Christine Busta
(* 23. April 1915 in Wien; † 3. Dezember 1987 ebenda)
Cordelia
Ich weiß nicht, ob es gut war, daß ich schwieg:
wen Ekel stumm macht, wer’s verschmäht hat, sich zu wehren,
ist schuldig, wenn sie Schritt für Schritt das Recht verkehren;
er weckt Gewalt, am Ende brüllt der Krieg.
Ich hätte bleiben müssen: betteln gehn,
um Wahrheit wider Trug Verblendeten zu weisen.
Ich ließ sie rollen in den abgrundsichern Gleisen;
jetzt ist’s zu spät, das Rad zurückzudrehn.
Ich stürze mit: ein Ende ohne Ruhm,
nur hell von Einsicht und nicht ganz bedeckt von Schande.
Mit meinem Untergang bezeuge ich dem Lande
des alten Rechtes neues Heiligtum.
Aus: Deutsche Lyrik. Gedichte seit 1945. Hrsg. Horst Bingel. München: dtv, 1963, S. 66
Ricarda Huch
(* 18. Juli 1864 in Braunschweig; † 17. November 1947 in Schönberg im Taunus)
Wo hast du all die Schönheit hergenommen,
Du Liebesangesicht, du Wohlgestalt!
Um dich ist alle Welt zu kurz gekommen.
Weil du die Jugend hast, wird alles alt,
Weil du das Leben hast, muß alles sterben,
Weil du die Kraft hast, ist die Welt kein Hort,
Weil du vollkommen bist, ist sie ein Scherben,
Weil du der Himmel bist, gibt’s keinen dort!
„Ein dem Alkaios, vielleicht auch der Sappho zugeschriebenes Fragment“, Übersetzung H. Fränkel:
… Vögeln vom See zu dieser Stadt …
… von Gipfeln her, von denen wohlriechende …
… neben blaugrüner Weinrebe grünes Ried …
… frühlingshaft …
… weithin sichtbar …
zit. bei Walther Killy: Elemente der Lyrik. München: dtv, 1983, S. 198 (zuerst C.H. Beck 1972)
Abraham Sutzkever
(hebräisch אברהם סוצקבר , jiddisch אַבֿרהם סוצקעווער; auch Avrom oder Avrohom Sutzkever oder Sutzkewer; * 15. Juli 1913 in Smorgon, heute Smarhoń, Weißrussland; † 19. Januar 2010 in Tel Aviv)
JIDDISCH
Soll ich beginnen von Anbeginn?
Soll ich, der ich kein Abraham bin,
aus Bruderschaft zerhacken alle Götzen?
Laß ich mich, einen Lebenden, übersetzen?
Sollen wir einpflanzen unsere Zungen
und warten, bis sie sich verwandeln
nach Urväterart
in Rosinen und Mandeln?
In was für mißlungnen
Witzen
predigt mein Dichterbruder mit dem Backenbart,
daß meine Muttersprache bald untergeh?
Wir werden ersichtlich in hundert Jahren noch sitzen
und am Jordan darüber verhandeln.
Denn eine Frage nagt und bohrt:
Ob er weiß, genau wo
Berditschewers Gebet,
Jehoaschs Lied
und Kulbaks Wort
dem Untergang entgegenzieht?
Und da wäre noch das Problem,
wohin denn die Sprache untergeht,
vielleicht zur Klagemauer in Jerusalem?
1948
Aus: Abraham Sutzkever: Gesänge vom Meer des Todes. Ausgewählt und aus dem Jiddischen übertragen von Hubert Witt. Zürich: Ammann Verlag, 2009, S. 117
HERTHA KRÄFTNER
(* 26. April 1928 in Wien; † 13. November 1951 ebenda)
Die grausamen Morgen
Die Morgen sind wie Schwertstreiche
durch die schwarzen und grünen
Pflanzen der Nacht.
Wenn ihre vollen Schäfte
rauschend niederbrechen,
verrinnen die süßen Düfte
und die bitteren Säfte,
und ihre Blüten sind Träume
und fallen von uns,
wenn wir uns über die Waschschüssel beugen,
und ertrinken im kalten Wasser.
JOHN CLARE
(* 13. Juli 1793 in Helpston, Northamptonshire; † 19. Mai 1864)
I am—yet what I am none cares or knows; My friends forsake me like a memory lost: I am the self-consumer of my woes— They rise and vanish in oblivious host, Like shadows in love’s frenzied stifled throes And yet I am, and live—like vapours tossed Into the nothingness of scorn and noise, Into the living sea of waking dreams, Where there is neither sense of life or joys, But the vast shipwreck of my life’s esteems; Even the dearest that I loved the best Are strange—nay, rather, stranger than the rest. I long for scenes where man hath never trod A place where woman never smiled or wept There to abide with my Creator, God, And sleep as I in childhood sweetly slept, Untroubling and untroubled where I lie The grass below—above the vaulted sky.
ICH BIN - DOCH WAS, weiß niemand, kümmert keinen. Die Freunde lassen mich, wie man Erinnertes verliert. Ich bin der Selbstverzehrer meiner Leiden. Sie heben sich und gehn, wohin Vergessen führt — Wie Schatten in der Liebe Fieberkreisen. Und doch: ich bin und leb — wie Dunst versprüht Ins bare Nichts von Holm und lautem Wind, In die bewegte See von Wachtraumwogen, Wo weder Lebensgrund noch Freuden sind, Nur Schiffbruch meines Lebens, seines Werts betrogen. Den Liebsten selbst, die mir am innigsten gefallen, Bin fremd ich — ja, viel fremder noch als allen. Wo ist der Ort, den noch kein Mann betreten, Wo keine Frau geweint, gelächelt hat? Dort sehn ich mich, mit meinem Gott zu leben Und süß zu schlafen meinen Kindheitsschlaf, Nicht störend und selbst ungestört zu liegen, Mich zwischen Gras und Himmelsgrund zu schmiegen.
Deutsch von Georg von der Vring
In: Englische Dichtung. Von Dryden bis Tennyson (Englische und amerikanische Dichtung II). Hrsg. Werner von Koppenfels u. Manfred Pfister. München: C.H. Beck, 2000, S. 361/363
„Die Baroness – eine Sprengkraft der frühen Avantgarde“
Yoko Ono
„Kunst ist Religion, daher bin ich eine Priesterin.“
Elsa von Freytag-Loringhoven
Elsa von Freytag-Loringhoven, geb. Elsa Hildegard Plötz (* 12. Juli 1874 in Swinemünde; † 15. Dezember 1927 in Paris)
Hier ein Gedicht aus dem vordadaistischen Frühwerk.
Wetterleuchte
Lass mich deine Lippen trinken –
Lass mich schlucken deinen Atem –
Deiner Wind bepulsten Haut
Atem Zucken lass mich schmecken!
Jede deiner schwarzen Haare
Strähne – stürzt in Liebes Starre –
Dein Gesicht blitzt – donnerfahl
Eine trunkne Blum
ca. 1911
Aus: Mein Mund ist lüstern. I got lusting palate. Dada-Verse von Elsa von Freytag-Loringhoven. Herausgegeben, übersetzt und kommentiert von Irene Gammel. Berlin: edition ebersbach, 2005, S. 47
Lang Leav
Shelter My father was a house, my mother was a home.
(Lang Leav: Sea of Strangers, Simon + Schuster Inc., 2018, Pg 19. ISBN-10: 1449489893, ISBN-13: 978-1449489892)
Noch ein Zitat:
I don’t think you need to be in love to write. But you had to have been once
(Pg 79)
From: Bangladesh Post 9.7.2018
Lang Leav ist eine Autorin aus Thailand
Walter Hasenclever
(* 8. Juli 1890 in Aachen; † 21. Juni 1940 in Les Milles bei Aix-en-Provence)
Sterbender Unteroffizier im galizischen Lazarett.
Kleine Schwester Irene,
Bei den Cholerakranken;
Lila Blumen sanken
Auf Abendkähne.
Särge wachsen. Sturm.
Antreten. Trommel. Tod.
Offizier an Grabes Turm
Schnarrt Ehre, Gebot.
Weißer hinter Hügeln
Lemberg, Freude scheint.
Automobile flügeln.
Baracken blutbeweint.
Ärzte ohne Narkose,
Beine ab, zerstampft.
Kleine Schwester, Rose,
Sei den Toten sanft!
Katerina Chandrinou
(Geb. 1979, lebt in Athen)
Puritanismus
Irgendwo im Zentrum meines Bettes ist ein schwarzes Loch,
das führt ins Mittelalter.
Fällst du hinein, triffst du greise Rechtsgelehrte mit schwarzen Talaren,
die Nacht und Tag arbeiten in hohen Büchersälen.
Neben einer Kerze bemühen sie sich,
aufgehobene Regelwerke und Verordnungen wieder in Kraft zu setzen,
die Jahrhunderte lang der Welt das Lächeln raubten.
Aus: Wo man spazieren gehen kann und es keine Orangenbäume gibt. Neue Lyrik aus Griechenland. Ausgewählt u. übersetzt von Jorgos Kartakis und Dirk Uwe Hansen. Leipzig: Reinecke & Voß, S. 29
Clementina Arderiu
(* 6. Juli 1889 in Barcelona; † 17. Februar 1976 ebenda)
EL MEU CANT
De no cantar
jo m’entristia:
per mi és el cant
tal com el pa
de cada dia.
És un parany,
una ferida.
Cada cançó
s’emporta un tany
de ma florida.
Però què hi fa,
quin mal hi hauria?
Jo, del meu cant,
en vull ornar
tota ma via.
Mein Gesang
Wenn ich nicht sang
wurde ich traurig:
Mir ist Gesang
so wie das Brot
an jedem Tage.
’ne Falle ists,
und eine Wunde.
Denn jedes Lied
nimmt einen Trieb
aus meinem Blühen.
Doch was macht’s aus,
was ist dran Schlimmes?
Aus meinem Sang
will schmücken ich
den ganzen Weg mein.
[Übertragung: à.s.]
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