Kategorie: Europa

Dann

Rainer Kirsch (* 17. Juli 1934 in Döbeln, Kreishauptmannschaft Leipzig; † 4. September 2015 in Berlin) 2005 Unsere Enkel werden uns dann fragen: Habt ihr damals gut genug gehaßt? Habt ihr eure Schlachten selbst geschlagen Oder euch den Zeiten angepaßt? Mit den Versen, die… Continue Reading „Dann“

Erstes Alphabet

Dmitri Prigow (russisch Дмитрий Александрович Пригов, wiss. Transliteration Dmitrij Aleksandrovič Prigov; * 5. November 1940 in Moskau; † 16. Juli 2007 ebenda) Dmitri Prigow war ein vielseitiger Künstler und Dichter des sowjetischen Underground. Seine Werke konnten in der Sowjetunion nur im Samisdat („Selbstverlag“, wenn… Continue Reading „Erstes Alphabet“

Benjamins Sonette

Walter Benjamin (* 15. Juli 1892 in Charlottenburg; † 26. September 1940 in Portbou) Sonette [55] Ich bin ein Maler der aus Schatten Das wunderbarste Bildnis malt Und teurer seine Farben zahlt Als andre ihre vollen satten Wenn keiner mehr von ihren prahlt Erglühen… Continue Reading „Benjamins Sonette“

Kartoffeln

Tudor Arghezi (* 21. Mai 1880 in Bukarest; † 14. Juli 1967 ebenda) HEIMSUCHUNG Angetan mit Kleidern aus Zunder, Erwarten die Kartoffeln das Gotteswunder Der Geburt. Den endlosen Wintertraum Verbrachten sie mit Maulwürfen im Raum Des Dunkels, mit Regenwürmern und Grillen, Gehorchend dem unsichtbaren… Continue Reading „Kartoffeln“

Grüne Lust

John Clare (* 13. Juli 1793 in Helpston, Northamptonshire; † 19. Mai 1864 Northampton General Lunatic Asylum, Northampton, England) IN EINSAMKEIT IST ZAUBER, der entzückt, Ist Fühlen, das die Welt nicht kennt noch mißt, Ist grüne Lust, die wunden Geist erquickt, Wenn das Getös… Continue Reading „Grüne Lust“

Blühwillig

Stefan George (* 12. Juli 1868 in Büdesheim, heute Stadtteil von Bingen am Rhein; † 4. Dezember 1933 in Minusio bei Locarno) „Die Fibel“ nannte Stefan George die Auswahl „“erster Verse“, die 1901 als erster Band einer Gesamtausgabe erschienen. Er gab den Gedichten ein… Continue Reading „Blühwillig“

Rose

Màrius Torres Rose

   Als sagtest du mir,
während die Luft dich entblättert:
   »Sterben ist so leicht!«
Und alles in mir wirft ein:
»So leicht für eine Rose!«

Rosa

   Com si em diguessis
mentre t’esfulla l’aire:
   – Morir és tan fàcil! –
I tot en mi et contesta:
– Tan fàcil a… Continue Reading „Rose“

Fingergedicht

Slata Roschal Fingergedicht Drei Finger heben Mit zweien bekreuzen Den dritten stehen lassen Der vierte wird beringt beschriftet Der fünfte weint und will ins Bett Und vorher noch ins feuchte Warme Gehört der Finger in den Mund Im Leben so viel Wasser eingesaugt Und… Continue Reading „Fingergedicht“

Mai 1914

Walter Hasenclever (* 8. Juli 1890 in Aachen; † 21. Juni 1940 in Les Milles bei Aix-en-Provence) Die Lagerfeuer an der Küste, Mai 1914 Die Lagerfeuer an der Küste rauchen. Ich muß mich niederwerfen tief in Not. Leoparden wittern mein Gesicht und fauchen. Du… Continue Reading „Mai 1914“

Er nahm Abschied von uns

Johannes R. Becher ER IST GESCHIEDEN, WIE ER LEBTE: STRENG, Und diese Größe einte uns: die Strenge. Uns beiden war vormals die Welt zu eng. Wir blieben beide einsam im Gedränge. Unwürdig wär ein: nihil nisi bene. Der Juli summt ein Lied dir: „Muß… Continue Reading „Er nahm Abschied von uns“

Holdes Thal, grause Höhle

Der italienische Dichter Ariost dichtet in seinem berühmten „Rasenden Roland“ von einem „holden Thal“ in Arabien, lieblich bewachsen mit Buchen und Tannen (obwohl: für hold-lieblich sah man wenig Licht und viel Graus), darin seltsame Gesellen leben: Schlaf, Müßiggang, Faulheit, Vergessenheit und Schweigen. Ein unschlagbares… Continue Reading „Holdes Thal, grause Höhle“

Heimkehr

Carl Einstein (* 26. April 1885 in Neuwied; † 5. Juli 1940 bei Pau in Frankreich nahe der spanischen Grenze) Heimkehr Krieche der Erde. Krümm dich der Wolke. Willst du das, Mann? In Scherben zerrieben, zum Irrsinn gezerrt. Endloser Wanderer, allein. Tod läuft dich… Continue Reading „Heimkehr“

Ruisdael

Karl Woermann (* 4. Juli 1844 in Hamburg; † 4. Februar 1933 in Dresden) Aus: Ruisdael Teil IV: 1882. Ein Bild von Ruisdael! „Fünfzehntausend Mark!“ Wer bietet mehr? „“Ich biete zwanzigtausend. Es ist ein Prachtbild, Eichen, hoch und stark, Beschatten einen Bergstrom, wild und… Continue Reading „Ruisdael“

Nachtgedanken

Edward Young Wie arm, wie reich, wie gering, wie herrlich, wie künstlich zusammengewebt, wie wunderbar ist der Mensch! Und wie weit ist Derjenige über alle Verwunderung erhaben, der ihn so machte! der in unserm Wesen solche fremde und ferne Gränzen in einem Mittelpunkte vereinigte!… Continue Reading „Nachtgedanken“

Sommernacht

Friedrich Gottlieb Klopstock (* 2. Juli 1724 in Quedlinburg; † 14. März 1803 in Hamburg) Die Sommernacht (1766) (Klopstock wußte, dass griechische Versfüße im Deutschen nicht funktionieren, und schuf seine Wortfüße) Wenn der Schimmer von dem Monde nun herab In die Wälder sich ergießt,… Continue Reading „Sommernacht“