Der Morgen

Zum 100. Geburtstag des schizophrenen Dichters Ernst Herbeck (* 9. Oktober 1920 in Stockerau; † 11. September 1991 in Maria Gugging) ein kurzes Gedicht und eine lange Interpretation seines Arztes Leo Navratil.

Der Morgen

Im Herbst da reiht
der Feenwind
da sich im Schnee
die Mähnen treffen,
Amseln pfeifen heer
im Wind und fressen.

Leo Navratil

Ernst Herbecks Gedicht „Der Morgen“

Ein vierzigjähriger Mann, durch eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte im Sprechen behindert und seit 20 Jahren schizophren, hospitalisiert, schreibt auf Aufforderung und nach Themaangabe zu dem Titel „Der Morgen“ ein sechszeiliges Gedicht, das viele Menschen seltsam und rätselhaft berührt und ihnen nicht mehr aus dem Kopf geht.
Der Morgen

Im Herbst da reiht
der Feenwind
da sich im Schnee
die Mähnen treffen,
Amseln pfeifen heer
im Wind und fressen.
Herr Csabor Bathori, der eine große Zahl von Herbeck-Gedichten ins Ungarische übersetzt hat, fragte mich, wie das Wort „reiht“ zu verstehen sei. Da es sich um ein gewöhnliches Wort deutscher Sprache handelt, überlegte ich mir, in welchem Zusammenhang das Wort „reiht“ normaler Weise vorkommt. So sieht die Sternseherin Lise (Matthias Claudius) die Sterne „aufgereih’t wie Perlen auf der Schnur“. Man kann also Perlen aufreihen oder reihen. Der Wind könnte die Herbstblätter reihen. Der Sinn bleibt ungewiß. – Eine andere Frage ist die nach der Bedeutung der „Mähnen“, die im Schnee sich treffen. Es müssen wohl Pferde sein. Eine ungewöhnliche Metonymie: „Mähnen“ für „Pferde“. Dieses erste Gedicht Ernst Herbecks (er hatte auch vor Beginn seiner Erkrankung nie Gedichte geschrieben) ließ ein Bild in mir entstehen: Während ein „Feenwind“ die herbstlichen Blätter aufwirbelt und seltsam anordnet, kommt im Schneegestöber des frühen Morgens ein Trupp von Reitern zusammen. Amseln pfeifen „heer“ im Wind und fressen. Ich vermute, daß Herbeck „hehr“ (erhaben, heilig) schreiben wollte. Dadurch erhält das rätselhafte Gedicht noch eine weitere geheimnisvolle Note.
In einem anderen Leser dieses kurzen Gedichtes könnte ein ganz anderes Bild entstehen. Welches Bild in Herbecks Kopf war, wissen wir nicht. Es ist nicht uninteressant, zu sehen, wie die Übersetzer in andere Sprachen dieses Gedicht verstanden haben. In einer englischen Übersetzung dieses Gedichtes wird „Feenwind“ mit „wraithwind“ übersetzt. Wraith ist der (Toten-)Geist, ein Doppelgänger oder eine Erscheinung kurz vor oder nach dem Tod eines Menschen. „In fall the wraithwind turns out“ – „Der Geisterwind bringt die Toten aus den Gräbern heraus“.
Otto Breicha sah in seiner Besprechung dieses Gedichtes „das Mähneschütteln hurtiger Schlittenpferde“. Breicha nannte Emst Herbecks „Morgen“ einen „luftigen“ Text, eine „Epiphanie“ nach Joyce und ein „Fluidum-Gedicht“ nach Okopenko, ein „aufregendes Stück Poesie“, das er beim ersten Lesen wahrgenommen hat, wie damals, als er expressionistische Dichtung und Hölderlins „Hälfte des Lebens“ zum erstenmal gelesen und erlebt hatte.
Roger Cardinal wollte dieses Gedicht nicht „entziffern“, meinte aber, daß die Assoziationen des Lesers die ästhetische Wahrnehmung ergänzen und deshalb zur Auffassung eines Gedichtes dazugehören. Auch für ihn schienen die „Mähnen“ solche von Pferden zu sein, die aus verschiedenen Richtungen hergeritten werden, um sich hier zu treffen. An einem Ort, wo es nur den Wind und keine Menschen gibt. Cardinal erinnnert das „reiht“ an reitet und der „Feenwind“ an Goethes Erlkönig („Wer reitet so spät durch Nacht und Wind“). Das Zusammentreffen der Reiter läßt ihn Böses ahnen: „Drohung, Gewalt, Tod“. Daß am Schluß die Amseln fressen, könnte in der menschenleeren und tristen Atmosphäre ein hoffnungsvolles Zeichen sein.
Gerhard Roth lenkt unsere Aufmerksamkeit auf das Wörtchen „da“, das beim Lesen oder Hören des Gedichtes der bewußten Wahrnehmung leicht entgeht. „Im Herbst da reiht“ – dieses „da“ sei wie der Anfang eines Märchens; und das zweite „da“ rühre noch stärker märchenhaft an – „da sich im Schnee die Mähnen treffen“, „da“ ist kein Lieblingswort von Ernst Herbeck, aber wo es auftritt, da tut sich etwas, geschieht etwas, wie in dem Gedicht „Der Dolch“: „da steht er schon tief drinnen im Blute… Da dolchte es in mir herum… Da muß etwas geschehen sein.“ „Amseln pfeifen heer im Wind und fressen“. Diesen Satz nennt Roth „ein (kleines) Gedicht für sich, „heer“ erzähle von einem „uralten Wissen, von einem Raum, den noch kein Mensch betreten hat“. Die Amseln, so spüre man, „wissen etwas, das wir nicht wissen, sind Boten jenes Geheimnisses“, das sich schon im Feenwind angekündigt habe.

Aus der wunderbaren, in meiner Wahrnehmung sehr österreichischen Zeitschrift „Freibord“, herausgegeben von Gerhard Jaschke, Nr. 124 (2/2003), S. 31-33

Hier eine andere Interpretation zu Herbeck

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