Wollen Können Dürfen

Antonio di Meglio (Leonardo da Vinci)

(* 15. April 1452 in Anchiano bei Vinci; † 2. Mai 1519 auf Schloss Clos Lucé, Amboise)

Kannst du dein Wollen nicht, dein Können wolle!
Wer will, was er nicht kann, muß Klugheit missen;
Doch dem, der nie zu wollen sich beflissen
Was er nicht kann, den Ruhm der Weisheit wolle!

Denn das nur dient zur Freud’ uns wie zum Grolle,
Ob, oder nicht, wir können, wollen, wissen;
Und der nur kann, der, prüfend sein Gewissen,
Weiß, daß er allzeit, was er will, auch solle.

Nicht immer wollen darf der Mensch sein Können.
Oft sah ich Süßes sich in Bittres wandeln;
Ich weint’ um was ich wollt’, als ich’s besessen.

Drum laß, mein Leser, diesen Rath dir gönnen:
Soll heilsam dir, werth Andern seyn dein Handeln,
Mußt du dein Wollen nach dem Sollen messen.

Deutsch von Johann Dietrich Gries

Prosaübersetzung von Hartmut Köhler:

Wer nicht kann, was er will, der möge das wollen, was er kann, denn
es ist närrisch, zu wollen, was man nicht kann; und jener Mann, sage
ich, ist für weise zu halten, der von dem, was er nicht kann, sein
Wollen fernhält.

Denn all unsere Freude und Verdruß hängen davon ab, daß wir
wissen, ob wir das, was wir können, auch wollen sollen. Nur der also
kann, der will, was er soll, und die Vernunft nie über ihre Schwelle
zerrt.

Nicht immer darf das gewollt werden, was man kann: oft erscheint
angenehm, was sich dann als bitter erweist; ich habe schon beklagt, was
ich gewollt, nachdem ich es bekommen hatte.

Daher denn du, Leser dieser Zeilen, willst du dir selbst gut und andern
teuer sein, immer das können wollest, was du sollst.

Aus: Poesie der Welt: Italien. Auswahl Hartmut Köhler. Berlin: Edition Stichnote im Propyläen Verlag. Ex Libris Ausgabe. Ullstein, 1985, S. 74f

Das Universalgenie hat auch gedichtet, und auch darin göttlich, heißt es. Aber nur ein einziges Gedicht, dieses Sonett, ist erhalten.

Chi non può quel che vuol, quel che può voglia;
  Che quel che non si può, folle è volere.
  Adunque saggio l’uomo è da tenere,
  Che da quel che non può suo voler toglia.
Però che ogni diletto nostro e doglia
  Sta in sì e no saper, voler, potere.
  Adunque quel sol può, che col dovere
  Ne trae la ragion fuor di sua soglia.
Nè sempre è da voler quel che l’uomo potè;
  Spesso par dolce quel che torna amaro.
  Piansi già quel ch’io volsi, poi ch’io l’ebbi.
Adunque tu, lettor di queste note,
  S’a te vuoi esser buono e agli altri caro,
  Vogli sempre poter quel che tu debbi.

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