85. Hamburger Engel

In der Zeit #15 erklärt Silke Scheuermann, was ihr heilig ist:

Zu Engeln hatte ich seit jeher ein gutes Verhältnis. Das fing im katholischen Kindergarten an, als ich die Erzengel in ungefähr 700 Zeichnungen verewigte und zu Weihnachten goldene Pappflügel trug fürs Krippenspiel. Das setzte sich im Studium fort, wo das Bild vom „Engel der Geschichte“ der Anfang meiner Leidenschaft für Walter Benjamin war.  … Natürlich schwirrt in jedem meiner Lyrikbände mindestens ein Engel.

… Kann man also sagen, daß mir Engel heilig sind? Ja.

84. Hamburger Moderne?

Lili Marleen als Auftakt eines Abends über Jazz und Lyrik aus dem Hamburg der 1920er-Jahre am Dienstag Abend im prall gefüllten Literaturhaus funktioniert wie keine klassische Ouvertüre: In der instrumentalen Version des Pianisten Matthäus Winnitzki spielt die Landser-Hymne die verschiedenen Register des Abends an – schon 1915 hatte Hans Leip den Text geschrieben, ein Künstler und Modernist, der sich unter dem Eindruck der Schlächterei des Ersten Weltkriegs dem von Blut und anderen Säften triefenden Tonfall des Expressionismus zuwandte und in den 20er-Jahren immer wieder Gedichte schrieb, die zu Songs auskomponiert wurden. / STEFAN HENTZ, Die Welt 15.4.

(Das muß man auch erst mal fertigbringen, Krieg und den bluttriefenden Expressionismus in einem Satz unterzubringen. Hamburger Moderne – offenbar etwas wie Landser- und Pfadfinderlied)

83. 4001 Gedichte über 5600 Menschen

Der koreanische Lyriker Ko Un hat sein episches Großprojekt „Maninbo“ (Zehntausend Lebensläufe) abgeschlossen. 1986 erschien der erste Band, nach 25 Jahren sind es 30 Bände.

Der heute 77jährige konzipierte das Werk, als er während eines Militärputsches im Jahr 1980 unter dem falschen Vorwurf des „Hochverrats“ verhaftet wurde. Er nahm sich vor, jeden Menschen, den er im Leben getroffen hat, darin zu beschreiben.

Nach der Haftentlassung 1982 begann er mit dem Schreiben.

„Maninbo“ besteht aus 4001 Gedichten über 5600 Menschen, die Zeugen von Augenblicken der neueren koreanischen Geschichte wurden. / Chung Ah-young, Korea Times 16.4.

82. Der Lyrik-Code

Es war nicht nur der Sarah-Sound. Es war der Lyrik-Sound. Lyrik lesen in der DDR bedeutete für junge Menschen mehr. Es war so etwas wie ein Code.

Man war schon ein bisschen anders als die anderen, man gehörte schon ein bisschen zu einem Zirkel. Und die metaphernreiche, uneindeutige Gattung Lyrik bot mehr, viel mehr Spielraum für das ungesagt Hörbare. Lyrik ist so etwas wie die Musik des Schreibens, klangvoll und assoziationsreich. / Henryk Goldberg, Thüringer Allgemeine 15.4.

81. Dingaufstand

Als der russische Futurist Welimir Chlebnikow um 1909 in Gedichtform einen «Dingaufstand» beschrieb, bei dem die Dinge ihre herkömmlichen Bezeichnungen abwerfen, um sich neu zu einem gewaltigen Maschinenwesen – halb Kran, halb Kranich – zu formieren, eröffnete er damit eine Debatte, die in der Folge von Künstlern und Kunsttheoretikern, von Dichtern und Philosophen kontrovers ausgetragen wurde. Einig war man sich darin, dass die Dinge gegenüber den sie semantisch wie funktional determinierenden Begriffen und Metaphern «befreit» werden sollten – befreit auf immer wieder neuen Gebrauch hin, wofür es in der frühen Sowjetzeit auch viele neue Einsatzbereiche gab: Gerätedesign, Möbel, Kleidung, architektonische und industrielle Formbildungen, aber auch Malerei, Plastik, Film, Propaganda, Warenästhetik und selbst literarische Techniken wie die Faktografie in der Gesellschafts- und Industriereportage. … In einem umfangreichen Reader dokumentiert Anke Hennig diesen Emanzipationsprozess am Leitfaden von Programmschriften, Lehrplänen, Arbeitsberichten, theoretischen Abhandlungen, Statements von Künstlern, Literaten, Pädagogen. … / NZZ 6.4.

Über die Dinge. Texte der russischen Avantgarde. Herausgegeben von Anke Hennig. Fundus-Bücherei 181. Verlag Philo Fine Arts, Hamburg 2010. 910 S., € 26.–.

80. Tekerleme

Gleichsam als Einleitungsformel sind dem Band drei Tekerleme – Gedichte, welche die «Sinnlosigkeit und verkehrte Welt» widerspiegeln – vorangestellt; zwei wurden von Dichtern des 15. Jahrhunderts verfasst, eins aber auch von Orhan Veli, der 1950 starb. So wird deutlich, dass das Spiel mit der Realität, die Lust am Absurden und das Verkehren des Rationalen ins Irrationale in der Vergangenheit so gut wie in der Gegenwart ihr Recht beanspruchen. / Monika Carbe, NZZ 3.4.

Erika Glassen / Hasan Özdemir (Hg.): Im Reich der Schlangenkönigin. Märchen, Schwänke, Helden- und Liebesgeschichten. Aus dem Türkischen von versch. Übersetzern. Unionsverlag, Zürich 2010. (Türkische Bibliothek) Fr. 33.90.

79. Patrizia Cavalli deutsch

Sie trägt ihre Gedichte auswendig vor, im Stehen, und mit jeder Hebung wiegt sie sich ein bisschen mehr in den Rhythmus der Sprache hinein. Assonanzen und Reime steigen wie Luftbläschen auf und zerplatzen, jede Schlusswendung ist der Auftakt zu einem neuen Text, und zwischen den Gedichten entspinnen sich Klangkorrespondenzen, untergründige Bezüge, ein Frage-Antwort-Spiel. Sprache wird Musik. Es entsteht ein Sog, der die Zuhörer mitreisst. Einen Moment lang erreicht Patrizia Cavalli genau das, was sie in vielen Versen beschwört: die Auflösung der Zeit, einen punktuellen Stillstand.

Es geht um kleine Epiphanien, Momente, in denen das lyrische Ich unvermutet eins wird mit seiner Umgebung und sich aufgehoben fühlt im eigenen Dasein. Dieser Zustand kann immer nur von kurzer Dauer sein. «So etwas passiert ausser in Gedichten nur beim Kartenspiel oder beim Sex», kommentiert die 1947 in Todi geborene Lyrikerin im Gespräch. / Maike Albath, NZZ 8.4.

Patrizia Cavalli: Diese schönen Tage. Ausgewählte Gedichte 1974–2006. Aus dem Italienischen von Piero Salabé. Mit einem Nachwort von Giorgio Agamben. Edition Lyrikkabinett, Carl-Hanser-Verlag, München 2009. 152 S., Fr. 26.90.

78. Am Mittwoch ist die Dichterin Erika Burkart im Alter von 88 Jahren gestorben

Lyrik hatte hierzulande ein Gesicht, das ihre: ein schmales, zur Seite geneigtes Gesicht mit grossen sehnsuchtsvollen Augen, umrahmt von hellen Locken. Lyrik hatte ihre zarte, weissgewandete Gestalt. Bis heute gilt Erika Burkart als die Lyrikerin der deutschsprachigen Schweiz. Mit Jahrgang 1922 gehörte sie zu einer Generation grosser Dichterinnen. Sie war vier Jahre älter als Ingeborg Bachmann, zählte zwei Jahre mehr als Friederike Mayröcker. Sie brauchte das Abseits, den ungestörten Umgang mit Jahreszeiten und Pflanzen und war trotzdem alles andere als eine Sängerin der heilen Welt. …

Um sie herum entwickelte sich seit Kriegsende – mit Günter Eich, Kurt Marti und andern – jene karge Moderne, die sie las und schätzte, die aber das Singen verbot und die schönen Wörter unterdrückte, welche sie eigentlich liebte. Aus der Not hat sie wunderbare Tugenden gemacht: die Wohlklänge ihrer manchmal festlichen, oft aber auch gedankenvoll fragenden Texte. / Beatrice von Matt, NZZ

77. Der Autor ist tot

– lernt man jedenfalls im Germanistikstudium (vielleicht außer in *** und ### ) 1) Dabei weiß jeder Medienkonsument, daß wir uns fast nur für den Autor interessieren. Wer soll schließlich all die Gedichtbände kaufen und gar noch lesen? Biografien aber kaufen wir gern. Eine neue mit interessanten Enthüllungen zeigt Iris Radisch in der neusten Zeit an: sie besucht in Paris die Ethnologin Brigitta Eisenreich, die in ihrem Buch „Celans Kreidestern“ von ihrer neunjährigen Liebesbeziehung mit dem Dichter berichtet. Auf einer ganzen Zeit-Seite (und wer nicht kaufen & lesen will, muß hören).

1) Namen der Redaktion bekannt.

76. Horst-Bienek-Preis für Mayröcker

Die österreichische Dichterin Friederike Mayröcker erhält den Horst-Bienek-Preis für Lyrik der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Die mit 10 000 Euro dotierte Auszeichnung wird der 85-Jährigen am 18. Mai in der Münchner Residenz überreicht. Mayröcker sei eine „der kreativsten und vielseitigsten Sprachkünstlerinnen der Gegenwart“. Ihre imposante Produktion zeichne die „magische Art und Weise“ aus, wie es ihr gelinge, ihre Werke immer wieder durch neue Sprach- und Schreibfindungen zu übertreffen. / Süddeutsche 15.4.

75. Rrrevolución ohne „R“

Mit Spannung erwartet wurde der Auftritt von Silvio Rodríguez, den internationale Medien in den vergangenen Wochen gegen die Revolution in Stellung zu bringen versuchten. So hatten unter anderem der Spiegel und die Frankfurter Allgemeine Zeitung behauptet, Rodríguez habe »Castro die Gefolgschaft« gekündigt. Das »Nachrichtenmagazin« schrieb, Rodríguez habe »in Anwesenheit von Kulturminister Abel Prieto während der Vorstellung seiner neuen CD« erklärt, das »›R‹ im Wort ›Revolution‹ müsse ›überwunden werden‹«. Tatsächlich stammen diese Zeilen aus Rodríguez’ neuem Lied »Sea señora«, das Bestandteil dieser problemlos in Kuba veröffentlichten CD ist. Bei der Vorstellung der CD von einer Besucherin auf diese Liedzeilen angesprochen, antwortete Rodríguez: »Ich glaube, daß dies ein Augenblick ist, an dem die Revolution, das nationale Leben, das Land, lautstark eine Überprüfung vieler Dinge einfordern, angefangen bei Konzepten, bis hin zu Institutionen«. / André Scheer, junge Welt 13.4.

74. Gesamtkunstwerk

Martina Werner war erfolgreiche Lyrikerin, ihre Gedichte erschienen im Suhrkamp-Verlag. Dann genügten ihr die Worte nicht mehr. In den Siebzigerjahren begann ihre Auseinandersetzung mit den Bildenden Künsten, 1979 legte sie den Grundstein für das Gesamtkunstwerk „Señor Mendoza und der C-Stamm“, in dem ein fiktives, „künstlerisch reges Volk aus grauer Vorzeit“ von einem ebenso fiktiven Ethnologen erforscht wird. Parallel: eine neue Folge der Videokunstreihe „screen spirit_ continued“ mit „1000 Waves“ von Mai Yamashita und Naoto Kobayashi. / taz Bremen

Samstag, 19 Uhr, Städtische Galerie, Bremen

73. „Das Lied der Flöte“, Gedichte von Maulana Jalaladdin Rumi

Donnerstag, 15. April, 19h30
Akademie für gesprochenes Wort
Richard-Wagner-Straße 16
Stuttgart


Maulana Dschalaldin Rumi ist der bedeutendste Dichter der persischislamischen Mystik. Er starb mit 65 Jahren im Jahre 1273. Abgesehen vom Koran hat sein Werk, welches die Sehnsucht nach der Wiedervereinigung mit Gott thematisiert, wie kein anderes die Literatur der Persisch, Türkisch und Urdu sprechenden Völker bis in die Gegenwart beeinflusst. Rumi ist der Begründer des islamischen Ordens der Maulawi (tanzende Derwische).

Reza Maschajechi wurde 1943 im Iran geboren. Er lebt seit 46 Jahren in Deutschland und verbindet die persische und deutsche Kultur durch seine Liebe zur persischen und deutschen Sprache und durch seine Achtung gleichermaßen vor dem Islam und dem Christentum.

Rezitation: Reza Maschajechi, Caroline Wispler
Musik: Vokal, Instrumental: Alev N. Kowalzik
Ausstellung Persische Kalligraphie: Meisam Mashayekhi

Eintritt: 10,- € / Studierende und Mitglieder 5,- €, Reservierung unter 0711 – 22 10 12

72. Handy-Haikus

Bendel hofft also auf eine Renaissance der Lyrik via Mobiltelefon. Zumindest bei der Vermarktung seiner Haikus hat das neue Medium Bendel schon geholfen. „Um Lyrik reißen sich die Verlage ja nicht gerade“, weiß Bendel. „Man muss seine Gedichte anbieten wie Sauerbier.“ Oft genug müssen sich die Autoren auch noch an den Druckkosten beteiligen. „Seriös sind solche Verlage nicht“, sagt Bendel. Im Falle seiner Handy-Haikus war das ganz anders: „Schon meine erste Anfrage war ein Treffer. Offensichtlich habe ich da eine offene Tür eingerannt, und ich habe einen richtigen Vertrag mit Tantiemen bekommen“, sagt Bendel. / Südwest-Presse

71. „Die reinen Lyriker bleiben auf der Strecke“

Der dünne „Welt“-Beitrag über Lyrik (#66. “Das ist das Problem der Lyriker”)

geht also auf eine Agenturmeldung zurück. Heute eine ausführlichere Fassung bei der Badischen Zeitung, die so beginnt:

Die Lyrik fristet im Buchhandel ein Nischendasein; ihre Auflagen sind wirtschaftlich kaum von Bedeutung. Oft seien es bekannte Prosaautoren, denen ein Verlag einen Gedichtband zugestehe, sagt Anton Leitner, Herausgeber der Zeitschrift „Das Gedicht“ (München). „Die reinen Lyriker bleiben auf der Strecke“, so der Philosoph und Autor.