45. Essaypreis

Matthias Hagedorn schreibt:

Bei KUNO präsentieren wir Essays über den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu lösen ist zumal, zumal es sich bei den ausgezeichneten Autoren um Lyrikerinnen und Lyriker handelt. Die Jury hat sich nach intensiver Beratung als Preisträger für den KUNO-Essaypreis 2013 für Sophie Reyer, Christine Kappe und Jan Kuhlbrodt entschieden.

Sophie Reyer geht im Essay Referenzuniversum der Frage nach, wie das Schreiben durch das schreibende Analysieren gebrochen wird. Sie gestaltet sich einen Allegorienaufmarsch mit Texteinheiten voller Schalk und Weisheit. (…) Die Generation um Reyer setzt auf die Intelligenz der Menge, auf die Selbstorganisation des Schwarms, auf die Macht derer, die sich selbst erkannt und aus freien Stücken miteinander verbunden haben. Es geht ihnen nicht mehr darum, dass die Einzelnen in einem grossen Ganzen vereinheitlicht werden und ihre eigenen Ideen, Geistesblitze und ihre Kreativität einem fertigen Weltbild unterordnen. Diese Generation kann viele werden und dabei Einzelne bleiben, die mit all ihrer Eigenständigkeit, Verrücktheit und mit ihrem individuellen Eigensinn dazu beitragen, die Idee einer Poesie immer wieder neu entstehen zu lassen. Reyer bricht die Idee vom objektiven Ich und vom subjektiven Ich auf und thematisiert in ihrer Poesie Verletztheit, es ist eine wohltuend unsentimentale Sichtweise auf die Welt und ihre Mechanik.

Christine Kappe stellt die Frage: „Findet das Heute überhaupt statt?“ Inspiriert durch den Literaturvermittler und gleichfalls findigen Essayisten Theo Breuer startete Kappe auf KUNO mit dem Essay Das Licht ist mein Thema, nicht der Himmel oder: Ilya Kabakov und das Licht auf meiner Posttour. Diese Autorin wartet in ihren Essays mit skurriler Metaphorik auf. Obzwar sie Sprachwissenschaft und Geschichte studierte, wurde sie nicht verbildet. (…)

Ganz im Sinne Montaignes wagt sich Jan Kuhlbrodt an einenVersuch über Ingold. Das Tastende dieses Vermittlers läßt sich durchweg in seinem Schreiben finden, etwa in seinem Langgedicht Stötzers Lied. Gesang vom Leben danach. Dieser Zyklus trägt viel Bewußtsein für die eigenen Quellen in sich, gelegentlich glaubt man das Faksimile-Knistern alter Amigaplatten zu hören. Sein Gedichtband enthält eine Vielstimmigkeit in der Einheit. Und es sind überwiegend Lyriker, denen sich Kuhlbrodt essayistisch widmet. Stoische Geringschätzung von Äußerlichkeiten, Kritik des Wissenschaftsaberglaubens und der menschlichen Überheblichkeit gegenüber anderen Naturgeschöpfen sowie Skepsis gegenüber jeglichen Dogmen kennzeichnen seine essayistischen Porträts. Seine trefflichsten Essays sind auch verkappte Selbstporträts. Dieser Außenseiter versteht problematischen Naturen. In den Details erkennt er die Eigenwilligkeiten. Für einen Autor, der vorgibt, die Literatur sei sein Lebensgefühl, ist das ein Triumph der Kritik über ihren Gegenstand.

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