Elegie auf einen Mops

Moritz August von Thümmel

Moritz August von Thümmel (* 27. Mai 1738 in Schönefeld; † 26. Oktober 1817 in Coburg)

ELEGIE AUF EINEN MOPS.

Das grosse Warnungsbild, das ich mit ihm verloren,
So weit mein Auge reicht, ersetzt kein andres nicht.
Belehrender war nie ein Sonderling geboren,
Und keiner trug, bei kürzern Ohren,
Ein philosophischer Gesicht.

Zwar sah’ ich manche Stirn von Königsberg bis Leiden
Mit diesem mystischen gelehrten Ueberzug:
Doch sah’ ich keine je, die, Runzeln so bescheiden,
Von allen Wesen zu beneiden,
Als meines Hundes Stirne, trug.

Der schönsten Stadt entführt, wo der Beruf zu schlafen,
Durch Lindenduft verstärkt, das Bürgerrecht ihm gab,
Ward er, wie Epiktet, vom ungestalten Sklaven
Mein Freund. Er wars, dem Polygraphen
Der Schweiz zum Trutz, bis an sein Grab.

Er warf den hohen Ernst der kritischen Geberde
Nie auf ein Mitgeschöpf, nie ausser sich herum.
Der Schnarcher suchte nie, so weit ihn Gottes Erde
Auch trug, dass er bewundert werde,
Ein grössres Auditorium.

Nur still erbaut’ er mich. Von seinem gelben Felle
Blickt’ ich gestärkter auf in die beblümte Flur:
Mein krankes Auge stieg von seiner Lagerstelle
Gemach vom Dunkeln in das Helle
bis zu dem Lichtquell der Natur.

Wenn er sich schüttelte, las ich in seinen Blicken
Den herrlichen Beweis vortrefflich kommentirt,
Den einst, vom Uebergang des Schmerzes zum Entzücken,
Aus gleicher Nothdurft sich zu jücken,
Der weise Sokrates geführt.

Kein unbequemer Freund, kein Trunkenbold, kein Fresser,
In richtiger Mensur, nicht stolz, nicht zu gemein,
Schlief er sein Leben durch, und wahrlich, desto besser!
Er schläferte, wie ein Professer,
Auch seinen klügern Nachbar ein.

Lebt wohl ein Menschenfreund, der sich nicht seiner Hunde,
Nicht ihrer Tugenden und ihrer Liebe freut?
Sucht nicht selbst den Friederich, kraft seiner Menschenkunde,
Das Spielwerk seiner Ruhestunde
In seines Hunds Geselligkeit?

Ulyss, von seinem Hof verkannt und ausgeschlossen,
Bewährt der Treue Ruhm, den sich sein Hund erwarb:
Alt, blind, kroch er dem zu, nach Jahren, die verflossen,
Von dem er Wohlthat einst genossen,
Zog seinen Dunst noch ein, und starb.

Wie hast du, guter Mops, nicht meiner Stirne Falten,
Sah’ ich dem Grillenspiel der deinen zu, gegleicht!
Gewarnter nun durch dich, frühzeitig zu veralten,
Sei immer dir mein Dank erhalten!
Auch dir sei Gottes Erde leicht!

Elegie auf einen Mops
aus: Lyrische Anthologie. Sechster Theil. S. 34–37
Herausgeber: Friedrich Matthisson
Erscheinungsdatum: 1804
Verlag: Orell Füssli
Erscheinungsort: Zürich

https://de.wikisource.org/wiki/Elegie_auf_einen_Mops

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