findet sich Lyrik – keiner kommt dran vorbei – häufig auf den Politik- oder Wirtschaftsseiten und in der Werbung. Wie hier, Süddeutsche Zeitung*:
Man weiß nicht, ob man sich auf der Abiturfeier verliebt, bei einer Wohnungsbesichtigung oder bei einer Lesung postmoderner Lyrik. Wer die Liebe planen will, sucht im Internet (Foto:dpa).
*) Im Feuilleton: auch heute keine Spur. Film, Theater, Kunst und so. Sein Lyrikbedürfnis befriedigt der Jetztmensch im Alltag oder, wenn er Politiker, Zeitungsschreiber oder Werbespezi ist, auch im Beruf. Früher, ja da war es noch anders. Gottfried Benn bezeugt es:
wenn Sie am Sonntag morgen Ihre Zeitung aufschlagen, und manchmal sogar auch mitten in der Woche, finden Sie in einer Beilage meistens rechts oben oder links unten etwas, das durch gesperrten Druck und besondere Umrahmung auffällt, es ist ein Gedicht. Es ist meistens kein langes Gedicht, und sein Thema nimmt die Fragen der Jahreszeit auf, im Herbst werden die Novembernebel in die Verse verwoben, im Frühling die Krokusse als Bringer des Lichts begrüßt, im Sommer die mohndurchschossene Wiese im Nacken besungen, zur Zeit der kirchlichen Feste werden Motive des Ritus und der Legenden in Reime gebracht — kurz, bei der Regelmäßigkeit, mit der sich dieser Vorgang abspielt, jahraus, jahrein, wöchentlich erwartbar und pünktlich, muß man annehmen, daß zu jeder Zeit eine ganze Reihe von Menschen in unserm Vaterland dasitzen und Gedichte machen, die sie an die Zeitungen schicken, und die Zeitungen scheinen überzeugt zu sein, daß das Lesepublikum diese Gedichte wünscht, sonst würden die Blätter den Raum anders verwenden.
Was sie ja heute tun. Wann hat das eigentlich aufgehört? Kurz nach der Wiedervereinigung war es noch da, wie sich die Älteren erinnern werden. Obwohl schon Benn eine Ahnung hatte, denn im nächsten Satz sagt er:
Die Namen dieser Gedichthersteller sind meistens keine sehr bekannten Namen, sie verschwinden dann wieder aus den Feuilletons …
… ja, da
galt der Dichter, Zeitschriftengründer, Literaturprofessor und Institutionenstifter Walter Höllerer (…) als „Literaturpapst“.
(…) Höllerer nämlich war es, der zwei Jahre nach dem Mauerbau es aufgrund seiner einzigartigen Netzwerk-Fähigkeiten schaffte, von den Amerikanern in Gestalt des Deutschlandexperten Shepard Stone 1,4 Millionen Deutschmarks zu erhalten und diese Summe in die Gründung eines Literaturhauses – dem „Literarischen Colloquium Berlin“, das das ganze Jahr schon seinen 50. Geburtstag feiert – zu stecken.
Gruppe-47-Chef Hans Werner Richter attestierte Höllerer damals das Talent zum „Behörden-Sex-Appeal“. In jener Phase zwischen Mauerbau und Studentenbewegung war Walter Höllerer tatsächlich die zentrale Figur im literarischen Leben der jungen Bundesrepublik. Er gilt nicht nur als Begründer, sondern vor allem als Erfinder des modernen Literaturbetriebs.
Als Liberalem war es ihm ein Bedürfnis, Berlin an Traditionen anzubinden, die durch die Zeit der Terrorherrschaft der Nationalsozialisten zerstört worden waren. Gleichzeitig hatte er keine Berührungsängste, was Amerika betraf. / Peter Geiger, Mittelbayrische Zeitung
so weit du sie auch aufreißt – es sind nicht allein die Augen, mit denen du siehst
Hansjürgen Bulkowski
Heute um 22:15 Uhr bei arte: DIE GLÜCKLICHEN DES AMAZONAS (52 Min.)
Die Sprache der Pirahã kennt weder Wörter für Zahlen und Farben noch Vergangenheits- oder Zukunftsformen und selbst Gott nicht. Erst vor kurzem ist es dem Forscher Daniel Everett als erstem Fremden gelungen, die Sprache zu entschlüsseln. Diese Entdeckung stellt anerkannte linguistische Theorien über die menschliche Sprache infrage.
Pirahã ist eine extrem schwierige Sprache, die Everett lernen muss. Kein Außenstehender hatte das je geschafft. Es ist eine Sprache, die von einer ganz anderen Art zu denken zeugt. Zahlen zum Beispiel kennen Pirahá nicht. Sie zählen nur „einen“ oder „viele“ Haken, stellt Everett erstaunt fest. „Als ich veröffentlichte, dass Pirahá nicht zählen, beschimpfte man mich als Rassisten“, sagt er. „Man warf mir vor, ich halte sie für dumm. Aber sie sind überhaupt nicht dumm. Sie benötigen einfach keine Zahlen in ihrem Leben. Wenn ich in Berlin bin, brauche ich dort auch keinen Pfeil und Bogen.“
Ob sie acht oder zehn Fische erlegen, ist den Pirahá egal. Entscheidend ist, dass sie genug haben. Sie sind selbstbewusst. Sie leben ohne Zahl und Zeit. Denn Everett entdeckt bei seinem Sprachstudium: Die Pirahá kennen keine Form für Vergangenheit, keine für die Zukunft. Sie leben im Augenblick. Für unseren Seinsbegriff ist das unvorstellbar – keine Erinnerungen ans Gestern, kein Blick zurück im Zorn. „Sie wissen schon, was Vergangenheit ist, aber sie reden eben nicht darüber“, so Everett. „Vergangenes, Geschichte, hat keine Bedeutung mehr, ist unwichtig für ihr Selbstbild. Das Einzige, was zählt ist, im Heute zu leben.“
Zufriedenheit statt Ehrgeiz – das spiegelt ihre Grammatik wider, so Everett, der immer mehr zum Sprachforscher wird, aber als Missionar an seine Grenzen stößt. Denn die Pirahã glauben nur an das, was sie sehen. „Sie fragten mich, wie Jesus aussieht“, so Everett. „Ich sagte: ‚Ich habe ihn nie gesehen.‘ ‚Hat dein Vater ihn gesehen?‘ ‚Nein.‘ ‚Hat irgendein Freund ihn gesehen?‘ ‚Nein, niemand hat ihn gesehen. ‚Warum willst du dann, dass wir an ihn glauben?‘ Sie wollten Jesus nicht. Ich fühlte mich wie ein Narr.“
Gomringers zentrale ästhetische Technik ist die Überblendung von realen und fiktiven Menschenmonstern, etwa des „Todesarztes“ Josef Mengele und der Horrorfilmfigur Freddy Krueger. Dazu liefert der Band mit den Illustrationen von Reimar Limmer auch gespenstische Bebilderung, die in diesem Fall Mengele im blutbefleckten Kittel und Kruegers Eisenklaue über eine schlafende Schöne collagiert.
Nicht so schnell vergessen wird man auch Limmers Collage zu der so abwegigen wie ulkigen Phantasie des Prosagedichtes mit dem Titel „P“, der sowohl für „Psycho“ als auch für „Plath“ stehen könnte: Darin verwebt Gomringer die traurige Lebensgeschichte der amerikanischen Dichterin Sylvia Plath mit jener des Frauenmörders Norman Bates aus Hitchcocks Horrorfilm und lässt die beiden zusammen wohnen, bis Sylvia die Scheidung einreicht. Das endet wie folgt: „Sylvia weint und schreibt. Norman zieht in ein großes Haus am anderen Ende des Landes.“ / Jan Wiele, FAZ
Nora Gomringer: „Monster Poems“. Mit Illustrationen von Reimar Limmer. Verlag Voland & Quist, Leipzig 2013. 64 S., Abb., br. mit Audio-CD, 17,90,- €.
Der peruanische Dichter César Vallejo wurde 1892 in Santiago de Chuco als letzter von elf Kindern geboren. Er wandte sich gegen die katholische Orthodoxie, die seine Jugend beherrschte, und wurde Marxist und Antifaschist und aktiver Unterstützer der Revolution in Spanien. Ironie seines Todes im März 1938 — er lebte in Paris, ärmer als bettelarm mit seiner Frau in schäbigen Hotels — daß er an einem Karfreitag geschah, an dem auch noch Francos Armee in Madrid einmarschierte.
Seine Gedichte wurden in den 60er und 70er Jahren in den Vereinigten Staaten viel gelesen und imitiert dank der Übersetzungen von Robert Bly, James Wright und anderen. Diese Dichter verinnerlichten Vallejos kraftvollen Stil und brachten der amerikanischen Lyrik eine neue, eher südamerikanische als französische Spielart des Surrealismus. Das war eine Modeerscheinung, eröffnete aber auch neue Möglichkeiten für Erfindungsgeist und Einbildungskraft.
Für einen Dichter bietet der Surrealismus Befreiung von überkommenen literarischen Gewohnheiten und Konventionen. / David Biespiel, Poetry Foundation
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sagt wordpress. Gestern waren es noch 162, zuzüglich einer Neuanmeldung. Bis es mir gelingt, das Archiv der Lyrikzeitung vollständig aus meinem Computer ins WWW zu übertragen, mehr als 20.000 Nachrichten seit Ende 2000, werde ich vielleicht 90 % der Abonnenten verloren haben – aber dann wird jeder DAS ARCHIV DER LYRIK benutzen können, nicht nur wie bisher ich. Danach wird es wahrscheinlich wieder bergauf gehen. Immer muß man abwägen.
Noch einmal zur Erklärung: Seit August 2009 ist die Lyrikzeitung bei wordpress, wo jeder neue Artikel archiviert und an Abonnenten verschickt wird. Bis dahin gab es schon über 15.000 Nachrichten, die nur in meinem Computer archiviert waren, nachdem die ursprüngliche pom-lit-Adresse verlorenging. Wenn alte Nachrichten ins Archiv eingespeist werden, kann wordpress nicht erkennen, daß es sich nicht um aktuelle Nachrichten handelt und verschickt sie daher prompt an die Leser. Aber das ist ja ein alter Hut, daß nichts Neues unter der Sonne existiert.
Der portugiesische Dichter António Ramos Rosa starb am 23.9. in Lissabon im Alter von 88 Jahren. 1990 bekam er den Großen Lyrikpreis (Grand prix de poésie). In diesem Frühjahr erschien sein letzter Gedichtband. Als Übersetzer vermittelte er das Wort französischer Dichter, darunter René Char und Henri Michaux. Während der Salazardiktatur leistete er Widerstand und kam dafür ins Gefängnis. / Cécile Mazin, Actualitté
Diesem Nachruf übernehme ich ein Gedicht Portugiesisch und Französisch
Uma voz
Quero pertencer à abóbada escura como um amante inerme
e ser o alento do silêncio sobre os ombros das nuvens.
Quero aderir à sombra das palavras da folhagem
e compreender a terra na selvagem seda do desejo.
Une voix
Je veux appartenir à la voûte obscure comme un amant désarmé,
devenir le souffle du silence sur les épaules des nuages.
Je veux adhérer à l’ombre des paroles du feuillage
et comprendre la terre dans la soie farouche du désir.
(Animal Regard, Ed. Unes, 1988)
Weißensee. Ein einzigartiges Archiv hat unter dem Dach des Niles AW-Gebäudes seine Räume: das „Archiv Schreibender ArbeiterInnen“. Nach einer Odyssee durch Berlin hat diese Sammlung literarischer Raritäten in der Gehringstraße 39 hoffentlich eine dauerhafte Bleibe gefunden.
Was sich in diesem Archiv befindet, hat wahrlich Seltenheitswert. Dort finden sich Texte, die von Mitgliedern der Zirkel Schreibender Arbeiter in DDR-Betrieben und -Einrichtungen verfasst wurden. Es gibt Informationen und Bücher von zahlreichen DDR-Schriftstellern, die solche Zirkel leiteten. Des Weiteren liegen auch einige DDR-Brigadetagebücher in den Regalen.
Püttlingen. „Jetzt nageln Sie mich bloß nicht auf Mundart fest”, sagt Georg Fox mit halb ernstem Flehen. Aber genau dafür ist der Püttlinger Autor bekannt, für seine Mundart-Kolumnen, die er für die Saarbrücker Zeitung schreibt, für „Òòmends schbääd”, seine Sendung auf SR 3 Saarlandwelle. Die Bosener Gruppe hat er mitbegründet, die sich mit mosel- und rheinfränkischer Mundart befasst und zu der arrivierte Schriftsteller wie Johannes Kühn, Heinrich Kraus, Peter Eckert oder Hans Walter Lorang gehören.
„Mundart macht nicht mehr als 20 bis 25 Prozent von dem aus, was ich schreibe”, beteuert Fox. Das klingt fast wie Abwehr, doch: „Ich schreibe sie sehr gerne“, versichert er. „Mundart hat eine eigene Duftnote, sie ist eine emotionale Sprache und drückt Dinge aus, die sich so im Hochdeutschen nicht nachspüren lassen.“ (…)
(…) Zeit, auf die Preise zu sprechen zu kommen, die Fox, der auch bildender Künstler und im Brotberuf Schulleiter der Heusweiler Erich-Kästner-Grundschule ist, eingeheimst hat. Den jüngsten, den niedersächsischen Wolfgang-A.-Windecker-Preis 2013, hat er für seine hochdeutsche Lyrik bekommen. / Saarbrücker Zeitung
Nachträglich zum Geburtstag von Eliot eine Klangprobe von youtube: Eliot himself liest The Waste Land. Mit einer Liste von Anmerkungen zum Text, die dem einen oder der anderen nützlich sein könnte (unten die ersten davon). Vor allem: Eliot singing!
01:30 : „And the dead tree gives no shelter, the cricket no relief“ cf Ecclesiastes
01:40 „Only / There is shadow Under this red rock“ refers to Parzival: “ And this stone all men call the Graal […] / As children the Graal doth call them, / Neath its shadow they wax and grow“.
02:00 Tristan und Isolde, I, 5-8
02:40 Words that announce to Tristan that Isolde’s boat is nowhere to be seen.
03:00 „These are pearls that were his eyes“ quotation from The Tempest.
03:48 In the following passage, references to Baudelaire („Fourmillante cité, cité pleine de rêves / Où le spectre en plein jour raccroche le passant“) and to Dante’s Inferno („si lunga tratta / di gente, ch’io non avrei mai creduto / che morte tanta n’avesne disfatta“)
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