die aus dem Ruhezustand agierende Floppyredaktion läßt fragen:
gehörst Du zu den Einsenderinnen und Einsendern des heurigen Jahrbuchs der Lyrik, deren Gedichte nicht im Band vertreten sind(*)
Dann könnte dich Folgendes interessieren.
„Die Hauptsache ist, eine Geschichte zu erzählen.“ (Frank O’Hara) Und die Geschichte geht so.
Am 16. Juli kommentiert Heike Kunert, Literaturredakteurin der Zeit, in der Zeit (1) (Vorsicht: Remix!): „Das dreißigste Jahrbuch der Lyrik ist gewiss eine traurige Angelegenheit. Es ist kein guter Jahrgang: verhalten, trocken, unreif, artig – geistiges Brachland, magere lyrische Ernte. Viele Gedichte in diesem Buch berühren nicht, man verfällt in eine von Langeweile und Empörung angetriebene Schnappatmung. Für einen Einkaufszettel würde man mehr empfinden. Überdies fällt auf, dass sich so gut wie kein politisches, zumindest gesellschaftskritisches Gedicht im Jahrbuch findet.“
Am 18. Juli fragt die Lyrikzeitung (2) nach, „ob die Herausgeber vielleicht politische Gedichte herausgefiltert haben“.
Dazu schreibt Nora Gomringer, Mitherausgeberin des 30. Lyrikjahrbuches, (von Konstantin Ames kurzerhand zu Jahrbuch der Einfalt umtituliert) im Nachwort: „Und mancher wird in der Auswahl dieses Bandes natürlich Dinge vermissen, die die Herausgeber bei den Einsendungen nicht finden konnten.“
Wir sagen: „Da könnte sie sich irren!“, und bitten um Zusendung Deiner für das Jahrbuch eingereichten Texte an edk@pappelschnee.de. Wir wollen daraus eine Auswahl treffen und im Herbst in der neuen Publikationsreihe der EdK Berlin herausgeben. Es könnte ja immerhin sein, daß wir einige von den „Dingen“ finden, die andere „natürlich“ vermissen.
Herbstliche Grüße, & nur Mut!,
i. A. d. R. i. R.
Kai Pohl
(*) Es sind auch Texteinreichungen von Nichteinsenderinnen und -sendern erwünscht, von denen, die meinen: „Und wenn ich eingesandt hätte, wäre ich nicht vertreten.“
Nach Musik von Ernst Krenek, Hans Boll und unbekannten Meistern aus dem Schweriner Lautenbuch folgte eine Uraufführung von Alfred Huber: „Angekommen“, op. 28 für zwei Gitarren, Sprecher und Zuspielungen. Der Linzer hat die hochemotionale Musik, die er zu Kunze-Gedichten komponiert hat, dem Schriftsteller gewidmet. Mal unterstützt sie das Wort, mal erzählt sie eigene kleine Geschichten. Die höchst anspruchsvolle und spannende Komposition reagiert intensiv auf das Wort Reiner Kunzes und verlangt Gitarristin Yvonne Zehner viel ab./ Passauer Neue Presse
Heuer müsste die Schreibkünstlerin und Illustratorin von Büchern für Kinder und Erwachsene [Angelika Kaufmann] dann eigentlich genau 80 Punkte in ihren Haaren haben. Für jedes Lebensjahr einen. In der Galerie Splitter Art hat sie jedenfalls 80 Papierblüten duftig an die Wand gesteckt. Lauter behutsam zerknüllte Mayröcker-Gedichte. Den Wälzer „Gesammelte Gedichte“ hat sie irgendwo aufgeschlagen und, nein, nicht die Seiten herausgerissen und zu Klumpen zusammengedrückt. Sondern in der Reihenfolge des Umblätterns abgeschrieben. Auf spinnwebfeinem Japanpapier. Ohne die Verse vorher zu lesen. („Es ist spannend, Gedichte schreibend zu erleben.“)
Je länger das Gedicht, desto dichter die lyrisch aufgeladene Handschrift und desto dünkler das Bauscherl. (Manchmal wird die geballte Poesie auch ganz intim in einem Plexiwürfel verschlossen.) Ob das „gestische Origami“ ein zarter Hinweis auf die Vergänglichkeit ist? Auf den Papierkorb? Wobei: Grad im Zerknüllen erblüht das Papier doch erst. (Und wer ein Mayröcker-Gedicht lesen will, soll sich halt ein Buch kaufen.) / Wiener Zeitung
Galerie Splitter Art (Salvatorgasse 10) „poetry“, bis 14. August Mo. – Fr.: 11.30 – 13.30 Uhr und 15.30 – 17.30 Uhr
Eine Nachricht aus Irak, die ist zwar ein paar Wochen alt, aber immer noch, leider immer aktuell:
France 24 erzählte eine unwahrscheinlich klingende Geschichte von Irakern, die darangingen, in einem Minenfeld mit den Mitteln der Kunst gegen die in ihrem Land herrschende Gewalt aufzutreten und dem Tod zu trotzen. 28 Millionen Minen gibt es im ganzen Land verteilt. „Wir haben die Minen [für unsere Aktion] ausgewählt, da ein Viertel der Landminen der Welt auf irakischem Boden liegt. Das ist schrecklich! Aber die Gewalt wird bei uns banalisiert, man nimmt sie gar nicht mehr wahr“, erklärt die Dichtergruppe. „Für gewöhnlich schreiben die Dichter. Die irakischen Dichter schreiben viel über Anschläge und Tod. Aber uns reicht es nicht, zu reden. Wir glauben, um das Unsägliche sagen zu können, muß man vom Wort zur Tat schreiten. Wir müssen uns dem Tod aussetzen, statt nur darüber zu reden.“
Man kann Gedichte auch auf dem Minenfeld oder im Wrack ausgebombter Autos vortragen. „In Irak gibt es an jedem Stadtrand einen Autofriedhof mit den Überbleibseln der Bombenanschläge.“ Also veranstalteten sie eine Aktion auf einem dieser Autofriedhöfe. Oder eine Lesung von einem Krankenwagen aus, mit bandagierten Körpern, um die Auswirkungen der Anschläge zu simulieren. / ActuaLitté
Acht Jahre lang hat Dorothea Heiser Zeilen von Opfern und Überlebenden des Dachauer Konzentrationslagers gesammelt – Zeilen in zehn verschiedenen Sprachen, voller Trauer und Traumata. Seit Ende vergangenen Jahres ist ihre 1994 erschienene Sammlung von Gedichten ehemaliger Häftlinge des Konzentrationslagers Dachau auf Englisch erhältlich. (…)
„Die Gedichte sollen den Lesern bewusst machen, wie lebenslang prägend diese Erlebnisse waren. Diese Menschen konnten nie wieder diejenigen sein, die sie vorher waren“, sagt Heiser. Die ersten Zeilen Nevio Vitellis lassen das schmerzlich präsent werden: „Mama, I am not coming back, / God told me so. / Hell, / without a sense of soul, /I have seen it like this / as I touch my painful body / not even in words, / Mama, I can tell you / because I cannot repeat / the mark of terror.“
„La mia ombra a Dachau“ war das einzige Gedicht, das der junge Italiener in seinem Leben schrieb. Zwei Jahre später, mit 18 Jahren, starb er an den Folgen seiner Gefangenschaft. / Leonie Sanke, Süddeutsche Zeitung
In Berlin sagte Zappa: Revolution ist the wrong word, Evolution ist the right word. Daraufhin eroberten die Genossen einige Verstärker und auch Instrumente auf der Bühne. Fritze Rau beruhigte den Mob und verhinderte zugleich die Erstürmung des Moabiter Gefängnisses. Man wollte Fritze Teufel befreien. Als ich die Penisfrau an der Hand habe und sie zum Bierstand führe, ist der Fotograf Zint verschwunden. Es kann also kein fachmännisches Beweisfoto von ihr und mir durch ihn gemacht werden. / Peter Wawerzinek schreibt über das Bad Doberaner Festival Zappanale, Die Welt
Der nun aufgelegte Sammelband zum 80. Geburtstag würdigt neben weiteren bedeutsamen Werken (“Der Verleger“, 1989) vor allem das lyrische und bildnerische Werk des Autors. Balestrinis Gedichtmontagen aus Zeitungsschnipseln erinnern an die Formexperimente der italienischen Neoavantgarde. Manche seiner Gedichte wirken von heute aus gesehen aber ziemlich ideologisch. / Andreas Fanizadeh, taz 2.7.
Manchmal scheint es so, als sei die nationalsozialistische Judenverfolgung ein Phänomen der Großstadt gewesen.
Doch sie fand auch auf dem platten Land statt, eben in Giengen an der Brenz, wo sich Frida Langer am Karfreitag 1942 das Leben nahm, bevor sie mit dem zweiten Transport von württembergischen Juden deportiert werden sollte. Jetzt erinnert das von Helga Dombrowsky herausgegebene „Blaue Notizbuch“ mit Langers Gedichten und Texten an die Kunsthandwerkerin. / Brigitte Werneburg, taz 24.6.
Kurz gesagt: Callies legt mit ihrem Debut-Band eine Sammlung sprachlich-ästhetisch ansprechender, gehaltvoll durchgearbeiteter, bewusst schwieriger Gedichte vor, die mir (!) wegen ihrem mich (!) provozierend-verstörenden Gehalt nicht gefallen können, die ich (!) ungern an mich heran, ungern in mich (!) hinein lasse … aber gerade das macht sie (meine Widerstände reflektierend) auch besonders und empfehlenswert, verleiht ihnen Schärfe und persönliche Brisanz. / Matthias Rürup, Fixpoetry
Callies’ Sprache ist manchmal derart knapp und verschlüsselt, dass sie mich überfordern, wenn meine Interpretationen dort, wo alle gleich möglich sind, ins Beliebige driften. Doch die eigenen Grenzen lesend zu weiten, ist nicht die schlechteste Übung.
Callies’ Gedichte sind frei von pathetischem Gefühlsüberschwang oder triefender Innerlichkeit. Eher sind es nüchterne, beinah wissenschaftliche Betrachtungen unserer Körperlichkeit, Feldforschungen, die getränkt sind von Witz, Komik und schwarzem Humor, oft burlesk und frivol. Erfrischend! / Monika Vasik, Fixpoetry
Paul Wühr nannte ihn einen „Chagall der Poesie“. Heise hielt ihn für einen „Pfadfinder der Einbildungskraft“. Harig sprach vom „Wortmetz aus Serralongue“.
Am 1. Juli ist Dieter P. Meier-Lenz im Alter von 85 Jahren verstorben.
Die Beisetzung hat am 10. Juli in seiner Wahlheimat in den französischen Pyrenäen stattgefunden.
/ Andreas Noga
* Aus dem Gedicht „die stille“ im Gedichtband, „hirnvogel. ausgewählte Gedichte 1990 – 2014“, Pop Verlag, Ludwigsburg 2014
Ich muß noch einen Auszug posten, danke Achim Wagner für diesen Artikel:
Lyrik in ihrem Ausdruck als Straßenkunst ist in türkischen Städten unübersehbar geworden. Waren es für mehrere Monate insbesondere die Verse Cemal Süreyas, wie „Hayat kısa, / Kuşlar uçuyor“ („Das Leben ist kurz, / Die Vögel fliegen“), und Turgut Uyars, wie „İkimiz birden sevinebiliriz göğe bakalım“ („Wir beide können uns auf einmal freuen lass uns in den Himmel schauen“), die sich im öffentlichen Raum lesen ließen, führte das immer weitere Anwachsen der Bewegung dazu, dass man sich inzwischen beinahe die komplette jüngere türkische Lyrikgeschichte von der Straße aus erschließen kann (oder natürlich über ihre Spiegelung im Internet), von Tevfik Fikret über die Dichter der Garip-Bewegung, von Ahmed Arif, Nilgün Marmara, Özdemir Asaf, Can Yücel oder Attilâ İlhan bis zu bekannten Gegenwartsdichtern, wie etwa Gülten Akın, Haydar Ergülen, Birhan Keskin. Dabei gehört es zu den Verdiensten von #şiirsokakta, u. a. die Verse des 1973 mit 25 Jahren verstorbenen Ankaraner Dichters Arkadaş Z. Özger einem breiteren Publikum bekanntgemacht zu haben.
Zentren dieser Lyrik-Bewegung sind natürlich die drei größten Städte der Türkei: İstanbul, Ankara, İzmir, mit ihrem zugehörigen Aufkommen an Studenten (die Gelände der Universitäten sind häufig selbst auch zu begehbaren Lyrikanthologien geworden), aber sie ist bis in die Kleinstädte aktiv.
Arslans Slogan „Defteri kapat, şiir sokakta!“ in Zusammenhang mit der Verwendung eines Gedichtausschnitts meint konkret: „Schließ das Heft, das Gedicht ist auf der Straße!“ und wurde in den folgenden Wochen und Monaten als Aufruf verstanden und propagiert, die Straßen mit Gedichten (oder einzelnen Strophen beziehungsweise Versen) zu beschriften.
Die Präsenz von Lyrik während der türkischen Proteste im Sommer 2013 war von Beginn an auffällig. Gedichtlesungen waren Teil von Protestveranstaltungen, Gedichtzitate fanden sich immer wieder in den Reden auf Kundgebungen. Nâzım Hikmets berühmte Verse „Yaşamak bir ağaç gibi tek ve hür / ve bir orman gibi kardeşçesine / bu hasret bizim…“ („Leben wie ein Baum einzeln und frei / und brüderlich wie ein Wald, / das ist unsere Sehnsucht …“) war auf gedruckten und selbstbeschrifteten Plakaten und Bannern der Protestierenden im Gezi-Park zu sehen, dessen Bäume von der Abholzung bedroht waren; Hikmets Verse verbreiteten sich über die sozialen Medien, wurden u. a. großflächig auf die Ufermeile von Alsancak in İzmir gesprüht, und wiederum für Plakate und Banner im Ankaraner Widerstandspark, dem Kuğulu Park, verwendet.
Als Anfang Juni die ersten Demonstranten starben, waren es verschiedene Verse aus Hasan Hüseyins Korkmazgils bekanntem Gedicht Haziranda ölmek zor („Es ist schwer im Juni zu sterben“), ursprünglich auf Orhan Kemal und Nâzım Hikmet verfasst, die sich als Ausdruck der Trauer in den sozialen Medien und im öffentlichen Raum wiederfanden. Zu einem späteren Zeitpunkt wurden per Hand zwei Vierzeiler von Ataol Behramoğlu auf ein großes Transparent geschrieben und im Gezi-Park an einer Stange über der temporären Mahnstelle für die Toten der Proteste aufgehängt.
Einen großen Bekanntheitsgrad sollte ein Foto erlangen, das eine junge Demonstrantin mit einem selbstgemachten Plakat zeigt, auf dem zu lesen war: „Turgut Uyar’ın dizeleriyiz!“ („Wir sind die Verse Turgut Uyars“). Der Spruch ist eine ironisierte Abwandlung des bekannten Slogans der Kemalisten, der Anhänger des Gründers der Türkischen Republik, Mustafa Kemal Atatürk: „Mustafa Kemal’in askerleriyiz!“ („Wir sind die Soldaten Mustafa Kemals“), in Anspielung auf den türkischen Unabhängigkeitskrieg. / Achim Wagner, aus: Das Gedicht ist auf der Straße. Über die Bewegung #şiirsokakta in der Türkei. Fikrun wa Fann
The fact that W. G. Sebald, who has come to be recognized as one of the most important prose writers of contemporary Europe, was also a prolific and accomplished writer of lyric poetry remains something of a well-kept secret. Sebald wrote poetry throughout most of his life, from the early 1960s until his death in 2001, publishing it chiefly in literary magazines and anthologies. His first major literary work was the extensive epic poem Nach der Natur, which was published in 1988. Toward the turn of the millennium, after his international reputàtion had been established by Die Ausgewanderten and Die Ringe des Saturn, he seems to have devoted more and more attention to his poetry. When he passed away, he had just published a collection of brief English-language lyric poems entitled For Years Now, and was also working on a closely related German lyric cycle, which was published in 2003 under the title Unerzählt. In 2008, finally, all of his published poems (apart from those included in the aforementioned volumes) along with a selection of hitherto unpublished poems, were collected and printed posthumously under the title Über das Land und das Wasser, which recently appeared in English translation. / Axel Englund,The German Quarterly
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