Die Feile ist stumpf

Giacomo Leopardi

(* 29. Juni 1798 in Recanati; † 14. Juni 1837 in Neapel)

Scherz

Als ich, ein Knabe noch,
die Musen bat, dem Lehrling beizustehen,
da nahm mich ihrer eine bei der Hand,
und während mancher Stunde
macht ich mit ihr die Runde,
die Werkstatt anzusehen.
Sie wies mir den Bestand
zuerst des Kunstgerätes,
die wechselnde Verrichtung
sodann, wo sich ein jedes
zur Arbeit nützlich fand
an Prosa und an Dichtung.
Ich sah mich um und fragte:
„Wo ist die Feile denn?“ Die Muse sagte:
„Sie taugt nicht mehr; wir lassen sie beiseit.“
Und ich: „So mögt ihr sie
nicht wieder schärfen, wenn sie stumpf geworden?“
Sie sprach: „Das müssen wir, doch fehlt die Zeit.“

Deutsch von Hanno Helbling, aus: Giacomo Leopardi: Ich bin ein Seher. Gedichte. Kleine moralische Werke. Zibaldone. Leipzig: Reclam, 1991, S. 123

Scherzo

Quando fanciullo io venni
A pormi con le Muse in disciplina,
L’una di quelle mi pigliò per mano;
E poi tutto quel giorno
La mi condusse intorno
A veder l’officina.
Mostrommi a parte a parte
Gli strumenti dell’arte,
E i servigi diversi
A che ciascun di loro
S’adopra nel lavoro
Delle prose e de’ versi.
Io mirava, e chiedea:
Musa, la lima ov’è? Disse la Dea:
La lima è consumata; or facciam senza.
Ed io, ma di rifarla
Non vi cal, soggiungea, quand’ella è stanca?
Rispose: hassi a rifar, ma il tempo manca.

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