O Nacht

Michelangelo Buonarroti

(* 6. März 1475 in Caprese, Toskana; † 18. Februar 1564 in Rom)

Die Nacht II

O Nacht, zwar schwarze, aber linde Zeit,
Mit Frieden überwindend jedes Streben,
Wer recht sieht und versteht, muß dich erheben,
Und wer dich ehrt, ist voll Verständigkeit.

Du brichst das matte Denken ab, zersägst
Und nimmst es ein mit feuchter Ruh und Schwere,
Während du mich, wohin ich oft begehre,
Im Traum von unten ganz nach oben trägst.

Schatten des Sterbens, nur vor dir macht halt,
Was Herz und Seele feind ist, immer wieder;
Letzte, Bedrückten, gute Arzenei.

Du heilst die schwache fleischliche Gestalt,
Machst Tränen trocknen, legst das Müde nieder,
Und Zorn und Ekel geht durch dich vorbei.

Deutsch von Rainer Maria Rilke. Aus: Poesiealbum 67: Michelangelo. Berlin: Neues Leben, 1973, S. 11

AN DIE NACHT

O NACHT, trotz Deiner Schwärze süße Zeit,
Die alles Tun zum Ziel des Friedens führt,
Gut sieht, wer Dein erhabnes Sein verspürt,
Gut denkt, wer Deinem Ruhm die Stimme leiht.

Du löst des Denkens tiefe Müdigkeit,
Dein Schatten spendet Ruhe, mild und kühl.
So hebst Du mich aus irdischem Gewühl
Empor, wo Traumes Hoffnung mich befreit.

Du Schattenbild des Todes, vor Dir endet
Der Erde Qual und alles, was uns Feind,
Du machst dem Traurigen die Schmerzen linde,

Du bist’s, die krankem Leib Gesundheit spendet,
Du stillst die Tränen, die der Kummer weint,
Daß des Gerechten Zorn Versöhnung finde.

Deutsch von Edwin Redslob. In: Michelangelo, Gedic ht und Zeichnung. Potsdam: Stichnote, (1944) unpag.

AN DIE NACHT.

O Nacht, du liebe, wenn auch dunkle Zeit,
Die jeder Arbeit stilles Ende bringt,
Wohl sieht und kennt dich, wer dein Loblied singt,
Und wer dich würd’gen kann, der weiss Bescheid.

Du schläferst ein des Hirnes Müdigkeit,
Wie feuchter Nebel ruhvoll niedersinkt;
Aus Tiefen zu ersehnten Höhen schwingt
Mich oft ein Traum empor, durch dein Geleit.

Du hemmst und scheuchst zurück, o Todesschatten,
Des Herzens schlimmste Feindin, jede Pein,
Tust, letztes Mittel, tief Betrübten gut.

Du kräftigst unsre Glieder, unsre matten,
Du trocknest Tränen, wiegst die Sorgen ein,
Und rettest Edle vor Verdruss und Wut.

Deutsch von Bettina Jacobson.

O notte, o dolce tempo, benché nero,
con pace ogn’ opra sempr’ al fin assalta;
ben vede e ben intende chi t’esalta,
e chi t’onor’ ha l’intelletto intero.

Tu mozzi e tronchi ogni stanco pensiero;
ché l’umid’ ombra ogni quiet’ appalta,
e dall’infima parte alla più alta
in sogno spesso porti, ov’ire spero.

O ombra del morir, per cui si ferma
ogni miseria a l’alma, al cor nemica,
ultimo delli afflitti e buon rimedio;

tu rendi sana nostra carn’ inferma,
rasciughi i pianti e posi ogni fatica,
e furi a chi ben vive ogn’ira e tedio.

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