Kampf der Kulturen

Die Berliner Zeitung spricht mit dem libanesischen Dichter Abbas Beydoun:
AB: Die arabische Kultur ist von einem tiefem Zweifel und Selbsthass befallen. Ihrer eigenen Ansicht nach ist sie unreif, unvollständig und nicht ursprünglich. Außerdem gerät sie oft in einen Widerspruch zwischen ihrem westlichen Fundament und ihren antiwestlichen ideologischen Zielen.

BZ: Der Widerspruch liegt also in der arabischen Kultur selbst?

AB: Tatsächlich findet der Kampf der Kulturen innerhalb der arabischen Kultur selbst statt. Wir befinden uns in einem Zustand der Schwebe, wir treten auf der Stelle. Wichtig wäre jedoch, dass wir uns selbst akzeptieren, dass wir unsere Schmach – wenn man die Kapitulation vor dem Westen als solche bezeichnen kann – so annehmen, dass 150 Jahre genügen, um Geschichte zu konstituieren. Wir können nicht so tun, als ob die Geschichte nicht stattgefunden hätte und von vorne anfangen. /BZ 26.11.02

Abbas Beydoun liest heute (26.11.02) um 19 Uhr zusammen mit Michael Kleeberg, moderiert von Navid Kermani, im Haus der Kulturen der Welt.

Natürlich die Schweizer!

Die Literatur haben die Schweizer zwar nicht erfunden, doch gewinnt man beim Lesen den Eindruck, viele Autorinnen und Autoren hierzulande seien daran, ihre Stimme zu (er)finden.

Schreiben die Schweizer. Und das Buch dazu heißt: Natürlich die Schweizer! / St. Galler Tagblatt 25.11.02 (wo es auch einen Beitrag über Florian Vetsch gibt).

Reto Sorg; Yeboaa Ofosu (Hrsg.): Natürlich die Schweizer! Aufbau Verlag, Berlin 2002, Fr. 14.20

Hauptstadt der Poesie

Gibt es irgendwo auf dieser Welt eine zweite Dichterin wie diese? Eine, deren jedes in der Presse erschienene Gedicht zum Ereignis und jeder Gedichtband zum Fest für die Liebhaber der Poesie wird? Eine, die allen Moden widersteht und stets sie selbst bleibt?“ Diese euphorischen Fragen, mit denen einst der polnische Poet Stanislaw Baranczak seine ältere Kollegin und Nobelpreisträgerin von 1996, Wislawa Szymborska, feierte, dürfen sich die Bewunderer ihrer Dichtkunst seit ein paar Wochen wieder stellen: Neun Jahre lang mußten sie auf einen neuen Gedichtband der Krakauer Lyrikerin warten. Nun ist er endlich da, trägt den Titel „Augenblick“, besteht aus nur dreiundzwanzig Gedichten und löst bei der polnischen Literaturszene neue Begeisterungsstürme aus. Es sei, jubeln die Kritiker, immer noch die gleiche, unverkennbare Dichterhandschrift, zu der Knappheit der Form und Präzision des Ausdrucks, Abstraktion und Konkretheit, Nachdenklichkeit und intellektueller Scharfsinn gehören. / Marta Kijowska, FAZ 25.11.02

Apti Bisultanov

Die SZ interviewt den tschetschenischen Dichter und Widerstandskämpfer Apti Bisultanow:

SZ: Sie sind Dichter, wobei Sie stets auf tschetschenisch und nie auf russisch geschrieben haben, waren Politiker, haben bei den Widerstandskämpfern gelebt – viele Leben für einen Mann.

Bisultanow: Ich kann eines nicht vom anderen trennen. Zu Sowjetzeiten wurde über mich als Herausgeber und Autor Berufsverbot verhängt, die Perestroika hat mich gerettet. Aber so hoch ich die Kunst schätze – wenn über eine Gesellschaft die Katastrophe hereinbricht, kann ein Künstler nicht abseits stehen. Ich habe den Widerstand immer unterstützt. In einer Welt, in der alles verloren ist, gibt es Menschen, die bereit sind, für die Gerechtigkeit zu kämpfen, in irgendeinem Lager, mit der Waffe in den Hand. / SZ 25.11.02

Sieben Himmel

Wie anders geht da Michael Donhauser, nun durch Rheinhessen. Er geht, wie er schreibt, durch eine Textlandschaft; und wir lesen mit ihm eine glücklich mit der Geliebten durchlebte Ortlosigkeit. Donhauser erwandert sich, was es gibt, enthält sich, anders als es beispielsweise Handke in früheren Texten getan hat, weiterreichender Folgerungen. Ihm ist die Landschaft, wie er schreibt, „in Zeilen angelegt“. Wer hier einen Himmel finden will, muss lesen können, in der wunderbar matt-melancholischen, in der verführerischen Sprache Michael Donhausers.

Norbert Hummelts Melodien über den Hunsrück stammen ebenfalls aus der Jugendzeit. Sie transponieren die Stimmen von stummen Wesen, von Forellen und gar von Apfelsaft in Verse und in Prosastücke. Eichendorff ist bisweilen sein Begleiter, dessen Verse, schreibt Hummelt über diese glückliche Allianz, haben ihn noch nie betrogen. Ähnlich dem Vorsatz bei Michael Donhauser ist alles aufgrund seiner Zeichenhaftigkeit gegenwärtig, kann alles Schrift sein. Die Natur von Hummelts Autorschaft kennt Rhythmen, Schwingungen und Laute. In dieser Resonanz treten wir in einen Kindheitsgarten, in dem die Allmacht großer Nähe herrscht, Nähe zu den Fliegen und den Steinen, zu Blicken, Schreien und Erinnerungen, um die es heute auch hier geht: „ich weiß nicht ob ich jung bin oder alt“, unter diesem Himmel, der das ganze kleine Buch zu tragen imstande ist, in diesen Gedichten herrscht die Macht der Gleichzeitigkeit, die alles sieht, durchaus mit einem Zittern, und nichts vergisst. / Guido Graf, FR 23.11.

Gregor Laschen (Hrsg.): An die sieben Himmel. Lyriker und Erzähler besuchen sieben Landschaften. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2002, 93 Seiten, 14,90

Sieben Himmel

Wie anders geht da Michael Donhauser, nun durch Rheinhessen. Er geht, wie er schreibt, durch eine Textlandschaft; und wir lesen mit ihm eine glücklich mit der Geliebten durchlebte Ortlosigkeit. Donhauser erwandert sich, was es gibt, enthält sich, anders als es beispielsweise Handke in früheren Texten getan hat, weiterreichender Folgerungen. Ihm ist die Landschaft, wie er schreibt, „in Zeilen angelegt“. Wer hier einen Himmel finden will, muss lesen können, in der wunderbar matt-melancholischen, in der verführerischen Sprache Michael Donhausers.

Norbert Hummelts Melodien über den Hunsrück stammen ebenfalls aus der Jugendzeit. Sie transponieren die Stimmen von stummen Wesen, von Forellen und gar von Apfelsaft in Verse und in Prosastücke. Eichendorff ist bisweilen sein Begleiter, dessen Verse, schreibt Hummelt über diese glückliche Allianz, haben ihn noch nie betrogen. Ähnlich dem Vorsatz bei Michael Donhauser ist alles aufgrund seiner Zeichenhaftigkeit gegenwärtig, kann alles Schrift sein. Die Natur von Hummelts Autorschaft kennt Rhythmen, Schwingungen und Laute. In dieser Resonanz treten wir in einen Kindheitsgarten, in dem die Allmacht großer Nähe herrscht, Nähe zu den Fliegen und den Steinen, zu Blicken, Schreien und Erinnerungen, um die es heute auch hier geht: „ich weiß nicht ob ich jung bin oder alt“, unter diesem Himmel, der das ganze kleine Buch zu tragen imstande ist, in diesen Gedichten herrscht die Macht der Gleichzeitigkeit, die alles sieht, durchaus mit einem Zittern, und nichts vergisst. / Guido Graf, FR 23.11.02

Gregor Laschen (Hrsg.): An die sieben Himmel. Lyriker und Erzähler besuchen sieben Landschaften. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2002, 93 Seiten, 14,90

Im Glück und anderswo

Für die NZZ (23.11.02) bespricht Hans Christian Kosler:

Robert Gernhardt: Im Glück und anderswo. Gedichte. S.-Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2002. 285 S., Fr. 33.60

Ein grosser Dichter?

Ein globaler auf jeden Fall. Alles wollte Ginsberg mit allem verknuepfen in seinen uferlos sich verstroemenden Gedichten, alle Kulturen, Zeiten… Ezra Pound mit der Beat-Lyrik, juedische Tradition mit der Weisheit des Buddhismus. So schrieb er um die Welt. Und so nehmen die Autoren dieses Bandes (Amerikaner, Europaeer, eine Japanerin) in ihren Texten Abschied von ihm wie von einem Mitreisenden, der zurueckblieb, am 5. April 1997 in Manhattan – um in neue Welten aufzubrechen. / Benedikt Erenz, Zeit-Newsletter 23.11.02

Texte zum Tod von Allen Ginsberg, hrsg. von Florian Vetsch
Der Sanitaeter 9/02; Verlag Peter Engstler, Ostheim 2002
ISBN 3-929375-31-1; 108 S., Abb., 9 Euro

Gedichte zum Sonntag

Rolf Schneider stellt in seiner Berliner Anthologie vor: Richard Pietraß: Grenzfriedhof (Schneiders Kommentar über die „Sächsische Dichterschule“ ist – anders als das Gedicht – mit Vorsicht zu genießen!)./ Berliner Morgenpost 23.11.02 – In der NZZ gibts Mallarmés „Die Heilige“. – Und in der FAZ Karl Valentin: Die Lorelei.

Autoren aus Bremen

Der Bremer Donat Verlag und der Autor und Kaufmann Volkert Koch planen ein ehrgeiziges literarisches Projekt. Volkert Koch möchte als Herausgeber dieses Buches darin Beiträge von Nachwuchsautoren und von bereits anerkannten Schriftstellern und Lyrikern aus dem Land Bremen und dem niedersächsischen Umland vereinen. Sein Ziel: Jedem literarisch Interessierten, aber auch der „kreativ schreibenden Szene“ soll mit diesem Buch die Vielfalt in qualitativer und quantitativer Hinsicht vor Augen geführt werden. Erwünscht sind bis zum 31. Dezember kurze Texte in deutscher, plattdeutscher oder englischer Sprache, die ein bis fünf Buchseiten lang sein sollten. Die Auswahl unter den anonymisierten Einsendungen trifft eine siebenköpfige ehrenamtlich tätige Jury von Autoren und Lektoren. Nähere Informationen erhalten interessierte Autoren bei V.J.P. Koch, Postfach 11 02 68, 28082 Bremen

/ 21.11.02

Erich-Fried-Preis für Oskar Pastior

Der Lyriker Oskar Pastior erhält in diesem Jahr den Erich-Fried-Preis. Der in Rumänien geborene und in Berlin lebende Dichter wird den mit 14.500 Euro dotierten Preis am Sonntag (24. November) in Wien vom österreichischen Kunst-Staatssekretär Franz Morak entgegen nehmen, bestätigte das Literaturhaus Wien. Die Laudatio hält Kulturstaatsministerin Christina Weiss (parteilos), die noch vor ihrem Amtsantritt zur Jurorin bestellt worden war.

«Ich möchte denjenigen ehren, dessen Worte mir die deutsche Sprache neu entdeckt haben», begründet Weiss ihre Wahl für Pastior. Den Lyriker, der am 20. Oktober 75 Jahre alt geworden ist, bezeichnet sie als «einen der jüngsten Dichter deutscher Sprache», wenn man bedenke, «dass er quellengleich Sprache immer wieder neu erfindet». Er locke seine Leser in Sprachlandschaften, die mit zauberischen Kräften fantasievolle Welten im Kopf entstehen ließen. / Frankfurter Neue Presse 21.11.02

Paulin

Nun darf er doch lesen. Wie die NYT berichtet, hat Harvard den irischen Dichter Tom Paulin erneut eingeladen.

„The purpose of a university is to see a variety of points of view,“ said Patrick Cavanagh, a psychology professor who signed a petition calling for Harvard to divest from companies doing business in Israel. „Here’s a man who’s a wonderful poet, and if his politics are more controversial, that’s really beside the point.“ / NYT *) 21.11.02

Brasch

Eine poetische Kostbarkeit bietet der MDR in einem Hinweis auf Thomas Brasch mit dem Satz:

Ein Filetstück von Braschs Werk blieb die Lyrik.

Kann man es schöner sagen? – Trotzdem hinklicken: da gibts einen Audiobeitrag, auch mit Braschs Stimme. / 21.11.02

Undine Grünbein

Im Freitag (48/02) fragt Birgit Dahlke nach dem Zusammenhang von Kanonbildung (von Reich-Ranicki bis „Das Gedicht“) und männlichen Sichtweisen:

Nehmen wir den öffentlichen Umgang mit Urteilen von Sigrid Löffler oder Iris Radisch. Halten wir die Wertschätzung, mit der fast jeder neue Text von Durs Grünbein (auch ein gänzlich durchschnittlicher wie das Tagebuch Das erste Jahr) rechnen kann, dagegen. Könnte eine Undine Grünbein in gleichem Maße darauf setzen?

/ 21.11.02

Poetry magazine to receive $100 Million

Ruth Lilly *), last surviving great-grandchild of the founder of Eli Lilly and Co., will ensure**) the magazine’s future. (From The Chicago Tribune .)
More . (From the Chicago Sun-Times .)
And . (From AP .)

**) und zwar, weil sie Gedichte an die Zeitschrift schickte, die für gut aber nicht gut genug für solch würdiges Magazin befunden wurden, was ihr in einem handschriftlichen Absagebrief mitgeteilt wurde.

Perhaps it was Parisi’s handwritten rejection note. Or similar rejection notes he’d send over the years to the same woman, whom he has to this day never met or even spoken with. But, along the way, Mrs. Van Riper grew to have affection for the publication, the kind that may change the state of poetry in America. / Chicago Tribune 17.11.02 Siehe auch NZZ 21.11.02

NYT*) November 21, 2002:

Poetry Hits the Jackpot
By MARTIN ARNOLD (NYT)
Poets reacted to the news that an 87-year-old heir to the Eli Lilly pharmaceutical fortune had given what could be as much as $100 million to Poetry magazine.

POETRY Magazine celebrates its 90th year of uninterrupted monthly publication with a special double issue featuring new poems by 77 of its most loved contributors. From Ashbery, Bly, and Collins to Kizer, Kumin, and Oliver to Wojahn, Wright, and Wrigley, the 90th Anniversary issue is an up-to-date anthology of what’s best in contemporary verse. To order this important issue and learn more about the magazine that T. S. Eliot called „an American Institution“ visit http://www.poetrymagazine.org