Die NYT *) (1.12.02) bespricht die Geschichte des durch Geldsegen in die Schlagzeilen geratenen Poetry magazine (vgl. Lyrikzeitung 11/2002). Eine Zeitschrift, die noch in ihren Absagen Erfolg hat – hat sie doch nicht nur die jetzige Großspenderin abgelehnt, sondern auch die ersten Einsendungen von William Carlos Williams, John Ashbery oder Elizabeth Bishop. Die Gründerin Harriet Monroe an Ezra Pound:
“It is true that a lot of our versifiers think they must talk in Tennysonian or Elizabethan, but if you could see the letters we write them you will realize that we are trying to train them out of that.“
Vokale mit Farben zu verbinden, war, wie John Gage gezeigt hat, seit dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts im Kontext der «audition colorée» beziehungsweise des «Farbenhörens» ein Phänomen, das zunächst Psychologen und dann auch bildende Künstler nachhaltig interessierte; für die Letzteren ging ein wesentlicher Stimulus seit den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts von Arthur Rimbauds Gedicht «Voyelles» aus. Klee kannte das Werk des französischen Dichters. Zu Weihnachten 1913 hatte er eine deutsche Ausgabe der Dichtungen von Rimbaud seiner Frau persönlich gewidmet. Im ersten Vers des Gedichtes «Vokale» schreibt Rimbaud den fünf Vokalen folgende Farben zu: «A schwarz, E weiss, I rot, U grün, O blau». Klees Auflistung im «Skizzenbuch Bürgi» liest sich wie eine kritische Adaption von Rimbauds Erfindung. Klee ging von den gleichen Farben wie der Dichter aus, ergänzte allein den Farbton «lichter Ocker», ordnete diesen dem Vokal a zu, und in der Folge übertrug er die von Rimbaud gewählten Farben in der gleichen Reihenfolge auf die folgenden vier Vokale, vertauschte dabei allerdings o mit u. In zwei Fällen verkehrte er durch seine Verschiebung die Zuordnung von Rimbaud direkt ins Gegenteil: Er assoziierte e mit Schwarz statt Weiss und o mit Rot statt dem komplementären Farbton Grün. / NZZ 30.11.02
/ 30.11.02
Anna de Noailles (1876-1933) Der Frieden (NZZ 30.11.02) – – – Anna Achmatowa: Letzter Tag in Rom. (ebd.) – – – Vittorio Sereni: Anni Dopo (ebd.)
Als Lyriker ist Nabokov bisher kaum wahrgenommen worden, vielleicht deshalb, weil er sich der Moderne konsequent verweigert und eher bei klassischen Vorbildern angeknüpft hat, die er mit bisweilen pedantisch wirkendem Eifer, wenn auch mit höchstem Kunstverstand nachahmte.
/ Felix Philipp Ingold über den Band «Stichotvorenija», Sankt Petersburg 2002, der nebst exakt 597 Gedichten rund 100 Seiten Kommentar sowie, als eigenständigen Forschungsbeitrag, ein umfangreiches Vorwort enthält. NZZ 30.11.02
Der da spricht, ist ein Querstromschwimmer:
Gewagt das Überqueren gewagt meine Stimme der breite Strom
Der sensible Beobachter geht ein in die Flusslandschaft:
Da ein Ufer dort ein anderes auch nicht meines mit weicher Kreide gezeichnet Lastkähne Rebzeilen badisches Land Herbstgerüche wagen sich über Grenze und Wasser und setzen sich zu mir nah zu mir als seien wir seit langem befreundet
/ Irène Bourquin, Landbote 30.11.02 über den Maler und Lyriker Werner Lutz (Basel).
Werner Lutz: «Schattenhangschreiten», Gedichte, Verlag Im Waldgut, Frauenfeld 2002, 87 Seiten
Der Landbote Winterthur (29.11.02) schreibt über den in Riga geborenen Lyriker Walter Neumann:
Die vergebliche Heimatsuche und das Erlebnis der Vernichtung lassen Neumann eine übermächtige Kraft erahnen, welche die Ursprungssuche zu einer lyrischen – und das heisst: transzendenten – Suche nach sich selbst macht: «Insel im Strom / der fressenden Zeit. // Noch ist sie (…) nicht bedeckt mit zerstörtem Leben, // (…) Im Zeitsprung / schliessen wir Risse, / heben Fallendes auf. // Noch trägt uns der Strom. // Noch hat uns die Zeit nicht eingeholt» (aus: «Der Flug der Möwen», Heiderhoff Verlag). Kann also der Einzelne gegen die Übermacht der Zeit ankommen, um zu sich selbst zu finden? Er kann: Mit «Wortnetzen» ist das Menschliche – das Gute wie das Böse – aus dem Zeitstrom zu fischen und es zu einem Ganzen zusammenzutragen, das neue Lebensaussichten eröffnet.
In einem Brief an die NYT*) (29.11.02) reicht Helen Vendler, professor of English at Harvard university, eine Stellungnahme von Tom Paulin nach:
„Whatever was said in my lengthy exchange, the views I hold on the situation in the Middle East, and on the need to oppose all forms of anti-Semitism, have been made clear in the statement I issued to The Daily Telegraph. This reflects my lifelong commitment to fighting racism in all its forms. I fully understand that some of what was reported in the original article is deeply offensive to all right-thinking people. My quoted remarks completely misrepresent my real views. For that, I apologize.“
Denn mit wachsender Begeisterung schlägt Kling in seinen neuen Gedichten ästhetische Funken aus Zaubersprüchen, mythischen Gesängen und «carmina diabolica».
In seinem jüngsten Gedichtband, «Sondagen», seinem bislang umfangreichsten und fesselndsten Werk, finden wir faszinierende Anverwandlungen der alten Zauberlieder und Hexensprüche, die am oralen Anfang jeder Poesie stehen. Hier wird ein germanischer Regenzauber beschworen, dort die «Applikation der flut- und flugsalbe» aufgerufen, mit der die Hexen als Antipoden neuzeitlicher Vernunft einst «Hagelschlag zu erregen pflegten». / Michael Braun, Basler Zeitung 29.11.02 über
Thomas Kling: «Sondagen». Gedichte. DuMont, Köln 2002. 140 S., im Schuber mit CD, Fr. 33.90.
„Das Interessanteste unter meinen Einkäufen“, schreibt Percy Bysshe Shelley im Sommer 1816 aus Montalègre an seinen Freund Thomas Peacock, „ist eine große Sammlung von Samen seltener alpiner Pflanzen (.. .). Sie sind verwandt mit dem Schöllkraut – dem klassischen Schöllkraut (. ..); sie sind genauso wild und noch verwegener als jenes, und sie werden ihm Geschichten von Dingen erzählen, die so ergreifend und erhaben sind wie der Blick eines jungen Poeten.“
Dieses Zitat lässt tief blicken. Es verrät dem Leser, nachdem dieser die Schluchten der Syntax durchwandert hat, nicht nur, dass Schöllkrautsamen aus den Schweizer Alpen geschwätzig sind, nein, sie sind wild und noch verwegener als das klassische Kraut. Shelley, der seinen ergriffenen Blick sonst vorzugsweise über die erhabenen Alpen schweifen lässt, zieht hier den Vergleich mit einer Pflanze: das Auge des jungen Poeten sieht jene Dinge, von denen das alpine Schöllkraut zu berichten weiß. / Henning Ahrens, SZ 29.11.02, über
MARY W. SHELLEY / PERCY B. SHELLEY: Flucht aus England. Reiseerinnerungen und Briefe aus Genf 1814-1816. Aus dem Englischen und herausgegeben von Alexander Pechmann. Achilla Presse Verlagsbuchhandlung, Hamburg 2002. 140 Seiten, 18 Euro.
Selten hat jemand länger um ein Gedicht gerungen als Karl Wolfskehl um sein Lied „An die Deutschen“. In Rom, der zweiten Etappe ins Exil, beginnt er mit den Versen: „Euer Wandel war der meine / Eins mit euch auf Hieb und Stich. / Unverbrüchlich war uns eine, / Eins das Grosse, eins das Kleine: / Ich war Deutsch und ich war Ich.“ Die beiden Seelen in seiner Brust gehören dem deutschen Dichter und dem deutschen Juden. / FAZ über eine Potsdamer Tagung, 27.11.02
Mehr: Süddeutsche 28.11.02 – FR 28.11.02
Für die FR (27.11.02) bespricht ROLF-BERNHARD ESSIG:
SAID
Außenhaut Binnenträume
Neue Gedichte
Verlag C. H. Beck, München 2002, 100 Seiten, 14,90 Euro
In der gleichen Ausgabe schreibt Yaak Karsunke über Thomas Brasch´ Nachlaßgedichte:
Thomas Brasch
Wer durch mein Leben will, muss durch mein Zimmer
Gedichte
Herausgegeben von Fritz J. Raddatz und Katharina Thalbach
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002, 204 Seiten, 16,90 Eur o
In der Süddeutschen Zeitung porträtiert Markus Mathyl die hierzulande gefeierte russische Dichterin Alina Wituchnowskaja als Teil einer „nationalistischen Gegenkultur“:
Ihre Antwort: „Lieber in der Heimat im Gefängnis als ein freies Leben im Westen“ gefiel dem Interviewer so sehr, dass er sie als Titel wählte. Der zynische Doppelstandard einer gerade erst auf Druck vieler Menschenrechtsorganisationen Freigelassenen sollte nicht ausschließlich provokativ oder opportunistisch verstanden werden. Eher ist er Ausdruck eines das Umfeld Wituchnowskajas stark beeinflussenden elitären Faschismus, der sich, in Anlehnung an den italienischen faschistischen Theoretiker Julius Evola, zentral um die Begriffe Rasse, Elite und Hierarchie bewegt, dabei klar zwischen den zur Freiheit Auserwählten und den zum Dienen Geborenen unterscheidet und letztlich die Herrschaft einer faschistischen Kriegerkaste „wiederbeleben“ will. / SZ 26.11.02
Über einen der glücklichsten Neufunde antiker Texte berichtet ein Artikel der New York Times *) am 26.11.02. Grabräuber hatten eine Mumie gefunden und gestohlen. Eine Papyrusrolle (Mumien wurden mit gebrauchten Papyrusrollen ausgestopt) mit griechischen Gedichten tauchte auf dem europäischen Kunstmarkt auf und befindet sich heute in der Universität Mailand, die die Texte im vergangenen Jahr veröffentlichte. Es handelt sich um das älteste überlieferte Lyrikbuch aus der griechischen Antike, offensichtlich ein zum Lesen bestimmtes, sorgfältig komponiertes Buch mit 112 Epigrammen von Poseidippos aus dem 3. Jh. v.Ch. – davon 110 (! bisher waren nur etwa 20 kurze Gedichte des Autors bekannt) bisher unbekannte Texte. Anders als bisher bekannte Texte des Autors handeln die Gedichte nicht von Wein und Liebe – es sind didaktische Gedichte. Poseidippos wollte, sagt ein Forscher, das didaktische Epigramm erfinden – aber das Publikum nahm die Erfindung nicht an.
Hier eins der bislang bekannten Epigramme des Dichters (aus der viel später zusammengestellten „Griechischen Anthologie“):
Spende uns reichlich vom Tau des Bakchos, kekropische Flasche,
Tropfen seien geweiht unserem neuen Beschluß!
Nichts mehr von Zenon, dem weisen Schwan, und dem Dichter Kleanthes!
Leiten soll mich als Herr Eros, so bitter wie süß.
Der NYT-Artikel bietet online auch ein Bild des Papyrus und einige Texte.
This poem was previously unknown:
Wherever you hold Pythermos the good, who died
under the chill of Capricorn, cover him lightly,
black Earth. But if it’s you, Father of the Sea, who keep him
hidden, put him out now, intact, on the bare sand
in full view of Kyme [a place], giving, as you should, the dead man,
O Master of the Sea, back to his native land.
Mehr über die Papyri und den Autor:
Meldung auf Telepolis / Univ. of Cincinatti News / National Geographic / The Chronicle 29.11.2002 / View the Entire Scroll ( (large image — 832k ) / Faksimile / Provisional translations of some of the epigrams by Mary R. Lefkowitz, Wellesley College / Poetry Archive / Greek anthology – Mackail´s text / Poseidippos in meiner Anthologie (Namen suchen)/ Poseidippos-Statue / Dolce Italia – Nachricht, deutsch /
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