Poeterey/ ach nein/ ach nein!

Der „hochberühmte“ (Neu-)Cöllnische Dichter und Richter Nicolaus Peucker (um 1620 – 1774) ist heute vergessen. Seine Gedichte waren Gelegenheitsgedichte, im Buch gesammelt wurden sie erst postum. Fritz Martini druckte 1947 in einer Anthologie die ersten 5 Strophen dieses Gedichts und gab ihm die Überschrift „Dichternot“. Kürzung und Überschrift machten daraus ein modernes Gedicht. Es handelt davon, daß man mit Gedichten nicht einmal den Lohn für den Drucker verdienen kann. Das Original ist ein scherzhaftes Gelegenheitsgedicht zur Hochzeit eines Gönners namens Linde. (Statt „Freude“ in der fünften Strophe muß es vermutlich „Freunde“ heißen.) Nach Art der barocken Gelegenheitsgedichte wird aus dem Namen des Bedichteten poetisches, humoristisches Kapital abgeleitet, am Ende gar leicht obszönes.

1.
 MAn fragt mich oft: warum ich nicht/
 Als wie vor diesem Verse schreibe?
 Ich gebe/ Leser/ zum Bericht:
 Mit Versen schaf ich meinem Weibe/
 [Die Kinder kommen auch dazu/]
 Mit Gunst zu melden keine Schuh/

2.
 Geschweige dann ein gantzes Kleid:
 Verß-schreiben bringt nichts in die Küche/
 Zumal bey dieser schweren Zeit/
 Da wol das Bette mit der Zieche/
 Damit das Brod nur werd gekauft
 Dem Armen aus dem Hause lauft.

3.
 Ich habe zwar (ohn Ruhm gedacht/
 Vor diesem manchen Vers geschrieben/
 Was aber hat er mir gebracht?
 Nichts ! es ist noch wol aussen blieben/
 (Die Müh und Arbeit ungenannt)
 Was ich aufs Druckerlohn gewandt.

4.
 Nun/ gute Nacht! Poeterey/
 Mit dir kan ich kein Brod erwerben/
 Dein Thun ist lauter Betteley/
 Wer wil/ der kan durch dich verderben/
 Du giebst nicht Brod/ wo bleibt der Wein?
 Poeterey/ ach nein/ ach nein!

5.
 Ich folge nicht mehr/ als ich pflag/
 Zwar will ich dich nicht gantz verschencken/
 Es kömmt bißweilen noch ein Tag/
 Da man an Freude muß gedencken/
 Dann Freunden/ Zeit und Vaterland
 Geht man ja billig noch zur Hand.

6.
 Rentmeister Linde/ GOtt verleiht
 Dir heut noch eine Freudenstunde/
 Wann nach verfloßner Trauer-Zeit
 Du dich verknüpft mit Hertzens-Grunde
 Mit deiner Liebsten Miserin!
 Drum schmier ich ein paar Verslein hin.

7.
 Obs wol viel tausent solten seyn
 Für deine mir erzeigte Güte/
 Nimm aber nur itzt Zinsen ein/
 Du solt mein danckbares Gemüthe
 Noch sehen/ wann das Capital
 Ich werd erlegen auf einmal.

8.
 GOtt segne dich in deiner Eh/
 Und lasse dich gleich/ als die Linde/
 Die itzo blättert in die Höh/
 Lust sehn an einem Ast und Kinde/
 Durch welches deinem Linden-Baum
 Mehr Schatten wird gemacht und Raum!

9.
 GOtt segne dich auch/ Lindens Braut!
 Und gebe/ daß durch dich die Linde
 Wol werd gestützt und unterbaut!
 Dann Linden bauen ist nicht Sünde:
 Halt dich fest an den Linden-Ast
 Was gilts/ ob du nicht Linden hast?

Aus: Nicolai Peuckers, Des berühmten Cöllnischen Poeten, Und weyland Churfl. Brand-Cam[m]er-Gerichts-Advocati, wie auch Stadtrichters und Rahts-Cäm[m]erers in Cölln an der Spree wolklingende lustige Paucke von 100. Sinnreichen Schertz-Gedichte: Theils der Hohen Herrschaft in tiefster Unterthänigkeit … bei Gotth. Schlechtiger, 1702, S. 472-475

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