Muttersprache

SØREN KIERKEGAARD
(1813-1855)

Glücklich macht mich das Gefühl, an meine Muttersprache gebunden zu sein, gebunden, wie es vielleicht nur wenige sind, gebunden wie Adam es an Eva gewesen, weil da ein anderes Weib nicht war, gebunden, weil es mir unmöglich gewesen ist, eine andre Sprache sprechen zu lernen, und ich daher der Versuchung durchaus enthoben bin, wider die angeborene Sprache stolz und vornehm zu tun, aber auch dessen froh, daß ich an eine Muttersprache gebunden bin, welche innerer Ursprünglichkeit ist, wo sie die Seele ausweitet und wollüstig im Ohre tönt mit ihrem süßen Klang; eine Muttersprache, welche nicht in dem schwierigen Gedanken sich verfangend stöhnt, und eben deshalb glaubt wohl der und jener, sie könne diesen nicht ausdrücken, weil sie die Schwierigkeit, indem sie sie ausdrückt, leicht macht; eine Muttersprache, welche nicht angestrengt keucht und ächzt, wenn Sie vor dem Unaussprechlichen steht, sondern damit sich zu schaffen macht in Scherz und in Ernst, bis es ausgesprochen ist; eine Sprache, welche nicht in der Ferne sucht, was nahe liegt, oder unten in der Tiefe sucht, was gerade bei der Hand liegt, weil sie in einem glücklichen Verhältnis zu ihrem Gegenstande aus- und eingeht gleich einer Elfe,und den Gegenstand an den Tag bringt, so wie ein Kind die glückliche Bemerkung, ohne es recht zu wissen; eine Sprache, die heftig und bewegt ist, jedesmal, wenn der rechte Liebhaber es versteht, der Sprache weibliche Leidenschaft zu entflammen, selbstbewußt und sieghaft im Gedankenstreit‚ jedesmal,wenn der rechte Herr und Gebieter sie anzuführen weiß, geschmeidig wie ein Ringer, jedesmal, wenn der rechte Denker sie nicht losläßt; eine Sprache, welche, auch wenn sie an vereinzelter Stelle arm scheint, es doch nicht ist, sondern nur gering geachtet wie eine bescheidene Liebende, die doch den höchsten Wert hat und vor allem nicht verschandelt ist; eine Sprache, welche nicht ohne Ausdruck ist für das große, das Entscheidende, das Auffallende, jedoch eine anmutige, eine zierliche, eine glückselige Vorliebe hat für den Zwischengedanken und den Nebenbegriff und das Beiwort, und das Flüstern der Stimmung, und das Raunen des Übergangs, und die Innigkeit der Beugung und die verborgene Üppigkeit des heimlichen Wohlseins; eine Sprache, welche Scherz fast besser versteht als Ernst: eine Muttersprache, welche ihre Kinder fesselt mit einer Fessel, welche ‚leicht zu tragen ist — ja! aber schwer zu brechen‘.

Søren Kierkegaard: Stadien auf dem Lebenswege (1845)
Aus: Anthologie der dänischen Literatur. Zweisprachige Ausgabe. Hrsg. F.J. Billeskov Jansen und Hanns Grössel. Kopenhagen: C.A.Reitzels Boghandel, 1978, S. 223/225

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