Die Black Box der Opera stabile öffnet sich auch in der Spielzeit 2013/14 zwei Mal für spannende Begegnungen von Musik und Literatur aus dem 20. und 21. Jahrhundert, die neue Musiktheatererlebnisse schaffen. Die Produktion „USA: poetry on stage“ verbindet Texte von Allen Ginsberg und Jack Kerouac mit musikalischen Werken der amerikanischen Moderne von Charles Ives, John Cage und George Crumb. Neben „Howl“ wird der Briefwechsel zwischen Allen Ginsberg und Jack Kerouac szenisch umgesetzt: Er spiegelt den rebellischen Geist der Beatniks, ihre Liebessehnsucht und kompromisslose Sexualität, ihre Verachtung der gängigen Lebensnormen, aber auch ihre zynische Rivalität. Das Textszenario entwarf Operndirektor Francis Hüsers: „‚Poetry on stage‘ haben wir den Abend genannt, weil alle diese Werke – ob Musikstück, Gedicht, Lied, Song, Roman oder Brief – immer ihre formalen Bedingungen und Traditionen mitreflektieren: das Sich-Darbieten des Künstlers und das Experimentieren damit. Die Inhalte der einzelnen Stücke können schockieren, trösten oder auch nur banal wirken, das künstlerische Ich spiegelt sich immer auch in der Form.“ / hamburg-magazin
Orhan Veli
13. April 1914, Istanbul – 14. November 1950, ebenda
3 Gedichte übersetzt von Safiye Can (hier mehr)
Was wir nicht alles für dieses Land taten!
Einige starben,
Andere hielten Reden.
(hier das Original und eine andere Version)
Wenn ich auf der Straße gehe
Und bemerke, dass ich vor mich hin lächle
Muss ich daran denken
Dass sie mich für verrückt halten
Und muss lächeln.
Umsonst leben wir, umsonst,
Die Luft ist umsonst, die Wolken umsonst,
Berge und Bäche sind umsonst,
Regen und Matsch umsonst,
Die Außenfassade der Kraftfahrzeuge,
Die Türen der Filmtheater,
Die Schaufenster sind umsonst,
Brot und Käse nicht, jedoch
Schales Wasser ist umsonst,
Die Freiheit für den Preis eines Kopfes,
Das Sklavendasein umsonst,
Umsonst leben wir, umsonst.
Hunderte Tonnen alter Bücher verarbeiten Ellen Vegelahn und ihr Mann jedes Jahr: Aus den Seiten der Bücher stellen sie Ökowolle her, die Hauswände dämmt. Das tut manchmal ein bisschen weh, ist aber ökologisch – und muss unter strengster Geheimhaltung geschehen. (…) Rund 300 Tonnen überzählige Exemplare aus den Buchverlagen landen hier pro Jahr. (…) „Rechte Literatur haben wir grundsätzlich abgelehnt zu vernichten, ganz ehrlich, das würde ich auch keinem Kunden zumuten: Dämmung aus rechter Literatur, das war für uns immer ein Tabuthema. Was wir auch mal abgelehnt hatten, waren Koranvernichtungen.“ / Maicke Mackerodt, DLR
Rätselhafter Diebstahl in beachtlichem Umfang auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse
Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,
in der Nacht vom 10. auf den 11. Oktober wurden am Messestand der Edition Korrespondenzen (Halle 4.1 E 47) insgesamt 22 und damit knapp ein Drittel der auf der Frankfurter Buchmesse ausgestellten Bücher des Verlages entwendet.
Neben 10 Bänden der Schriftstellerin Zsuzsanna Gahse fehlten am Freitagmorgen sämtliche Ausstellungsstücke der Lyrikreihe tradukita poezio.
Mit Lidija Dimkovska (Makedonien), Stanka Hrastelj (Slownien), Claudiu Komartin (Rumänien), Luljeta Lleshanaku (Albanien), Dragana Mladenović (Serbien), Marko Pogačar (Kroatien) und Faruk Šehić (Bosnien) werden in der gemeinsam mit dem literarischen Netzwerk TRADUKI herausgegeben Reihe bedeutende, erstmals ins Deutsche übersetzte junge Dichter aus Südosteuropa vorgestellt.
Die Messepolizei bestätigte gegenüber dem Verlag, dass es sich um einen Einzelfall handle und für diese Nacht keine weiteren Diebstähle in der Halle
4.1 gemeldet wurden.
Der Verleger Reto Ziegler meinte nach seiner Rückkehr aus Frankfurt:
„Ein solch umfangreicher gezielter Diebstahl auf einer Messe sucht seinesgleichen. Zsuzsanna Gahse ist eine der faszinierendsten AutorInnen und die Reihe tradukita poezio eine einmalig Sammlung der wichtigsten jungen lyrischen Stimmen aus der reichen Literaturlandschaft Südosteuropas. Mir ist verständlich, dass man diese Bücher unbedingt haben will, aber das rechtfertigt natürlich nicht, dass man die Bücher einfach klaut. Eine solche Ehrlosigkeit mag ich meinen KollegInnen aus den Verlagen – die zu dieser Zeit als einzige Zugang zu den Hallen hatten – genauso wenig unterstellen wie einen bösartigen Diebstahl aus Neid oder Hass oder gar als Attacke gegen die junge Lyrik aus Südosteuropa. Zum Glück ist dies ein bisher einmaliger Vorfall und wir hoffen natürlich, dass es dabei bleibt.“
(Pressemitteilung des Verlages)

Deutschlandfunk Büchermarkt. 11.10.2013. 16:10 Uhr
Denis Scheck sprach mit Georg M. Oswald und Jo Lendle über den Tod des Midlist-Buches und Wege zur Rentabilität
[…]
Oswald:
Im Großen und Ganzen ist es natürlich schon so, dass man sich bei jedem Titel die Frage stellen muss, […] traut man dem Buch den Verkauf zu? Und wenn man das Titel pro Titel rechnet, dann kommt man oft an Stellen, wo man sich sagt, irgendwie schwierig.
Gleichwohl ist es so einfach nicht, dass man dann sagen kann: Naja die, bei denen es sich nicht rechnet, die macht man nicht, weil dann bleibt zu wenig übrig.
Scheck: Jo Lendle, wenn ich mir vorstelle, wie sie die aktuelle Hanser-Vorschau durchblättern — mit diesen Überlegungen im Kopf, was bleibt da von der Edition Akzente übrig, beispielsweise, oder der Edition Lyrik Kabinett? Das sind doch alles Bücher, von denen man bei Erscheinen weiß, dass sie nichts zum ökonomischen Erhalt des Verlages beitragen, sondern wahrscheinlich Verlust machen.
Lendle: Ja, ich würde deswegen dieses Verlagskonzept gar nicht so unterschreiben. Aus zwei Gründen. Zum einen gehört zum Gesamtversprechen, das ein Verlag gibt ja auch, dass es da die Bücher zu entdecken gibt, die unser aller Glück dann auch ausmachen — neben dem Buch, das alle gelesen haben und über das alle sprechen, will man ja dann doch auch noch die kleineren, schrägeren, prickelnderen Bücher finden.
Ökonomisch ist das gar nicht so das Problem. Ich hab überhaupt keine Schwierigkeiten damit, einen Lyrikband herauszugeben, weil ich exakt weiß, was der mich kostet. Da ist sozusagen kein Risiko drin, das muss ich in meinem Gesamtplan einrechnen.
Scheck: Pleite gehen Verlage an Lizenzen, für die sie für anderthalb Millionen kaufen und an denen sie nur eine Million verdienen.
Lendle: Exakt, exakt. Genau. Das sind wirklich die Dinge, die uns wirklich dazu bringen, uns aus der Halle 3.1 der Frankfurter Buchmesse zu stürzen, weil wir sagen: Das ist jetzt vorbei. Aber bei einem Lyrikband, da spring ich noch nicht mal eine Treppenstufe runter, wenn der plötzlich seine 10.000 Euro Miese einbringt.
Nachhörbar im Archiv
(Danke an Ron Winkler)
… vor 947 Jahren schlug Wilhelm der Eroberer die Engländer in der Schlacht bei Hastings. König Harold II verfolgte die Normannen, wurde aber durch Kriegslist geschlagen und getötet. Am 25.12. wurde William in London zum König gekrönt.
Heinrich Heine schrieb eine Romanze vom „Schlachtfeld bei Hastings“, die so beginnt:

… vor 119 Jahren wurde Edward Estlin Cummings in Cambridge/ Mass. geboren.
Zwei Kostproben seiner Gedichte aus meiner gestrigen Postmappe (Mail ist ein poetisches Medium):
i carry your heart with me(i carry it in
my heart)i am never without it(anywhere
i go you go,my dear;and whatever is done
by only me is your doing,my darling)
——-
O sweet spontaneous earth how often have the doting fingers of prurient philosophers pinched and poked thee , has the naughty thumb of science prodded thy beauty how often have religions taken thee upon their scraggy knees squeezing and buffeting thee that thou mightest conceive gods
Und langsam findet die brasilianische Lyrik auch ihren Weg nach Europa. Weitab von esoterischer Dichtung à la Paulo Coelho entwickeln junge Dichter eigene Konzepte und Gedankengänge. Eine davon ist Érica Zíngano. In ihren Gedichten benutzt sie gern banale Bilder, um Spannungen innerhalb der Sprache aufzudecken oder betont mit rhythmischer Monotonie den alltäglichen Trott. Ein anderer brasilianisch-stämmiger Künstler ist Ricardo Domeneck. Er verbindet Dichtung und Körper, rezitiert bei den Lesungen manchmal verkrampft und kurzatmig, manchmal entspannt und tanzend seine Gedichte. Bei beiden spielt der Rhythmus – in Form des getakteten Alltags oder als befreiendes Element – eine große Rolle. Im Lyrik Kabinett werden auch Texte von anderen brasilianischen Dichtern vorgestellt und von Zíngano und Domeneck gelesen. / Die Welt
ZEPPELIN poetico, Lyrik Kabinett (Amalienstr. 83/Rgb.), Dienstag, 20 Uhr, 7 Euro
Vom 15/10/2013 bis zum 19/10/2013
Instituto Cervantes
Rosenstr. 18-19
10178 Berlín
Instituto Iberoamericano
Potsdamer Str. 37
10785 Berlín
Freie Universität (Lateinamerika-Institut)
Rüdesheimer Str. 54-56
14197 Berlín
Lettrétage
Mehringdamm 61
10961 Berlín
Theater 89
Putlitzstr. 13
10551 Berlín
Instituto Cervantes (Berlín)
Embajada de Colombia (Alemania), Embajada de México (Alemania), Universidad Libre de Berlín, Instituto de Estudios Latinoaméricanos / Freie Universität Berlin. Lateinamerika-Institut, Instituto Iberoamericano (Berlín) / Ibero-Amerikanisches Institut (Berlín)Universidad de Osnabrück / Universität Osnabrück, Colegio Internacional de Graduados “Entre Espacios“ / Internationales Graduiertenkolleg “Zwischen Räumen“, Friedrich-Schiller-Universität Jena, Iberoamerica Jena e.V.
Das Programm
Latinale 2013
8. Mobiles lateinamerikanisches Poesiefestival / VIII Festival rodante de poesía Latinoamericana
In Jena
Mittwoch, 16. Oktober, 19:00 Uhr – Eintritt frei
Latinale in Jena. Lesung und Gespräch [sp./dt.]
mit Augusto Rodríguez und Karen Sevilla
In Kooperation mit „Iberoamérica e.V.“ und der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Moderation: Diana Grothues
Haus auf der Mauer / Gewölbekeller, Johannisplatz 26, 07743 Jena
www.internationales-centrum-jena.de
In Berlin
Dienstag, 15. Oktober 2013, 19:00 Uhr – Eintritt 5/3 €
Poetry Clash. Brasilien gegen Deutschland [pt./dt.] mit Nicolás Behr, Chacal,
Rafael Mantovani, Sabine Scho, Ulf Stolterfoth und Jan Wagner
In Kooperation mit Berliner Literarische Aktion e.V.
Moderation: Martin Jankowski und Timo Berger
Musik: Aurelie Maurin spielt Berlin Bossa
Theater 89, Putlitzstraße 13, 10551 Berlin
www.theater89.de
Mittwoch, 16. Oktober, 19:00 Uhr – Eintritt frei
Lesung und Gespräch [sp.] mit John Jairo Junieles
In Kooperation mit „alba. lateinamerika lesen“
Moderation: María I. Schulz
Kolumbianische Botschaft, Taubenstr. 23, 10117 Berlin
Donnerstag, 17. Oktober, 19:00 Uhr – Eintritt frei
El disparador poético. Objetos que inspiran. Gespräch und Lesung [sp./pt.]
mit Gloria Dünkler, Wingston González, John Jairo Junieles, Ángel Ortuño und Karen Sevilla
Special Guests: Nicolás Behr und Chacal
Moderation: María I. Schulz
Im Anschluss Empfang
Ibero-Amerikanisches Institut, Potsdamer Str. 37, 10785 Berlin
www.iai.spk-berlin.de
Freitag, 18. Oktober, 20:00 Uhr – Eintritt 5/3 €
Poesienacht. Lesung [sp./pt./dt.] mit Gloria Dünkler, Wingston González, John Jairo Junieles, Rafael Mantovani, Ángel Ortuño, Augusto Rodríguez, Karen Sevilla und Laura Wittner
Moderation: Martin Jankowski
Im Anschluss Empfang
Instituto Cervantes, Rosenstr. 18-19, 10178 Berlin
www.berlin.cervantes.es
Anschließend PARTYLOUNGE
Eis36, Adalbertstr. 96, 10999 Berlin
www.eis36.de
Samstag, 19. Oktober, 13:00 – 17:00 Uhr – Teilnahme frei
Übersetzungsworkshop für Schüler/-innen, Studierende und Interessierte
mit den Dichterinnen und Dichtern der Latinale 2013
Leitung: Rike Bolte und Diana Grothues
Lateinamerika-Institut, Rüdesheimer Str. 54-56, 14197 Berlin
www.lai.fu-berlin.de
Samstag, 19. Oktober, 20:00 Uhr – Eintritt frei
Latinale in der Lettrétage. Lesung [sp./pt./dt.] mit Luis Chaves, Wingston González, Rery Maldonado, Odile Kennel und Érica Zíngano
In Kooperation mit dem hochroth Verlag
Moderation: Johanna Raabe
Im Anschluss Party mit Live-Musik
Lettrétage, Mehringdamm 61, 10961 Berlin
www.lettretage.de
In Osnabrück
Dienstag, 22. Oktober, 18:30 Uhr – Eintritt frei
Latinale in Osnabrück. Lesung und Gespräch [sp./dt.]
mit Gloria Dünkler und Wingston González
In Kooperation mit der Universität Osnabrück
Moderation: Rike Bolte und Susanne Schlünder
Literaturbüro Westniedersachsen, Am Ledenhof 3-5, 49074 Osnabrück
www.literaturbueros.de
SZ: Ihr erster großer Sammelband, erschienen im Jahr 1966, hieß ‚Tod durch Musen‘. Können Sie sich den Titel noch erklären?
Friederike Mayröcker: Mein Gedanke war, dass man als Schreibender, wenn man es ganz intensiv betreibt, so wie ich es gemacht habe und immer noch mache, an einen Punkt kommt, wo man kaputt geht. ‚Tod durch Musen‘ ist ganz buchstäblich zu verstehen. Wenn der Schreibende das Äußerste hergibt, erreicht er das Ende. Und die Musen sind schuld daran. Das war mein Gedanke damals.
Dann sind Musen also eher verderberische Wesen. Aber haben sie nicht auch etwas Freundliches?
Nein, man gibt sich ja total her. Man schreibt, bis einem die Schreibmaschine aus der Hand fällt. Die Musen sind schuld daran, dass man kaputtgeht.
(…)
Gibt es für Sie so etwas wie weibliches Schreiben?
Das ist eine sehr heikle Frage. Ich glaube nicht, dass es ein weibliches Schreiben gibt. Es gibt eine gute Kunst, und es gibt eine miserable Kunst, dann ist es eben keine Kunst mehr. Was jetzt so getrieben wird mit weiblicher Kunst oder dass man die ‚Dichterinnen‘ unter Anführungszeichen fördern müsse, das ist alles missglückt. Denn wenn ein Mensch schreibt und die Sache gut ist, ist es ganz egal, ob es eine Dichterin oder ein Dichter ist. Es muss gut sein. Es muss erstklassig sein, dann ist es auch egal, ob es ein weiblicher Dichter ist oder ein männlicher. Ich bin also sehr skeptisch, was die Förderung der ‚Dichterinnen‘ betrifft. Es wird da einiges gefördert, das nicht förderungsfähig ist. Da stoße ich mit meiner Meinung manchmal auch auf Widerstand.
Sollte man Kunst dann überhaupt öffentlich fördern?
Das ist eine Frage, die ich mir auch oft stelle. Ich denke, man spürt, was man fördern sollte. Man braucht nur ein paar Seiten eines jungen Autors zu lesen, dann weiß man, ob es Zukunft in sich trägt oder nicht. Wenn ein junger Autor etwas verspricht, dann sollte man ihn fördern.
Michael Stallknecht sprach mit Friederike Mayröcker, Süddeutsche Zeitung 7.10.
Bilingual/Bilingüe
BY RHINA P. ESPAILLAT
My father liked them separate, one there,
one here (allá y aquí), as if aware
that words might cut in two his daughter’s heart
(el corazón) and lock the alien part
to what he was—his memory, his name
(su nombre)—with a key he could not claim.
“English outside this door, Spanish inside,”
he said, “y basta.” But who can divide
the world, the word (mundo y palabra) from
any child? I knew how to be dumb
and stubborn (testaruda); late, in bed,
I hoarded secret syllables I read
until my tongue (mi lengua) learned to run
where his stumbled. And still the heart was one.
I like to think he knew that, even when,
proud (orgulloso) of his daughter’s pen,
he stood outside mis versos, half in fear
of words he loved but wanted not to hear.
Rhina P. Espaillat, “Bilingual/Bilingüe” from Where Horizons Go (Kirksville, MO: New Odyssey Books, 1998).
Rhina P. Espaillat wurde 1932 während der Trujillodiktatur in der Dominikanischen Republik geboren und kam mit ihrer Familie in die USA ins Exil.
Mit zweien Tatzen, die bedeckt mit Haaren,
Und Rücken, Brust und Seiten, die bemalt
Mit Knoten und mit kleinen Schnörkeln waren;
Vielfarbig, wie kein Werk Arachnes strahlt,
Wie, was auch Türk und Tatar je gewoben,
So bunt doch nichts an Grund und Muster prahlt.
Wie man den Kahn, im Wasser halb, halb oben,
Am Lande sieht an unsrer Flüsse Strand,
Und wie, zum Kampf den Vorderleib erhoben.
Der Biber in der deutschen Fresser Land;
So sah ich jetzt das Ungeheuer, ragend
Und vorgestreckt auf unsers Dammes Rand,
Wild zappelnd, mit dem Schweif durchs Leere schlagend,
Und, mit der Skorpionen Wehr versehn,
Die Gabel windend und sie aufwärts tragend.
Mein Führer sprach: Jetzt müssen wir uns dreh’n
Und auf gewundnem Pfad zum Ungeheuer
Dorthin, wo’s jetzo liegt, hinuntergehn.
Dante, Inferno 17, deutsch von Karl Streckfuß
Anmerkung des Übersetzers:
„Licht überall“ vereint Gedichte der letzten zehn Jahre von Cees Nooteboom zwischen zwei Buchdeckeln. Sein Arsenal der Worte lässt sich kaum mit wenigen Worten würdigen. Welcher Zugang zu den Versen auch gewählt wird, es eröffnen sich immer wieder neue Perspektiven. Der „Zugang zu jener anderen/ bestehenden Welt,/ der Poesie“, schreibt Nooteboom, sei der Zugang zu einer Welt der Gedanken, Worte und „Paragraphen des Windes“. (…)
Für Romantik ist zugleich wenig Platz. Percy Bysshe Shelleys „wohlkingendes, strömendes, reimendes, erlaubtes Klagen“ aus dem frühen 19. Jahrhundert kann Nooteboom nicht nachempfinden, auch wenn er die Augen schließt und an das aquarellartige Gedicht „Stanzas written in Dejection, near Naples“ denkt, denn „unten/ rast der Verkehr, suizidal, eine gemeine Welt aus Jagd/ und Schwerkraft, dein niemals gesehener Alptraum“. Nooteboom ehrt den Romantiker durch ironische Imitation. Die Ewigkeit habe dieser sich verdient. Ein Schelm, wer den Autor lächeln sieht. / Thorsten Schulte, literaturkritik.de
Cees Nooteboom: Licht überall. Gedichte.
Übersetzt aus dem Niederländischen von Ard Posthuma.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2013.
106 Seiten, 18,95 EUR.
ISBN-13: 9783518423912
Am gestrigen Sonnabend, 12. Oktober, gab es im Cultimo Lieder nach Texten von dem heute fast Vergessenen Theodor Kramer. In den Zeitungen der 30er Jahre konnte man Woche für Woche Gedichte von ihm finden: von Hamburg bis Zürich und Königsberg, von Köln bis Prag und Wien. Sie verbreiteten seinen Ruf als Dichter über den ganzen deutschen Sprachraum. Der Sohn eines jüdischen Gemeindearztes aus einem kleinen Dorf in der Nähe Wiens musste 1939 das Land verlassen, um sein Leben zu retten. In England verstummte er nicht, doch er wurde nicht mehr gehört. / Weserkurier
lies langsam, Wort für Wort – das Buch in deinen Händen überträgt dir seine Zeit
Hansjürgen Bulkowski
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