Pascal

Heute kein Dichter, aber ein großer Denker. Blaise Pascal, geboren am 19. Juni 1623 in Clairmont (Auvergne), gestorben am 19. August 1662 in Paris. Er war Mathematiker, Physiker, Erfinder, Philosoph, Moralist und Theologe. Seine Bücher wurden bewundert und gefürchtet und sogar verboten und verbrannt. Nietzsche bewunderte ihn ebenso wie, ganz anderes Fach, Johannes R. Becher. Der brachte das Kunststück fertig, in der dogmatischen und atheistischen DDR der 50er Jahre, er war ein führender SED-Kulturfunktionär und, wie er selber wußte, in einer Schaffenskrise, in einem „Tagebuch 1950“ und weiteren publizistischen Bänden dem französischen Theologen eine Hauptrolle zu geben. Zwei Zitate von vielen, hier aus dem „Tagebuch 1950“:

Von der Rettung des Glaubens

Pascal versucht, den Glauben zu retten. In der Art, wie er ihn zu retten versucht, verliert er ihn rettungslos. In der Art, wie er für den Glauben streitet, streitet er wider ihn, in der Art, wie er die Ungläubigen zu widerlegen versucht, legt er selbst den Glauben ab. „Was ist der Mensch in der Unendlichkeit?, fragt er, und er anerkennt nur diejenigen, die „stöhnend suchen“. Er macht sich selbst zum Beispiel seines Satzes: „Der Mensch übersteigt unendlich den Menschen.“ Und er schreibt Sätze wie: „Atheismus ist ein Zeichen eines starken Geistes, aber nur bis zu einem gewissen Grade“, und: „Wenn man die Wahrheit einer Sache nicht kennt, dann ist es gut, daß es einen verbreiteten Irrtum gibt…“ (Um seine Ketzereien anzubringen, ist er mitunter genötigt, sich tiefer als jeder andere vor dem Glauben zu verneigen.)

(S. 67)

Die richtige Stelle

„Wenn man zu jung ist, urteilt man nicht richtig; ist man zu alt, desgleichen. Wenn man nicht genug an eine Sache denkt, wenn man zuviel an sie denkt, versteift man sich darauf und
vernarrt sich in sie. Wenn man sein Werk unmittelbar, nachdem man es fertiggestellt hat, betrachtet, ist man noch ganz davon eingenommen. Betrachtet man es aber zu lange danach, hat man keinen Zugang mehr dazu. So verhält es sich mit Gemälden, wenn man sie aus zu großer Entfernung oder zu sehr aus der Nähe betrachtet. Nur ein unendlich kleiner Punkt ist die richtige Stelle, die anderen sind zu nahe, zu weit, zu hoch, zu niedrig. In der Malkunst gibt ihn die Perspektive an. Aber in der Wahrheitslehre und Moral — wer will ihn da angeben?”

Blaise Pascal

Diese Stelle Pascals korrespondiert mit einer Äußerung Goethes: „Ich raste nicht, bis ich einen prägnanten Punkt finde, von dem sich vieles ableiten läßt, oder vielmehr, der vieles freiwillig aus sich hervorbringt und mir entgegenträgt, da ich dann im Bemühen und Empfangen vorsichtig und treu zu Werke gehe.“ Darauf also, auf die Auffindung dieses prägnanten Punktes vor allem kommt es an, das muß man unseren jungen Schriftstellern und sich selber immer wieder von neuem vorhalten, und viel nutzloses Herumexperimentieren kommt daher, daß man sich nicht leidenschaftlich und intensiv genug diesen prägnanten Punkt erarbeitet. Dieser prägnante Punkt ist eigentlich der Standpunkt, der uns gleichermaßen Überblick, Rückschau und Detailerkenntnis vermittelt, der uns in Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft blicken läßt und uns gleichermaßen den Blick öffnet und uns die Möglichkeit gibt, auf den Grund der Dinge zu blicken.

Zur Auffindung dieses prägnanten Punktes bei der Vornahme einer Arbeit oder während ihrer Herausarbeitung genügt es nicht, wenn der Künstler sich auf irgendeinen Einfall oder gar eine Intuition verläßt, sondern man muß sich gewisse Kenntnisse inzwischen angeeignet haben und sich erkenntnismäßig immer weiter vervollkommnen, um einen für die Gestaltung günstigeren Standort zu gewinnen.

628f

Aus: Johannes R. Becher: Auf andere Art so große Hoffnung. Tagebuch 1950. Eintragungen 1951 (Gesammelt Werke 12). Berlin und Weimar: Aufbau, 1969

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