Fern in den Bergen

Die japanischen Formen Tanka und Haiku scheinen dem westlichen Leser vielfach unmittelbar zugänglich. Auch weil seit Anfang des vorigen Jahrhunderts Künstler und Dichter sie adaptiert und unsere Augen und Ohren geschult haben. Klingt der folgende Tanka nicht wie aus Brechts Spätlyrik?

 
Hätt ich nicht gewußt
daß dieser Welt des Leidens
nicht zu entfliehen ist
hätte ich mir einen Ort
fern in den Bergen gesucht.

Er stammt von einer japanischen Dichterin, die bis etwa 1263 lebte: Shikikenmon-in no Mikushige.

Die Anthologie „Sechsunddreißig Dichterinnen des Alten Japan. Höfische Dichtkunst der Heian- und Kamakura-Perode. 9. bis 13. Jahrhundert“ (Köln: DuMont Buchverlag Köln. In Zusammenarbeit mit der New York Public Library, 1992) widmet jedem der enthaltenen Fünfzeiler vier großformatige Seiten: Eine Doppelseite aus dem 1801 erschienenen Album „Die sechsunddreißig unsterblichen Dichterinnen in Farbdrucken“ mit Porträts der Dichterinnen und einer Kalligraphie des Gedichts, eine Seite, auf der das Gedicht in Übersetzung und Transkription des japanischen Textes steht und eine Seite mit Kommentaren. Die Anthologie lädt zum Genießen und Studieren ein. Die Kommentare und Gedichte wurden von Peter Pörtner aus dem Japanischen und Amerikanischen übersetzt.

Die Original-Tanka haben 31 Silben:

mi o saranu
onaji ukiyo to
omowazu wa
iwao no naka mo
tazune mitemashi

Übrigens auch Pörtners Nachdichtung, wenn man in der dritten Zeile „entfliehn“ zweisilbig liest.

Die „zentrale Aussage des Gedichts, daß man an keinem Ort der Welt vor Leid und Trauer entfliehen kann“ [Zitate in Anführungsstrichen im Folgenden aus der zitierten Ausgabe, a.a.O. p. 17R], wiederhole eine Grundlehre des Buddhismus, beziehe sich aber auch unmittelbar auf ein Gedicht der klassischen Tradition. Die drei Wörter „iwao no naka“, wörtlich „fern in den Bergen (zwischen hohen Felsen)“ stammen aus einem Gedicht der Sammlung Kokin wakashū, de Ausdruck „iwao no naka“ sei mit diesem Gedicht zu einem „später vielgebrauchten Topos für ‚vollkommenes Entronnensein'“ geworden.

Mikushige habe nicht nur zitiert, sondern die Überlieferung schöpferisch weiterentwickelt. Die Anfangszeile „mi o saranu“ sei eine Bereicherung des poetischen Vokabulars. Es bedeutet wörtlich „sich meiden“, „sich nichts ersparen“, in der nachfolgenden Poesie werde es in der Bedeutung „unentrinnbar, unvermeidbar, vorbestimmt sein“ verwendet. Der buddhistische Priester Prinz Kakujo (1250-1336) zitiert die Wendung in einer Anspielung auf „den ursprünglich erleuchteten Geist“ (in der Übersetzung kommt der „Mond meines innersten Herzens“ ins Spiel: Brecht meets Rilke!).

Das Wort ukiyo in der zweiten Zeile, wörtlich „Welt des Leidens“ oder „Welt des Elends“, bezeichne eine buddhistische Vorstellung, und auch die „fernen Berge“ verweisen den Leser auf einen Ort religiöser Übungen. All dies verleihe Mikishuges Gedicht eine ausgeprägte religiöse Färbung.

(Auch die beiden Gedichte, das von ihr Beerbte und das sie Beerbende, sind vollständig in Nachdichtung und Transkription wiedergegeben, so daß auch der des Japanischen unkundige Leser den Wanderungen der Topoi nach-gehen kann.)

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