Villon unterm Galgen

Werner Söllner

Villon unterm Galgen

Solang ich frei war, hielt sie mich gefangen.
Nun bin ich gut geschnürt, nun darf ich gehn.
Nichts ist zu wenig: sogar dies verstehn
zu viele. Wem das Hohelied vergangen,

der pfeift es von den Dächern. Notgesänge
aus jeder Spalte dieser Freudenwelt —
ein Narr wie ich, wem dieses Lied mißfällt,
wer (Narr! Wie ich!) mit viel zu loser Strenge

als Henker unterm Strang das Opfer spielt.
Frau Welt, du hast mich gut genug gestillt!
Ich trinke aus. Ein erstes Mal betrunken

von ungestilltem Durst nach eignem Sein.
Es widersteht, wer fällt. Papier der Stein,
auf dem ich steh. Er rollt. Ich bin versunken.

Aus: Werner Söllner: Kopfland. Passagen. Gedichte. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1988

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: