Wie ein Krüppel

Zdena Holubová

(* 1941 in Prag)

 

Aus: Aus den Kasematten des Schlafs. Tschechoslowakische Surrealisten. Hrsg. Heribert Becker. Deutsch von Milan Nápravník und Heribert Becker unter Mitarbeit von Ehrengard Herzig. München: Heyne, 1980, S. 84f

Es wird schon dunkel abends sieben

Das Gedicht zum Sommerende und zur Sommerzeitdebatte. Es stammt vom bayrischen Heimatdichter Johannes R. Becher („Im Schatten der Berge bin ich geboren“). In den 50er Jahren lebte der bekanntlich in Pankow und verbrachte den Urlaub in Ahrenshoop. In Pankow geht die Sonne am 1. September um 19:55 Sommerzeit unter, das ist 18:55 MEZ. Bechers Gedicht handelt freilich nur zum Teil von der Abenddämmerung. Er steht in dem Gedichtband „Schritt der Jahrhundertmitte“, mit den späten Gedichten, einem unverhofften lyrischen Herbst, der sehr direkt mit Chrustschows erstem Entstalinisierungsversuch von 1956 zusammenhing. Becher, der offiziell gefeiert wurde, wußte seit langem, daß er nicht mehr schreiben konnte. Chrustschows in einer Geheimrede versteckte Wahrheit löste ihm die Zunge. Die Panzer, die den ungarischen Aufstand niederwalzten, lähmten sie wieder. Nur in abstrakter Form kam die Wahrheitsaufwartung ins Buch, die Klartexte („War unsre nicht die größte der Epochen? / Und wessen Tür wird heute nacht erbrochen?“) verschwanden im Dunkel. Mutige Germanisten veröffentlichten sie dann Anfang 1990, gleichzeitig wurde die „Geheimrede“ von 1956 erstmals in der DDR gedruckt. Viel Dunkel und wenig Licht. In viele Spiegel gilts zu schauen, bis wir der Wahrheit Spiegel sind.

Johannes R. Becher

ES WIRD SCHON DUNKEL

Es wird schon dunkel abends sieben.
„Was ist vom Sommer uns verblieben?“
So frage ich und sag: „Mach Licht!“
Im Dunkel kann man fragen, fragen
Und kann man schweigen und kann klagen.
Die Wahrheit sagt das Dunkel nicht.

Was Freuden waren und was Leiden,
Im Licht nur läßt sich’s unterscheiden.
Ich brauche Licht. Im Licht nur trennt
Das Gute sich von all dem Schlechten,
Das Ungerechte sich vom Rechten,
Vom Abgrund sich das Firmament.

Ich brauche Licht, um nicht zu irren
Und um den Wirrwarr zu entwirren.
Das Dämmerlicht ist kein Gericht,
Das Dunkel macht viel ungeschehen.
Ich brauche Licht, um ihn zu sehen,
Den Mund, mit welchem Mund er spricht.

Man muß auch sehen auf die Hände.
Noch spricht der Mund – sie sind am Ende.
Es ballt ein „Ja“ sich, fleht ein „Nein“‚
Sie sprechen, wenn die Worte schweigen,
Sie können offen dir sich zeigen
Und wie in sich verkrochen sein.

Die Dunkelheit hält uns umfangen,
Das Licht hilft uns aus Angst und Bangen.
Du Sternbild in der Finsternis,
Hoch über mir schwebst du im Zimmer,
Ich blick durch mich in deinem Schimmer
Und werde meiner selbst gewiß.

Es wird schon dunkel abends sieben.
Was ist vom Leben uns geblieben?
Im Dunkel sind die Spiegel blind.
Mach Licht! Laßt uns dem Licht vertrauen!
In viele Spiegel gilt’s zu schauen,
Bis wir der Wahrheit Spiegel sind.

Aus: Johannes R. Becher: Schritt der Jahrhundertmitte. Neue Dichtungen. Berlin: Aufbau, 1959, S. 171f

Seestück

Blanca Andreu

Deutsch von Gustav Siebenmann

Aus: Spanische Lyrik des 20. Jahrhunderts. 5., überarb. u. erw. Aufl. Stuttgart: Reclam, 2003, S. 448f

Auswanderer

Hedwig Lachmann

Auswanderer

Sie nehmen ihre Kinder an der Hand
Und ziehen fort; es duldet sie kein Land.

Grenzwächter sind auf ihren Weg gestellt,
Wie wenn ein Hund am Tor die Wache hält.

Sind überm Meer noch ein paar Ackerbreit,
Worauf nicht Gras noch Futterkorn gedeiht?

Sanddünen, die kein Sämann noch bewarf,
Dass dort ein Bettelvolk verhungern darf?

Der Bauch der Schiffe nimmt sie endlich auf,
Zum Ballast hingeworfen, Hauf um Hauf.

Und setzt sie an den fernen Küsten aus
Wie Findlingskinder vor ein fremdes Haus.

Aus: Hedwig Lachmann: Gesammelte Gedichte. Potsdam 1919, S. 56f

Solang‘ man nüchtern ist

Johann Wolfgang Goethe

Solang‘ man nüchtern ist,
Gefällt das Schlechte;
Wie man getrunken hat,
Weiß man das Rechte;
Nur ist das Übermaaß
Auch gleich zu handen;
Hafis! o lehre mich,
Wie du’s verstanden!

Denn meine Meinung ist
Nicht übertrieben:
Wenn man nicht trinken kann,
Soll man nicht lieben;
Doch sollt ihr Trinker euch
Nicht besser dünken:
Wenn man nicht lieben kann,
Soll man nicht trinken.

Aus: Saki Nameh: Das Schenkenbuch

calypso

Ernst Jandl

calypso

ich was not yet
in brasilien
nach brasilien
wulld ich laik du go

wer de wimen
arr so ander
so quait ander
denn anderwo

ich was not yet
in brasilien
nach brasilien
wulld ich laik du go

als ich anderschdehn
mange lanquidsch
will ich anderschdehn
auch lanquidsch in rioo

ich was not yet
in brasilien
nach brasilien
wulld ich laik du go

wenn de senden
mi acroos de meer
wai mi not senden wer
ich wulld laik du go

yes yes de senden
mi across de meer
wer ich was not yet
ich laik du go sehr

ich was not yet
in brasilien
yes nach brasilien
wulld ich laik du go

(2.11.1957)

Ernst Jandl: Werke in sechs Bänden 1. Laut und Luise. München: Luchterhand, S. 98

Kantilene

Ursula Krechel

Kantilene, Abschiedsszene

Im Gedenken an Oskar Pastior

spricht in Zungensprachen
spricht aus Mündelmündern
kennt das Kindersingen‚ das Gelingen

schnippelt eine Pastinakentasche
näht den Wörtern Bändel, Laschen
ob er durchschlüpft? alle Sprachen überraschen

das Anatolische
das Kryptokatholische, Alkoholische
das Bukolische und das ganz Unsymbolische

(Ausnahmen sind:
das Ethische, das Etepetetische
das frisch entdeckte Genetische)

wie Buchstaben sich entzündcn
wie sie sich finden, Ströme münden
Wasser füllt kein Sieb aus guten Gründen

Aus: Ursula Krechel: Jäh erhellte Dunkelheit. Gedichte. Salzburg und Wien: Jung und Jung, 2010, S. 27

Politisch Lied anno 1792

Johann Gottfried von Herder
(1744-1803)

(* 25. August 1744 in Mohrungen, Ostpreußen; † 18. Dezember 1803 in Weimar)

Coalition

„Politisch Lied, ein böses, böses Lied!“
So sagt das Sprichwort; und Du willst, o Freund,
Daß dichtend unsre Nation sogar
Politisire? Hör ein Märchen an,
Was ein politisch Wort, ein bloßes Wort,
Für mancherlei Besinnung dem Gemüth
Nur eines deutschen Hauses gab. Es hieß
Coalisirte Mächte.-Dir ist noch
Bekannt: man wiegte vor nicht langer Zeit
Die Kinder mit coa-coalisirt
In sanftern Schlaf. Das junge Fräulein fragte
Die gnädige Mama: „Was machen jetzt
Die gnäd’gen Tanten, die coalisirten
Puissancen wol?“ Der Informator hörte
Das Wort mit Aerger: „Wahrer Solöcism!
Coalui, coalitum! Es heißt
(Soll’s ja so heißen) einzig coalirt,
Und nicht coalisirt. Ein Emigré
Erfand das Wort, als ob die ganze Welt
Für ihn zusammenwachsen müßte.“ „Nein,“
Antwortete der Secretarius,
„Der stolze Berg erfand’s, als ob die Welt
Entgegen seinem Rath nichts mehr bedeute
Als eine Reichstags-Coalition.
Sie sangen ja den zweiten Psalm!“ „Woher
Es stamme,“ sprach der Informator, „fremd
Ist es und tauget nicht. Sonst nannte man’s
Verbündet, und da denk‘ ich mir den Bund.“
Es hieß auch alliirt; da denk‘ ich mir
Die Allianz. Doch das Zusammenwachsen
Der alliirten Mächte giebt kein Bild.
Ich schlug das Buch der Richter auf, wie Bäume
Sich um die Allianz und Monarchie
Besprachen: „Soll ich meinen süßen Most
Aufgeben?“ sprach der Weinstock. „Und soll ich
Aus meiner Wurzel treten, daß ich mich
Coalisire?“ sprach die Ceder. „Schlage
Der Herr nur den Propheten Daniel
Und Esra sammt der Offenbarung auf!
Da findet er so manches schöne Bild
Coalisirter Mächte: Adler, Leu
Und Lamm und Greif; es giebt ein schönes Kupfer!“
Die gnäd’ge Tante sprach’s. „Verzeihung!“ bat
Ein stattlicher Notarius; „allhier
Gilt nicht die Bibel. In politicis
Entscheiden wir; wir sind politici.“
„So lange darfst Du Deines Landes Baum
Und Kruste von dem Meinigen zurück-
Begehren, als sie mit dem Boden noch
Nicht coalirten.“ Also spricht Alfenus
Und Ulpian. „Getroffen!“ riefen Alle,
„Und gar politice.“ „Doch noch nicht g’nug
Bestimmt!“ sprach ein Geheimer Rath; „die Kruste,
Der Baum coalescirt; doch hohe Mächte
Coalisiren sich. Sind’s freie Staaten,
So heißt es Union; und schließen sie
Ein Bündniß, heißt’s Conföderation;
Coalisiren Cabinette sich,
So folgt darauf Incorporation,
Der fremden Erdenkruste Einverleibung
Ein angenehmer Actus.“ Endlich ward
Dem Herrn des Hauses dieser Tummelplatz
Zu eng. „Ich dächte, Jedermann von uns
Coalescirt‘ und coalirte nur
Zuerst mit sich und seiner Kruste.“ „Das
Ist’s eben, gnäd’ger Herr,“ sprach ein Statist-
Iker, der ex professo sich darauf
Geleget hatte. „Als vor Jahren ich
Mit meinem jungen Herrn auf Reisen war,
Da fiel mir auf der letzten Station
In Frankreich an der Grenze schwer es auf,
Wie Alles dort so bald coalescire.
Vor wenig Jahren waren Hennegau
Und Flandern flämisch, Lothringen war deutsch;
Und jetzt ist bis zur letzten Station
Alles französisch, um- und umgewandt,
Bekleibet, neugeschaffen, coalirt.“
Und dicht daneben hängt, an Wulst und Leib
Und Sprach‘ und Sitten gleich, das Brabant an,
Das Deutschland! „Wie coalescirt ein Reich?“
Fragt‘ ich mich selbst, „und wie coalisirt
Es sich Provinzen, die’s incorporirt?
Ein schweres Staatsproblem!“ Hier sehen Sie
Die große Länderkarte. Ostwärts dort
Das ungeheure Kaiserthum Groß-Tschni,
Tschong-Ku, Tschong-Hoa! Leider nennen wir’s
Mit falschem Namen China! Dieses Reich
Mit seinen tausendundvierhundertzwei-
Undvierzig Strömen, vielen Brücken und
Zweitausend Bergen, hundertneunundvierzig
Millionen und sechshundertzweiundsechigtausend Menschen,
Dort von der Mauer bis nach Canton zu,
Ja bis nach Lao-Tschua, Cotschin-Tschina,
Cambotscha, Tunkin, ist, wie ein Gewächs,
Mit seinem Boden trefflich coalirt.
Ein jeder Mandarin hat seinen Platz
Und seine Feder. Kommt ein fremder Lord,
Mit Freudenfeuern führt man ihn hinein,
Und bald hinaus, daß er nicht coalire.
Dagegen Hindostan, das arme Land,
Ist elend coalirt. Bramanen, Schattri,
Banjanen, Schutter, und die Fremden gar,
Seiken, Dschaten, Gebern und Afghanen,
Mongolen, Juden, Perser, Araber,
Und Europäer aller Art, Maratten,
Rasbatten; darum geht’s den guten Hindus
Auch so erbärmlich. – Nun spazieren Sie
Von den Fuchsinseln bis nach Kexholm hin;
Wie hängt’s zusammen! Samojeden und
Tungusen, Tatern, Kamtschadalen; da
Lebt Jeder, wie er will, wenn er nur Pelze
Und seinen Rubel giebt. – Das arme Polen,
Warum denn ward’s zertheilt? Es war mit sich
Nicht coalirt; drum schnitt man es entzwei;
Nun wachsen seine Stücke neu und frisch
Zusammen durch die Cur der Sympathie.
„Das große Deutschland (warum liegt es doch
So nah an Polen?), Holland, Engeland
Mit Schottland, Irland, Caledonien,
Italien und Griechenland, Türkei
Und Walachei und Moldau -“ „Ist’s denn noch
Nicht aus?“ rief der Baron. – „Das Beste kommt
Anjetzt. – Nun treten Sie in Frankreich ein!
Da weht französische Luft; da essen sie
Und trinken, jauchzen, reden, singen ganz
Französisch. Schon das Kind in Mutterleib,
Ich glaub‘, es denkt und spricht französisch. Selbst
Latein und Griech’sch spricht man französisch aus,
Und Alles mit Geschmack. Sie ziehn den Fremden
So an sich, daß er mit coalescirt.
Oft hab‘ ich dran gedacht, warum denn Griechen
Und Römer auch nicht so zusammenwuchsen.
Was half den Griechen ihr Achäerbund,
Ihr Panionium, Amphiktyonenhof,
Ihr Panätolium? Was halfen den
Etruriern die Lucumonen? was
Den Römern ihr jus civitatis? und
Den Celtiberiern -“ „Ist’s noch nicht aus?
Da seh‘ der Herr die sieben Pfeile auf
Holländischen Ducaten mit der Aufschrift
Concordia!“ „Ach, leider sind sie nur
Im Golde des Ducaten coalirt!“
„Nun so coalisir‘ Er denn!“ „Er wird,“
Antwortete der Arzt, der bis dahin
Geschwiegen hatte, „jetzt erzählen, wie
Man die in Eins Gewachsenen curirt.
Dem Einen Schnupftobak, der Andre niest;
Purgirt den Einen – denn wie Haller sagt,
Kommt’s bei in Eins Gewachsnen nicht auf Köpfe
Und Mägen an, sie sind ein Herz und Geist.“
„Nicht also!“ sprach ein Casuist; „nach Köpfen
Wird ein Coalitum getauft; was ist
Da viel zu herzen?“ Der Baron
War dieses Streites müde. „Seht, Ihr Herrn,
Ihr selber seid in Euern Meinungen,
Ein Wort betreffend, weder coalirt,
Noch wollt Ihr Euch coalisiren; und
Coalisirt die Welt? Nutzlose Müh!
Sei Jeder erst mit seinem Stand und Land
Und Haus und Hof und Weib und Kind und Amt
Und Pflicht, ja mit sich selbst recht coalirt;
Er wird Tschin-Tschin vergessen. Lerne doch,
Was Euch der Haushahn in der Fibel sagt,
Ein Jeder seine Lection, so steht
Es wohl in Hause, Stadt und Land und Welt.“ –
Sieh, Freund, so spricht die deutsche Politik
Vom Fernsten immer und vom Weitesten,
Nur nicht von sich. Und lohnt es wol der Müh,
Die Musen mit dem Wuste zu entweihn?
Verbannt aus Deutschland ist die Politik;
Verbannet sei nur nicht die Menschlichkeit!

Barca oder Berserk

Momodou Sallah

(Gambia)

Barca or Berserk

I must go to Barca or Berserk
I must go
I must fly away
From this jail
And look for bail
I drink the Atlantic
And eat the Sahara
I swim with sharks
To escape the economic barks
I must go to Barca or Berserk

Aus Innocent Questions (2012)

Mein Übersetzungsversuch:

Barca oder Berserk

Ich muss nach Barca oder Berserk
Ich muss gehn
Ich muss
Diesem Gefängnis entfliehn
Und Auslöse suchen
Ich trinke den Atlantik
Und esse die Sahara
Ich schwimme mit Haien
Um zu entkommen
Ich muss nach Barca oder Berserk

Ich fand das Gedicht bei Asymptote, „the premier site for world literature in translation“. Dort heißt es:

In addition to “push factors”—joblessness at home, hunger, civil conflict, climate change, limited political space, and above all, hopelessness—which the poet describes ominously as “jail,” this migration also has “pull factors”—the promise of economic security and a better life. However, the journey to Europe involves risky, unsafe stowaway boats over the shark-filled Atlantic or crossing the Sahara Desert, playing hide and seek with religious and tribal extremist militias, and transiting through the “failed state” of Libya to get to “Barca” or “Barcelona.” The poem has even more relevance and urgency now as we watch the news of desperate migrants being captured while on transit and sold as slaves in open auctions in Libya.

When I asked Sallah what inspired the “Barca or Berserk” poem, he noted that above all he wanted to subvert the dominant, erroneous narrative that those making these journeys are “idle and idiotic, aimless, young people.” To Sallah, a poet sensitive to the plight of young people, these push factors, which are only becoming worse, must be recognized. The poem’s title and refrain is a pun. “I must go to Barca or Berserk” demonstrates the unquenchable compulsion that drives the youth to get into Europe. “Barca” may be a reference to Barcelona, or an allusion to any of the migrant-receiving nations of Southern Europe. “Berserk” seems to play with multiple, though similar meanings—whether it means, as in English, “uncontrollable or destructive rage” or “going crazy”; or whether it is a play on the Wolof word, Barsak, which means “afterlife.” Either way, the choices are extreme: the persona in the poem must go to Europe or to craziness; must go to Europe or to death. It is a sinister, youthful calculus. / Tijan M. Sallah

Finis

Dorothy Parker

Finis

Schluß — vorbei! Und aus der Traum!
Warum hat sich nichts verändert?
Jedes Ding steht goldberändert,
Sonne merkt den Abschied kaum.
Leute rennen, flennen, grienen —
Grab und Heirat, Bier und Brot —
Weiß denn keiner unter ihnen:
unsre Liebe ist ja tot — —

Paare flirten, Kinder lachen,
Straßen brausen im Verkehr.
Keinem scheint’s was auszumachen:
Unsre Liebe ist nicht mehr!
Keiner weiht ihr eine Träne,
niemand stoppt bei ihrer Qual —
Schatz von gestern, notabene‚
ich bin auch schon ganz normal!

Aus: Julius Bab: Amerikas neuere Lyrik. Ausgewählte Nachdichtungen. Bad Nauheim: Christian-Verlag, 1953, S. 82

Wohl oder übel

Dorothy Parker

( * 22. August 1893 in Long Branch, New Jersey, USA; † 7. Juni1967 in New York)

Faute de Mieux

Reisen, Trubel, ein Gedicht,
ein Kuß, Musik, ein Kleid —
Gott — Herzensnahrung ist das nicht ——
doch es vertreibt die Zeit.

Aus: Julius Bab: Amerikas neuere Lyrik. Ausgewählte Nachdichtungen. Bad Nauheim: Christian-Verlag, 1953, S. 85

Travel, trouble, music, art,
A kiss, a frock, a rhyme-
I never said they feed my heart,
But still they pass my time.

Automatische Übersetzung von Google:

Reisen, Ärger, Musik, Kunst,
Ein Kuss, ein Kittel, ein Reim
Ich habe nie gesagt, dass sie mein Herz füttern,
Aber sie vertreiben immer noch meine Zeit.

Die französische Redewendung des Titels bedeutet: notgedrungen, wohl oder übel

Auf den Straßen Amsterdams

Elisabeth Alexander

(* 21. August 1922 in Linz am Rhein; † 17. Januar 2009 in Heidelberg)

Aus: Poesie als Auftrag: Festschrift für Alexander von Bormann. Hrsg. Dagmar Ottmann, Markus Symmank. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2001, S. 21

Wald

Maria Luise Weissmann
* 20. August 1899 in Schweinfurt; † 7. November 1929 in München
Wald

Die Toten meiner Jahrtausende
Sind auferstanden. Meines Vaters Blick
Ging über mich, es wandelte
Leicht die Nähe der erwachenden.

Im abend aber entschliefen sie
Plötzlich, aus ihren Augenhöhlen
Brachen Blumen, ihres Atems Stille griff
Nach meinem Herzen, eine blaue Hand.

Aus:
Maria Luise Weissmann: Ausgewählte Gedichte. Potsdam : Udo Degener Verlag, 2010 (edition grillenfänger 8).

Spitze Äpfel

Heute vor einem Jahr starb der Maler und Dichter K.O. Götz

Spitze Äpfel

Ein Apfel fällt und steigt empor
Begegnet einer Nadel
Am Horizont bei Tageslicht
Ein Riesenmesser rostet

Ein Apfelbaum zieht Nadeln an
Sie stechen nicht sie grünen
Sie blähn sich auf und fallen ab
Kein Messer nimmt sich ihrer an

Ein Apfel spitzt sich zu und rostet
Die andern gleiches tun
Sie schweben fern am Horizont
Und träumen von den Nadeln

Sie schlagen Wurzeln in der Luft
Und denken nicht ans Rosten
Das Messer schält sich selbst und grünt
Die spitzen Äpfel heulen

1951

Aus: K.O. Götz: Zungensprünge. Gedichte 1945-1991. Aachen: Rimbaud,  1992, S. 47

Brennende Sehnsucht dir ins Blut

Alma Johanna Koenig


Brennende Sehnsucht dir ins Blut,
brennenden Traum in deine Nacht!
Brennende Wollust‚ hochentfacht,
in deine Seele, die nun ruht:

Tröpfelndes Gift in deinen Trank,
fressende Krankheit dir ins Mark,
lähmender Zauber, urweltstark,
dich zu versehren, lebenslang!

Täglich dies Lustermüdetsein,
nächtlich Gesicht, das süß versucht,
stündlicher Selbstverdammnis Pein.

Ewig Verlangen, schlaff, verrucht,
all dieser Hölle Qualen dein,
die ich erleide, ich, die flucht!

Aus: Windsbräute. Deutsche Lyrikerinnen. Hrsg. Armin Strohmeyr. Leipzig: Reclam, 2005, S. 110

Alma Johanna Koenig (Pseudonym Johannes Herdan; * 18. August 1887 in Prag; ermordet am 1. Juni 1942 im Vernichtungslager Maly Trostinez)