Zu Zweit

Sarah Kirsch

(* 16. April 1935 in Limlingerode, Kreis Nordhausen; † 5. Mai 2013 in Heide (Holstein))

Zu Zweit

Lieber zu Zweit verhungern als Einzeln
In goldenen Wagen spazieren fahren:
Gefahren Gefahren überall für unsere
Treuen unbescholtenen Seelen
Mein Freund bis hierher und nicht weiter
Einer
Sey
Des andern Stab
Und unüberhörbare Stimme
Schlag mir auf mein Sitzfleisch wirf mich
Auf ein Fahrrad und jag mich nach Zeuthen

Aus: Rückenwind. Gedichte. Aufbau 1976

Banalitäten aus dem Chinesischen

Kurt Schwitters

(* 20. Juni 1887 in Hannover; † 8. Januar 1948 in Kendal, Cumbria, England)

Seit 1.1.19 ist das Werk von Kurt Schwitters in Deutschland gemeinfrei

Banalitäten aus dem Chinesischen

Fliegen haben kurze Beine.
Eile ist des Witzes Weile.
Rote Himbeeren sind rot.
Das Ende ist der Anfang jeden Endes.
Der Anfang ist das Ende jeden Anfangs.
Banalität ist jeden Bürgers Zier.
Das Bürgertum ist aller Bürger Anfang.
Bürger haben kurze Fliegen.
Würze ist des Witzes Kürze.
Jede Frau hat eine Schürze.
Jeder Anfang hat sein Ende.
Die Welt ist voll von klugen Leuten.
Kluge ist dumm.
Nicht alles, was man Expressionismus nennt, ist Ausdruckskunst.
Kluge ist immer noch dumm.
Dumme ist klug.
Kluge bleibt dumm.

ich weiß nicht wie

Nora Iuga

(* 4. Januar 1931 in Bukarest)

ich weiß nicht wie
er kam wie ein klempner
und hat die verstopfung behoben
so daß die wörter fließen
es gibt einfach so zyklen
alle drei jahre
werden die armaturen gewechselt
im oktober vielleicht oder im mai
kommt er wieder vorbei

Aus: Nora Iuga: Gefährliche Launen. Ausgewählte Gedichte. Aus dem Rumänischen von Ernest Wichner. Stuttgat: Klett-Cotta, 2007, S. 38

Der tunkel sterne

Der von Kürenberg

(12. Jahrhundert)

Der abendstern verbirgt sich schnell
frau, wie du’s sollst, wenn du mich siehst,
zum anderen mann wirf blicke hell
dann weiß auch keiner, wie du mich liebst.

Übertragung: Florian Voß

Der tunkel sterne der birget sich,
als tuo du, frouwe schœne,
sô du sehest mich,
sô lâ du dîniu ougen gên an einen andern man.
sôn weis doch lüzel ieman, wies under uns zwein ist getân.

Aus: Unmögliche Liebe. Die Kunst des Minnesangs in neuen Übertragungen. Hrsg. von Tristan Marquardt und Jan Wagner. Zweisprachig. München: Hanser, 2017, S. 26

Ich seh’ auch nicht den Zweck ein

John Höxter

(* 2. Januar 1884 in Hannover, † 15. November 1938 in Berlin)

Ich sitze auf der Banke
Und drehe meine Daumen;
Im Hirn keimt kein Gedanke,
Vertrocknet dorrt mein Gaumen.
Mir schmerzen alle Glieder,
Mich zerrt des Windes Wehen –
Fast möchte ich nie wieder
Von dieser Bank aufstehen.
Ich seh’ auch nicht den Zweck ein –
Sanft schaukelnd auf den Fluten
Möcht’ ich ein Schiff und leck sein
Und leise mich verbluten …

(1929)

Aus: VERSENSPORN
Heft für lyrische Reize
Nr. 8: John Hoexter (2012)

Vom Denken

Akbar Allahabadi

(1846-1921)

Mansour sprach: „Ich bin Gott!“ und  dann:
„Ich bin ein Affe!“ Darwin sann.
Und lachend sprach ein Freund zu mir:
„Ein jeder denkt, so gut er kann!“

Aus: Die schönsten Gedichte aus Pakistan und Indien. Islamische Lyrik aus tausend Jahren. Hrsg./Übers. Annemarie Schimmel. München: C.H. Beck, 1996, S. 178

Der Reiz seiner satirischen Gedichte beruhe häufig darauf, dass er englische Wörter witzig einsetze, sagt die Herausgeberin, nicht jedoch, in welche Sprache.

[Den Titel der Anthologie finde ich allerdings anmaßend, denn in Indien gibt es viele Sprachen und Religionen und gewiß in jeder schöne Gedichte, nicht nur in einer. Dennoch lese ich gern darin.]

Treppengedicht

Marina Zwetajewa

(russisch Мари́на Ива́новна Цвета́ева, wiss. Transliteration Marina Cvetaeva; * 26. September jul./ 8. Oktober 1892 greg. in Moskau; † 31. August 1941 in Jelabuga, Tatarstan)

Bei Moloko Print erschien das Poem Lestniza (Die Treppe, das Wort bedeutet im Russ. auch Die Leiter) dreifach: in zwei Übersetzungen von Felix Philipp Ingold, einer neuen von 2018 sowie einer älteren von 1992/93, dazu ein Faksimile des Erstdrucks von 1926.

Hier die ersten 3 Strophen (ergänzt durch eine Transkription des Originaltexts):

Erste Übersetzung

Treppengedicht

Bloß flüchtige Küsse,
Bloß Treppengenüsse.
Statt rosiger Süße

Bloß Schminke — mit Rissen.
Kein Märchen — das Wissen:
Nie mehr dich grüßen.

Bloß flüchtige Stöße
Im Treppengehäuse —
Die Stufen wie Flöße.

Zweite Übersetzung

Die Treppe
– Poem –

Kurz gekost, geknutscht –
Die Treppe schwankt.
Kurz mal aufgeflammt

Ein Gesicht unter Putz.
Kurz im Märchenland:
Für morgen kein Gruss.

Kurz mal gerammt-
Die Treppe wankt,
Die Treppe drängt.

ЛЕСТНИЦА

Короткая ласка
На лестнице тряской.
Короткая краска

Лица под замазкой.
Короткая — сказка:
Ни завтра, ни здравствуй.

Короткая схватка
На лестнице шаткой,
На лестнице падкой.

Transkribiert

(s für stimmhaftes, ß für stimmloses s; zusätzlich werden die Akzente markiert. Unbetontes o wird wie a ausgesprochen, ch wie in ach, in sdráwßtwuj bleibt das w stumm.)

Léßtniza

Korótkaja láßka
Na léßtnize trjáßkoj.
Korótkaja kráßka

Lizá pod samáskoj.
Korótkaja – ßkáska:
Ni sáwtra, ni sdráwßtwuj.

Korótkaja ßchwátka
Na léßtnize schátkoj,
Na léßtnize pádkoj.

Aus: Marina Zwetajewa: Das Treppengedicht in zwei Versionen aus dem Russischen von Felix Philipp Ingold. Pretzien: Moloko Print, 2018

hundetraum

Patti Smith

(* 30. Dezember 1946 in Chicago)

dog dream

have you seen
dylans dog
it got wings
it can fly
if you speak
of it to him
its the only
time dylan
cant look you in the eye

have you held
dylans snake
it rattles like a toy
it sleeps in the grass
it coils in his hand
it hums and it strikes out
when dylan cries out
when dylan cries out

have you pressed
to your face
dylans bird
dylans bird
it lies on dylans hip
trembles inside of him
it drops upon the ground
it rolls with dylan round
its the only one
who comes
when dylan comes

have you seen
dylans dog
it got wings
it can fly
when it lands
like a clown
he’s the only
thing allowed
to look dylan in the eye

hundetraum

hast du je
dylans hund gesehn
der hat flügel
der kann fliegen
und erzählst du
ihm davon
kann dir dylan
zum erstenmal
nicht in die augen sehn

hattest du je
dylans schlange in der hand
die rasselt wie ein spielzeug
die schläft im gras
die ringelt sich in seiner hand
die summt und schlägt um sich
wenn dylan aufschreit
wenn dylan aufschreit

hast du dir je
dylans vogel
an die wange gedrückt
dylans vogel
der liegt auf dylans hüfte
zittert in seinem innern
der plumpst auf den boden
der tollt mit dylan rum
der ist der einzige
der kommt
wenn dylan kommt

hast du je
dylans hund gesehn
der hat flügel
der kann fliegen
wenn der landet
wie ein clown
darf er
als einziger
dylan in die augen sehn

Aus: Patti Smith: Babel. Lieder und Texte. Zweisprachig. Deutsch von Walter Hartmann. Reinbek: Rowohlt, 1985, S. 70-73

Echte Weiblichkeit I

Dante Gabriel Rossetti

Echte Weiblichkeit I
Sie

Süsser zu sein als je der FRÜHLING war;
Und schöner als der wilde Rosenstrauch,
Der auf dem Hügel schwankt im Windeshauch;
Mehr zu entzücken als der Sang so klar

Der Nachtigall; mehr zu berauschen gar
Als neuer Wein; und all dies und noch mehr
Unter des sanften Busens Schwellen, der
Die Lebensblume ist, – wie wunderbar,

Das, was dem Mann Geheimnis ist, zu sein!
Schliesst ihrer Seele Gut an Lust und Weh,
Ihr reinstes Glühn der Himmel selbst doch ein,

Unsichtbar, wie den Perlenschatz die See
Und wie Schneeglöckchens weisse Kelchblättlein
Das Herz, das grüne, unter ihrem Schnee.

Deutsch von Otto Hauser (1876-1944)

Aus: Dante Gabriel Rossetti: Das Haus des Lebens. Eine Sonettenfolge. Aus dem Englischen von Otto Hauser. Leipzig: Eugen Diederichs, 1900, S. 58

True Woman–1. Herself

To be a Sweetness more desired than Spring;
A bodily beauty more acceptable
Than the wild rose-tree’s arch that crowns the fell;
To be an essence more environing
Than wine’s drained juice; a music ravishing
More than the passionate pulse of Philomel;–
To be all this ’neath one soft bosom’s swell
That is the flower of life:–how strange a thing!
How strange a thing to be what Man can know
But as a sacred secret! Heaven’s own screen
Hides her soul’s purest depth and loveliest glow;
Closely withheld, as all things most unseen,
The wave-bowered pearl,–the heart-shaped seal of green
That flecks the snowdrop underneath the snow.

Klopstock

Johann Friedrich Hahn

(* 28. Dezember 1753 in Gießen; † 30. Mai 1779 in Zweibrücken)

Klopstock

A. Hinaufgeschwebt ist er durch alle Sonnenhöhen,
Und schwebt, und strahlt durch seine Himmel licht!

B. Wie? Wo? Ich kann ihn nirgens sehen!

A. Nein, Männchen, nein! du siehst ihn nicht!
Und stündest du auf dem Katheder,
Auf allen Werken deiner Feder,
Mit langem Hals, und auf den Zeh’n;
Du wirst ihn nimmer strahlen sehn!
Den letzten Strahl von ihm, erreicht‘ ihn dein Gesicht,
Er schwebte wahrlich droben nicht.

Aus: Alfred Kelletat (Hrsg.): Der Göttinger Hain. Stuttgart 1967.

Die funktionelle Ehe

Mina Loy

(* 27. Dezember 1882 in London; † 25. September 1966 in Aspen, Colorado)

Aus: Die funktionelle Ehe

Deutsch von Raoul Schrott. Aus: Englische und amerikanische Dichtung 4. Amerikanische Dichtung von den Anfängen bis zur Gegenwart. Hrsg. Eva Hesse und Heinz Ickstädt. München: C.H. Beck, 2000, S. 237

6. Der Mensch

Isolde Kurz

(* 21. Dezember 1853 in Stuttgart; † 6. April 1944 in Tübingen)

Aus: Die Kinder der Lilith (1908)

Zur Weihnacht 2018 lädt L&Poe zu einem Augenzeugenbericht der Schöpfung ein. Ein paar Kapitel aus einem Poem von Isolde Kurz. Manche Wörter wollen uns zu anderen Wörtern oder Sachen locken.

In der 6. Folge: Wie Lucifer fragt und Gott ihm antwortet.Gottes Plan überhaupt.

Sabbath! Es ruht des Schöpfers Stärke
Am siebten Tag von seinem Werke.
Er wandelt über Meeresbreiten,
Und an der Weltakkorde Gleiten
Stimmt er der Seele Saiten rein.
Nur Sammael darf um ihn sein,
Des Morgensterns erlauchter Herr,
Die Engel nennen ihn Lucifer,
Weil ihn ein Strahl des Geists umwittert,
Vor dem die himmlische Heerschar zittert.
In ihn allein ist unter allen
Ein Fünkchen Eigenlichts gefallen.
Doch wie ihm streben die Gedanken,
Er dringt nicht durch des Meisters Schranken,
Er kann den Schleier nicht zerreißen,
Wozu der Mensch geschaffen sei,
Und ob die Dinge, die ewig kreisen,
Mehr als ein ewiges Einerlei.
Da zeichnet still des Meisters Hand
Eine Spirale in den Sand.
Sammael sieht’s vom Blitz gerührt:
— Gilt’s einen Weg, der aufwärts führt?

— Ja aufwärts! Hoch bis über die Sterne,
Über euch alle in Weltenferne,
Auch über dich, so hell du scheinst,
An meine Seite steigt dereinst
Der Mensch — er aller Sonnen Sonne,
Mit der Gottheit teilend die Schöpferwonne,
Von allen Erschaffenen er allein
Gewürdigt, mein Genoß zu sein.
Ihn schloß ich nicht zu dauernder Haft
Wie euch in eine Eigenschaft,
Daß, wie ihr tönend um mich schwingt,
Jeder nur seine Stimme singt.
Ihm hab’ ich zu dem Fünkchen Leben
Die Orgel mit allen Registern gegeben:
Der Tierheit und der Gottheit Triebe,
Die Himmels- und die Erdenliebe,
Das Fürchten, Sehnen, Hoffen, Hassen,
Ihm das Erröten und Erblassen;
Die Kühnheit und die Schüchternheit,
Die Trunkenheit, die Nüchternheit,
Das Süßeste, das Bitterwidrigste,
Das Höchste ward ihm und das Niedrigste;
Die Weisheit und die Narretei,
Der Ernst, das Spiel, die Raserei,
Des Nordpols Eis, des Kraters Flammen
Wohnen in seiner Brust beisammen,
Der ich den Schöpferhauch vertraut,
Mit dem er zu mir den Weg sich baut.
Nicht er: in Tagen, die ferne sind,
Seiner Kinder spätestes Kindeskind.
Auf Vaters Schultern tritt der Sproß,
Von Adam, dem armen Erdenkloß,
Bau’ ich durch Lilith eine Leiter
Zum höchsten Sitz des Himmels weiter.
Drum hab’ ich die Freundin ihm gepaart,
Halb von seiner und halb von eurer Art,
Daß sie mit Liebesdorne
Ihn wecke, stähle, sporne,
Er zu massig und sie zu fein,
Unvermögend jedes für sich allein.
Ihr gab ich keine irdischen Waffen,
Sie soll begeistern, er soll schaffen,
Von ihm die Kraft, die Felsen spaltet,
Den festen Sinn, der ordnend waltet,
Von ihr die Flamme stets bewegt,
Die Unruh, die das Uhrwerk regt.
Des Regenbogens bewegliche Habe
Schenkte ich Lilith zur Morgengabe,
Womit sie schwebend den Raum erfüllt,
Sich in farbenwechselnde Schleier hüllt.
Sie mag im Spiel sich mit ihm freuen,
Zu Seifenblasen ihn zerstreuen
Und aus den bunten Farbenspiegeln
Ahnend ein Künftiges entsiegeln,
Um ihre wechselnden Gestalten
Kann nichts verwelken, nichts veralten.
Ob sie über Blumen sich tändelnd wiegt,
Auf Wolkenrossen jauchzend stiegt,
Wo sie erscheint, muß alles blühn,
Was sie berührt, wird frisch und grün.
Und Liliths Mund kann nimmer lügen,
Wohin sie irrt auf Fabelflügen,
Der träge Riese muß ihr nach!
Wie oft das Werkzeug ihm zerbrach,
Er läßt nicht ab, er kämpft und ringt,
Bis er’s mit schaffender Faust erzwingt,
Vor solchem Wollen, solchem Wagen
Muß sich das letzte Nein zerschlagen.
Schon seh’ ich fern den Morgen scheinen,
Wo nimmer pflichtig dem Gemeinen
Der holde Sohn des Widerspruchs,
Aufreckend seinen Riesenwuchs
Vom Erdkreis, den er unterjocht,
An meines Himmels Pforten pocht.
Dann werd’ ich in den Arm ihn schließen,
Der Sohn, dem Vater nahgesellt,
Soll schaffend sich mit mir ergießen
Durch alle Adern meiner Welt.
Den Weg des Windes, die Gezeiten,
Er lenke sie, wie er gesinnt,
Sein spähend Aug’ soll mich begleiten
Durchs fernste Sternenlabyrinth.
In mich wie ich in ihn ergossen
Nehm’ ich am End zu höchstem Glück
In meine Brust, draus er geflossen,
Ihn den vollendeten zurück.
Und wirkend, wissend, wachsend, webend,
Der Gottheit Leben mit erlebend
Schafft er in mir verjüngte Lust.
Nicht länger werd’ ich durch Äonen
In öder Größe einsam wohnen,
Das Unerforschte in der Brust:
Ihm sei vor Cherubim und Thronen
Das letzte, Höchste mitbewußt.

Soweit Ausschnitte aus dem Gedicht von Isolde Kurz. L&Poe wünscht einen schönen zweiten Weihnachtstag!

5. So sinkt auf Eden die erste Nacht

Isolde Kurz

(* 21. Dezember 1853 in Stuttgart; † 6. April 1944 in Tübingen)

Aus: Die Kinder der Lilith (1908)

Zur Weihnacht 2018 lädt L&Poe zu einem Augenzeugenbericht der Schöpfung ein. Ein paar Kapitel aus einem Poem von Isolde Kurz. Manche Wörter wollen uns zu anderen Wörtern oder Sachen locken.

In der 5. Folge: Wie der verliebte Adam närrische Dinge tut. Wie es Nacht wird in Eden.

So haben die zwei den Tag vertollt.
Doch jetzt versprüht der Sonne Gold,
Und Lilith an den Blumenborden
Von Eden ist sie nun müd’ geworden.
— Sieh, Adam, wie sich der Himmel rötet,
Droben im Hain, wo die Nachtigall flötet,
In der Veilchengrotte, da will ich ruhn.
Dorthin, Sklave, trage mich nun.

Da liegt sie, wohlig hingebettet,
Und neben ihr wie angekettet
Adam — bei eines Glühwurms Span
Kniet er verzückt und starrt sie an.
Ein Weilchen scheint sie so zu schlafen,
Ergötzt sich an der Pein des Sklaven,
Ausstreckt sie plötzlich dann den Arm
Und zieht ans Herz ihn liebewarm.
Das war ein Schauern, ein Entzücken,
Ein Umhalsen und an den Busen Drücken
Und andere närrische Dinge mehr.
Die Nachtluft wird von Seufzern schwer.
Lilith! hallt’s von der Bäume Zweigen,
Lilith! lächelt der Sternenreigen,
Lilith! duftet der Blütenbaum.
Adam! haucht’s leiser, wie aus dem Traum.

Da sind wir stille fortgeflogen,
Indessen noch am blauen Bogen
Des Schöpfers Auge liebend wacht.
So sinkt auf Eden die erste Nacht.

Lesen Sie in der Fortsetzung: Wie Lucifer fragt und der HErr antwortet

4. Das hab’ ich gut gemacht!

Isolde Kurz

(* 21. Dezember 1853 in Stuttgart; † 6. April 1944 in Tübingen)

Aus: Die Kinder der Lilith (1908)

Zur Weihnacht 2018 lädt L&Poe zu einem Augenzeugenbericht der Schöpfung ein. Ein paar Kapitel aus einem Poem von Isolde Kurz. Manche Wörter wollen uns zu anderen Wörtern oder Sachen locken.

In der 4. Folge: Wie Lilith aussah. Wie Adam vor der Gefährtin tanzt. Wie dem Herrn ihrer beider Kuss wohlgefällt.

Da kehrt ins irdische Gefild
Der Herr mit dem lieblichsten Wunderbild,
Wie er’s erschuf, ist uns verborgen,
Es strahlt wie Paradiesesmorgen,
Vom Scheitel fließt ihm Sonnengold,
Zwei Flüglein hat’s, noch aufgerollt,
Wie junge Blätter unentfaltet,
Sonst ist es Adam gleich gestaltet
Und anders doch und feiner viel,
Ein schlanker, beweglicher Blumenstiel.
Als Adam dies Gebild erschaut,
Springt er vom Boden mit Jubellaut,
Begreifend, daß dies Wonnewesen
Ihm zur Gefährtin auserlesen.

Und stracks hebt er zu tanzen an,
Just wie ein balzender Auerhahn,
Den Hals gereckt, auf Zehen schwebend,
Die Arme wie zwei Flügel hebend,
So turnt er vor ihr auf und nieder
Und zeigt die Pracht ihr seiner Glieder,
Kreist immer näher um die Neue,
Die an den Herrn sich schmiegt mit Scheue.
Doch mählich wird auch sie beherzt,
Ein Schalk aus ihren Augen scherzt,
Sie schwebt ihm entgegen, flieht und kehrt
Um ihn, der wie ein Kreisel fährt,
Dann plötzlich hinter des Meisters Rücken
Entzieht sie sich listig Adams Blicken,
Der in ein Jammerbild erstarrt;
Bis sie zur Gnüge ihn genarrt
Und wieder kommt — da in Ekstasen
Wirbelt er auf, und unterm Rasen
Schlägt er zur Erde, umfaßt ihr Knie
Und: Lilith! Lilith! nennt er sie.
Ja, denkt euch, was der Mensch getan:
Er kniet vor ihr, er betet an!
Wir bangten, daß der Meister zürne
Und ihm zerspalte die Frevelstirne:
Wenn Elohim seiner Hand entsprungen,
Haben sie kniend ihm Lob gesungen.
Doch Adam sieht den Schöpfer nicht,
Er sieht nur Liliths Angesicht.
Des Tadels ledig bleibt der Tor,
Der Herr schiebt ein Gewölke vor
Und läßt die zwei allein beisammen
Mit jedem Blicke sich mehr entflammen.

Schon steht sie keck auf Adams Füßen,
Um näher ihn Mund an Mund zu grüßen,
Sie hängen und hängen sich an den Lippen
Und müssen nippen, nippen, nippen,
Als ob vom wonnigen Göttersafte
Dort ein vergossener Tropfen hafte.
Der Herr übers ganze Antlitz lacht,
Als dächt’ er: Das hab’ ich gut gemacht!

Lesen Sie in der Fortsetzung: Wie sie weiter närrische Dinge tun. Wie es Nacht wird in Eden.

3. Adam erkundet die Natur

Isolde Kurz

(* 21. Dezember 1853 in Stuttgart; † 6. April 1944 in Tübingen)

Aus: Die Kinder der Lilith (1908)

Zur Weihnacht 2018 lädt L&Poe zu einem Augenzeugenbericht der Schöpfung ein. Ein paar Kapitel aus einem Poem von Isolde Kurz. Manche Wörter wollen uns zu anderen Wörtern oder Sachen locken.

In der 3. Folge: Wie sich Adam aufführte, als er allein war. Wie er einschlief. Wie der Herr das beobachtet.

Der Herr mit leuchtendem Angesicht,
Als gäb’s im Himmel Schöneres nicht,
Geleitet ihn sorglich auf allen Pfaden,
Ihn zu behüten vor Fall und Schaden.
Doch Adam singt ihm keinen Psalm,
Er streckt sich lang in den Schachtelhalm,
Beriecht die Blumen und das Kraut,
Blinzt in den Äther, der droben blaut,
Und horcht mit vorgestrecktem Hals
Auf die Murmellieder des Wasserfalls.
Der Herr entfernt sich auf ein Weilchen,
Und Adams Haupt sinkt in die Veilchen,
Die an des Baches Rande blühn;
Ihn schläfert nach ersten Lebensmühn.

Lesen Sie in der Fortsetzung: Wie Gott ihm eine Gefährtin schuf. Wie Adam vor #Lilith balzt und bei ihr landet.