Beiwort, Beilwort

Gedichte, das sind auch Geschenke — Geschenke an die Aufmerksamen. (Paul Celan, Brief an Hans Bender)

Zum 100. Geburtstag Paul Celans ein Geschenk aus dem Band „Die Niemandsrose“.

HUHEDIBLU

Schwer-, Schwer-, Schwer-
fälliges auf
Wortwegen und -schneisen.

Und – ja –
die Bälge der Feme-Poeten
lurchen und vespern* und wispern und vipern,
episteln.
Geunktes, aus
Hand- und Fingergekröse, darüber
schriftfern eines
Propheten Name spurt, als
An- und Bei- und Afterschrift, unterm
Datum des Nimmermenschtags im September -:

Wann,
wann blühen, wann,
wann blühen die, hühendiblüh,
huhediblu, ja sie, die September-
rosen?**

Hüh*** – on tue#… Ja, wann?

Wann, wannwann,
Wahnwann, ja Wahn, –
Bruder
Geblendeter, Bruder
Erloschen,## du liest,
dies hier, dies:
Dis-
parates -: Wann
blüht es, das Wann,
das Woher, das Wohin und was
und wer
sich aus- und an- und dahin- und zu sich lebt, den
Achsenton, Tellus, in seinem
vor Hell-
hörigkeit schwirrenden
Seelenohr, den
Achsenton tief
im Innern unsrer
sternrunden Wohnstatt Zerknirschung? Denn
sie bewegt sich, dennoch, im Herzsinn.

Den Ton, oh,
den Oh-Ton, ah,
das A und das O,
das Oh-diese-Galgen-schon-wieder, das Ah-es-gedeiht,

auf den alten
Alraunenfluren gedeiht es,
als schmucklos-schmückendes Beikraut,
als Beikraut, als Beiwort, als Beilwort,
adjektivisch, so gehn
sie dem Menschen zuleibe, Schatten,
vernimmt man, war
alles Dagegen –
Feiertagsnachtisch, nicht mehr, -:

Frugal,
kontemporan und gesetzlich
geht Schinderhannes zu Werk,
sozial und alibi-elbisch*, und
das Julchen, das Julchen:
daseinsfeist rülpst,###
rülpst es das Fallbeil los, – call it (hott!)***
love. §

Oh quand refleuriront, oh roses, vos septembres?**

Aus: Paul Celan, Die Gedichte. neue kommentierte Gesamtausgabe in einem Band. Hrsg. u. kommentiert von Barbara Wiedemann. Berlin: Suhrkamp, 2020, S. 160f

Einige Anmerkungen nach dem Kommentar von Barbara Wiedemann.

  • Das Gedicht entstand am 13. 9. 1962. Nicht jedes Hintergrundwissen mag hilfreich sein – das Gedicht „verdankt“ sich einem Missverständnis – an diesem Tag erhielt er eine Sendung Gedichte von Guntram Vesper, den er fälschlich für einen Sohn des Nazidichters Will Vesper hielt. Die Verben lurchen und vespern kommen aus dem Missverständnis – das Gedicht geht über den in diesem Fall irrigen Entstehungsanlass hinaus. Auch in seiner Polemik bleibt es biografisch (die Angriffe auf ihn und auch die „gutgemeinten“ Stimmen waren ja sehr real) und poetisch „wahr“. Gegenstand des Gedichts ist nicht Vesper, sondern das ihm immer noch unheimliche Land der Täter, trotz der Alibipreise, die ihm vergeben werden.

**) Septemberrosen: bezieht sich auf ein Gedicht von Paul Verlaine, das Celan übersetzt hatte, siehe auch letzte Zeile dieses Gedichts mit einer Paraphrase auf Verlaines Text, der oroginal in Celans Übersetzung lautete: „Wann blühen wieder die Septemberrosen?“ Celan zitiert und verwandelt, die letzte Zeile seines Gedichts heißt übersetzt: O wann werden, o Rosen, eure September wieder blühen? Im Kontext des Gedichts keine Herbstsentimentalität, sondern eine unheimliche (Wieder-)Bedrohung, man kann es alles in allem etwa so lesen: Oh, wann werden sie wieder zuschlagen? (Vgl. letzte Zeile des zweiten Abschnitts).

***) Hüh und Hott verwendet Celan mehrfach für „Die Geister rechts und links. Die Hü- und die Hott-Intellektuellen“.

#) on tue, frz. man tötet. Bezieht sich auf ein Gedicht von Jewgeni Jewtuschenko mit dem Titel „Verlaine“. In einer früheren Fassung schrieb er es aus: on tue les poètes pour les citer, man tötet die Dichter, um sie dann zu zitieren.

##) versteckter Bezug auf die (jüdischen) Autoren Arnold Zweig und Ossip Mandelstam

###) Bezieht sich auf ein antideutsches Gedicht von Guillaume Apollinaire während des 1. Weltkrieges, das Celan übersetzt hat, daraus: „Das Julchen rülpst, daß Gott bewahre (…) So hält man Tafel rund im Kreis / und f…t und lacht beim Abendschmaus, / und wird ganz schwach nach deutscher Weise, / und geht und bläst ein Leben aus.“

§) Call it love: Titel eines Gedichts von Hans Magnus Enzensberger (aus „Verteidigung der Wölfe“)

Wiedemanns Kommentar weist etliche weitere Anspielungen nach, aber man muss vielleicht nicht jeder Spur nachgehen. Lesen und wiederlesen hilft vielleicht mehr.

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