Vier, sechs, vier

Neues Jahr, neue Lyrik(anthologie). – Nach dem „Expressionismusjahr“ 2020 (100 Jahre „Menschheitsdämmerung“) setzt die Anthologie der Lyrikzeitung im neuen Jahr kein zentrales Thema, wohl aber Akzente. Da wäre ein besonderes Herzensanliegen – der 400. Geburtstag der Dichterin Sibylla Schwarz (1621-1638). Mit ihr beginnt unsere Jahresanthologie. Mit ihr werden wir uns noch öfter beschäftigen. Für mich verbindet sich damit ein Akzent auf (unterschätzte) Lyrik von Frauen sowie auf Barock und: jung Verstorbene (Sibylla Schwarz wurde nur 17).

Anderes bringt der Kalender mit sich – der 700. Todestag Dantes, der 500. von Sebastian Brant, der 200. von Keats, 100. Todestage von Alexander Blok, Nikolai Gumiljow… Und Geburtstage: Baruch ben Schmuel, ein hebräischer Dichter aus Deutschland, wurde vor 900 Jahren geboren. 400. Geburtstag haben neben der Greifswalder Dichterin ihr berühmter Generationsgefährte Grimmelshausen sowie Georg Neumark und der englische „metaphysische“ Dichter Andrew Marwell. Der 200. Geburtstag von Baudelaire ist zu bedenken wie der des polnischen Dichters Norwid. Von den vielen 100jährigen nur eine kleine Auswahl: H.C. Artmann, Helmut Heißenbüttel, Andrea Zanzotto, Tadeusz Różewicz, Erich Fried…

Aber heute zu Sibylla Schwarz. Ich bringe zum Auftakt ein Sonett aus dem 16teiligen Zyklus der „Etlichen Sonette“. Einige wenige davon (immer dieselben) werden seit ein paar Jahrzehnten anthologisiert bis hinein in den „Kanon“ des Kritikers Marcel Reich-Ranicki. Aber sie verdienen alle Beachtung, auch dieses:

14.  

1   MAn sagt / es sey kein Ort / da Amor nicht zu finden / 
2   eß sey kein öder Wald / eß sey kein Teil der Welt /
3   da dieser große Fürst nicht seine Hoffstadt helt ;
4   man sagt / eß sey kein Man / den er nicht könne binden :
5   noch hat er meinen Muht nicht können überwinden /
6   weil mir sein schnödes Thun zu keiner zeit gefält ;
7   ob er schon noch so weit ihm bawet sein Gezelt /
8   daß in Arabia man ihn auch stets kan finden.
9   Europa ist zwahr sein / er sitzt in Africa /
10  er wohnt in Asia / und kent America /
11    Jn summ / eß ist kein Haus / das er nicht innen hatt /
12  eß ist kein Menschlich Hertz / das er nicht könte lencken /
13  mich doch / ob er schon nah mir ist / kan er nicht krencken /
14  dan ist er auff dem Dorff / so bin ich in der Stadt. Oder:
15  bin ich dan auff dem Dorff / so ist er in der Stadt.

Die junge Frau ist eine Meisterin des Sonetts. Sie verstand, dass Sonett mehr als ein bisschen Reimverschränkung ist. Sie erfand eine Spielart des Sonetts, die vom „Shakespearesonett“ und „Petrarcasonett“ unterschieden ist. Viele ihrer Sonette sind so gegliedert: 2 Quartette, 1 Zweizeiler, 1 Quartett. Das Reimpaar des englischen Sonetts wird quasi vorgezogen zu einer Art Zwischenzusammenfassung, die aber in einem Schlußquartett noch einmal Antwort oder Weiterführung findet.

Von dieser Grundform ihrer Sonette weicht dieses ab, da es nur eine einzige, durch Einrückung erzeugte Gliederung nach der zehnten Zeile hat. Es scheint zumindest dem ersten Blick nicht aus 3 Teilen zu bestehen, sondern nur aus zwei: 10+4.
(Man darf sich nicht von der tatsächlichen Zahl von 15 Zeilen in diesem Text täuschen lassen. Die letzte, 14. Zeile hat zwei mit „oder“ verbundene Varianten. Sie starb ja, bevor sie ihre Gedichte drucken lassen konnte – so musste sie sich nicht entscheiden. Oder, andere Lesart: sie wollte dem Spiel des Sonetts eine weitere „Spielart“ zufügen, indem sie einfach zwei Ausgänge anbietet, statt sich für eine zu entscheiden. Das wäre ein Ball für die LeserInnen.)

Nimmt man den Inhalt der Verse hinzu, ergibt sich eine etwas abweichende Gliederung. Das Gedicht hat an den Versenden 9 Schrägstriche (die Kommas der damaligen Zeit) sowie zwei Doppelpunkte, drei Punkte und zwei Semikola. Ich sehe mir an, wie die Satzzeichen das Gedicht gliedern. Die Punkte sind dem Schluß vorbehalten, zwei Schlußzeilen zwei Punkte. Die beiden Semikola trennen innerhalb eines Arguments unterschiedliche Gedankenführungen. Die ersten vier Verse beinhalten zwei mit „man sagt“ beginnende Aussagen über Amor:

  1. Man sagt, es sei kein Ort, an dem Amor nicht zu finden wäre. (3 Verse)
  2. Man sagt, es gebe keinen Mann, den er nicht binden könnte. (1 Vers)

Danach folgt ein Doppelpunkt und ein völliger Neuansatz, anderer Gedanke: das Ich des Gedichts spricht jetzt von sich. Dieser Ich-Teil reicht von Vers 5 bis 10. Danach beginnt etwas Neues, markiert durch Einrückung des 11. Verses und die bilanzierenden Worte „In summ“.

Auch dieser zweite, der Ich-Teil, ist durch Semikolon in zwei Teile gegliedert:

  1. (vielleicht kann er alle Männer binden, aber) mich nicht (2 Verse)
  2. Aufzählung aller Weltteile: Amor ist überall. (Außer siehe 1.) (4 Verse)

Ich lese es so. Das Gedicht besteht aus 3 klar unterschiedenen Teilen (Argumenten).

  1. Vierzeiler: Aussage über Amor. Er ist überall und regiert jeden Mann.
  2. Sechszeiler: mich nicht, egal, wo er auch herrscht.
  3. Vierzeiler, Zusammenfassung: Amor herrscht überall und lenkt jedes menschliche Herz, nur mich nicht.

Vier, sechs, vier (oder vier, zwei plus vier, vier) ist die Sonettform, eine Variante ihrer Sonderform.

Jeder dieser drei Argumente ist in Teilargumente untergliedert. In den ersten beiden Teilen sind sie durch Semikolon markiert, nur im letzten, im abschließenden Vierzeiler (der hier ein Fünfzeiler ist) ist die Markierung nicht eindeutig. Formal gibt es vier Zeilen, die durch Schrägstrich getrennt sind (so wie es Schrägstriche ja auch im Innern mancher Zeilen gibt). Betrachtet man den Inhalt, ergibt sich eine Zwei- oder Dreiteilung. Zuerst und offensichtlich haben wir wieder die Trennung zwischen Objekt- und Subjektaussage. Verse 11/12 sprechen objektiv von Amor (der an jedem Ort und in jedem Menschen ist). Verse 13/14 bzw. 15 dagegen sprechen vom Dichter-Ich, das zum zweiten Mal in diesem Gedicht sich selber von der „Allmacht“ ausnimmt. Beim ersten Mal, Verse 5 und 6, besteht der „Trick“ in dem Gegensatz zwischen „Man(n)“ und „ich“. Ist das Ich kein Mann? Scheint so.
Am Schluß ist das Argument ein wenig anders. Hier wird (Vers 12) nicht mehr von „männlich“ gesprochen, sondern von „menschlich“. Amor bindet jedes menschliche Herz, ich bin ein Mensch, aber ich entwische ihm doch. Wie das?
Hier bekommt das Gedicht eine Wendung ins Biografische. Die Tochter des Bürgermeisters hatte das Glück, außer der Stadtwohnung noch ein Landhaus bewohnen zu können. Die beiden Varianten der Schlußzeile machen den Gegensatz Stadt – Dorf auf. Das Gedicht ist ein Scherz. Amor, du kriegst mich nicht.

Ein ernster Scherz („mich nicht, ob er schon nah mir ist“!). Ein genialer Scherz. Was für ein Anfang. Aber sie starb bald danach.

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