Mai 1914

Walter Hasenclever

(* 8. Juli 1890 in Aachen; † 21. Juni 1940 in Les Milles bei Aix-en-Provence)

Die Lagerfeuer an der Küste, Mai 1914

Die Lagerfeuer an der Küste rauchen.
Ich muß mich niederwerfen tief in Not.
Leoparden wittern mein Gesicht und fauchen.
Du bist mir nahe, Bruder, Tod.
Verworren zuckt Europa noch im Winde
Von Schiffen auf dem fabelhaften Meer;
Durch die ungeheure Angst bricht her
Schrei einer Mutter nach dem kleinen Kinde.
Es starb mein Pferd heut nacht in meiner Hand.
Wie hast Du mich verlassen, Kreatur!
Aus dem Kadaver steigt das fremde Land
hinauf zu einer andern Sonnenuhr.

Aus: Walter Hasenclever: Tod und Auferstehung. Neue Gedichte. Leipzig: Kurt Wolff, 1917, S. 8

Er nahm Abschied von uns

Johannes R. Becher

ER IST GESCHIEDEN, WIE ER LEBTE: STRENG,
Und diese Größe einte uns: die Strenge.
Uns beiden war vormals die Welt zu eng.
Wir blieben beide einsam im Gedränge.

Unwürdig wär ein: nihil nisi bene.
Der Juli summt ein Lied dir: „Muß i denn…”
Mein Vers weint eine harte, strenge Träne,
Denn er nahm Abschied von uns: Gottfried Benn.

Aus: Johannes R. Becher: Gedichte 1949-1958 (Gesammelte Werke Bd. 6). Berlin u. Weimar: Aufbau, 1973, S. 495

Gottfried Benn (* 2. Mai 1886 in Mansfeld, Brandenburg; † 7. Juli 1956 in Berlin-West)
Johannes R. Becher (* 22. Mai 1891 in München; † 11. Oktober 1958 in Berlin-Ost)

Holdes Thal, grause Höhle

Der italienische Dichter Ariost dichtet in seinem berühmten „Rasenden Roland“ von einem „holden Thal“ in Arabien, lieblich bewachsen mit Buchen und Tannen (obwohl: für hold-lieblich sah man wenig Licht und viel Graus), darin seltsame Gesellen leben: Schlaf, Müßiggang, Faulheit, Vergessenheit und Schweigen. Ein unschlagbares Team!

LUDOVICO ARIOSTO

(deutsch Ariost; * 8. September 1474 in Reggio nell’Emilia; † 6. Juli 1533 in Ferrara)

VERBORGEN lieget in Arabiens Gauen,
Von Stadt und Dorf entfernt, ein holdes Thal,
Das hohe Berge rechts und links umbauen,
Voll alter Tannen, Buchen ohne Zahl.
Vergeblich strebt der Tag hinein zu schauen;
Nie dringt dahin der Sonne heller Strahl,
Weil dichte Zweig‘ ihm jeden Weg verspünden:
Dort sieht man eine Höhle weit sich münden.

Es öffnet sich in schwarzer Waldung Grausen
Ein weiter Schlund, der tief in Felsen drang,
Um deren Stirn der Epheu seine krausen
Verflochtnen Ranken vielgewunden schlang.
Hier pflegt in Ruh der schwere Schlaf zu hausen;
Rechts sitzt der dicke, fette Müssiggang,
Die Faulheit links, in ungestörter Musse;
Sie kann nicht gehn und ist nicht wohl zu Fusse.

Den Eingang wehret die gedächtnisschwache
Vergessenheit, die Keinen je erkannt.
Nie hört sie, nie bestellt sie eine Sache,
Und Jeden jagt sie von der Höhle Rand.
Das Schweigen geht umher und hält die Wache;
Filzschuhe trägt es und ein braun Gewand,
Und winket allen, die es wahrgenommen,
Ab mit der Hand, dass sie nicht näher kommen.

Deutsch von Johann Diederich Gries (1775-1842), aus: Italienische Gedichte. Mit Übertragungen deutscher Dichter. Zusammengestellt von Horst Rüdiger. Leipzig: Karl Rauch, 1938, S. 137/139

[IV, 92]
Giace in Arabia vna valletta amena
Lontana da cittadi e da villaggi,
Ch’ali’ ombra di duo monti e tutta piena
D’antiqui Abeti, e di robuſti Faggi,
Il Sole indarno il chiaro di vi mena
Che non vi può mai penetrar co i raggi,
Si glie la via da ſolti rami tronca
E quiui entra ſotterra vna ſpelonca.

[93]
Sotto la negra ſelua vna capace
E ſpatiofa grotta entra nel ſaſſo,
Di cui la ſronte l’Hedera ſeguace
Tutta aggirando va con ſtorto paſſo,
In queſto albergo il graue Sonno giace
L’Otio da vn cato corpulento e graſſo
Da l’altro la Pigritia in terra ſiede
Ch nò può ádare, e mal reggerti 1 piede.

[94]
Lo ſmemorato Oblio ſta ſu la porta
Non laſcia entrar, ne riconoſce alcuno,
Non aſcolta imbaſciata ne riporta
E parimente tien cacciato ognuno,
Il Silentio va intorno, e fa la ſcorta,
Ha le ſcarpe di feltro, e’l mantel bruno,
Et a quanti n’ incontra, di lontano
Che no debban venir cenna co mano.

Heimkehr

Carl Einstein

(* 26. April 1885 in Neuwied; † 5. Juli 1940 bei Pau in Frankreich nahe der spanischen Grenze)

Heimkehr

Krieche der Erde.
Krümm dich der Wolke.
Willst du das, Mann?
In Scherben zerrieben, zum Irrsinn gezerrt.
Endloser Wanderer, allein.
Tod läuft dich an,
Streut in rauchige Asche
Aufriß und Ruhm.
Junges leuchtet geehrt.
Jetzt nur Flecken, ein Wisch.
Dies alles.
Schwankst
Und streifst kaum
Gras, das die Hüfte umgrünt.
Keuche zum Himmel.
Knochen, Feigen und Sklaven
Hungert es uns.
Seele verloren, läßt es den Leichnam dir taumeln.
Deinen Schatten schreckt staubiger Abend.
Anderer Muscheln,
verschmäht und zergart,
frißt er.
Schämen zerbricht dich.
Ihnen ermattet
wirst du des Knaben Erde verspüren.
Niemand grüßt.
Niemand ein Wort.
Nie ruft den Namen
Die Stimme des Menschen.
Würge dir ein
Hungers Wege.
Aufwärts! da oben
klingende Türe.
VERHUNGERT.
Himmel grüßt zart,
Bietet dir Kommen und Schluß.

Aus: Die Aktion 9/10 (1917) Sp. 117f.

Ruisdael

Karl Woermann

(* 4. Juli 1844 in Hamburg; † 4. Februar 1933 in Dresden)

Aus: Ruisdael

Teil IV:

1882.

Ein Bild von Ruisdael! „Fünfzehntausend Mark!“
Wer bietet mehr? „“Ich biete zwanzigtausend.
Es ist ein Prachtbild, Eichen, hoch und stark,
Beschatten einen Bergstrom, wild und brausend.““

„Was zwanzigtausend! Seht des Himmels Zelt,
Hier hellblau, hier von Wolken grau umwittert.
Seht, wie in diesem Stück begrenzter Welt
Des großen Weltgeists ew’ger Odem zittert.“

Wer bietet mehr? Die Kenner rings im Kreis,
Mit glühnden Blicken sitzen sie und bieten.
Jetzt: „Fünfzigtausend!“ Dieses ist der Preis
Fürs Bild des armen toten Mennoniten.

Der Händler lächelt: „Wer hat die Natur
Wie er gesehn, wie er gemalt den Norden?
Hätt‘ ich die Hälfte seiner Bilder nur,
Ich wäre lange Millionär geworden.“

Die Hälfte nur! Mit allen, ach, erwarb
Er selbst nicht einmal seines Grabes Klause;
Die zahlten milde Seelen. Der er starb,
Ach! Jakob Ruisdael starb im Armenhause.

Von Jacob Isaacksz. van Ruisdael – user:Rlbberlin, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=919257

Aus: Barthel, G. Emil (Hrsg.): Neuer poetischer Hausschatz. Hochdeutsche Gedichte aus der Zeit vom Beginne der Romantik bis auf unsere Tage in systematisch geordneter Auswahl aus den Quellen. Halle a. d. S.: Hendel Verlag, o.J. [1896], S. 1051

Nachtgedanken

Edward Young

Wie arm, wie reich, wie gering, wie herrlich, wie künstlich zusammengewebt, wie wunderbar ist der Mensch! Und wie weit ist Derjenige über alle Verwunderung erhaben, der ihn so machte! der in unserm Wesen solche fremde und ferne Gränzen in einem Mittelpunkte vereinigte! Eine erstaunliche Vermischung verschiedener Naturen! Eine vortreffliche Verbindung entfernter Welten! Ein vorzügliches Glied in der unendlichen Kette der Dinge! Der halbe Weg vom Nichts zur Gottheit! Ein himmlischer Stral, verunreinigt und verschlungen! obgleich verunreinigt und entweiht, doch immer noch göttlich! Ein dunkles Bild im Kleinen von der vollkommensten Größe! Ein Erbe der Herrlichkeit! Ein schwaches Kind des Staubes! Ein hülfloser Unsterblicher! Ein unendliches Insekt! Ein Wurm! Ein Gott! – Ich zittre vor mir selbst, ich verliere mich in mir selbst! (…)

Youngs Nachtgedanken wirkten enorm auf Goethe und Zeitgenossen. Youngs Blankverse (fünfhebige Jamben, jambischer Pentameter) wurden in deutsche Hexameter und sogar in so unpassende wie anachronistische Alexandriner übersetzt. Johann Arnold Ebert gab den Originaltext mit danebenstehender Prosaübersetzung. Auch ein Pionier der Übersetzungspraxis.

How poor, how rich, how abject, how august,
How complicate, how wonderful is man!
How passing wonder He who made him such!
Who centred in our make such strange extremes!
From different natures marvellously mix’d,
Connexion exquisite of distant worlds!
Distinguish’d link in being’s endless chain!
Midway from nothing to the Deity!
A beam ethereal, sullied and absorb’d!
Though sullied and dishonour’d, still divine!
Dim miniature of greatness absolute!
An heir of glory! a frail child of dust!
Helpless immortal! insect infinite!
A worm! a god! — I tremble at myself,
And in myself am lost! (…)

Aus: Dr. Eduard Young’s Klagen, oder Nachtgedanken über Leben, Tod, und Unsterblichkeit : in neun Nächten. Autor / Hrsg.: Young, Edward ; Ebert, Johann Arnold. 1. Band, 1. Nacht. Braunschweig: Schröder, 1760, S. 19-23 (Mehr)

Englischer Text The Complaint: or, Night-Thoughts on Life, Death & Immortality. Night I. On life, death, and immortality. https://www.eighteenthcenturypoetry.org/works/ayo19-w0010.shtml

Sommernacht

Friedrich Gottlieb Klopstock (* 2. Juli 1724 in Quedlinburg; † 14. März 1803 in Hamburg)

Die Sommernacht
(1766)

(Klopstock wußte, dass griechische Versfüße im Deutschen nicht funktionieren, und schuf seine Wortfüße)



Wenn der Schimmer von dem Monde nun herab
In die Wälder sich ergießt, und Gerüche
Mit den Düften von der Linde
In den Kühlungen wehn;

So umschatten mich Gedanken an das Grab
Der Geliebten, und ich seh in dem Walde
Nur es dämmern, und es weht mir
Von der Blüthe nicht her.

Ich genoß einst, o ihr Todten, es mit euch!
Wie umwehten uns der Duft und die Kühlung,
Wie verschönt warst von dem Monde,
Du o schöne Natur!

Ein Gedicht für die Christen

Jerome Rothenberg

Aus: Polen / 1931. Aus dem Amerikanischen übersetzt und herausgegeben von Norbert Lange. Berlin, Encinitas und Schupfart, Mai 2019 (roughbook 049)


Titelblatt:

Kein Wunder

Veronica Gambara

(* 30. Juni 1485 Pratalboino, Provinz Brescia; † 13. Juni 1550 in Correggio)

Wenn die schöne Venus

Wenn die schöne Venus damals, als sie
für Adonis oder Mars entbrannte,
dich gesehen hätte, Herr, dann

wäre sie ringsum von heißer Flamme
ganz ergriffen worden und sie wäre
nur für dich entbrannt, denn du bist

würdiger als alle andern, du besiegst
den kriegerischen Mars mit Waffen, deine
Schönheit kann Adonis nicht erreichen.

Darum ist’s kein Wunder, daß der Himmel dich begehrt,
und, weil du so bist, nun mit Unsterblichkeit dich ehrt.

Aus: EMANUELA SCARPA (HRSG.): Zehn italienische Lyrikerinnen der Renaissance. Dieci poetesse
italiane del Cinquecento. Übersetzt von Gio Batta Bucciol und Irmgard B. Perfahl unter Mitwirkung von Helga Böhmer. Mit Zeichnungen von Hans Joachim Madaus (Italienische Bibliothek). Tübingen: NARR, 1997, S. 79

Se, quando per Adone e ver per Marte
arse Venere bella,
stato fossi, Signor, visto da lei,

quella ardent facella
sol per te, che di lor più degno sei,
aras e accesa l’avrebbe in ogni parte,

perché ne l’arme il bellicoso Marte
vinci d’assai, e di bellezza Adone
cede al tuo paragone;

dunque se ‚l Ciel t’aspira e fa immortale
meraviglia non è, perché sei tale.

Hier eine englische Version

Die Feile ist stumpf

Giacomo Leopardi

(* 29. Juni 1798 in Recanati; † 14. Juni 1837 in Neapel)

Scherz

Als ich, ein Knabe noch,
die Musen bat, dem Lehrling beizustehen,
da nahm mich ihrer eine bei der Hand,
und während mancher Stunde
macht ich mit ihr die Runde,
die Werkstatt anzusehen.
Sie wies mir den Bestand
zuerst des Kunstgerätes,
die wechselnde Verrichtung
sodann, wo sich ein jedes
zur Arbeit nützlich fand
an Prosa und an Dichtung.
Ich sah mich um und fragte:
„Wo ist die Feile denn?“ Die Muse sagte:
„Sie taugt nicht mehr; wir lassen sie beiseit.“
Und ich: „So mögt ihr sie
nicht wieder schärfen, wenn sie stumpf geworden?“
Sie sprach: „Das müssen wir, doch fehlt die Zeit.“

Deutsch von Hanno Helbling, aus: Giacomo Leopardi: Ich bin ein Seher. Gedichte. Kleine moralische Werke. Zibaldone. Leipzig: Reclam, 1991, S. 123

Scherzo

Quando fanciullo io venni
A pormi con le Muse in disciplina,
L’una di quelle mi pigliò per mano;
E poi tutto quel giorno
La mi condusse intorno
A veder l’officina.
Mostrommi a parte a parte
Gli strumenti dell’arte,
E i servigi diversi
A che ciascun di loro
S’adopra nel lavoro
Delle prose e de’ versi.
Io mirava, e chiedea:
Musa, la lima ov’è? Disse la Dea:
La lima è consumata; or facciam senza.
Ed io, ma di rifarla
Non vi cal, soggiungea, quand’ella è stanca?
Rispose: hassi a rifar, ma il tempo manca.

Einsamer Gesichteschneider

Welimir Chlebnikow

(Велимир Хлебников; eigentlich Wiktor Wladimirowitsch Chlebnikow/ Виктор Владимирович Хлебников; * 28. Oktober jul./ 9. November 1885 greg. in Malyje Derbety, Gouvernement Astrachan; † 28. Juni 1922 in Santalowo, Rajon Krestzy, Oblast Nowgorod)

Einsamer Gesichteschneider

Während über Zarskoje Selo
Der Achmatowa Gesang und Tränen strömten,
Habe ich, der Zauberin Gespinst entflechtend,
Wie ein Leichnam, schläfrig, mich durch Einöden geschleppt,
Dort war am Verschmachten das Unmögliche:
Abgematteter Gesichteschneider
Der fürbaß ging über Stock und Stein.
Unterdessen hat die Kraushaarstirn
Jenes unterirdschen Stiers in dunklen Höhlen
Blutrünstig geschmatzt und Menschen viel gepraßt
Im Dunst unflätiger Bedrohung.
Doch von Mondes wegen eingehüllt
Einem abendlichen Wandrer gleich im Schlafumhang,
Sprang im Schlaf ich über Klüfte hin,
Schritt von einem Fels zum andern.
Blind ging ich, indes
Der Wind der Freiheit mich antrieb,
Mich mit schrägem Regen peitschte.
Ich nahm das Stierhaupt ab vom mächtigen Fleisch und Knochen
Und lehnte es an eine Wand.
Ich schwang es wie ein Kämpfender der Wahrheit über dieser Welt:
Seht, da ist es!
Da ist die Kraushaarstirn, für die die Menge sich entflammt hat!

Und mit Grausen
Begriff ich, daß ich nicht gesehen war:
Daß es vonnöten, Augen auszusäen,
Daß für die Augen kommen muß ein Sämann!

1921/22

Deutsch von Roland Erb, aus: Welinir Chlebnikow: Ziehn wir mit Netzen die blinde Menschheit. Berlin: Volk und Welt, 1984, S. 221

ОДИНОКИЙ ЛИЦЕДЕЙ

И пока над Царским Селом
Лилось пенье и слезы Ахматовой,
Я, моток волшебницы разматывая,
Как сонный труп, влачился по пустыне,
Где умирала невозможность,
Усталый лицедей,
Шагая напролом.
А между тем курчавое чело
Подземного быка в пещерах темных
Кроваво чавкало и кушало людей
В дыму угроз нескромных.
И волей месяца окутан,
Как в сонный плащ, вечерний странник
Во сне над пропастями прыгал
И шел с утеса на утес.
Слепой, я шел, пока
Меня свободы ветер двигал
И бил косым дождем.

И бычью голову я снял с могучих мяс и кости
И у стены поставил.
Как воин истины я ею потрясал над миром:
Смотрите, вот она!
Вот то курчавое чело, которому пылали раньше толпы!
И с ужасом
Я понял, что я никем не видим,
Что нужно сеять очи,
Что должен сеятель очей идти!

Конец 1921 — начало 1922

Lockergedicht

Andreas Okopenko

(* 15. März 1930 in Košice (Tschechoslowakei); † 27. Juni 2010 in Wien)

MIDLIFE

O Tagebuch, o Tagebuch,
wie grau sind deine Blätter.
Wo blieb „des Lebens goldner Baum“,
wo blieb das Meer im Pfeifenschaum?
O Klagefluch, o Klagefluch,
bald gibt es schlechtes Wetter.

Mehr

Ein Massaker unter anderen

Aimé Césaire

(* 26. Juni 1913 in Basse-Pointe, Martinique; † 17. April 2008 in Fort-de-France)

Ein Massaker unter anderen

Mit aller Kraft stoßen Sonne und Mond zusammen
die Sterne fallen ab wie überreife Zeugen
und wie ein Wurf grauer Mäuse

Fürchte nichts bereite deine gewaltigen Wasser
die so schön die Ufer der Spiegel fortreißen

Sie haben mir Dreck in die Augen gestreut
und ich sehe sehe schrecklich sehe ich
von allen Bergen und von allen Inseln
werden nur ein paar faule Stümpfe übrigbleiben
im verstockten Speichel des Meers

Deutsch von Janheinz Jahn. Aus: Museum der modernen Poesie, eingerichtet von Hans Magnus Enzensberger. 2. Band. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1980, S. 645

ENTRE AUTRES MASSACRES

De toutes leurs forces le soleil et la lune s’entrechoquent
les étoiles tombent comme des témoins trop mûrs
et comme une portée de souris grises

ne crains rien apprête tes grosses eaux
qui si bien emportent la berge des miroirs

ils ont mis de la boue sur mes yeux
et vois je vois terriblement je vois
de toutes les montagnes de toutes les îles
il ne reste plus rien que les quelques mauvais chicots
de l’impénitente salive de la mer

Ohne Titel

Ingeborg Bachmann

(* 25. Juni 1926 in Klagenfurt; † 17. Oktober 1973 in Rom)

Seht ihr, Freunde, seht ihrs nicht!
daß ichs nicht überlebt
auch nicht überstanden habe, seht ihrs nicht,
daß ich einwärts gehe, daß
fürderhin einwärts rede, daß
ich mich einziehe, mein Haar
herablasse meine Hände einstreiche
mein Wort einziehe, seht ihrs nicht,
seht ihr,

daß ich mir abgehe, daß ich abwärts
gehe, daß ich mich abgebe,

und schreie, weil die Irren nach
ihren Wärtern tasten suchen, wie
ich nach meinem Wärter

Aus: Ingeborg Bachmann: Ich weiß keine bessere Welt. Unveröffentlichte Gedichte. München, Zürich: Piper, 2000, S. 115

Die fremden Länder

Edith Södergran

(* 4. April 1892 in Sankt Petersburg; † 24. Juni 1923 in Raivola/Karelien, damals Finnland, heute Rußland)

Die fremden Länder

Meine Seele liebt die fremden Länder,
als hätte sie keine Heimat.
In fernem Land stehen große Steine,
auf denen meine Gedanken ruhen.
Es war ein Fremder, der schrieb seltsame Worte
auf eine feste Tafel: meine Seele.
Tage und Nächte liege ich und denke
an Dinge, die niemals geschahen:
Einmal bekam meine durstige Seele zu trinken.

Aus dem Schwedischen von Christiane Grosz
Aus: Edith Södergran: Klauenspur. Gedichte und Briefe. Hrsg. Richard Pietraß. Leipzig: Reclam, 1990, S. 26