Ich bin wie ein Baum in Blüte

Otokar Březina

(* 13. September 1868 in Počátky, Österreich-Ungarn; † 25. März 1929 in Jaroměřice nad Rokytnou)

Ich bin wie ein Baum in Blüte…

Ich bin wie ein Baum in Blüte, tönend von Bienen, Insekten: Lachen und Ruh;
Blut: Aufgang der Sonne, Tag badet verjüngt im feurigen Schein;
in den Korridoren des Lichts habe ich Düfte gebreitet für meiner Liebhaber Schuh‘
und in den Schoß der Frauen warf ich das Geheimnis der Nächte hinein.

Doch eifersüchtig, wenn ich nachts, matt von der Lenze Umatmung, im Schlummer denk’,
will ich nicht, daß du meine ätherischen Schwestern begehrst, die dich locken zum Tanz:
in Jahrtausenden häuft‘ ich Schätze, ein Königsgeschenk,
und jenen, die nichts zu fordern verstehen, geb’ ich es ganz.

Für sie ist die Grausamkeit meiner Liebe,
Ermattens Grabesnacht,
meiner Blicke Tiefe, so seltsam
wie Sternenbilder entfacht,
Kelch meiner Sekunden, wo der Ewigkeit Licht
wie Blut sicb ergießt,
und der Küsse Taumel
böse und süß.

Bin nicht wie die Schwestern: ewige Nacht
breitet sich rot hinter meinen Träumen aus,
mit der Hochzeitsfackel ob der Liebenden Haupt
anzünd’ ich das Haus:
Mit feuriger Sichel schnitt ich die Blüten, gesät von mir,
mit Flammen verjag’ ich, den ich lockte, der Vögel Zug;
doch die Seelen, harrend seit Jahrhunderten, kommen aus geheimnisvoller Nacht heran,
in tötlicber Stille auf rauschender Bahn,
ätherischer Falter funkelnder Flug,
die Fackeln umkreisend, entzündet von mir
um der Erde feurigen Bug.

Sklavin des Ewigen, Fürstin des Wahns, ich kenne der Masse tieferen Klang,
erster Sonne Pracht, Wolke des Tages, der sinkt;
ein Tränenstrom netzt meine herrlichen Wangen, entfließend der Wimper, die in Wollust sank,
in meinem Weinen spiegelt sich das Kreisen der Sterne, Musik der Nacbt in ihm sich aufschwingt:
denn Fluch der geheimen Schuld und die Zeit schluchzt in meinem Lachen bang
und in meinem, vom Lachen des Lichtes tränenden Weinen
Hoffnung der Wiederkehr klingt.

In: Ottokar [sic] Březina , Hymnen, Leipzig: Kurt Wolff, 1913, S. 13f. Nachdruck in: Der Jüngste Tag. Die Bücherei einer Epoche. Neu herausgegeben u.m.e. dokumentarischen Anhang versehen von Heinz Schöffler. Frankfurt/Main: Scheffler, 1970, S. 34Sf

One Comment on “Ich bin wie ein Baum in Blüte

  1. Ein Zwiespalt ist in mir beim Setzen meines „like“. Wenn ich das Gedicht von unten nach oben lese, wird es etwas heller. Es geht aber nicht um Hoffnung auf Wiederkehr. Dann würde sich ja alles genauso wiederholen wie zuvor. „… und in meinem, vom Lachen des Lichtes tränenden Weinen Hoffnung auf Wiederkehr klingt.“ Ja, so ist es gut. Denn nicht um Wiederkehr des falchen Prinzips geht es doch, sondern um Wiederkehr des reinen Anfanges. Aber der Anfang kommt nicht einfach wieder, sondern muß wohl zuerst „durch den Tod“ gehen, also „neu geboren werden“, d.h. nicht der Anfang, sondern w i r .

    Liken

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: