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Veröffentlicht am 10. Mai 2017 von lyrikzeitung
Günter Kunert
Beichte
Jedesmal schlägt das Herz
viel zu schnell. Nur Pflichten
machen nicht glücklich. Der Abend ist leer
und die Gespräche wie er. Schon wieder
sind wir um ein Jahrhundert gealtert
und wissen es nicht.
Selbst von unserer Hinrichtung
hat niemand uns Mitteilung gemacht: Merkmal
daß die wahren Freunde uns fehlen.
Adieu du mein Haar
Adieu du mein Glaube.
Nur Goethe ist zu beneiden: nicht um
die Unsterblichkeit seiner Potenz
sondern wegen der kristallinen Substanz
seiner Seele: sie zerlegt
alles Erfahrene in ein harmonisches Spektrum
und filtert gewisse Farben heraus:
die gebrochenen.
Beim Übertritt
an allen Grenzen zwischen hier und dort
zwischen Oberlippe und Unterlippe
zwischen Wahrheit und Sicherheit
schlägt uns jedesmal das Herz viel zu schnell.
Aus: Günter Kunert: Das kleine Aber. Gedichte. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1975, S. 7
Kategorie: Deutsch, DeutschlandSchlagworte: Günter Kunert
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Grandios! Danke für dieses tolle Gedicht! Inspiring, touching, deep. Richtig gut, danke.
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