Matelda

Der 19. November ist in der anglikanischen Kirche Gedenktag für Mechthild von Magdeburg, die deutsche Mystikerin, * um 1207 im Erzstift Magdeburg; † 1282 im Kloster Helfta.. (Die Katholiken feiern sie am 15. August, die Evangelischen am 26. Februar). Zu dem Anlass heute ein „abseitiger“ Text. Im 28. und 33. Gesang von Dantes „Fegefeuer“ kommt eine Frau mit dem Namen Matelda vor. Manche ältere Forscher vermuteten, Dante habe dabei an Mechthild gedacht und ihre Offenbarungen für seinen Text benutzt. Georg Peter Landmann (in seiner kommentierten Prosaübersetzung der Comedia von 1997) sagt: „Vermutlich sind alle historischen und allegorischen deutungen abwegig.“ (S. 217) Ich werde mich nicht in Deutungen einmischen – reizvoll ist die Vorstellung allemal. Diese Matelda erscheint im Kreise mehrerer Frauen, darunter Beatrices, und die Frauen (im folgenden Ausschnitt Beatrice) lesen Dante die Leviten in schwer oder nicht verständlichen Sätzen wie diesen, hier zitiert nach Landmann (dessen Kommentare stehen kursiv zwischen den Dantesätzen):

Du merke dir’s, und zeichne diese worte, wie ich sie bot, genau so auf für die lebenden jenes lebens, das ein lauf zum tode ist. Und achte darauf, wenn du sie schreibst, dass du nicht verbirgst, wie du die pflanze sahst, die jetzt hier zum zweitenmal beraubt ist (erst durch Adam, jetzt durch den riesen). Wer immer sie beraubt oder behackt, beleidigt mit tätlichen flüchen Gott, der sie nur zu eignem gebrauch heilig schuf. Wegen ihres hineinbeissens sehnte sich die erste seele in pein und begehr fünftausend Jahre und mehr nach dem, der diesen biss in sich sühnte.

Christus, der durch sein opfer die ursünde überwand, holte bei seiner höllenfahrt auch Adams seele in den himmel; da Adam 930 jahre alt wurde und nach seiner rechnung (Paradies XXVI) 4302 jahre in der vorhölle litt, waren seit dem Sündenfall über fünftausend jahre vergangen. So schwer also wiegt die Sünde des königs von Frankreich, der sich an der herrschaft des göttlichen geistes auf erden verging.

Dein geist ist schläfrig, wenn er nicht darauf kommt, dass diese pflanze aus besonderem grund so hoch und im wipfel so verdreht ist. 

Oben breiter als unten, damit kein mensch zur Weisheit Gottes hinaufsteigen kann.

Und wären die nichtigen gedanken in deinem sinn nicht Elsa-wasser und ihr vergnügen ein Pyramus unterm maulbeerbaum, so hättest du allein aus so bedeutenden umständen in sittlicher deutung an dem baum in Gottes verbot seine gerechtigkeit erkannt.

Wieder die rätselrede: Das wasser der Elsa, die bei Empoli in den Arno mündet, ist so kalkhaltig, dass ein darin liegender gegenstand sich mit einer kruste überzieht; und das hochspritzende blut des Pyramus, wie schon im 27. gesang erwähnt, färbte die erst helle maulbeere dunkel.

Aber weil ich sehe, dass du im geiste aus stein bist, versteinert und verdunkelt, so dass das licht meines Wortes dich blendet, so möchte ich noch, dass du es, wenn nicht geschrieben, doch wenigstens gemalt in dir trägst, aus dem grund, warum man den wanderstab bekränzt mit palme heimbringt.“

Zur erinnerung an die vollbrachte pilgerschaft. All die geschauten allegorieen mögen als bilder haften, wenn auch ihre deutung unverstanden ist.

Nun der Abschnitt in der Übersetzung von Karl Witte, aus der schönen Prachtausgabe von Reclam Leipzig 1965.

Auch sollst, wenn du sie schreibst, du nicht verschweigen,
in welchem Zustand du den Baum gesehn hast,
der nun zum zweiten Male hier beraubt ward.
Wer immer ihn beraubt, wer ihn zersplittert,
der kränkt durch tatgewordne Lästrung Gott,
der nur zu seinem Dienst ihn heilig schuf.
Fünftausend Jahr und mehr verlangt’ in Sehnsucht
die erste Seele, weil von ihm sie aß,
nach dem, der an sich selbst den Biß bestrafte.
Es schläft dein Geist, wenn er nicht wohl erkennt,
daß aus besondrem Grund der Baum so hoch
und fremdgestaltet ist in seinem Gipfel.
Und wären nicht die eitelen Gedanken
für deinen Geist gleich Elsas Flut gewesen,
und ihre Lust wie Pyramus dem Maulbeer,
so würdest du schon aus so vielen Gründen
sittlich die göttliche Gerechtigkeit
in dem Verbot des Baums erwiesen finden.
Doch, weil in deinem Geiste ich versteinert
und in dem Steine noch verfärbt dich finde,
so daß dich blendet meiner Rede Licht,
sollst du, wenn auch als Schrift nicht, doch als Bild
sie innen mit dir nehmen aus dem Grunde,
warum den Stab mit Palmen Pilger schmücken.“

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