Sommergedichte

Während der Sommerzeit finden Sie in der Lyrikzeitung jeden Tag ein Sommergedicht. (Sommergedichte können vom Sommer handeln, müssen aber nicht. Es reicht, sie im Sommer zu lesen.)

Detlev von Liliencron

Am Strande
(Aus »Gedichte«, 1889)

Der lange Junitag war heiß gewesen.
 Ich saß im Garten einer Fischerhütte,
 Wo schlicht auf Beeten, zierlich eingerahmt
 Von Muscheln, Buchs und glatten Kieselsteinen,
 Der Goldlack blüht, und Tulpen, Mohn und Rosen
 In bäurisch buntem Durcheinander prunken.
 Es war die Nacht schon im Begriff dem Tage
 Die Riegel vorzuschieben; stiller ward
 Im Umkreis alles; Schwalben jagten sich
 In hoher Luft; und aus der Nähe schlug
 Ans Ohr das Rollen auf der Kegelbahn.
 Im Gutenacht der Sonne blinkerten
 Die Scheiben kleiner Häuser auf der Insel,
 Die jenseit lag, wie blanke Messingplatten.
 Den Strom hinab glitt feierlich und stumm,
 Gleich einer Königin, voll hoher Würde,
 Ein Riesenschiff, auf dessen Vorderdeck
 Die Menschen Kopf an Kopf versammelt stehn.
 Sie alle winken ihre letzten Grüße
 Den letzten Streifen ihrer Heimat zu.
 In manchen Bart mag nun die Mannesträne,
 So selten sonst, unaufgehalten tropfen.
 In manches Herz, das längst im Sturz und Stoß
 Der Lebenswellen hart und starr geworden,
 Klingt einmal noch ein altes Kinderlied.
 Doch vorwärts, vorwärts ins gelobte Land!
 Die Pflicht befiehlt zu leben und zu kämpfen,
 Befiehlt dem einen, für sein Weib zu sorgen,
 Und für sich selbst dem andern. Jeder so
 Hat seiner Ketten schwere Last zu tragen,
 Die, allzuschwer, ihn in die Tiefe zieht.
 Geboren werden, leiden dann und sterben,
 Es zeigt das Leben doch nur scharfe Scherben.
 Vielleicht? Vielleicht auch jetzt gelingt es nicht,
 Auf fremdem Erdenraum, mit letzter Kraft,
 Ein oft geträumtes, großes Glück zu finden.
 Das Glück heißt Gold, und Gold heißt ruhig leben:
 Vom sichern Sitze des Amphitheaters
 In die Arena lächelnd niederschaun,
 Wo, dichtgeschart, der Mob zerrissen wird
 Vom Tigertier der Armut und der Schulden...
   Das Schiff ist längst getaucht in tiefe Dunkel.
 Bleischwere Stille gräbt sich in den Strom,
 Indessen auf der Kegelbahn im Dorf
 Beim Schein der Lampe noch die Gäste zechen.
 In gleichen Zwischenräumen bellt ein Hund,
 Und eine Wiege knarrt im Nachbarhause.

Liliencron starb am 22.7.1909 in Alt-Rahlstedt bei Hamburg.

3 Comments on “Sommergedichte

  1. Sommergedichte können vom Sommer handeln, müssen aber nicht. Es reicht, sie im Sommer zu lesen.

    Danke für diese beiden schönen Sätze. 🙂 🙂 🙂
    Eine Frage – da mich die Sommergedichte interessieren – gibt es einen direkten Link, eine Art Verzeichnis, wo ich all diese Sommergedichte finden kann? Konnte das jetzt im ersten Durchklicken nicht finden. Danke schon mal.
    Ein schönes Wochenende wünsche ich Dir. Liebe Grüße!

    Gefällt mir

  2. für die „Sommergedichte“ ist das erst einmal kein Problem, weil sie heute begonnen haben und so lange andauern, bis die nächste reguläre Lyrikzeitung #21 erscheint. Sie liegen also hier einfach nebeneinander. Aber ich denke darüber nach, wie ich angesichts der langen Ausgaben der Wochenzeitung die Gedichte markieren kann, damit man sie einfacher getrennt von den Nachrichten suchen kann. Ich wähle die naheliegende Lösung. Ich werde alle Tagesgedichte und also auch die „Sommergedichte“ mit dem Schlagwort „Meine Anthologie“ kennzeichnen. Ab sofort zu finden unter https://lyrikzeitung.com/tag/meine-anthologie/ . Damit kehrt die Anthologie, mein erstes Webprojekt, das dann von der Lyrikzeitung verdrängt wurde, zu dieser zurück. Danke für den Anstoß.

    Gefällt 1 Person

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