Frauentag

(L&Poe Journal #02 Neue Texte)

Silke Peters

Frauentag

Schreiben verändert die Wahrnehmung, ist eine heftige Trance. Bilder verschmelzen bei über eintausend Grad im Lagerfeuer. Meine Gedanken brennen, meine Gefäße sind aus Lehm. Ich klaube ihn unter der Wurzel eines im Winter umgestürzten Baumes am Strand hervor. Stampfe die Klumpen mit den nackten Füßen zu Brei.

Wem gehört der Fingerabdruck auf der Venus von Dolní Věstonice. Lößstaub und Knochenmehl sind auf lange gebunden. Die Venus ist weggeschlossen im Tresor einer Aufbewahrungsanstalt in Brünn. Für immer. Steinzeit. Ich koche in einem Tontopf über dem wintermüden Feuer die Wurzeln aus und brate die Austernpilze am Spieß.

Der Lehm wartet unter einem feuchten Tuch. Ich werfe die geformten Perlen ins Feuer. Sie bedecken meine Stirn, schwanken, rascheln, klingeln über meinem halluzinierenden Blick.

Ringe Jahresringe Saturnringe zähle ich an den noch hastig im Februar gefällten Bäumen überall im Stadtgebiet. Gefallene Riesen. Sie schauten aufs Meer.

Das sind klimatische oder klimakterische Probleme. Oder Probleme mit dem Router, wer weiß? Bei mir liegt eine Glasfaserleitung an, sagt der nette Fernmeldemechaniker am Telefon. Und am Dienstag wird an der Wasserleitung gebaut. Mein Haus schwankt, ich kann in die Ferne sehen. Zur Not habe ich ein Beißholz aus einer Pferderippe dabei.
Silke Peters spricht ihren Text

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