Die kurze, einfältige Antwort: am besten gar nicht.
Der Film «Howl» nach dem gleichnamigen Gedicht von Allen Ginsberg verdient eine gründlichere Antwort. Denn dieser Bastard, gezeugt aus verschiedenen filmischen Gattungen, ist ohne Zweifel eine der aufregendsten Literaturverfilmungen, die in den letzten Jahren im Kino zu sehen waren. Ob sie als solche auch geglückt ist, ist wieder eine andere Frage. …
Das ist, im klassischen Rahmen eines amerikanischen Gerichtsdramas, immer auch grossartiges Schauspielerkino: David Strathairn als Staatsanwalt führt seinen Prozess wie ein Buchhalter, der sich an einem Literaturseminar auf der Grundstufe versucht. Das ist weniger ein puritanischer Eiferer als ein aufrechter Pedant. Wenn er die sexuell aufgeladenen Passagen als Beweismaterial vorträgt, dann klingt das, als wäre der menschliche Körper irgendein technisches Gerät und die Lyrik eine Bedienungsanleitung dazu. Was das denn zu bedeuten habe, so will er von einem Professor wissen, wenn Ginsberg in seinem Gedicht von «engelköpfigen Freaks, gierig nach der alten himmlischen Verbindung zum Stern-Dynamo in der Maschinerie der Nacht» schreibe. «Sir, Sie können Poesie nicht in Prosa übersetzen», sagt der Professor wie zu einem etwas begriffsstutzigen Kind. «Darum ist es Poesie.» …
Im Film nun lässt er ausgezehrte Männer durch Strassenschluchten segeln, ein Saxofonist sprüht einen Goldregen aus seinem Horn, und wenn im Gedicht von «karibischer Liebe» die Rede ist, explodieren Spermien wie Feuerwerk am Himmel.
Bilderbogen statt Streubombe
So wird, was in der Sprache der Lyrik flüchtig und ungezähmt bleibt, im Kino in platte Bilder gegossen. Der Zeichentrick operiert hier wie eine illustrative Krücke, die unsere Fantasie behindert, statt sie zu entfesseln. So bewirkt Drookers Bebilderung des Gedichts genau das Gegenteil von dem, was uns der Film sonst weismachen will: Das Gedicht, das angeblich wie eine Streubombe der Befreiung in die amerikanische Gesellschaft geplatzt ist, zieht als dekorativer Bilderbogen vorüber. Der literarische Sprengsatz implodiert in der Banalität.
Wie also verfilmt man ein Gedicht? Es braucht dazu nur die Sprache. Und einen Schauspieler wie James Franco, der sie zum Schwingen bringt. / Florian Keller, Tages-Anzeiger
poesiefestival berlin
Mi 22.6.
U-Bahnhof Brandenburger Tor
Eintritt frei
10:00 Anne Krüger 12:30 Zehra Çırak 15:00 Björn Kuhligk
Festzuhalten bleibt aber, dass die Friedenspreisjury es nicht einmal in diesem Jahr geschafft hat, einen Autor auszuzeichnen, der nicht in den großen Sprachen der jüdisch-christlichen Tradition schreibt. Dabei gibt es mittlerweile etliche Arabisch schreibende Autoren, die ebenso gut oder schlecht auf dem deutschen Buchmarkt vertreten sind wie Sansal und literarisch locker in derselben Liga spielen: der Ägypter Alaa al-Aswani, die Palästinenserin Sahar Khalifa, der Libanese Elias Khoury, der Libyer Ibrahim al-Koni, der Syrer Adonis.
Aber einen von diesen Autoren zu wählen, war der Jury offenbar zu riskant: Wen holt man sich da eigentlich in die Paulskirche, wenn man Adonis, Al-Koni, Khalifa, Khoury, Al-Aswany auszeichnet? Wurde Adonis und Al-Koni nicht gerade noch vorgeworfen, sie stützten irgendwie die repressiven Regime in ihrer Heimat, ja, sie seien mit denen sogar verbandelt? Wie die beiden sich wirklich zur Revolution positionierten, hat dann leider niemanden mehr interessiert, nachdem ein aus der Hüfte geschossener Denunziationsjournalismus den Verdacht erst einmal ausgesprochen hatte. Sahar Khalifa? Zu brisant, da eine vehemente Israelkritikerin. Dass Khalifa auch eine fulminante Kritikerin des Islamismus und palästinensisch-arabischen Machismo ist, interessiert dann schon gar nicht mehr. Für Elias Khoury und Alaa al-Aswani gilt dasselbe. So sehr sie die Zustände in ihrer Heimat kritisieren: Wenn sie erst einmal anfangen, auszuteilen, dann kriegt auch der Westen, dann kriegen auch wir unser Fett ab.
Was uns Boualem Sansal am 16. Oktober in der Paulskirche sagen wird, wissen wir noch nicht. Aber in seinem bisherigen Werk deutet wenig darauf hin, dass er uns unangenehme Fragen stellen wird. / Stefan Weidner, Süddeutsche 14.6.
Metrópolis heißt eine mexikanische Lyrikzeitschrift, die in ihrer Nr. 36 („Gratis-Exemplar“) neue deutsche Lyrik vorstellt.
http://www.revista-metropolis.com/
Die Onlineausgabe besteht aus einer großen Jpg-Datei (13 MB), die über Flash so gesteuert wird, daß sie auf Mausbewegung reagiert (was das Lesen etwas schwierig macht. Wer will, kann sich von mir die jpg schicken lassen – die hält wenigstens still.)
Sie enthält Texte von René Hamann, Carl Christian Elze, Ann Cotten, Ulrike Almut Sandig, Sabine Scho, Jan Volker Röhnert, Peggy Neidel, Ron Winkler, Christoph Wenzel und Swantje Lichtenstein.
Sure, Yale just announced a really big literary award that will grant prizes of $150,000; so far, poetry isn’t included. But the Claremont Graduate University has poets covered — with the $100,000 Kingsley Tufts Poetry Prize.
What’s more, Yale’s new prizes will have a closed nominations process; the Kingsley Tufts Poetry Prize is now accepting submissions for the 2012 prize.
Previous Kingsley Tufts Poetry Prize winners include Chase Twichell, D.A. Powell, Henri Cole and Yusef Komunyakaa. The award was first presented in 1993; it is designed to support the work of a mid-career poet. / Los Angeles Times 21.6.
Gemessen an der Bedeutung seiner Werke, wissen wir wenig Gesichertes über das Leben William Shakespeares. Bekannt sind die Lebensdaten, alles andere schluckt das Dunkel der Überlieferungslücken. Biografen bleiben auf Mutmassungen angewiesen. Wieso also sollte eine solche Biografie nicht gleich erfunden werden, erzählt als Roman? Dies mochte sich der 1964 in Biel geborene und heute in Berlin lebende Lyriker Armin Senser gefragt haben, der seit Ende der neunziger Jahre mit rhapsodischer Lyrik das Gedicht als erzählerisches Genre und zumal auch als ein eminentes Medium der Reflexion zu gestalten wusste.
Doch musste Armin Sensers erfundene Shakespeare-Biografie (die sich übrigens in den Eckdaten weitgehend an die Überlieferung hält) gleich ein «Roman in Versen» sein, wie das Buch im Untertitel heisst? Kann so etwas gutgehen? Die Antwort lautet ganz entschieden: Das kann nur so gutgehen. Das hat lediglich zum geringeren Teil damit zu tun, dass die freie Imagination mit der Form – im Rhythmus, in den vielfach im Reim gebundenen Versen – gebändigt wird. Wichtiger und höher zu veranschlagen dürfte das reflexive Potenzial der gebundenen Sprache sein. Als Vers objektiviert sich die erzählerische Anschauung in der Abstraktion des Formzwangs und erhält in solcher Zuspitzung eine gedankliche Schärfung, zu der die Prosa ohne Stilbrüche kaum in der Lage wäre. / Roman Bucheli, NZZ 21.6.
Armin Senser: Shakespeare. Ein Roman in Versen. Edition Akzente, Hanser-Verlag, München 2011. 328 S., Fr. 32.90.
poesiefestival berlin
Di 21.6. U-Bahnhof Brandenburger Tor
Eintritt frei
10:00 Timo Berger 12:30 Luise Boege 15:00 Ricardo Domeneck
Aus der „Griechischen Anthologie“, Buch V: Liebesepigramme
246
Zart sind die Küsse der Sappho, zart der weißen
Glieder Windungen, zart der ganze Körper.
Die Seele aber: aus Stahl, unerbittlich, nur bis
zum Mund reicht die Liebe, der Rest: jungfräuliche Zone.
Wer kann denn das aushalten? Möglich vielleicht, dass, wer dieses erträgt,
auch den Durst des Tantalos ertragen könnte.
Paulos Silentiarios
Deutsch von Dirk Uwe Hansen
Eine mehrbändige Ausgabe der Anthologia Graeca wird im Stuttgarter Verlag ANTON HIERSEMANN KG vorbereitet. Die Übersetzungen stammen von Dirk Uwe Hansen (Greifswald), Jens Gerlach (Hamburg), Peter von Moellendorff (Gießen), Kyriakos Savvidis (Bochum) und Christoph Kugelmeier (Saarbrücken).
Eine metrische Übersetzung von Dietrich Ebener in Dietrich Ebener (Hg.): Die Griechische Anthologie. 1. Band. Berlin u. Weimar: Aufbau Verlag 1981, S. 140
Paulus Silentiarius (Paulos; † vor 581) war ein byzantinischer Dichter des 6. Jahrhunderts, von dem neben anderen Dichtungen etwa 80 Epigramme in der Anthologia überliefert sind.
Hier bei Wikipedia
Soft are Sappho’s kisses, soft the clasp of her snowy limbs, every part of her is soft. But her heart is of unyielding adamant. Her love reaches but to her lips, the rest is forbidden fruit. Who can support this ? Perhaps, perhaps he who has borne it will find it easy to support the thirst of Tantalus.
Aus:
The Greek Anthology with an English Translation by W. R. Paton in five volumes. Volume 1, 1916. Scanned by the Tim Spalding.
This edition of the Greek Anthology comes from Loeb Classical Library, translated by W. R. Patton with facing Greek text. Patton’s translation is broken into five volumes; at present, only volume 1 (books 1-6) is online. (Hier online)
Eine Barockversion von Daniel Czepko von Reigersfeld:
Alles, was ich seh an dir,
Deiner stellung wonn und zier,
Deiner wangen freundlich lachen,
Wan sie rosengrüblein machen,
Deiner augen scherz und spiel,
wan sie sind der meinen ziel,
deiner lippen lieblich küssen,
Wan sie sich zusammenschlüßen,
Deiner hände beutelei,
Deiner füße schockelei,
Aller deiner glieder sitten,
Wan sie mich sehn dich so bitten,
Nymphe, sprechen sämtlich ja;
Nein spricht bloß der mund allda,
Wan es soll zum halten kommen:
Daß er müßte ganz verstummen.
Die Berlinerin Monika Poschmann erhält in diesem Jahr den mit 13.000 Euro dotierten Ernst-Meister-Preis. Die 41-Jährige werde für ihren Lyrikband „Geistersehen“ ausgezeichnet, teilte die Jury am Montag im westfälischen Hagen mit.
Zur Begründung hieß es, Poschmann gelinge der Spagat zwischen Lässigkeit und Radikalität. Darüber hinaus würdigte die Jury die „sinnliche Präsenz ihrer Gedichte und die ausgewogene Balance von Aura und Verständlichkeit“.
Der Preis ist nach dem Büchner-Preisträger Ernst Meister (1911-1979) benannt, der in Hagen geboren wurde. Zur Erinnerung an ihn zeichnet die Stadt Hagen seit 1981 Lyriker aus. In diesem Jahr soll die Preisverleihung am 3. September stattfinden. / rbb
Die Jury 2011: Axel Gellhaus, Aachen; Anne Linsel, Wuppertal; Monika Rinck, Berlin; Susanne Schulte, Münster
Mo 20.6. 18:00
Akademie der Künste, Pariser Platz, Black Box
Eintritt €5/3
Mit Cristina Ali Farah Italien Ghayath Almadhoun Schweden Jazra Khaleed Griechenland Abbas Khider Berlin und Fiston Mwanza Mujila Österreich Moderation Zehra Çırak Autorin, Berlin
Migration ist und war schon immer europäische Realität. Auch im Literaturbetrieb spielen die Werke von Migranten eine zunehmend größere Rolle. Autoren, die nach Europa einwanderten, sprechen über Migration und ihr Schreiben.
Veranstaltung in Zusammenarbeit mit European Union National Institutes for Culture (EUNIC).
Mo 20.6. 20:00
Akademie der Künste, Pariser Platz, Plenarsaal
Eintritt €6/4
Mit Cristina Ali Farah Italien Ghayath Almadhoun Schweden Jazra Khaleed Griechenland Abbas Khider Berlin und Fiston Mwanza Mujila Österreich Moderation Zehra Çırak Autorin, Berlin
Migranten sind Teil der Gesellschaft, ihre Position ist aber ein stetes »Dazwischen«. Die Texte von Migranten spiegeln, beeinflussen und inspirieren nationale Literaturen. Doch wo sehen sich die Migranten selbst, wie sehen sie die sogenannte »Mehrheitsgesellschaft«? Fünf Autoren vermitteln Einblicke in literarische und gesellschaftliche Prozesse.
Veranstaltung in Zusammenarbeit mit European Union National Institutes for Culture (EUNIC).
poesiefestival berlin
Mo 20.6.
U-Bahnhof Brandenburger Tor
Eintritt frei
10:00 Ursula Krechel 12:30 Alexander Gumz 15:00 Konstantin Ames
Seinem Laudator, dem Literaturkritiker und Autor Michael Braun, gelang es in seiner Rede, eben genau diesen „heiteren Fatalisten“, diesen Lyriker, der sich auf das schwierige metaphysische Gelände der Ewigkeit begibt, ohne die Vergnügungen des Diesseits (Bier und Schinken!) aus dem Blick zu verlieren, zu fassen. Braun beschrieb Krier als einen Dichter, der „im Herzschlag“ schreibt, seine Lyrik als „Herzkammermusik“. Jean Krier sei ein Dichter, der seine Skepsis gegenüber vermeintlichen Gewissheiten der Theologie oder der Philosophie niemals aufgegeben hätte, der als „metaphysisch obdachlose Kreatur“ in der Sprache allein Halt finde.
Krier mobilisiere die Schrift, um sich gegen den Geltungsanspruch des Todes aufzulehnen. Und so feiere Krier die Poesie selbst als ein Elixier des Lebens. Bei einem Gläschen Weißwein wurde der Dichter dann zu späterer Stunde selbst gefeiert. „De Jean Krier ass zu Lëtzebuerg ukomm“, meinte Emmanuel Servais, der für die Stiftung sprach und der Jury für diese Wahl dankte. / Janina Strötgen, Tageblatt.lu
… der Band „Szenische Dichtungen“ mahnt ein Rezeptionsdilemma an, das uns allen miteinander, den Lesern, den Nichtlesern, den Kritikern, den traditionsgemäß fast ausnahmslos männlichen Theaterintendanten, ihren Dramaturgen und Regisseuren die Schamröte ins Gesicht treiben müsste. …
An früherer Stelle hat sie gefordert, das Wort „mit den Gesten des ganzen Leibes“ auszuatmen und dabei „Farbe und Licht geschwisterhaft mitwirken zu lassen“. Von Mysterien-, Kult- und Ritualspielen hat die Autorin auch gesprochen. Ein Kulttheater des Chassidismus – davor mag man Angst gehabt oder besser gesagt, Phobien empfunden haben, von denen wir wissen, woher sie stammen. Theaterleute hätten jedoch begreifen sollen, dass sich diese Dichterin ganz bühnenpraktisch auf ihren Brettern tummelte. William Sachs, der Vater, gilt als der Erfinder des muskelstärkenden „Expanders“. In seiner propagandistischen Schrift „Die Heilgymnastik im Hause“ hat er über atemstärkende Übungen beim Krafttraining geschrieben. Nelly Sachs hat derlei lebenspraktische Techniken in ihre Theatertheorie eingebaut. Das war weder weltfremd noch theaterfern. Es ist sehr schwer zu verstehen, warum das deutsche Theater in all seiner Experimentierfreudigkeit mit dem Rücken zu den Stücken von Nelly Sachs verharrt. Es ist nicht zu spät. Man kann sich mit dieser Autorin noch Einiges trauen. Die Texte liegen nun vor. / Herbert Wiesner, Die Welt
Nelly Sachs: Szenische Dichtungen. Hg. von Aris Fioretos. Suhrkamp, Berlin.48 S., 68 Euro.
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