26 Formen der Mund(un)artigkeit bereits bei ihrem Erscheinen den Rang eines Klassikers beanspruchen.

Dabei muss es ( im Unterschied zum Kabarett ) nicht direkt witzig zugehen, der Rede Dreh speist sich nicht selten aus mehr oder minder sublimierter Aggression: vom stoischen Antiwitz Pedro Lenz‘ ( geb. 1965 ) über die paranoiden Szenarien eines Jürg Halter ( 1980 ), die atemlos abgehaspelten Kleinbürgerglücksmomente der wirkungssicheren Stefanie Grob ( 1975 ) bis hin zu den geniesserischen Gewaltphantasien Lara Stolls ( 1987 ) in der Rolle eines John-Deere-180-PS-Supertraktors.

/ NZZ 6.3. 2009 (gefunden bei in|ad|ae|qu|at)

«Sunne» (Two Gentlemen/Irascible) ist überall im Handel erhältlich. Z.B. hier kann es probegehört werden: cede.ch

Kutti MC & One Shot Orchestra live:

2. Okt. Bern (Dampfzentrale), 3. Okt. Luzern (Südpol),
10. Okt. Aarau, Flösserplatz, 23. Okt. Nyon (Usine à Gaz),
30. Okt. Fribourg (Le Nouveau Monde), 31. Okt. Zürich (Moods),
6. Nov. St. Gallen (Kugl), 19. Nov. Basel (Kuppel),
20. Nov. Winterthur (Albani), 21. Nov. Thun (Mokka).

88. Keusch und sexy (also britisch)


Eine „Ode an die heiße englische Keuschheit“ nennt der Kritiker der New York Times den neuen Film von Jane Campion über die Liebe des Dichters John Keats:

John Keats war ein romantischer Dichter. Der Film „Bright Star“, der die Geschichte von Keats und Fanny Brawne, der Liebe seines kurzen Lebens, erzählt, ist ein romantischer Film. Der Jargon der Populärkultur und die irgendwie sehr spezielle Sprache der Literaturgeschichte verwenden das Wort in unterschiedlicher Bedeutung, aber Jane Campions gelehrter und hinreißender Film schafft es, sie zu vermengen und die Überschneidungen und Spannungen zwischen poetischem Schaffen und Liebesleidenschaft aufzuspüren. …
„Bright Star“ ist als „PG“ eingestuft [parental guidance suggested = Begleitung durch die Eltern empfohlen]. Er ist vollkommen keusch und wahnsinnig sexy.

Bright Star
Opens on Wednesday in Manhattan. Written and directed by Jane Campion; director of photography, Greig Fraser; edited by Alexandre de Franceschi; music by Mark Bradshaw; production designer, Janet Patterson; produced by Jan Chapman and Caroline Hewitt; released by Apparition. Running time: 1 hour 59 minutes.
WITH: Abbie Cornish (Fanny Brawne), Ben Whishaw (John Keats), Paul Schneider (Mr. Brown), Antonia Campbell- Hughes (Abigail O’Donaghue) and Kerry Fox (Mrs. Brawne).

87. Arabische Welt


Und so schwanken auch die literarischen Begegnungen auf dem Festival zwischen der Bewunderung eines grandiosen kulturellen Erbes und der schwer zu fassenden politischen Realität der arabischen Welt. Der Begriff selbst lässt unbestimmt, was er doch anerkennend zusammenfassen möchte.

Zu ihrer Eröffnungsrede wunderte sich die indische Schriftstellerin Arundhati Roy auf charmante Weise darüber, warum sie mit ihrer Rede (siehe FR vom 10.9.) ein Festival eröffnete, das doch zu Ehren der arabischen Literatur abgehalten werden solle. Iranische Autoren sind mit von der Partie, doch wehren sich gerade Iraner vehement gegen die Zuordnung zur arabischen Welt.

Der in Berlin lebende irakische Schriftsteller Najem Wali wiederum hat in seinen unlängst erschienenen Reisereportagen die Geschichte der irakischen Juden erzählt und darüber hinaus deutlich gemacht, wie synthetisch und von machtpolitischen Interessen geleitet unter Saddam Hussein irakische Kultur- und Sprachpolitik instrumentalisiert wurde.

Die arabische Welt gibt es nicht, und das Literaturfestival Berlin ist der Ort, auf dem die unterschiedlichen Lesarten von Mangel, Leerstelle und Vielfalt kenntlich gemacht werden. Zu Beginn hat Joachim Sartorius, der Leiter der Berliner Festspiele, von der Überforderung der Kultur durch die Erwartung versöhnender Aspekte gesprochen und die Hervorbringung des Fremden als wesentliche Leistung von Literatur hervorgehoben. Das ilb liefert das Material dazu auf beeindruckende wie irritierende Weise. / Harry Nutt, FR 16.9.

86. Frühreif

Jim Carroll, who died Friday of a heart attack at 60 in Manhattan, was a legend by the time he was 13. That’s when the poet Ted Berrigan took him to visit Jack Kerouac, who took a look at some of Jim’s writing and said, „Jim Carroll writes better prose than 89% of the novelists working today.“ / Lewis MacAdams, Los Angeles Times 16.9.

85. Pontus


Mit „Pontus“ hat die 1976 in Eisenach geborene, heute in Halle lebende Daniela Danz den erfolgreichsten deutschen Gedichtband der letzten Jahre geschrieben. Die prekären Bruchlinien westlicher und östlicher Imperien, Kulturen und Religionen werden in fünf Zyklen nachgedichtet. Pontus ist der Raum ums Schwarze Meer, aus dem sich Europa seit Anbeginn definiert. „Durch die Schlacken sind wir gekommen / durch Schlachtensediment / persönliche Kämpfe und Dunkelziffern“, heißt es eingangs. Das dichterische Ziel: „Du willst / doch zurück mit leichtem Gepäck“. Das Reiseoutfit besteht aus Turnschuh und klassischer Antike, aber wenn Homer oder Ovid angesprochen, mit Goethe und Hölderlin erhabene Töne angeschlagen werden, klingt es nie bildungsbürgerlich aufgesetzt. „Das ist der Anfang ein Sturz / übers Meer betrunken / vom Wunsch sich drüber zu spannen / Europa am Abend und Asien nach / dem Gang durch die Nacht“. / Erich Klein in Falter : Woche 38/2009 vom 16.9.2009 (Seite 21)

Pontus
Gedichte
Daniela Danz
2009 | Wallstein, Göttingen
76 Seiten
EUR 15,40

84. 2009 Prizes for Contributors to Poetry Announced

Nine prizes awarded to poets, critics and essayists featured in the magazine over the past year

CHICAGO — The Poetry Foundation and Poetry magazine are proud to announce the winners of nine awards for contributions to Poetry over the past year. The prizes are awarded for poems and prose published during the past 12 months, from October 2008 to September 2009.

THE LEVINSON PRIZE, presented annually since 1914 through the generosity of the late Salmon O. Levinson and his family, for the sum of $500, is awarded to Ilya Kaminsky for his poems in the May 2009 issue. Kaminsky was born in Odessa, in the former USSR, and came to the United States in 1993, when his family received asylum from the American government. He is the author of Dancing in Odessa (Tupelo Press, 2004) and currently teaches poetry and comparative literature at San Diego State University.

THE BESS HOKIN PRIZE, established in 1948 through the generosity of Mrs. David Hokin, our late friend and guarantor, for the sum of $1000, is awarded to Roddy Lumsden for his poems in the December 2008 and January 2009 issues. Lumsden’s fifth collection is Third Wish Wasted (Bloodaxe Books, 2009). He teaches at City University and for the Poetry School in London. He is currently preparing Identity Parade, a major new anthology of recent British and Irish poetry.

THE FREDERICK BOCK PRIZE, founded in 1981 by friends in memory of the former associate editor of Poetry, for the sum of $500, is awarded to Don Paterson for his poems in the September 2009 issue. Paterson works as an editor and musician, and teaches at the University of St Andrews. Recent publications include Best Thought, Worst Thought (Graywolf Press, 2008), a collection of aphorisms, and Orpheus, a version of Rilke’s Die Sonette an Orpheus (Faber and Faber, 2007). A new collection, Rain, is forthcoming.

THE J. HOWARD AND BARBARA M.J. WOOD PRIZE, endowed since 1994, in the sum of $5000, is awarded to Sarah Lindsay for her poems in the October 2008 issue. Lindsay is the author of Primate Behavior (1997) and Mount Clutter (2003), both from Grove Press, as well as Twigs and Knuckle-bones (Copper Canyon Press, 2008).

THE JOHN FREDERICK NIMS MEMORIAL PRIZE FOR TRANSLATION, established in 1999 by Bonnie Larkin Nims, trustees of the Poetry Foundation, and friends of the late poet, translator, and editor, in the amount of $500, is awarded to Susana Nied for her translations from Inger Christensen in the May 2009 issue. Nied is a former instructor of English and comparative literature. She has received a PEN/American-Scandinavian Foundation Translation Prize, was one of two finalists for a PEN Award for Poetry in Translation, and was co-recipient of the Harold Morton Landon Translation Prize from the Academy of American Poets.

THE FRIENDS OF LITERATURE PRIZE, established in 2002 by the Friends of Literature, in the amount of $500, is awarded to Sandra Beasley for her poems in the July/August 2009 issue. Beasley won the 2009 Barnard Women Poets Prize for I Was the Jukebox (W.W. Norton), selected by Joy Harjo. Her first collection is Theories of Falling (New Issues Poetry & Prose, 2008).

THE EDITORS PRIZE FOR FEATURE ARTICLE, established in 2005, in the amount of $1000, is awarded to Daisy Fried for her essay in the July/August 2009 issue. Fried’s My Brother Is Getting Arrested Again (University of Pittsburgh Press, 2006) was a finalist for the National Book Critics Circle Award in poetry. She lives in Philadelphia.

THE EDITORS PRIZE FOR REVIEWING, established in 2004, in the amount of $1000, is awarded to Jason Guriel for his reviews in the October 2008 and March 2009 issues. Guriel’s new collection of poems is Pure Product (Vehicule Press, spring 2009). He lives in Toronto.

THE EDITORS PRIZE FOR BEST LETTER, established in 2009, in the amount of $250, is awarded to Reagan Upshaw for his letter in the May 2009 issue.

The prizes are organized and administered by the Poetry Foundation in Chicago, publisher of Poetry magazine.

83. ARTFUL ARTLESSNESS

John Koethe on Henri Cole’s Blackbird and Wolf, winner of the 2009 Lenore Marshall Prize.

By John Koethe
Poetry Media Service

Blackbird and Wolf, by Henri Cole. Farrar, Straus and Giroux, $13.00.

To appreciate what’s so distinctive about Henri Cole’s Blackbird and Wolf, it helps to have a sense of his development as a poet, for more than any other I can think of, he has remade himself over the course of a career leading to this, his sixth book. His first two books, The Marble Queen and The Zoo Wheel of Knowledge, were mandarin performances, full of highly polished verse conspicuous for its sheer artfulness, exhibiting a delicacy and a mental and linguistic dexterity somewhat reminiscent of James Merrill. But starting with some of the poems in the 1995 The Look of Things and continuing with the harshly direct poems in The Visible Man and the equally direct though somewhat mellower poems in Middle Earth, Cole developed a style and a sensibility, characterized by a relentless self-examination, almost diametrically opposed to those he began with, and which have reached full fruition in Blackbird and Wolf.

The poems in the book are as artful as those of anyone writing, but it’s an artfulness so subtle and skillful that they seem almost artless in their directness and simplicity, as in these lines from “Gravity and Center”:

I’m sorry I cannot say I love you when you say
you love me. The words, like moist fingers,
appear before me full of promise but then run away
to a narrow black room that is always dark,
where they are silent, elegant, like antique gold,
devouring the thing I feel.

The artfulness here reminds me a bit of Elizabeth Bishop in its invisibility (more so than, say, Robert Lowell, in whose work the effort too often shows), though certainly in style and subject matter Cole’s work is nothing like Bishop’s. The poem concludes with a kind of ars poetica:

I don’t want words to sever me from reality.
I don’t want to need them. I want nothing
to reveal feeling but feeling—as in freedom,
or the knowledge of peace in a realm beyond,
or the sound of water poured into a bowl.

This artful artlessness is not an end in itself, impressive though it is, but works in the service of what I’ve just indicated I take to be Cole’s true subject, the inward subjective self and its problematic relation to the objective external world of things and other people. One might call it confessional poetry, though that term seems increasingly quaint, and I prefer to think of it as autobiographical poetry that uses the raw materials of the poet’s life to fuel an intense exploration of the kind of self-consciousness Gerard Manley Hopkins describes when he writes “Nothing else in nature comes near this unspeakable stress of pitch, distinctiveness, and selving, this self being of my own. Nothing explains it or resembles it, except so far as this, that other men to themselves have the same feeling. But this only multiplies the phenomena to be explained so far as they are like and do resemble. But to me there is no resemblance: searching nature I taste self at one tankard, that of my own being.”

What is so maddening and mysterious about individual consciousness is that it is utterly commonplace and ordinary and at the same time absolutely unique, as intimated by the passage from Hopkins quoted above or these lines from “Beach Walk”:

Later, I saw a boy, aroused and elated, beckoning from a dune.
Like me, he was alone. Something tumbled between us—
not quite emotion. I could see the pink
interior flesh of his eyes. “I got lost. Where am I?”
he asked, like a debt owed to death.

Poetry that puts an emphasis, as Cole’s does, on directness and the avoidance of comforting illusions and consolations inevitably raises questions about the relation between poetry and truth. But I think that worries about the truth of the poet’s discoveries and revelations are misplaced; what matters, it seems to me, about the thoughts expressed in poetry is not whether they’re literally true but whether the poet entertains and inhabits them in a convincing manner and whether the reader can enter into them along with him. Wittgenstein says in a related connection that “the importance of a true confession does not reside in its being a correct and certain report of a process. It resides rather in the special consequences which can be drawn from a confession whose truth is guaranteed by the special criteria of truthfulness.” Wittgenstein’s meaning is difficult and obscure, but I think it is in something like that sense that Henri Cole’s Blackbird and Wolf contains some of the most truthful poems in modern American poetry.

John Koethe’s newest book of poems is Ninety-Fifth Street. He is Distinguished Professor of Philosophy at the University of Wisconsin-Milwaukee, and will spend the spring of 2010 at Princeton as the Bain-Swiggett Professor of Poetry. This article originally appeared in the Nation. Distributed by the Poetry Foundation at www.poetryfoundation.org.

© 2009 by John Koethe. All rights reserved.

82. Reprisen

Die Form des Langgedichts, die er zu kunstvollen Faltungen von Räumen und Zeiten nutzt, ist seine Domäne. Aber so kraftvoll durchgeformt wie das erste sind unter den jüngeren Gedichte die wenigsten. Sonnevi neigt inzwischen zu redseligen Reprisen von Tagesaktualitäten, die er ins Gegenlicht poetischer Bekenntnisse („Die Vision ist in mir“), Sentenzen und Kindheitserinnerungen rückt. Durch die Haut des deutschen Textes hindurch spürbar bleibt seine poetische Kraft im Bild und einzelnen Vers. Aber den Eindruck eines aufgelockerten Altersstils zerstreut auch der Zyklus „Mozarts Drittes Gehirn“ nicht, für den Sonnevi 2006 den Preis des Nordischen Rates erhielt. / SIBYLLE CRAMER, SZ 7.9.

GÖRAN SONNEVI: Das brennende Haus. Ausgewählte Gedichte 1991 – 2005. Übersetzung und Nachwort von Klaus-Jürgen Liedtke. Carl Hanser Verlag, München 2009. 137 S., 14, 90 Euro.

81. Sprachsalz-Archiv

Egon Günther weist darauf hin, daß Mitschnitte von den Lesungen des 7. Sprachsalz-Festivals in Hall/Tirol im Weblog zu finden sind. Darunter Audio / Text / Video von Jack Hirschman, Gerhard Rühm, Juri Andruchowytsch und Arne Rautenberg.

sprachsalz09
weblog zu den 7. tiroler internationalen literaturtagen hall – sprachsalz. 11.09. – 13.09.2009
(im Archiv aber auch ältere Jahrgänge)

Das 8. Sprachsalz-Festival findet vom 9. bis zum 11. September 2010 statt.

In L&Poe

2005    Sep    #78.    Sprachsalz
2006    Sep    #87.    Sprachsalz
2007    Jan    #35.    Denken in Bewegung
2007    Sep    #55.    Drei Tage „sprachsalz“ in Hall
2008    Nov    #34.    Far from Cherry Valley – Charles Plymell in Tirol

80. Jorie Graham

Ohne Zweifel ist die 1950 geborene Amerikanerin Jorie Graham eine der legitimen Erbinnen der grossen Marianne Moore. Komplex, hochvirtuos, voller Anspielungen und Zitate präsentieren sich Grahams Dichtungen. Ihr im Original erstmals 1991 erschienener Band «Region der Unähnlichkeit» ist ein langer Versuch, die Möglichkeiten und Grenzen der Sprache auszuloten. Durch die Überblendung verschiedener Zeit-, Ereignis- und Bewusstseinsschichten entsteht eine gestaffelte Gedichtrealität, die aus dem Jetzt der Sprache lebt und den Riss aufzeigt, der durch die Phänomene und die Sprache selbst verläuft. «Gehalten wird vom historischen Augenblick seine Unhaltbarkeit», fasst der Übersetzer Werner Hamacher in seinem profunden Nachwort die Grundaussage zusammen. Aus dem Gestus des Entdichtens, aus der Lücke entsteht das Offene, die Wende: «Wahl ist was das Sinnliche hier das herrliche Hier ruiniert – / die Schönheit ruiniert, / Wahl die Bewegung die die Hüllen aus Licht zerreisst, die immer engeren Hüllen / der Schichten des / Wirklichen». Auf grossartige Weise verbinden sich in diesem Band präzis eingefangene sinnliche Beobachtungen mit philosophischen Überlegungen./ NZZ 20.8.*

Jorie Graham: Region der Unähnlichkeit. Aus dem Amerikanischen übersetzt und mit einem Essay von Werner Hamacher. Urs Engeler Editor, Basel und Weil am Rhein 2008. 218 S., Fr. 48.–.

*) ist schon eine Weile her, aber das Buch kann man ja auch heute noch kaufen und lesen.

Jorie Graham in L&Poe:

2004    Nov    #63.    Symposion
2005    Apr    #78.    On Poetry
2005    Nov    #90.    Philadelphia feiert
2005    Dez    #8.    10 von 100 von
2006    Dez    #74.    Lyrisches Querbeet im VOLLTEXT
2007    Okt    #62.    Zwischen den Zeilen 27
2008    Jun    #62.    Valentine’s Day Massacre

79. Diebstahl

Internet ist Diebstahl, meint Helmut Heinen, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger, anlässlich eines Zeitungskongresses am 14. September in Fulda, „und er freut sich, die Politik auf seiner Seite zu wissen“. Das teilt der Perlentaucher mit. Ich habe nachgesehen und es nicht bestätigt gefunden. Er sagte:

Es ist nicht länger hinzunehmen, dass aufwändig produzierte Qualitätsinhalte der Zeitungen von Dritten kommerziell genutzt werden, ohne dass auch nur ein Cent an die Verlage zurückfließt.

Und:

Es hat nichts mit „Kultur“ zu tun, wenn Inhalte von Fremden ausgebeutet werden! Content- beziehungsweise Inhalte-Diebstahl ist das richtige Wort. Oder Piraterie.

Dem kann man ja (fast, vorsichtig) zustimmen. Wenn ich auch, Stichwort „Piraterie“, sein Vertrauen in Kompetenz und Goodwill der „großen Parteien“ kaum teile. Heinen:

Und wir freuen uns über die Aufgeschlossenheit aller großen Parteien, über entsprechende Regelungen konstruktiv nachzudenken.

Wenn das man keine Drohung ist… Erfahrung lehrt, daß die Demokratie (Volksherrschaft) der Berufspolitiker und Fachleute starke Korrektive braucht. (Ja, ich hab bei der Europawahl Piraten gewählt!).

Lustig, daß der Leser (im Internet) mit drohendem Ausrufezeichen gewarnt wird:

Es gilt das gesprochene Wort!

Ja wie denn? Es folgt ja keine Audiodatei, sondern digital zur Verfügung gestellter Text. Was er wirklich gesagt hat, soll uns der von Heinen beschworene Qualitätsjournalismus sagen. Da siehts dann oft düster aus, wie wir wissen. Vielleicht sollten sie öfter darüber sprechen.

Heinen forderte auch die Abschaffung der Mehrwertsteuer für Zeitungen:

Es ist nicht zu verstehen, dass der Staat die tägliche Information via Zeitung mit einer Steuer belegt.

Aber aber: wenn das tägliche Brot und Wasser oder Bier besteuert wird, wieso dann nicht die Zeitung? Oder die Atemluft? Abschaffen oder gleichbehandeln, fordere ich. Was sagen die Piraten dazu? Danke, Herr Osterwelle, Sie habe ich gar nicht gefragt.

78. Chaos

test

Wie es aussieht, brauchen wir eine tägliche Skandalkolumne Frankfurt/China. Heute:

Dann platzte die Veranstaltung. Dai Qing fragte nach der Zensur. „Bis 1989 habe ich zehn Bücher verkauft. Danach nicht ein einziges.“ Sie bekam keine Antwort. Als dann eine Journalistin fragte, „Verehrter Herr Botschafter, Sie sprachen vom Ton, der die Musik mache. Welchen Ton muss ich anschlagen, damit sie hören, dass wir uns Sorgen machen um die verhafteten chinesischen Journalisten und Schriftsteller?“ Von diesem Augenblick an herrschte Chaos. Die Chinesen bedeuteten Jürgen Boos, er müsse auf Abbruch der Veranstaltung drängen. Diese Arbeit übernahm dann für ihn der Generalsekretär des PEN. / Arno Widmann, FR 14.9.

Mehr: NZZ 15.9. (Rückgratfreier Diskurs)

77. American Life in Poetry: Column 234

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

This week’s poem is by a high school student, Michelle Bennett, who lives in Tukwila, Washington, and here she is taking a look at what comes next, Western Washington University in Bellingham, with everything new about it, including opportunity.

Western

You find yourself in a narrow bed you’ve never slept in,
on a tree-lined grassy field you’ve never walked upon,
on a cold toilet seat you have not sat on,
in a place you now call your home, your learning, your future.
Red stone pathways expose the buildings that will house
the knowledge you seek,
and the information you want to gather.

You crane your neck to look up
at the 13-story brick tower rising from the ground,
looming over you as you walk past. The melodies
and beats of different songs mix,
create a sound of their own,
flow from open windows. Crushed leeks
Top Ramen noodles ground into a blue
and speckled carpet attract armies of ants
to the communal kitchen on the sixth floor.

You pull your jacket tighter against your body,
strong, salty wind whips off the Sound,
and up the hill as you walk through
Red Square toward the clatter of knives,
forks and digesting bellies.

Finally, you are released like a white dove
from the hands of its owner, allowed to fly
discovering your dreams,
discovering what you are made of.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2008 by Seattle Arts & Lectures. Reprinted from Dive Down Into the Loud, Seattle Arts & Letters, 2008, by permission of the author and publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

76. Jim Carroll, Dichter und Punkrocker, gestorben

Jim Carroll, der in der Outlaw-Tradition von Rimbaud und Burroughs lebte und seine wilde Jugend in “The Basketball Diaries” erzählte, starb am Freitag in seinem Haus in Manhattan im Alter von 60 Jahren, meldet die New York Times. In den 60er Jahren war er Teenage-Basketballstar an einer Eliteschule in Manhattan. In seinem chaotischen Leben kombinierte er Sport, Drogen und Poesie. Sein Lied “People Who Died” wurde ein Hit im Collegeradio und landete im Soundtrack für “E.T.: The Extra-Terrestrial”. Nachruf von William Grimes hier.

Mehr: Der Standard / Die Zeit / Spiegel / CNN / The Australian / Rolling Stone /

Interview mit Jim Carroll, Rolling Stone 1998