46. Sprachkünstler

Mit schönster Stetigkeit baut der 1963 im südtirolischen Lana geborene Dichter Oswald Egger sein literarisches Universum aus: als Sprachkünstler, der ein unverwechselbares Idiom entwickelt hat, als raffinierter Buchgestalter, der seine Texte mit Zeichnungen und Formeln verknüpft, so dass der Eindruck einer in mathematische und naturwissenschaftliche Gefilde ausschweifenden «holistischen» Poesie entsteht.

In seinem jüngsten Werk, «Euer Lenz», greift Egger Motive aus Leben und Werk des Sturm-und-Drang-Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz (1751–1792) auf, um sie seinem eigenen imaginären Kosmos einzuverleiben. An Lenz fasziniert ihn – wovon auch ein neues Hörstück zeugt –, dass dieser in Livland, östlich von Riga, geboren wurde und von klein auf mit mehreren Sprachen konfrontiert war. (…)

Oswald Egger interessiert sich für den unsteten Reisenden, für den psychisch Zerrissenen und für den Erfinder der «Luftgeistersprache», der – vor dem Hintergrund des deutsch-baltisch-slawischen «Brodelbodens» – Wörter wie «Lullidalfahabarabbers Brobdingnag» erschuf. Es ist Lenz in seinen Briefen und nachgelassenen Schriften, den Egger zitiert, wenn vom «Wurmloch zu den Wolken» die Rede ist oder von «Linz und Lunz», den Teilfiguren des psychisch gespaltenen Lenz. Mit diesem Duo oder gar Trio, das mitunter komisch-groteske Züge annimmt, ist der Autor unterwegs «durchs Gebirg», durch wildromantische Landschaften, die den dramatischen Seelenzustand des Ich-Erzählers zu spiegeln scheinen. Alles ist Weg und zugleich Weggabelung, die Spalten und Risse in Fels und Eis verweisen weniger auf sich selbst als auf den gesplitteten Mann und seine «zerscherbelte» Sprache, die freilich – darin ist Egger ein Meister – neu gefügt und «zusammengekoppelt» wird zu ungewöhnlichsten «Wortaggregaten». Das liest sich dann beispielsweise so: «Unter all dem Spuk entdeckte Wolken. Diese ballten und verschnabeln sich mit Böen und Fallwindtaschen, die ineinander beuteln über die feuchten Senken, baumlos, und Unmulden, als Fogwrasen und Marsch, so ineinandergeschachteltere Trichter, Sud-trächtig, und blumenlos moosern wie die in Gletschertöpfe getunkten Zungen.» (…)

Diese Sprache repräsentiert ein Privatuniversum, und es ist keine Frage, dass «Euer Lenz» – darin verschiedentlich auf frühere Werke des Autors verwiesen wird – dieses Privatuniversum um einige neue Elemente bereichert. Vor allem «Linz und Lunz» geistern so komisch durchs Buch, dass einem mitunter zum Lachen zumute ist. Auch wird reichlich Sprachschabernack der abgründigen Art getrieben.

Man darf sich durch Oswald Egger nicht einschüchtern lassen: Hier spricht nicht nur ein Vielwisser (und vielfach ausgezeichneter Könner), sondern eine Naturbegabung mit dem Staunen und der Spielfreude eines Kinds. / Ilma Rakusa, NZZ

Oswald Egger: Euer Lenz. Suhrkamp, Berlin 2013. 238 S., Fr. 69.90.

45. Essaypreis

Matthias Hagedorn schreibt:

Bei KUNO präsentieren wir Essays über den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu lösen ist zumal, zumal es sich bei den ausgezeichneten Autoren um Lyrikerinnen und Lyriker handelt. Die Jury hat sich nach intensiver Beratung als Preisträger für den KUNO-Essaypreis 2013 für Sophie Reyer, Christine Kappe und Jan Kuhlbrodt entschieden.

Sophie Reyer geht im Essay Referenzuniversum der Frage nach, wie das Schreiben durch das schreibende Analysieren gebrochen wird. Sie gestaltet sich einen Allegorienaufmarsch mit Texteinheiten voller Schalk und Weisheit. (…) Die Generation um Reyer setzt auf die Intelligenz der Menge, auf die Selbstorganisation des Schwarms, auf die Macht derer, die sich selbst erkannt und aus freien Stücken miteinander verbunden haben. Es geht ihnen nicht mehr darum, dass die Einzelnen in einem grossen Ganzen vereinheitlicht werden und ihre eigenen Ideen, Geistesblitze und ihre Kreativität einem fertigen Weltbild unterordnen. Diese Generation kann viele werden und dabei Einzelne bleiben, die mit all ihrer Eigenständigkeit, Verrücktheit und mit ihrem individuellen Eigensinn dazu beitragen, die Idee einer Poesie immer wieder neu entstehen zu lassen. Reyer bricht die Idee vom objektiven Ich und vom subjektiven Ich auf und thematisiert in ihrer Poesie Verletztheit, es ist eine wohltuend unsentimentale Sichtweise auf die Welt und ihre Mechanik.

Christine Kappe stellt die Frage: „Findet das Heute überhaupt statt?“ Inspiriert durch den Literaturvermittler und gleichfalls findigen Essayisten Theo Breuer startete Kappe auf KUNO mit dem Essay Das Licht ist mein Thema, nicht der Himmel oder: Ilya Kabakov und das Licht auf meiner Posttour. Diese Autorin wartet in ihren Essays mit skurriler Metaphorik auf. Obzwar sie Sprachwissenschaft und Geschichte studierte, wurde sie nicht verbildet. (…)

Ganz im Sinne Montaignes wagt sich Jan Kuhlbrodt an einenVersuch über Ingold. Das Tastende dieses Vermittlers läßt sich durchweg in seinem Schreiben finden, etwa in seinem Langgedicht Stötzers Lied. Gesang vom Leben danach. Dieser Zyklus trägt viel Bewußtsein für die eigenen Quellen in sich, gelegentlich glaubt man das Faksimile-Knistern alter Amigaplatten zu hören. Sein Gedichtband enthält eine Vielstimmigkeit in der Einheit. Und es sind überwiegend Lyriker, denen sich Kuhlbrodt essayistisch widmet. Stoische Geringschätzung von Äußerlichkeiten, Kritik des Wissenschaftsaberglaubens und der menschlichen Überheblichkeit gegenüber anderen Naturgeschöpfen sowie Skepsis gegenüber jeglichen Dogmen kennzeichnen seine essayistischen Porträts. Seine trefflichsten Essays sind auch verkappte Selbstporträts. Dieser Außenseiter versteht problematischen Naturen. In den Details erkennt er die Eigenwilligkeiten. Für einen Autor, der vorgibt, die Literatur sei sein Lebensgefühl, ist das ein Triumph der Kritik über ihren Gegenstand.

44. Anthologie

In wenigen Versen lässt Bertolt Brecht ein Mädchen über die Liebe sprechen. Was sie im Gedicht scheu verschweigt, tritt für Marcel Reich-Ranicki dennoch offen zutage. In den kommenden Wochen veröffentlicht die FAZ ausgewählte Beiträge zur „Frankfurter Anthologie“ aus der Feder von Marcel Reich-Ranicki.

43. Sophie Reyer

Sie spricht mittels fragiler lyrischer Partituren das „Gewicht der Welt“ in all seinen Erscheinungsformen (Gesellschaftskritik, Alltag, Geschichte, Innerseelisches, Körperhaftigkeit, Schreiben, Reisen) an, um sich nachdrücklich (eine Nachdrücklichkeit, die aus einer Zartheit im Umgang mit den Dingen heraus entsteht) zu positionieren.

Petra Ganglbauer

Und wenn man es so liest, ist Sophie Reyer eine Vorschreiberin der Kunstform der Twitteratur. In binnen reichen ihre poetische Gedankenfragmente meist nicht über mehr als zwei Zeilen hinaus. Andere Wortfelder sind dagegen länger, sie erstrecken sich über sieben, acht, oder neun Zeilen und werden im Querformat über die ganze Seitenbreite gezogen. Was diese lyrischen Miniaturen gemein haben, ist eine extreme Verknappung, Dichtung im eigentlichen Sinn. Damit schafft Reyer Bilder, klare, scharfe Eindrücke. binnen ist gegliedert in die Zyklen, Reise (außen), Trip (innen) und Netz (spinnen) drei zeitgenössischen österreichischen Autorinnen widmet: Margret Kreidl, Olga Flor, Petra Ganglbauer. Die drei Kapitel arbeiten mit einer Reduktion auf die Themenfelder Schreiben, Schauen, Stadt, Armut, Schmerz, Kindheit und den Wortserien Blick, Schlaf, Schreiben, Sommer, Erinnern, Fahrtwind. Das Bildnerische und das Musikalische kann man zu Reyers Haupt-Motivquellen zählen.

(…)

Ich höre meine Texte immer innerlich, höre sie durch, trimme sie so, dass die einzelnen Worte lautlich wie auch rhythmisch zusammen passen. Aber man darf sich nicht zum Sklaven der Technik machen. Sonst werden die Texte zu „gerade“, zu „gebaut“, zu „konstruiert“.

Sophie Reyer

/ Matthias Hagedorn, KuNo

  • Baby Blue Eyes von Sophie Reyer, Ritter Literatur, 2008
  • binnen von Sophie Reyer, Leykam Verlag, 2010.
  • flug (spuren) von Sophie Reyer, edition keiper, 2012
  • MARIAS von Sophie Reyer, Ritter Literatur, 2013
  • die gezirpte Zeit, von Sophie Reyer. Neue Lyrik aus Österreich Band 2., 64 Seiten, 12 x 19 cm, franz. Broschur. 1. Auflage 2013

42. Uma

Roberta Dapunt, Lyrikerin aus dem ladinischen Gadertal, bringt mit ihrer Dichtung eine Stimme in die Gegenwartsliteratur, die in ihrer Evokation und Haltung schier überrascht und ein Verhältnis von Kunst und Mysterium ungetrübt erprobt. Auf großes Echo stieß sie mit dem Lyrikband „La terra più del paradiso“ (Einaudi, 2008) und die ladinischen Gedichte aus „Nauz“ (übersetzt von Alma Vallazza, Folio Verlag, 2012) erweckten auch im deutschen Sprachraum die Aufmerksamkeit der Kritik und Leserschaft.

Nun erscheint ein neuer Gedichtband von Roberta Dapunt, der sich in intensiven und ergreifenden literarischen Bekundungen der Krankheit der Demenz widmet und in zyklischer Form dem Prozess des menschlichen Verfalls antwortet.
Zum neuen Gedichtband schreibt Mauro Bersani, Verlagsleiter von Einaudi: „Die Gedichte von Roberta Dapunt, die in einfacher und kluger Weise Sprechen und Stille abwägen, sind stets ein Dialog mit dem Spirituellen, das sich im Austausch mit den kleinen und großen Geheimnissen des Alltags ereignet. Das vordergründige Geheimnis, von dem dieses Buch handelt, ist die Demenz und der an Alzheimer Erkrankte, der zum unbekannt/fremd bleibenden Anderen schlechthin wird: schwebend in einem Zwischenraum eines metaphysisch Fernen und gleichzeitig des Persönlichen, Körperlichen und emotional Konkreten.

Hier also ist der fortdauernde poetische Dialog mit der „Uma“ verankert, und was auf Ladinisch Mutter bedeutet, wird von der Dichterin als universeller Name, als Anrede, als eine Art Du verwendet, das unterschiedliche, eigene und fremde Erfahrungen vereint. (…)“ / Neue Südtiroler Tageszeitung

41. Heute

Heute vor 50 Jahren starb Jean Cocteau im Alter von 74 Jahren in Milly-la-Forêt bei Paris. Cocteau arbeitete u.a. als Journalist, Zeichner, Maler, Buchillustrator, Lyriker, Dramatiker, Romancier, Drehbuchautor, Regisseur und Schauspieler.

Mit Deutschland und der deutschen Sprache verband ihn eine besondere Beziehung. Schon durch sein deutsches Kindermädchen Josephine Ebel, die aus Essen stammte, lernte er die deutsche Sprache kennen und lieben. Durch sie wurde er auch mit Goethe und Kleist bekannt. Um die Übertragung seiner Schriften ins Deutsche bemühten sich so bekannte Dichter wie Rilke oder Celan. So soll Rilke kurz vor seinem Tod mit der Übersetzung des »Orphée« begonnen haben und Celan übertrug den Essay Der Goldene Vorhang ins Deutsche. Cocteau selbst schrieb auch einige Gedichte in deutscher Sprache, beispielsweise dieses

Blut

Wir haben mehr Blut als wir denken.
So schnell macht die Liebe nicht tot!
Viel Schmerzen kann uns die Liebe schenken,
Unser Blut aber bleibt noch sehr lange rot.
Und wenn wir gar kein Blut mehr haben,
Wenn man uns in die Grüfte tut;
Und sind wir noch so lang vergraben,
Für Schmerzen bleibt noch etwas Blut.

Seine deutschen Gedichte wurden erstmals von Klaus Mann 1934 in der Exilzeitschrift „Die Sammlung“ veröffentlicht.

Über seinen letzten Film Le testament d’Orphée sagte er kurz vor Abschluss der Aufnahmen: „…die außerordentliche Bedeutung dieses Films. Nach vierzig Jahren der Suche handelt es sich um das erste Experiment einer Transmutation der Worte in Handlungen. Um eine Ordnung von Handlungen wie die Ordnung der Worte in einem Gedicht. Der Film ist ein getätigtes Gedicht ohne eine Spur von poetischem Verb.“ In Statistenrollen tauchten einige seiner prominenten Freunde wie Pablo Picasso, Lucia Bosé und Luis-Miguel Dominguín auf (ca. 1:10:00). Die Hibiskusblüte, der „wahre Star des Films“ (Cocteau), ist ab 0:19:44 zu sehen.

Fernsehtip
Sonntag, 13. Oktober 2013:
20.15-21.45 arte
Die Schöne und die Bestie (Top-Tipp) mehr
Fantasyfilm, Frankreich, 1946
21.45 arte
Cocteau Marais – Ein mythisches Paar

*****

An diesem Tag im Jahr 1958, vor 55 Jahren, starb der Dichter Johannes R. Becher. In seiner Jugend war der Sohn eines Münchner Richters einer der wildesten expressionistischen Dichter, er wurde nacheinander Mitglied der USPD, dann des Spartakusbundes, aus dem die KPD wurde, aus der er dann austrat und Christ wurde und nach 3 Jahren wieder in die Partei eintrat. Er wurde Multifunktionär, überlebte Hitlers und Stalins Terror, nach dem Sieg über Nazideutschland flog er nach Ostberlin, gründete den Kulturbund, holte viele Emigranten in das östliche Deutschland, in der DDR wurde er Kulturminister, nach der Niederschlagung des Aufstands in Ungarn, nach welcher Ulbricht die Reformkommunisten ins Zuchthaus steckte, übte er Selbstkritik, versteckte seine kritischsten Gedichte so gut, daß manche erst 1990 wahrgenommen wurden, und trat von seinem Amt zurück.

Im Jahr 1950 führte er ein öffentliches Tagebuch, das er im Jahr darauf veröffentlichte. Neben viel Parteichinesisch stehen dort erstaunliche Sätze, die kein anderer damals in der DDR veröffentlichen konnte. Zum Beispiel über Generationen:

Jede Zeit muß sich auch ihre Vergangenheit neu schaffen.

***

… In Zeiten mit rasch sich veränderndem Positionswechsel muß beinahe jede Generation einen neuen, eigenen Standpunkt sich erobern gegenüber dem Gesamtkomplex der menschlichen Vergangenheit. Natürlich ist diese Aufgabe nicht zu bewältigen, und so schleppt jede Generation ihren Aberglauben mit sich herum, das heißt unüberarbeitetes, mechanisch übernommenes Erbe, meist aus Namens- und Begriffsballast bestehend, der niederzieht und in ein Abgelebtes zurückholen möchte, ein oft unwiderstehlicher Sog ins Veraltete zurück, eine stumpfe, träge Altertumsmasse.

40. Im Messegedränge

… vorm Stand von S. Fischer diesen Kommentar zum Lyrikprogramm des großen Verlages aufgeschnappt:

2012 liao yiwu und uwe kolbe, wulf kirsten, ganze drei lyribände, sieht man mal von aufgewärmten und exhumierten ab, alle männer, davon ein friedenspreisträger und alle seit jahrzehnten bekannt. hut ab, enorme innovationleistung, da traut man sich was. auf solche verlage kann ich tatsächlich verzichten, da könnte mich ehrlich gesagt auch ein auspuffhändler verlegen, da wäre ich dann wohl ähnlich gut aufgehoben, ja. ich kenne fischerautoren, die könnten ja auch mal den mund aufmachen und sagen, wie peinlich: euer lyrikprogramm.

Ja, wo es recht hat, das Gedränge.

39. Buch der Körper

Nach dem „Buch der Dinge“ (2006) hat Aleš Šteger nun ein „Buch der Körper“ geschrieben. Überaschenderweise spielt er die Wahrnehmung darin nur indirekt aus. Den Körper als das vermeintlich Andere des Denkens fasst er als ein Gebilde, das zum Ausdruck drängt: Die Äußerungen des Körpers lassen sich als Zeichen verstehen und deuten. Umgekehrt können gerade die Wörter wie Körper erscheinen, sie können schnüffeln und streunen oder an eine transparente Membran erinnern: „Der Übergang / pulsiert“.

Zu drei Kapiteln hat ŠŠteger seine Körperverse angeordnet. Fast asketisch muten die ersten Gedichte an, abstrakte Variationen einer Schöpfungsgeschichte, die um Begriffe wie „Einer“, „Etwas“ oder „Nichts“ kreist. „In keiner Richtung. / Auf verwischter Spur“ macht ŠŠteger die vermeintlich festen Bestimmungen wieder flüssig. So reduziert das erste Kapitel erscheint, so vielschichtig und schillernd ist das zweite mit seinen weit ausgreifenden Prosagedichten. Erzählerisch und bildlich fächert ŠŠteger die Fragen noch einmal neu auf. Und schafft eine Melange aus Erinnerung, Beschreibung, Wortspiel und poetologischer Reflexion, in der sich das eine vom anderen gar nicht trennen lässt. Eben noch skizziert er einen Traum, schon wechselt er zu einer philosophischen Betrachtung, macht Spaziergänge durch die englische Landschaft oder erinnert sich an jene slowenische Gegend rund um das Städtchen Ptuj, wo er 1973 geboren wurde.

Nico Bleutge, Potsdamer Neuste Nachrichten

Aleš Šteger: Buch der Körper. Gedichte. Aus dem Slowenischen und mit einem Nachwort von Matthias Göritz, Schöffling, Frankfurt/Main 2013. 149 Seiten, 19,95 €.

38. Brasiliens Lyrik

Autor Uhly über brasilianische Dichtung als Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse

Steven Uhly im Gespräch mit Liane von Billerbeck, Deutschlandradio

Brasilien präsentiert sich als Gastland der weltweit größten Buchmesse mit seiner facettenreichen Literatur. Sehr prägend für die brasilianische Lyrik war die Zeit der Militärdiktatur von 1964 bis 1984, wie der Schriftsteller Steven Uhly erklärt.

von Billerbeck: Brasilien, das ist ja ein sehr buntes Land. Brasilianer können Wurzeln auf drei Kontinenten haben: in Europa, in Afrika und in der indigenen Kultur Südamerikas. Was bitte ist denn dann brasilianische Literatur?

Uhly: Da darf man nicht die Brasilianer japanischer Herkunft vergessen. Es gibt in São Paulo allein, ich glaube, inzwischen 700.000 oder 800.000 brasilianische Japaner oder japanische Brasilianer. Historisch gesehen haben Sie natürlich recht: Die Portugiesen haben das Land erobert, haben erst mal die Indios unterjocht oder eben auch massakriert, und dann brauchten sie für die vielen schönen Rohstoffe robuste Arbeiter, die haben sie sich aus Afrika geholt. Um dieses Dreieck dreht sich natürlich sehr vieles, es ist klar.

Was die Lyrik ist in dem Zusammenhang: Die Lyrik ist meines Erachtens, na ja, so ein Laboratorium, in dem die Dichter versuchen, das zu integrieren, was sie, wenn sie vorurteilslos hinschauen, was sie vorfinden in der brasilianischen Wirklichkeit.

von Billerbeck: Wie machen sie das?

Uhly: Das war eigentlich Oswald de Andrade, ein Dichter des Modernismus, also einer Kulturbewegung, die aus Europa kam, der 1930 gesagt hat: Wir müssen einfach zum Kannibalismus zurückkehren – und damit meinte er natürlich nicht den historischen Kannibalismus, sondern er meinte so eine Art kulturellen Kannibalismus -, nämlich einfach alles in uns reinstopfen, worüber wir stolpern, und halt gucken, was dabei rauskommt. Das war in gewisser Weise eine Gegenbewegung zur offiziellen Literatur und auch Haltung der Regierung, die wesentlich von Gilberto Freyre vorgegeben wurde. (…)

Uhly: Die Literatur war eigentlich – und das ist halt das ganz Tolle für mich als Dichter und Schriftsteller selber -, die Lyrik hat eine Qualität erreicht, die mich, als ich damals nach Brasilien kam, vollkommen überrascht hat. Was mich auch vor allem sehr überrascht hat, war, dass die Qualität der Liedtexte der Qualität der rein geschriebenen Dichtung in nichts nachstand. Also, es befand sich beides auf einem sehr, sehr hohen Niveau, wie ich das von Europa gar nicht kannte.

Das kam tatsächlich durch ein Paar, ein Komponisten-Musiker-Paar, das sehr berühmt geworden ist, durch Lieder wie „Girl from Ipanema“, nämlich (…), ein Dichter des zweiten brasilianischen Modernismus, und Tom Jobim, der halt als Komponist und als Musiker sich damals einen Namen gemacht hat, und die haben sich dann zusammengetan in den 50er-Jahren, Anfang der 50er-Jahre, und haben gemeinsam die Bossa Nova erfunden. (…)

Am Anfang der 60er-Jahre gab es eigentlich vor allem die damals bereits schon als bürgerlich verschriene Bossa Nova, dann gab es die linke, die engagierte Literatur, und dann gab es … Anfang der 60er-Jahre entstand die konkrete Poesie in São Paulo, und es regte sich in Bahia halt zum ersten Mal die afrobrasilianische Kultur. Und während die Linke sich eigentlich an der Rechten aufrieb, haben sich diese beiden anderen Strömungen erst mal relativ ungehemmt entwickeln können, weil sie eben nicht in diesen Antagonismus verfielen.

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37. Kunst des Ausdrucks

Baltasar Gracian

Handorakel und Kunst der Weltklugheit

– 216 –

Die Kunst des Ausdrucks besitzen: sie besteht nicht nur in der Deutlichkeit, sondern auch in der Lebendigkeit des Vortrags. Einige haben eine glückliche Empfängniß, aber eine schwere Geburt: denn ohne Klarheit können die Kinder des Geistes, die Gedanken und Beschlüsse, nicht wohl zur Welt gebracht werden. Manche gleichen, in ihrer Fassungskraft, jenen Gefäßen, die zwar viel fassen, aber nur wenig von sich geben: Andere wieder sagen sogar mehr, als sie gedacht haben. Was für den Willen die Entschlossenheit, ist für den Verstand die Gabe des Vortrags: zwei hohe Vorzüge. Die Köpfe, welche die Gabe lichtvoller Klarheit haben, erlangen Beifall; die verworrenen werden bisweilen verehrt, weil Keiner sie versteht. Zu Zeiten ist es passend dunkel zu seyn, um nicht gemein zu werden: allein wie sollen die Hörer den begreifen, der mit dem, was er sagt, eigentlich selbst keinen Begriff verknüpft?

Aus:
Balthazar Gracian’s Hand-Orakel und Kunst der Weltklugheit.
Leipzig: F.A. Brockhaus 1871
(Arthur Schopenhauer’s handschriftlicher Nachlaß 1)
S. 139

36. Harmlose Monster

Reichlich absurd ist also das Versprechen des Klappentextes, Gomringer würde „das Unbeschreibliche“ beschreiben, handelt es sich bei den Monstern doch um Reproduktionen kulturell bereits beschriebener Typen. So unterhaltsam harmlos die meisten dieser monströsen Ergebnisse sind, so sind es leider auch viele Gedichte, die unter eben der Harmlosigkeit ihres Objektes leiden. Jene Gedichte, die sich von dem Gegenstand lösen um zu reflektieren, bilden einen willkommenen Kontrast in dieser Zusammenstellung. Gelungen ist etwa der Frankenstein, der aus medizintechnischen Gründen nach Ingolstadt verlegt wurde. Auch das erste Stück „Monster und Mädchen“ zeugt vom Können der Autorin, die im vergangenen Jahr den Joachim-Ringelnatz-Preis für Lyrik erhielt. Lyrisch und stilistisch gibt es an diesem Band auch nichts auszusetzen. Einzig die Auswahl des Gegenstandes steht den Monster Poems oft im Weg. Etwa wirken Gedichte wie der Anruf an den alternden Richard Gere und die Würdigung der Riesenechse Godzilla wie lieblose Pflichtstücke. Das wird durch die Eindimensionalität des Gegenstände jener Gedichte noch verstärkt, was schon auf der Leinwand nicht furchterregend, sondern höchstens gruselig ist, entfaltet auch als Gedicht keine größere Wirkung. So sind die Texte, die strenggenommen nicht in diesen Band gehören, regelmäßig die interessantesten. Was hilft, sind die erwähnten reflektierenden oder dekonstruierenden Passagen, welche aber wiederum das Gedicht von seinem erklärtem Gegenstand entfernen und es damit von seinem erklärtem Ziel – „ein Besuch im Zelt der Freakshow“ zu sein – entfernt. / Michael Kurzmeier, literaturkritik.de

Nora Gomringer: Monster Poems. 
Verlag Voland & Quist, Dresden 2013. 
64 Seiten, 16,90 EUR.
ISBN-13: 9783863910280

35. Verschieden und ähnlich

Eingegangen sind sie in die Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts nicht allein wegen ihrer eindrucksvollen Gedichte, sondern auch wegen ihrer Liebesgeschichte, die mit ihrem Selbstmord endete: Das Dichterpaar Sylvia Plath und Ted Hughes.

1961 antwortete Ted Hughes auf die Frage, ob sie denn ein Paar seien, bei dem sich die Gegensätze anzögen, sie seien sehr verschieden, Sylvia Plath hingegen sagte, sie seien sich ziemlich ähnlich.

Als Ted Hughes dann „verschieden“ erklärte, gestand er, dass er und Plath ähnlich veranlagt seien und im selben Rhythmus arbeiteten – genaugenommen gehe ihre Ähnlichkeit so weit, dass er oft das Gefühl habe, sie schöpften beide geradezu telepathisch aus einem Geist. Aber er und Plath, so meinte er, nutzten diese Gemeinsamkeit für recht unterschiedliche Zwecke, Phantasie und Gestaltungskraft führten jeweils ein ganz „geheimes Leben“.

Plath erklärte „ziemlich ähnlich“ dahingehend, dass sie und Hughes zwar einen sehr unterschiedlichen Hintergrund hätten, ihr aber ständig unerwartet Ähnlichkeiten auffielen… Ihre eigene Vergangenheit könne in ihre Dichtung einfließen, weil Hughes daran so interessiert sei: Im Schreiben also wurden die Ähnlichkeiten für beide fruchtbar, selbst wenn – und das war ihr wichtig – die Texte dann überhaupt nicht ähnlich waren. / Manuela Reichart, DLR

Diane Middlebrook: Du wolltest deine Sterne (Doppelbiographie)
edition fünf, Hamburg 2013
476 Seiten, 22,90 Euro

34. Angstfrei, neugierig

Ulrich Kochs Weg durch das Literaturgeschäft ist untypisch. Er hangelte sich nicht von Stipendium zu Stipendium, er reist heute nicht von Lesung zu Lesung. Koch hat sich aus dem Getriebe ausgeklinkt, sicher nicht ganz, aber doch sehr entschieden. Natürlich knüpft auch Koch sein Netzwerk, er betreibt es online, da gibt es Seiten wie fixpoetry und die sogenannten sozialen Medien. Auf Veranstaltungen, auf denen der eine den anderen trifft, sieht man Ulrich Koch aber nicht. Als Lesender tritt er zudem eher selten in Erscheinung – im Sommer saß er mit Jan Wagner und Ursula Krechel auf dem Podium, vor wenigen Tagen in Dresden mit Elke Erb und Brigitte Struzyk. “Als ich ein Wunderknabe war / schüttelte ich die Streichholzschachtel der Sätze, / in der die Wünsche lagen, die Köpfe abgebrannt, / und verlief mich im Wald.” Aus seiner Enttäuschung über den Literaturbetrieb sei mittlerweile Gelassenheit geworden, sagt Koch. Auch wenn er beklagt, dass Lyrik immer weniger wahrgenommen werde, auch kaum mehr von den großen Zeitungen. Lyriker betreiben eben so etwas wie eine Randsportart. Auf der anderen Seite gebe es heute mehr denn je gute Verlage, kookbooks nennt Koch und den poetenladen, in dem “Uhren zogen mich auf” erschien, sein jüngstes Buch, aus dem das Zitat zuvor stammt.

“Wenn ich Gedichte schreibe, schreibt der Leser schon mit”, sagt Ulrich Koch. Die Offenheit, das Fremde, Surreale, Irritierende und Verführende, die Vielbödigkeit – all das liegt in seinem Schreiben und findet einen eigenen Widerhall beim Lesenden. Der Begriff des Verstehens sei zu eng gefasst, sagt Koch, er wünscht sich bzw. seinen Lesern einen neugierigen, angstfreien, spielerischen Zugang zur Lyrik. / Landeszeitung

33. Sibylla Schwarz

Aus: Lyrikwiki

Sibylla Schwarz (andere Schreibweisen: Schwartz, Schwartze, Schwar(t)zin [1]; Sibylle) wurde am 24.2.1621 [2] in Greifswald geboren und starb ebenda am 10.8.1638. Wegen Frühreife und frühen Todes nannte man sie die „pommersche Sappho“ und „die zehnte Muse“.

Sie stammte väter- und mütterlicherseits aus einer alten Greifswalder Patrizierfamilie, ihr Vater Christian S. war Bürgermeister und Landrat. In der Kindheit (1630) verlor sie die Mutter. Ihr kurzes Leben war vom Krieg mit aufeinanderfolgender Besetzung der Stadt durch kaiserliche und schwedische Truppen gezeichnet. Glückliche Umstände verhalfen ihr zu einer für ein Mädchen in jener Zeit ungewöhnlichen Bildung, sie eignete sich autodidaktisch Sprachen und antike Mythologie an und lernte die neueste deutsche Literatur mit den Schriften von Martin Opitz kennen. Mit 13 Jahren begann sie zu schreiben, Gelegenheitsgedichte ebenso wie fast den ganzen Opitzschen Formenkanon, geistliche und weltliche Lieder, Oden, petrarkistische Sonette, Epigramme, eine Schäferdichtung und ein Dramenfragment entstanden in nur vier Jahren, daneben einige Übersetzungen (Latein, Holländisch und Französisch).

Der aus Württemberg stammende Pfarrer Samuel Gerlach kam ab Mai 1636 für kurze Zeit möglicherweise als ihr Hauslehrer und Erzieher nach Greifswald und wurde ihr wichtigster Förderer. Gerlach wollte ihre Texte drucken, wofür das Anagramm-Pseudonym Sibyllen Wachsesternin von Wildesfragen (aus Schwartzin von Greifswalden) gewählt wurde. In einem Brief an Gerlach erwähnt sie einen offenbar geplanten Besuch von Martin Opitz, durch ihren Tod wenige Wochen später kam es nicht mehr dazu. 1650 gab Gerlach ihre Werke in zwei Teilen heraus.

Die Ausgabe machte sie zeitweilig berühmt, sie wurde in einschlägige Nachschlagewerke (Zedler, Paullini, Jöcher) aufgenommen. Daniel G. Morhof nannte sie „ein Wunder ihrer Zeit“, ein Mädchen, das „die Männer selbst in der Tichtkunst beschämen können“. Dann geriet sie in den Dunstkreis bloß lokalen Interesses und wurde bis auf wenige geistliche Lieder und Sonette vergessen. Das begann sich erst zu ändern, als Ziefle seine Biografie (1975) und einen kommentierten Reprint der Ausgabe von 1650 herausgab.

Sie wird der (ersten) schlesischen Dichterschule zugerechnet und gehört zu den frühesten Vertretern der neuen Dichtung im Gefolge von Opitz. Forschung und Kritik sprachen ihr neben dem Wunderkind- und Frauenbonus zu, eine Art früher Erlebnisdichtung („ein Zug frischer und wahrer Empfindung“, Welti 1888) verfaßt zu haben. Betont wird ihre „tiefe Religiosität“ und Werte wie Innigkeit und „schlichte Demut“ (Gassen).

Die feministische Forschung (zuerst in Übersee) begann nach „männliche(n) Wert- und Auslegungssysteme(n“) und ihrem Anteil am „Hervortreten weiblicher geistiger Autonomie“ (Ganzenmueller) zu fragen. Erika Greber liest die Sonette und Gerlachs Edition in der Nähe von Autoren wie Vittoria Colonna oder Veronica Gambara als (in Deutschland rare) Beispiele eines weiblichen und lesbischen Petrarkismus, in dem Imitation und Innovation zusammenfallen. Wenn nicht alles täuscht, hat sie es nunmehr in den Kanon geschafft, wie neben der Aufnahme in Anthologien Vertonungen, Schulprojekte und literarische Adaptionen belegen. Im Oktober 2013 befaßt sich erstmals eine internationale Fachtagung an der Universität Greifswald mit ihrem Werk.

 

Anmerkungen

  • [1] Die in der Literatur anzutreffende Namensform „von Schwarzer, von Schwarzin“ ist falsch, weil erst ihr älterer Bruder Christian (1610-79) 1671 vom schwedischen König geadelt wurde und das Adelsprädikat „von Schwarzern“ erhielt.
  • [2] Die bisher in der Forschung verwendeten Lebensdaten benutzen – auch wenn manchmal explizit gesagt wird, sie benutzten den neuen Stil, wie schon bei Goedeke – unwissentlich den alten Stil (Julianischen Kalender), der in Pommern wie in den meisten protestantischen Ländern noch bis 1700 verwendet wurde. Der 14.2.1621 alten Stils entspricht dem 24.2. neuen Stils (Gregorianischer Kalender). Analog ist ihr Todesdatum der 10.8. neuen Stils (31.7. alten Stils). Da die Lebensdaten in lokalen Dokumenten (der Trauerrede und Ankündigung der Trauerfeier, siehe Literaturverzeichnis) vorkommen, müssen sie im lokal gültigen Kalender gehalten sein.

Ausgaben

  • Sibyllen Schwarzin Vohn Greiffswald aus Pommern/ Dt. Poët. Gedichte/ hg. v. Samuel Gerlach, 2 Bde., 1650, Faksimiledr. hg. v. Helmut W. Ziefle. 1980

 

Auswahlausgaben

  • Langer, Horst/ Paris, Ronald (Hg.): Das schnöde Tun der Welt. Gedichte aus der Barockzeit/ Sibylla Schwarz, Mesekenhagen 2009.
  • Deutsche Poëtische Gedichte. Handgedruckt und handgebunden im Herbst 2012. Zeichnungen: Ronald Lippok, wissenschaftliche Begleitung: Michael Gratz, Redaktion: Ralph Gabriel. Druck: Rothahndruck, Berlin.
  • Gesang wider den Neid : Barockdichtung aus Greifswald / Sibylla Schwarz. Hrsg. von Horst Langer. Greifswald : Karl-Lappe-Verl., 2013

Lebenszeugnisse

  • Rector Acad. Gryphiswald. Balthasar Rhaw, Theol. Prof. invitat cives academicos ad Exequias lectissimae … virginis Sibyllae Schwartzen/ quas curavit d. 3. Aug. parens afflictissimus … Christianus Schwartze/ consiliarius provincialis et huius civitatis consul spectatissimus. Rhaw, Balthasar. – Gryphiswaldiae, 1638
  • Hagen, Christoph: Himlische HochzeitPredigt/ Auff der Seligen und frölichen Heimfahrt/ Der gläubigen Seele/ und liebwerthen Braut/ Der weiland Ehrbaren/ VielEhr- und Tugentreichen Jungfrawen Sibyllae Schwartzen/ Des WolEhrnvesten/ GroßAchtbaren/ Hochgelahrten und Hochweisen Herrn Christiani Schwartzen/ Fürstlichen Pommerischen hinterbliebenen Vornehmen LandRahts/ und wolverordneten Bürgemeisters allhier Eheleiblichen Hertzlieben jüngsten Tochter/ Zu ihrem Hertzallerliebsten Bräutigam Christo Jesu GOttes Sohn : Bey dero erbleicheten Cörpers rühmlicher Begräbnis/ in ansehnlicher Volckreicher Versamlung allhier/ zum Greyffswald in St. Niclaus/ den 3. Augusti lauffenden 1638. Jahrs/ nach CHristi unsers HErrn Geburt/ gehalten/ Und/ auff Begehren/ in Druck gegeben. – Greyffswald : Jeger, 1638

32. „Die verstehen mich nicht“

Von Celan ist in diesem Gedichtband die Rede, auch von Brecht. Aber die wahre Autorität hat ein anderer inne. Wir hören lediglich seine Stimme, von ferne sozusagen, durchs Telefon und aus einer schon fast wieder unvordenklichen Vergangenheit. Einmal habe Thomas Kling angerufen, so heisst es in dem Gedicht «Requiem»: «Er war es leibhaftig, ich kannte die Stimme –» Aber der Angerufene, er wohnt in Berlin, «zweiter Hinterhof, lebendig begraben», kommt nicht dazu, selber etwas zu sagen oder zu fragen. Thomas Kling soll lediglich mitgeteilt haben: «Ich beobachte, was du so machst. Dann legte er auf.» Und ausserdem habe er auch noch gesagt: «Nimm deine Zunge und geh.»

Es ist gewiss das bewegendste Gedicht und eines der beeindruckendsten in Hendrik Rosts neuem Lyrikband «Licht für andere Augen». Das «Requiem» auf den 2005 verstorbenen Lyriker Thomas Kling ist eine ebenso erschütternde wie fröhliche Hommage an den «Meister», was keineswegs ironisch gemeint ist. Kraftvoll schildern die Verse den Überfall des Anrufers und das Erstaunen des Angerufenen, und kaum vernehmbar hört man zwischen den Versen die Einsamkeit beider: «Mensch, / ich muss mit dir reden, dröhnte der Meister. Und redete. / Ich nickte, ein Kind, das magisch denkt.» Die zweite Strophe schildert eine Lesung Klings bei einem Buchhändler, der das erzählende Ich beigewohnt und bei der Kling impulsiv wie stets seine Gedichte vorgetragen hatte: «Immer wieder drehte er die Augen auf Weiss. / Nach einer Stunde fuhr er hoch: Alles Ärsche, zischte er, // die verstehen mich nicht.» / Roman Bucheli, NZZ

Hendrik Rost: Licht für andere Augen. Gedichte.
Wallstein-Verlag, Göttingen 2013. 80 S., Fr. 25.90.