Kategorie: Deutsch

Mayröcker 100

die lilies Magnolienfelder, von oben
von irgendwoher ich glaube aus verhülltem Gezweig diese
einzelne Stimme mich durchdringt : mein unsichtbarer
Liebster in dieser Baumkrone ach jubiliert!

Margot Scharpenberg (1924-2020)

Ich treib auf dem Weltkorn im Wasserland

Gedicht & Kirchenfenster

Gedichte sind gemalte Fensterscheiben!
Sieht man vom Markt in die Kirche hinein
Da ist alles dunkel und düster;
Und so sieht’s auch der Herr Philister

Erweiterte Sachlichkeit

Nur 5% aller sogenannten Liebesgedichte in der deutschsprachigen Literatur seit den Minnegesängen handeln (bis heute!) von der erfüllten Liebe, während der große Rest nur die Sehnsucht nach Liebe oder ihren Verlust und die Vergänglichkeit thematisiert.

Rudolph Genée (1824-1914)

Wie wollt‘ ich die ganze Lügnerbrut
Mit einem Schlag zerschmettern!

Ein Gedicht kein Tritt ins Gesäß

»Das? Alle Wetter — gewiß!
Ei Hasen! Ich dachte nicht,
all mein Lebtage nicht,
daß ich so eine Weltnase führt‘ im Gesicht!«

Sag mir deinen Namen!

Sag mir deinen Namen! Heißt du wie ich?
Bist du mein Freund? Oder mein Bruder?

Helmuth Frauendorfer †

Und jetzt,
Zuspätgeborner, Hinein-
und gleich wieder Hinweg-
geborner,

stehst du auf der Wiese des Exils.

Ghettolied

RACHEL, o Rachel, die Welt ist so schön;
Rachel, sag‘, hast du die Welt schon geseh’n?

Bis die Urmusik hervorspringt

Kratzt euch am Schädel mit feiner Nadel, bis die Urmusik hervor-
springt.

Klings Wolkenstein

Sofort mußt ich auftreten, voller sound, stück auf stück.
das ende vom lied: in seine suite wurd ich zur übernachtung
einquartiert. fand ich prima. so ein geschenk und
solche ehre!, haben meine freunde nie sich einfalln lassen.

Diotima an Bellarmin

Euch dieses Gejammer in den Hals zurück zu stopfen wäre eine Auferstehung wert.

Und dieses Buch ist eines Mädchens Kleid

Du hältst mich in den Händen ganz und gar.

Mein Herz wie eines kleinen Vogels schlägt
In deiner Faust. Der du dies liest, gib acht;
Denn sieh, du blätterst einen Menschen um.

Künstlergedichte

DICH nimm nicht allzu wichtig:
selbstisch ist nichtig!
Sei nur der Welt gewillt,
sie ist dein Spiegelbild!

könnte ich

das brachliegende
tiefstumme
weiße
papier
aufreißen
wind säen
schwarze lettern
zerbrechen
aus den bindungen
reißen