Storytelling

(Fortsetzung der Besprechung von Lettre international #116, Frühjahr 2017)

Vorige Woche schrieb ich über Raoul Schrotts Lutherlob, Dorothea Francks Lyriklob und Claudio Magris‘ Romanlob. Diese Woche seien die ambivalenten (Plath) und negativen (Trump und die heutigen Verzweigungen des Storytelling) Seiten hervorgehoben.

Gwenaëlle Aubry schreibt über „Leben und Schreiben und Sterben der Sylvia Plath“. „Sterben / Ist eine Kunst, wie alles. / Ich kann es besonders schön.“ Es klappt nicht beim ersten Mal. „Ich habe es wieder gekonnt. / Einmal jedes Jahrzehnt / Bring ich es fertig.“ Einmal klappte es doch. Sie plazierte einen gut sichtbaren Zettel „Call Dr Horder“, aber es kam niemand.

Man könnte ihr Leben wie einen Photoroman erzählen, schreibt Aubry. Der Artikel zeigt vier Fotos: Die ungedruckte Dichterin im Frühjahr 1955, im Badeanzug am Strand 1954, als junge Journalistin mit Schreibmaschine 1954 und als Kind auf der Schaukel 1936. Weitere, auch düstere, reale oder erdenkbare bis in die Todesnacht werden beschrieben. Darüber könnte man vergessen, daß sie geschrieben hat. Sie wäre unsere Zeitgenossin, heute 85.

Sie schrieb früh, das Wunderkind wird gedruckt, die junge Autorin nicht. Ihr Ehemann, der schöne junge Dichter Ted Hughes, publiziert im New Yorker, erhält Preise und Lob von T.S. Eliot, hält Vorlesungen in Harvard. A rising star der englischen Lyrik. Sie erhält Absagen. Dem New Yorker sind ihre Gedichte „zu extrem“. Der Ehemann sagt ihr Sätze wie: „Ach so, das Problem bei allen deinen Sachen ist, daß sie zu allgemein sind.“ Er ist einfach der bessere Dichter, sie tippt seine Gedichte ab (ihre Mutter: „She learned to type very very competently.“). „Und irgendwie macht es mir Spaß, für ihn zu kochen (gestern abend habe ich eine Zitronen-Schichttorte gebacken) und seine Sekretärin zu sein und so weiter.“ (Mai 1958). Hughes hat eine didaktische Ader, er gibt ihr Aufgaben. Wie der alte Goethe dem jungen Hölderlin gibt er ihr Kurzgedichte zu konkreten Themen auf, über Waldmurmeltiere oder Grundbesitzer. „Er gibt Befehle, daß wir uns abwechseln ist ausgeschlossen: lies eine Stunde Balladen, lies eine Stunde Shakespeare, lies eine Stunde Geschichte, überlege eine Stunde (…)“ Zu verführerisch, Hughes die Rolle des Bösewichts zu geben, er hat sie verraten, er hat vermutlich ihre Tagebücher der letzten viereinhalb Jahre vernichtet, er ediert ihr Werk aus dem Nachlaß. Aubry sagt: „Plath verdient Besseres denn als Opfer behandelt zu werden.“

Plaths Leben wie aus dem Bilderbuch der Psychoanalyse. Sie ließ sich analysieren, fertigte ausgiebige Notizen über die Therapiegespräche. Die Therapeutin sagt: „Ich erlaube Ihnen, Ihre Mutter zu hassen.“ „Sie haßt ihre Mutter dafür, daß sie gelitten hat, auf die Schienen gefesselt, nackt, mit dem Zug namens Leben, dem mürrischen Töff Töff, hinter der Gleisbiegung.‘ (…) Sie haßt ihre Mutter dafür, daß sie die Angst und die Sicherheit gewählt hat. Aber auch dafür, daß sie von einem anderen (einem geheimeren, vampirischeren) Begehren angestachelt wurde, eben dem, von dem sie zur perfekten Mutter, zur vorbildlichen Witwe gemodelt worden ist: dem Begehren (…) ihren Vater zu töten (…).“

Der Vater, ein Preuße, eigentlich Otto Platt, ein berühmter Insektenforscher. Dann lange krank, in dem dunklen Zimmer, das die Kinder nicht betreten dürfen: „Muß man auch noch glauben, daß er (…), während sein Körper langsam verfaulte, auf deutsch Befehle gebrüllt hat und ‚heiled Hitler‘? Ist da nicht genügend Eiseskälte, Wahnsinn und Entsetzen in diesem deutschen Gelehrten mit dem ‚arischen Auge‘ und dem ‚tadellosen Schnurrbart‘, der von der Gesellschaft in den Bienenstöcken fasziniert ist und, während Europa vom Nationalsozialismus zersetzt wird, langsam vor sich hin fault?“

Die Sprache der Kraft, der Herren, der Eroberer (die auch der Ehemann führt), Deutsch oder Latein. „Sie erfindet sich eine andere: ‚Ich fing zu reden an wie ein Jud. / Ich denke, ich bin vielleicht ein Jud.“

Wie erfindet man sich eine Sprache? „Man wird seltsam, kapselt sich ab, und während man den Rest der Welt mit Wörtern und Essen bedient, schafft man es irgendwie, sich seine Seltsamkeit zu bewahren.“

Ein langer spannender Essay, ich hab hier nur Passagen über das Leben und Sterben referiert, es geht da auch ums Schreiben.

Viel steckt noch in dem Heft, Alexander Goldstein, Bora Ćosić, Günther Uecker, Oskar Roehler, Sanskrit und Moderne, Anthropologie, Brasiliens „Indios und Indigene“, „Wenn die Arbeiter rechts wählen“ …

Bonnie Marranca über Performance Art Downtown:

Wir brauchen ein kritisches Denken gegen den Strom*, indem wir neue Bedingungen schaffen, um sich einzusetzen. Wir brauchen Kunstwerke, die gewagt sind und schön, gefährlich und poetisch. Unsere Theaterzeit schreit nach weltläufigeren, kenntnisreicheren Formen von Kritik, die sich nicht mit dem zufriedengeben, was als progressives Theater akzeptiert ist.

  • Aber was, wenn die großen Vereinfacher und Zerstörer der Vernunft sich selber als „gegen den Strom“ ausgeben und das „kritische“ Nachdenken für sich reklamieren? Auch dazu Lesestoff in dieser Ausgabe der Lettre. Sergio Benvenuto schreibt aus Rom über unsere Schwierigkeiten mit der Wahrheit (gegen die die berühmten von Brecht beschriebenen wie Kinderspiel anmuten). Fast überall in Italiens ländlichen Regionen sei die „Information“ verbreitet, daß Vipern, weil sie vom Aussterben bedroht sind, aus Flugzeugen auf die Felder abgeworfen würden. Wäre ein italienischer Trump auf ländliche Wählerstimmen aus, er hätte keine Skrupel, diese Geschichte für sich zu nutzen (wie Trump im Wahlkampf mit der Behauptung, Obama sei nicht in den USA geboren). In Gesprächen habe er versucht, Bauer/Bäuerin zu überzeugen, daß derartiges nicht möglich sei, da sie auf die Titelseiten der Zeitungen käme und Angriffe auf die Regierung auslöste – aber scheiterte regelmäßig damit. Es ist eben Post-Wahrheit. Geschichten, „die dem eigenen Wahlvolk, oder dem Publikum, das möchte, daß sie wahr sind, behagen.“

„Eine verbreitete Form der Lüge besteht darin, dem Gegner vorzuwerfen, daß er lügt. Trump behauptete, die offiziellen Daten über die Arbeitslosigkeit in Amerika, mit 4,9 Prozent ziemlich niedrig, seien falsch, die Arbeitslosigkeit liege bei dreißig Prozent oder sogar bei vierzig Prozent. Seine Gegner bezichtigen ihn der Verbreitung falscher Informationen. Hier stehen sich also zwei konträre F.lschungsvorwürfe gegenüber, und die Leute glauben, diese beiden Anschuldigungen lägen auf derselben Ebene. Nur wenige schauen in offiziellen Statistiken nach, um etwas zu verifizieren.

Die Masse der Nichtswisser und Nichtskönner lehnt sich vor allem gegen die intellektuelle Elite auf. Die Post-Wahrheit ist Post-Bildung, Mißtrauen gegen die „Experten“. Anscheinend glauben viele Leute gesicherten wissenschaftlichen Wahrheiten nicht mehr. Sie lehnen den in der Schule gelehrten Kopernikanismus ab und sind davon überzeugt, die Sonne kreise um die Erde. Millionen vor allem in Amerika glauben nicht an den Darwinismus und daran, daß der Homo sapiens die Folge einer biologischen Evolution ist. Viele von ihnen benutzen ein smart phone‚ leben aber erkenntnismäßig im Mittelalter. (…)

Es wäre falsch zu behaupten, nur weniger gebildete Leute seien Gefangene ihres persönlichen storytelling. Meiner Erfahrung nach ist es bei vielen Intellektuellen nicht anders, wenngleich ein lntellektueller seine Erzählung argumentativ besser vertritt. (…)

Wird die politische Richtung eines Gegners attackiert, heißt es oft: „Der erzählt ja nur ’nen Haufen Unsinn!“ Die Meinung, die man nicht teilt, wird als Lüge gedeutet. Das heißt, die Wahrheit zeigt sich als solche stets nur innerhalb eines storytelling. Beppe Grillo startete aufsehenerregende Attacken gegen die italienische Presse und behauptete, sie sei voller Falschinformationen, natürlich über seine Bewegung. Ich wette, Grillo glaubt, was er sagt. Sobald sie ihn in schlechtem Lichte zeigen, hält er die Sachen, welche die Zeitungen über ihn schreiben, wirklich für erlogen. Diese Nachrichten sind für ihn Lügen, weil sie nicht in sein storytelling passen. Vorstellungen, die sich von den eigenen unterscheiden, erwecken den Anschein von Lügen, so wie neue, unbekannte Ideen „schwierig“ erscheinen.

Immer wieder ist heute Nietzsches Satz zu hören: „Es gibt keine Tatsachen, nur Interpretationen.“ Auch wenn wir stets interpretieren müssen, um Tatsachen zu erkennen zu können, hoffe ich doch, daß es Fakten gibt, die uns zum Realen hinführen. Das früher oder später unser aller storytelling Lügen straft.“

(Und ist die Psychoanalyse der Dichterin nicht auch ein Storytelling?)

Lettre international 116 (Frühjahr 2017) Raoul Schrott: Meister Luther. Dorothea Franck: Brauchen wir noch Gedichte im digitalen Zeitalter? Herbert Maurer: Auf den Zungen liegen. Alexander Goldstein: Poplawskis Geheimleben. Claudio Magris: Roman und Moderne. Donald Trump. Etel Adnan: Das Ende der Osmanen. Nedim Gürsel: Tod in Bursa. Wasserzeichen Europas. Der Bazillus des Krieges. Der Samen Indiens. Leben, Schreiben und Sterben der Sylvia Plath.Storytelling.Performance Art Downtown.

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