Und zwar von Rammstein:
Ordentliche Gedichte sind das schon, trauriges Zeug zum größten Teil. Es geht um Tod und Krankheit, Eiterfluss, Gedärm und „gieriges Geschlecht“. Vom barocken Weltende zu den expressionistischen Wasserleichen, von blutroten romantischen Abendstimmungen bis hin zu den sterbenden Tänzerinnen des Fin de Siècle hat Till Lindemann alles mitgenommen, was nach Verfall und Untergang riecht. Hier und da berührt der persönliche Ton, und manches ist wohl einfach nicht ernst gemeint: „ein kleines Boot im Flammenmeer / kein Land in Sicht nicht Feuerwehr“.
Reim dich oder ich peitsch dich: Natürlich denkt man an die Texte von Rammstein, schmutzig, pathetisch und mit dem Hammer gemacht. Bück dich, Metrum! /taz 20.11.02
Till Lindemann: „Messer“. Eichborn, Frankfurt a. M. 2002. 142 S., 29,90 €
Seamus Heaney still remembers that day in 1968 when the shy 16-year-old stood before him, a small, cherubic boy from a modest family, with a wash of wild, curly hair framing his face. The boy, Paul Muldoon, had just been introduced to Mr. Heaney, the poet, by his high school English teacher at a reading in Armagh in Northern Ireland. Mr. Muldoon asked if he could send Mr. Heaney his poems. He said yes, and in the mail they came.
There was one about a lamb: „You were first./The ewe licked clean ochre and lake/But you would not move./Weighted with stones yet/Dead your dead head floats./Better dead than sheep.“
„Perhaps you can tell me where I went wrong?“ the boy asked in a note.
Mr. Heaney wrote back. „I don’t think I can help you,“ he remembered saying recently. „You’ll find out everything you need to know.“
„The genius was there already,“ Mr. Heaney said. / NYT *) 19.11.02
Ossip Mandelstam dachte sich, ausserhalb des Chors der Jubelnden stehend, die Stadt als Ort einsamen Sterbens, als «unfruchtbar und düster». Aber eben: Er war nie in Venedig! Im Jahr 1920, in der Krimstadt Feodossija, während des russischen Bürgerkriegs zwischen zaristischen «Weissen» und bolschewistischen «Roten», inmitten von Hunger und Erschiessungen, versucht er in den Weinbergen als Tagelöhner zu überleben. Die Bestialisierung des Bürgerkriegs in Südrussland hatte er mit eigenen Augen gesehen. Eines Abends rezitiert er einem verblüfften Zeitgenossen die sieben prachtvollen Strophen seiner Vision vom Sterben des Menschen – in der Lagunenstadt (deutsch im Band «Tristia»):
Feine Luft der Haut. Die blauen Adern.
Weisser Schnee. Grüner Brokat.
Alle legt man auf Zypressen-Bahren,
Löst sie schläfrig-warm von Hüllen ab.
Und es brennen, brennen in den Körben Kerzen,
Als flög die Taube in die Arche heim,
In Theatern und auf leeren, öden Plätzen
Stirbt der Mensch, stirbt er allein.
Doch Venedig war für diesen Dichter auch eine Maske für das sterbende Petersburg, das von jeher als das «Venedig des Nordens» bezeichnet wurde. Mandelstams Imagination erkannte das erotische Fluidum der Stadt und ihres Karnevals. Am Schluss eines der schönen Schauspielerin Olga Arbenina gewidmeten Gedichts vom Dezember desselben Jahres 1920 heisst es: «An dir reizt alles, alles singt / Wie italienische Rouladen. / Dein kleiner Kirschenmund will flink / Jetzt herbe Trauben haben. // Versuch auch nicht, zu klug zu sein, / Du bist die Laune, bist nicht ewig, / Der Schatten von dem Hütchen – ein / Maskenbild wie in Venedig.» / Ralph Dutli schreibt in der NZZ vom 16.11.02 über Russen in Venedig von Puschkin bis Brodsky.
In seinem ersten Drama wie in seinem ersten grossen Poem hat Wladimir Majakowski die futuristischen Postulate, die damals in zahlreichen Programmschriften mit revolutionärem Furor vorgetragen wurden, produktiv umgesetzt. Traditionsbruch, Innovationswille und Prioritätsanspruch waren auch für ihn die Voraussetzungen einer Dichtkunst, bei der es mehr auf das Sagen der Sprache als auf die Aussage des Autors ankam, die das «Wort als solches» – das Wort als Klangereignis oder als bildhaftes Skriptum – dem Wort als Bedeutungsträger vorzog, die den kühnen Reim ebenso wie die kühne Metapher kultivierte und die im Übrigen mit Gott und dem Zaren, mit Spiessern und Akademikern gleichermassen erbarmungslos ins Gericht ging. «Ich flehte, / fluchte, / das Messer zückte, / verbiss mich in Schenkel, / schrie permanent . . . / Vibriert meine Stimme / – ein rohes, tristes / Geläster – fortwährend / durch alle Säle, / schnuppert womöglich Herr Jesus Christus / am Vergissmeinnicht meiner Seele.» Scharfe Satire und larmoyantes Pathos, Witz und Zärtlichkeit, Dissonanz und Melos verbinden sich bei Majakowski zu einem unverwechselbaren lyrischen Parlando, dem kein Register zwischen Gassenhauer, Gebet und arationaler Wortakrobatik fremd ist. / Felix Philipp Ingold lobt und kritisiert Nitzbergs neue Nachdichtung zweier früher Werke Majakowskis. (Der Titel „Wolkchen in Hosen“ dient offensichtlich eher dem Originalitätsanspruch des Übersetzers als dem Werk Majakowskis! Ingold: „Wo der Übersetzer zu viel für sich selbst will, kommt in der Regel der Autor zu kurz.“) NZZ 16.11.02
Wladimir Majakowski: Tragödie Wladimir Majakowski / Wölkchen in Hosen. Russisch/Deutsch. Übertragen von Alexander Nitzberg. Urs Engeler Editor, Weil am Rhein 2002. 140 S., Fr. 25.-.
(Vgl. auch FAZ 11.11.02)
Pindars „Siegeslieder“ in einer neuen Auswahl (Deutsch von Uvo Hölscher) bespricht die NZZ am 16.11.02:
„Siegeslieder. Griechisch-Deutsch
C. H. Beck Verlag, München 2002, ISBN 3406496385
Gebunden, 150 Seiten, 26,90 EUR
Die Gedichte der Kaiserin dürfen daher als die einzige authentische Äußerung gelten, die die Nachwelt von ihr vernimmt. Die Poesien wurden erst vor anderthalb Jahrzehnten von Brigitte Hamann publiziert (Kaiserin Elisabeth: Das poetische Tagebuch, herausgegeben von Brigitte Hamann, Verlag der österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1984). Es war der Wille Elisabeths, dass ihr Poetisches Tagebuch frühestens im Jahr 1950 veröffentlicht werde. In diesem Jahr, so hat sie handschriftlich verfügt, sollte ein Kästchen, das sie ihrem Bruder Carl Theodor, Herzog in Bayern, zur Verwahrung übergeben hatte, an den Präsidenten der Schweiz in Bern zu einer möglichen Publikation übergeben werden. …
Nordsee-Lieder, der Titel des ersten Teils ihrer Sammlung, ist das Zitat einer Heineschen Gedichtsammlung. Die Gedichte waren angeregt durch einen Aufenthalt in Amsterdam, wo sich die fanatische Spaziergängerin, die ihren Körper in Eil- und Tagesmärschen kasteite, einer Kur zur Heilung ihrer Gelenke unterzog. Den Stil Heines wählt sie im ersten Zyklus lyrischer Gesänge über das Meer: „O hätt‘ ich so viel Lieder, / Als Wellen, du mein Meer / Ich schrieb sie alle nieder, / Und brächte sie dir her….“ / Hannelore Schlaffer, FR 16.11.02
Begeistert besprochen in der FAZ, 16.11.02:
Ernst Jandl: „13 radiophone Texte und Das Röcheln der Mona Lisa“
Von Texten, Stimmen und Apparaten. Hörspiel
Intermedium records, München 2002, ISBN 3934847706
CD, 18,90 EUR
Wenn man aber geduldig (und ohne Furcht, den Boden unter den Füssen zu verlieren) in dieser riesigen Fundgrube gräbt, dann stösst man auf Verse, die nachhallen: «Als Gott den Menschen schuf / mit leichter Hand und schrägem Blick / gab er ihm auch einen Beruf / und um den Hals einen Strick.» Unüberhörbar ist dieser Vierzeiler am Brecht-Ton geschult, der aber wird zum Beckett- Sound modifiziert: Es ist ein lakonischer Brecht, dem ein noch lakonischerer Beckett einen Strick um den Hals gelegt hat. / Martin Krumbholz, NZZ 14.11.02
Thomas Brasch: Wer durch mein Leben will, muss durch mein Zimmer. Gedichte. Hrsg. von Fritz J. Raddatz und Katharina Thalbach. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2002. 204 S., Fr. 29.60.
Günter Kunert befreit sich unentwegt von seinem leicht entfessselbaren Gedächtnis. Mit seinem Verstummen kann nur rechnen, wer ihm vorschnell*) die letzte Altersstufe als Fatalist zuschreibt. Günter Kunert ist davon weit entfernt. Die benachbarte Sarah Kirsch erfährt den Dichterfreund alltäglich und entlastet uns von aller Fatalisten-Furcht. „Machen Sie sich bitte um Kunert gar keinen Kopp, wenn seine Exkurse und Alexandriner auch so gänzlich hoffnungslos scheinen, führt er ein geselliges Leben und reist mit Marianne und den eigenen Pferden.“ Bei allem Zerstörungswissen in der poetischen Bilanz von So und nicht anders, immer hat es Günter Kunert gewusst, das Leben ist schön. / Jürgen Verdofsky, FR 14.11.02
Günter Kunert: So und nicht anders. Ausgewählte und neue Gedichte. Carl Hanser Verlag, München 2002, 174 Seiten, 14,90
*) „vorschnell“ ist gut. Tut man (vom Neuen Deutschland bis, tschuldigung, zur Süddeutschen) das nicht seit Jahrzehnten? (mg)
(vgl. Rezension der SZ vom 20.3. zitiert bei Perlentaucher)
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NZZ bespricht Neuerscheinungen aus baltischen Ländern, darunter eine Ausgabe der österreichischen Literaturzeitschrift „Wespennest“:
Eine Entdeckung ist die lettische Schriftstellerin Inga Abele (geb. 1972), die mit einer Erzählung und einer Lyrikauswahl vertreten ist. Abele verfügt über die Gabe präziser psychologischer Beobachtung, die sie in eine ebenso knappe wie prägnante Sprache zu fassen versteht. Wertvolle Einsichten vermittelt schliesslich ein Interview mit der wohl bekanntesten Lyrikerin aus dem Baltikum, Amanda Aizpuriete (geb. 1956). Von ihr liegen bis jetzt drei Gedichtbände auf Deutsch vor. / NZZ 13.11.02
Claudia Sinnig: Litauen. Ein literarischer Reisebegleiter. Insel-Verlag, Frankfurt am Main 2002. 312 S., Fr. 18.40.
Den Förderpreis zum Hugo-Ball-Preis der Stadt Pirmasens (3 750 Euro) erhält der Lyriker Steffen Jacobs. / Pirmasenser Zeitung 13.11.02
In der NZZ bespricht Stefan Breuer eine amerikanische Georgebiographie , in der ihm Homosexualität offenbar endgültig nachgewiesen wird (so what?) – und mehr:
Norton spricht zwar nicht geradezu von Präfaschismus, lässt aber seine Leserschaft nicht im Unklaren darüber, dass er im George-Kreis eine der Quellen des NS sieht – eine Auffassung, die gewiss nicht schlechterdings falsch ist, die aber richtig nur in dem Masse wird, in dem auch die erheblichen Unterschiede benannt werden, die zwischen beiden bestehen: die weitaus entschiedenere Akzentuierung des «reinen» Charismas bei den Georgianern und die noch entschiedenere Ablehnung, die diese den Hauptmerkmalen der Moderne, der funktionalen Differenzierung und vor allem der formalen Rationalisierung, entgegenbrachten – Einstellungen, zu denen es bei den Nationalsozialisten kein Pendant gibt. / NZZ 13.11.02
Robert E. Norton: Secret Germany. Stefan George and His Circle. Cornell University Press, Ithaca und London 2002. 847 S., $ 49.95.
Hier wird solche Konzentration zum Prinzip erhoben, mit dem Ziel, lyrisches Sprechen vom historisch-mythologischen «Mobiliar» zu befreien: «Nur noch die paar alten Bilder, die seit jeher in mir lagen.» Ein ganz neues Element bringt dann 1985 der Band «Abgewandt Zugewandt», nach einer Zeile aus dem Gedicht «Begegnung» von C. F. Meyer betitelt. Er konfrontiert hochsprachliche Gedichte mit thematisch verwandten «alemannischen» in Raebers Luzerner Dialekt, in denen eine kindhaft-unverstellte Neugier bedrohlich-absurde Visionen hervorbringt: ein höchst eigenwilliger Beitrag zur Deutschschweizer Mundartlyrik. / Martin Kraft, Landbote 13.11.02
Kuno Raeber: Werke in 5 Bänden. Band I: Lyrik. Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag, München/ Wien. 464 Seiten
Der irische Dichter Tom Paulin darf nicht an der Harvard University lesen, nachdem Studenten wegen israelkritischer Äußerungen massiv gegen seine Einladung protestiert hatten.
Mr Paulin, who is lecturing at New York’s Columbia University but is a member of Hertford College in Oxford, told the Egyptian newspaper al-Ahram Weekly last April that American-born settlers in the occupied territories „should be shot dead. I think they are Nazis, racists, I feel nothing but hatred for them.
Schon im vergangenen Jahr hatte es Proteste gegeben wegen eines Gedichts in der Zeitung „Observer“, in dem es hieß:
„another little Palestinian boy/ in trainers jeans and a white teeshirt/ … gunned down by the Zionist SS“ / Guardian 14.11.01
Mehr: Boston Globe 13.11.02 – Al- Ahram 580/ 2002 – FAZ 18.11.02
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